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Die Auferstehung Jesu

Summary

Im 1. Korintherbrief erklärt Paulus den Christen in Korinth, dass ohne die Auferstehung Jesu ihr Glaube wertlos ist. Die Auferstehung Christi ist ein Grundpfeiler des christlichen Glaubens und wird entsprechend oft von Skeptikern und anderen Gegnern des Glaubens attackiert. Dr. Craig lässt die neuere Forschung zur Historizität der Auferstehung Jesu Christi Revue passieren und kommt zu dem Ergebnis, dass die Erscheinungen des Auferstandenen, das leere Grab und die Entstehung des christlichen Glaubens nur einen Schluss zulassen: Die Auferstehung Jesu ist eine historische Realität.

Quelle: „Contemporary Scholarship and the Historical Evidence for the Resurrection of Jesus Christ”, Truth 1 (1985), S. 89-95.

“Der Mensch”, schreibt Loren Eisley, „ist das kosmische Waisenkind.“ [1] Er ist das einzige Geschöpf, das fragt: „Warum?“ Die Tiere sind von ihren Instinkten geleitet; allein der Mensch hat es gelernt, Fragen zu stellen. „Wer bin ich?“, fragt er. „Warum bin ich hier? Wohin gehe ich?“

Seit der Aufklärung, als er die Fesseln der Religion abwarf, versucht der moderne Mensch, diese Fragen zu beantworten, ohne auf Gott Bezug zu nehmen. Doch die Antworten, die er so bekommen hat, waren nicht erfreulich, sondern dunkel und schrecklich. „Du bist ein Nebenprodukt der Natur, das Ergebnis von Materie plus Zeit plus Zufall. Es gibt keinen Grund für deine Existenz. Alles, was vor dir liegt, ist der Tod. Dein Leben ist ein Fünkchen in der unendlichen Dunkelheit, ein Fünkchen, das aufflammt, ein bisschen flackert und dann für immer wieder erlöscht.“

Der moderne Mensch dachte, dass er sich durch die Abschaffung Gottes von allem befreit hatte, das ihn eingeengt und unterdrückt hatte – nur um entdecken zu müssen, dass er mit Gott auch sich selber getötet hatte.

Vor diesem Hintergrund des Elends des modernen Menschen wird die traditionelle christliche Auferstehungshoffnung noch heller und bedeutsamer. Sie versichert dem Menschen, dass er doch keine Waise ist, sondern das persönliche Ebenbild des Schöpfergottes des Universums, und dass sein Leben nicht zum Verlöschen im Tod verurteilt ist, sondern dass er durch die eschatologische Auferstehung einst für immer in der Gegenwart Gottes wird leben dürfen.

Dies ist eine wunderbare Hoffnung. Aber eine Hoffnung, die nicht in soliden Tatsachen gründet, ist natürlich keine Hoffnung, sondern eine bloße Illusion. Warum sollte die Hoffnung der Christen auf die Auferstehung am Ende der Zeiten dem modernen Menschen als mehr denn bloßes Wunschdenken erscheinen? Die Antwort liegt in der christlichen Überzeugung, dass Gott einen Menschen proleptisch (vorwegnehmend) von den Toten auferweckt hat, als Vorläufer, Bahnbrecher und Musterbild unserer eigenen eschatologischen Auferweckung. Dieser Mensch war Jesus von Nazareth, und seine historische Auferstehung von den Toten ist die konkrete, faktische Basis, auf der die christliche Auferstehungshoffnung ruht.

Die liberale Theologie des vergangenen Jahrhunderts konnte mit der historischen Auferstehung Jesu nichts anfangen. Die liberalen Theologen hatten von den Deisten das Grundaxiom übernommen, dass Wunder nicht möglich waren, und damit war eine historische Auferstehung für sie a priori keine Option. Die mythologische Erklärung von D.F. Strauss ermöglichte es ihnen, die Auferstehungsberichte des Neuen Testaments als bloße Legenden abzutun. Der Glaube an die historische Auferstehung, so hieß es, war ein Überbleibsel aus der Antike, das der moderne Mensch endlich, endlich über Bord werfen musste. In der größten Untersuchung der Historizität der Auferstehung durch die liberale Theologie, in dem Buch The Historical Evidence for the Resurrection of Jesus Christ (1907), zeichnet der Autor, Kirsopp Lake, detailliert die angebliche legendenhafte Entwicklung der Auferstehungserzählungen nach, die damit begann, dass – so das historische Urereignis – die Frauen das falsche Grab aufsuchten. Sein Fazit: Was für die christliche Theologie wirklich wichtig ist, ist der Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, der Glaube, dass unsere verstorbenen Freunde und Verwandten ja noch da sind und dass wir sie einmal wiedersehen werden. Und so tritt an die Stelle des Neuen Testaments Platos Phaidon.

Jesu Auferstehung – warum sie als ein historisches Ereignis verstanden werden sollte

Die liberale Theologie hat den Ersten Weltkrieg nicht überlebt, aber ihr Ende brachte keine Erneuerung des Interesses an der Historizität der Auferstehung Jesu, denn die beiden theologischen Schulen, die ihr folgten, waren darin einig, dass sie, was Jesus betraf, der Dimension des Historischen keinen großen Wert beimaßen. Die Dialektische Theologie Karl Barths hielt zwar die Lehre von der Auferstehung hoch, aber wollte nichts mit der Auferstehung als geschichtlichem Ereignis zu tun haben. In seinem Römerbriefkommentar (1919) erklärte Barth, dass die Auferstehung die Historie so berührt, wie eine Tangente einen Kreis, d.h. ohne wirklich Kontakt mit ihr zu bekommen. Und die von Bultmann vertretene Existentielle Theologie stand der Historizität der Auferstehung Jesu noch negativer gegenüber. Bultmann konzedierte zwar, dass die Jünger Jesu an seine buchstäbliche Auferstehung von den Toten glaubten und dass in 1. Korinther 15 Paulus sogar versucht, die Auferstehung zu beweisen, hielt dergleichen aber für „fatal“, weil es Christi Auferstehung zu einem bloßen physischen Wunder mache, ähnlich wie die Wiederbelebung eines Leichnams. Dem modernen Menschen aber, so Bultmann, kann man nicht zumuten, erst an physische Wunder zu glauben, bevor er Christ werden kann. Die Dimension des Wunderhaften im Evangelium muss deshalb „entmythologisiert“ werden, um die eigentliche christliche Botschaft freizulegen: den Ruf in eine authentische Existenz angesichts des Todes, wie sie durch das Kreuz symbolisiert wird. Die Auferstehung ist lediglich eine symbolische Reformulierung der Botschaft des Kreuzes, die dieser im Wesentlichen nichts Neues hinzufügt. Sich auf die Auferstehung als historisches Faktum zu berufen, wie Paulus dies tat, ist gleich doppelt töricht, denn es gehört zum Wesen des existentiellen Glaubens dazu, dass er ein Sprung ins Ungewisse, nicht Bewiesene ist. Die Auferstehung historisch untermauern zu wollen, ist für Bultmann geradezu das Gegenteil von Glauben. Also: Die Antipathie der liberalen Theologie gegen die Historizität der Auferstehung Jesu wurde weder durch die Dialektische noch durch die Existentielle Theologie behoben.

Doch dann kam es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einem bemerkenswerten Wandel. Die ersten Anzeichen dafür datieren in das Jahr 1953, als der Bultmann-Schüler Ernst Käsemann in einem Kolloquium an der Universität Marburg behauptete, dass Bultmanns historische Skepsis gegenüber Jesus nicht begründet und kontraproduktiv war, und vorschlug, die Frage, wo der historische Jesus zu finden sei, wieder auf die Tagesordnung zu stellen. Eine erneute Suche nach dem historischen Jesus hatte begonnen. Drei Jahre später, 1956, nahm der Marburger Theologe Hans Grass die Auferstehung historisch unter die Lupe und kam zu dem Ergebnis, dass die Erscheinungen des Auferstandenen nicht als bloße subjektive Visionen der Jünger abgetan werden konnten, sondern objektive Visionsereignisse waren.

Derweil verteidigte der Kirchengeschichtler Hans Freiherr von Campenhausen in einer nicht weniger bahnbrechenden Arbeit die historische Glaubwürdigkeit des leeren Grabes Jesu. In den folgenden Jahren kam aus deutschen, französischen und englischen Verlagen ein Buch nach dem anderen über die Historizität der Auferstehung Jesu. Um 1968 war der alte Skeptizismus ausgebrannt und voll im Rückzug begriffen. Der in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts erfolgte Umschwung in der Einstellung zur Auferstehung Jesu ist so massiv, dass es keine Übertreibung ist, hier von einer kompletten Kehrtwende in der Forschung zu sprechen, sodass die, die heute in der Defensive sind, die Stimmen sind, die die Historizität der Auferstehung Jesu leugnen. Eine der vielleicht bedeutendsten theologischen Entwicklungen in diesem Zusammenhang ist die Theologie von Wolfhart Pannenberg, der seine gesamte Christologie auf den historischen Indizien für das Wirken Jesu, vor allem aber für seine Auferstehung, aufbaut. Es ist eine Entwicklung, die sich in der deutschen Theologie vor 1950 niemand hätte träumen lassen.

Nicht weniger erstaunlich ist die Erklärung eines der führenden zeitgenössischen jüdischen Theologen, Pinchas Lapide, dass er aufgrund des vorliegenden Materials davon überzeugt ist, dass Jesus von Nazareth von den Toten auferstand. Lapide macht sich lustig über den unbegründeten Skeptizismus von Kritikern des Neuen Testaments wie Bultmann und Marxsen und erklärt, dass er aufgrund der Indizien glaubt, dass der Gott Israels Jesus von den Toten auferweckt hat.

Welche Fakten sind es, die hinter diesem bemerkenswerten Meinungsumschwung bezüglich der Glaubwürdigkeit der neutestamentlichen Berichte über Jesu Auferstehung liegen? Mir scheint, dass man in sie in drei Kategorien einteilen kann: die Erscheinungen des Auferstandenen, das leere Grab und der Ursprung des christlichen Glaubens. Schauen wir sie uns der Reihe nach an.

Die Auferstehung Jesu – die Erscheinungen des Auferstandenen

Zunächst die Erscheinungen des Auferstandenen. Den Hauptanstoß für die erneute Beschäftigung mit der Erscheinungsüberlieferung lieferte ohne Zweifel der Nachweis von Joachim Jeremias, dass Paulus in 1. Korinther 15,3-5 eine alte christliche Bekenntnisformel zitiert, die er selber übernommen hatte und jetzt an seine Konvertiten weitergab. Nach Galater 1,18 war Paulus drei Jahre nach seiner Bekehrung zu einem „Forschungsbesuch“ in Jerusalem, bei dem er zwei Wochen lang mit Petrus und Jakobus sprach; wahrscheinlich lernte er die Bekenntnisformel damals kennen, wenn nicht schon früher. Da Paulus‘ Bekehrung im Jahre 33 erfolgte, geht die Liste der Zeugen bis in die ersten fünf Jahre nach dem Tod Jesu zurück. Es ist daher müßig, diese Erscheinungen als legendenhaft abzutun. Man kann sie höchstens, wenn man will, als Halluzinationen wegzuerklären versuchen, aber dass sie stattfanden, lässt sich nicht leugnen. Die Information, über die Paulus verfügte, lässt es als sicher erscheinen, dass bei verschiedenen Gelegenheiten diverse Personen und Gruppen von Personen den von den Toten auferstandenen Jesus sahen. Norman Perrin, ehemals Neutestamentler an der University of Chicago, schreibt: „Je mehr wir die Überlieferung dieser Erscheinungen studieren, umso fester wird der Boden, auf dem sie stehen.“ Dies ist ein Fazit, das praktisch unbestreitbar ist.

Dieser neuen Anerkennung der historischen Glaubwürdigkeit der von Paulus gegebenen Informationen in der neutestamentlichen Forschung zum Trotz besteht die Skepsis gegenüber den Erscheinungsüberlieferungen in den Evangelien fort. Diese Skepsis scheint mir völlig ungerechtfertigt zu sein. Sie gründet in einer grundsätzlichen Antipathie gegenüber dem schieren Physikalismus der Erscheinungsberichte in den Evangelien. Doch warum sollten die diesen Berichten zugrunde liegenden Überlieferungen nicht genauso zuverlässig sein wie die Paulus vorliegenden Überlieferungen? Um diese Berichte im Wesentlichen legendenhaft zu machen, hätte es eine beträchtliche Zeitspanne gebraucht, in welcher die Überlieferungen sich nach und nach so entwickelten, dass die historischen Elemente durch nichthistorische verdrängt wurden.

Dieser Faktor wird von Neutestamentlern gerne übersehen, wie A.N. Sherwin-White in seinem Buch Roman Law and Roman Society in the New Testament betont. Professor Sherwin-White ist nicht Theologe, sondern ein bedeutender Althistoriker, der sich mit der Epoche der römisch-griechischen Geschichte beschäftigt, die ungefähr zeitgleich mit dem Neuen Testament ist. Die für die römische Geschichte vorliegenden Quellen, so Sherwin-White, sind meist tendenziös und mindestens ein bis zwei Generationen, wenn nicht sogar Jahrhunderte von den in ihnen beschriebenen Ereignissen entfernt, aber die Historiker gelangen trotzdem zu als gesichert geltenden Rekonstruktionen der tatsächlichen Ereignisse. Sherwin-White wirft den Kritikern des Neuen Testaments vor, nicht zu begreifen, was für unschätzbar wertvolle Quellen ihnen mit den Evangelien vorliegen. Die Schriften Herodots sind ein Testfall für das Tempo der Legendenbildung, und die Tests zeigen, dass selbst zwei Generationen eine zu kurze Zeitspanne sind, um den harten Kern der historischen Fakten vollends mit Legenden zu überlagern. Was die Evangelien angeht, so Sherwin-White weiter, so müsste, wenn diese bloße Legenden wären, das Tempo der Legendenbildung „unglaublich“ gewesen sein; es hätte eigentlich etliche Generationen mehr gebraucht. Die Neutestamentler sind sich heute einig, dass die Evangelien bereits in der ersten Generation, noch zu Lebzeiten der Augenzeugen, niedergeschrieben und in Umlauf gebracht wurden. Eine bedeutende neue Strömung unter den Neutestamentlern argumentiert überzeugend, dass einige der Evangelien bereits vor den 50er Jahren vorlagen, was sie so alt macht wie Paulus‘ 1. Korintherbrief; bedenkt man, dass sie sich auf die gleichen Traditionen berufen, so sollten man ihre historische Glaubwürdigkeit genauso einschätzen wie die der Aussagen des Paulus.

Es ist in diesem Zusammenhang aufschlussreich, dass im 1. Jahrhundert kein einziges apokryphes Evangelium erschien. Die apokryphen Evangelien kamen erst, nachdem die Generation der Augenzeugen ausgestorben war, und sind damit bessere Kandidaten für das Prädikat „Legendenliteratur“ als die kanonischen Evangelien. Die Zeit bis zur Abfassung der kanonischen Evangelien war schlicht zu kurz für ein signifikantes Maß an legendenhafter Ausschmückung. Ich finde daher die Skepsis heutiger Kritiker gegenüber den Erscheinungstraditionen in den Evangelien unbegründet. Die neue Wertschätzung der Historizität der Angaben des Paulus muss von einer Neubewertung auch der Evangelientraditionen begleitet werden.

Die Auferstehung Jesu – das leere Grab

Zweitens das leere Grab. Einst als Zumutung für den denkenden modernen Menschen und Hypothek für die christliche Theologie betrachtet, ist das leere Grab Jesu heute eine der allgemein anerkannten Tatsachen über den historischen Jesus und ein Beleg für seine Auferstehung geworden. Lassen Sie mich kurz einige der einschlägigen Argumente durchgehen.

1. Die historische Zuverlässigkeit der Begräbnisgeschichte spricht für das leere Grab. Wenn der Begräbnisbericht stimmt, dann war Juden wie Christen bekannt, wo das Grab Jesu war. Von dort ist es nur noch ein sehr kleiner Schritt zur Historizität des leeren Grabes. Denn wenn Jesus nicht auferstanden wäre, die Lage des Grabes aber bekannt war, dann:

a) hätten die Jünger nie glauben können, dass Jesus auferstanden war. Für einen Juden des 1. Jahrhunderts n. Chr. war die Vorstellung, dass jemand von den Toten auferweckt wurde, sein Leib aber im Grab blieb, ein Widerspruch in sich. Mit den Worten von E.E. Ellis: „Es ist äußerst unwahrscheinlich, dass die ersten palästinensischen Christen in der Lage waren, eine Unterscheidung vorzunehmen zwischen einer Auferstehung als solcher und der körperlichen Auferstehung, bei der ‚das Grab leer wurde‘. Eine anastasis ohne leeres Grab wäre für sie ungefähr so sinnvoll gewesen wie ein quadratischer Kreis.“

b) hätten die Jünger, selbst wenn sie an die Auferstehung Jesu geglaubt hätten, kaum neue Anhänger gefunden. Solange der Leichnam in dem Grab lag, wäre eine christliche Bewegung, die auf seiner Auferstehung basierte, eine Verrücktheit ohnegleichen gewesen.

c) hätte die jüdische Obrigkeit nicht gezögert, den Schwindel aufzudecken. Die schnellste und sicherste Antwort auf die Verkündigung der Auferstehung Jesu hätte schlicht darin bestanden, auf das Grab hinzuweisen.

Aus diesen drei Gründen spricht die Begräbnisgeschichte, wenn sie stimmt, für die Historizität des leeren Grabes. Und zum Leidwesen derer, die das leere Grab am liebsten leugnen würden, ist der Begräbnisbericht eine der historisch sichersten Überlieferungen, die wir über Jesus haben. Dies erhellt aus mehreren Faktoren, von denen ich hier nur einige erwähnen möchte:

i) Das Begräbnis wird in der dritten Zeile der von Paulus zitierten alten Bekenntnisformel erwähnt (1. Korinther 15,4).

ii) Es gehört ferner zu der vormarkianischen Passionsgeschichte, die Markus als eine Quelle für sein Evangelium benutzte.

iii) Die Begräbnisgeschichte entbehrt jegliche legendenhaften Ausschmückungen.

iv) Sie passt zu den Ergebnissen der Archäologie, was Art und Ort der Gräber zu der Zeit Jesu betrifft.

v) Es gibt keine andere, alternative Begräbnisüberlieferung.

Aus diesen und anderen Gründen sind die meisten Gelehrten der Meinung, dass die Begräbnisgeschichte prinzipiell historisch ist. Ist dies aber der Fall, dann ist es, wie gesagt, nur noch ein kleiner Schritt zu dem Schluss, dass das Grab leer war.

2. Das Zeugnis des Paulus bestätigt das leere Grab. Hier möchte ich zwei Aspekte erwähnen:

a) In der von Paulus zitierten Bekenntnisformel impliziert das auf das „dass er begraben worden ist“ folgende „und dass er auferweckt worden ist“ [2]  das leere Grab. Ein Jude des 1. Jahrhunderts konnte gar nicht anders denken. Wie E.L. Bode anmerkt, ist die Vorstellung von einer spirituellen Auferstehung, bei der der Leichnam im Grab bleibt, etwas, auf das erst die moderne Theologie gekommen ist. Für die Juden waren es eindeutig die sterblichen Überreste der Person in dem Grab, die auferweckt wurden; daher ihre Praxis, die Gebeine von Verstorbenen in Ossuarien aufzubewahren, für den Tag der eschatologischen Auferstehung. Es kann kein Zweifel bestehen, dass sowohl Paulus als auch die alte christliche Bekenntnisformel, die er zitiert, von der Existenz des leeren Grabes ausgingen.

b) Die Formulierung „am dritten Tage“ dürfte ein Hinweis auf die Entdeckung des leeren Grabes sein. Es geht hier, ganz kurz zusammengefasst, um Folgendes: Wie kamen die Christen, da doch niemand bei der Auferstehung Jesu dabei war, dazu, sie auf den „dritten Tag“ zu datieren? Die wahrscheinlichste Antwort ist, dass sie es taten, weil an diesem Tag die Frauen, die Jesus nachgefolgt waren, das leere Grab entdeckten, und deshalb wurde auch die Auferstehung selber auf diesen Tag datiert. Wir finden in der von Paulus zitierten alten Bekenntnisformel also einen extrem deutlichen Beleg für die Existenz des leeren Grabes Jesu.

3. Das leere Grab gehört zu der vormarkianischen Passionsgeschichte und ist daher eine sehr alte Tradition. Die Geschichte vom leeren Grab dürfte das Ende von Markus‘ Passionsquelle gewesen sein. Da das Markusevangelium das älteste unserer Evangelien ist, ist diese Quelle ebenfalls sehr alt. Der Neutestamentler R. Pesch hält sie für eine unglaublich frühe Quelle und untermauert dies durch zwei Hinweise:

a) Paulus‘ Zitat der Einsetzungsworte des Abendmahls in 1. Korinther 11,23-25 setzt den Bericht des Markus voraus. Da Paulus‘ Traditionen selber sehr alt sind, muss die markianische Quelle noch älter sein.

b) Die vormarkianische Passionsgeschichte erwähnt den Hohenpriester nirgends mit Namen. Das ist so ähnlich, als wenn ich sage: „Der Präsident richtet im Weißen Haus ein Dinner aus“ und jeder weiß, wen ich meine, weil es der aktuell amtierende amerikanische Präsident ist. Entsprechend bezieht sich die vormarkianische Passionsgeschichte so auf den „Hohenpriester“, als ob dieser noch im Amt wäre. Da Kaiphas 18 – 37 n. Chr. im Amt war, ist die vormarkianische Quelle innerhalb von spätestens sieben Jahren nach Jesu Tod verfasst worden. Sie geht mithin bis in die allerersten Jahre der Jerusalemer Gemeinde zurück und ist damit eine sehr alte und verlässliche Quelle historischer Informationen.

4. Die Geschichte ist schlicht und frei von legendenhaften Ausschmückungen. Die Geschichte vom leeren Grab ist frei von theologischen und apologetischen Elementen, wie sie für eine legendenhafte Erzählung späteren Datums typisch wären. Dies wird vielleicht am deutlichsten, wenn man sie mit den Darstellungen des leeren Grabes vergleicht, die wir in apokryphen Evangelien aus dem 2. Jahrhundert finden. Im Petrusevangelium z.B. ertönt mitten in der Nacht eine Stimme vom Himmel, worauf der Stein sich von alleine von der Tür der Grabkammer weg wälzt und zwei Männer vom Himmel kommen und in das Grab hinein gehen. Als Nächstes kommen drei Männer aus dem Grab heraus; die Köpfe der beiden vom Himmel Gekommenen reichen bis zu den Wolken, der des dritten Mannes ist gar über den Wolken. Nach den Männern kommt ein Kreuz aus dem Grab, und eine Stimme fragt: „Hast du denen gepredigt, die schlafen?“ Das Kreuz antwortet: „Ja.“

In der Himmelfahrt des Jesaja kommt Jesus auf den Schultern der Erzengel Michael und Gabriel sitzend aus dem Grab. So sehen echte Legenden aus: Anders als die Evangelienberichte sind sie mit theologischen Motiven angereichert.

5. Es waren wahrscheinlich Frauen, die als Erste das leere Grab entdeckten. Um dies richtig einzuordnen, muss man sich zwei Tatsachen über die Rolle der Frau in der damaligen jüdischen Gesellschaft in Erinnerung rufen:

a) Frauen waren auf der sozialen Stufenleiter ziemlich weit unten. Dies erhellt aus rabbinischen Aussprüchen wie: „Eher soll man die Worte des Gesetzes verbrennen, als sie Frauen übergeben“ und: „Glücklich, wessen Kinder männlich sind, aber wehe dem, bei dem sie weiblich sind.“

b) Das Zeugnis von Frauen galt damals als so wertlos, dass sie vor Gericht nicht als Zeugen aussagen durften.

Angesichts dieser beiden Tatsachen ist es höchst erstaunlich, dass es Frauen waren, die entdeckten, dass das Grab Jesu leer war. Spätere Legenden hätten mit Sicherheit das leere Grab von den männlichen Jüngern entdecken lassen. Dass nicht Männer, sondern Frauen, deren Zeugnis ohne Wert war, die wichtigsten Zeugen des leeren Grabes sind, lässt sich am plausibelsten damit erklären, dass (ob uns das nun passt oder nicht) sie tatsächlich das leere Grab entdeckten und dass die Evangelien dies exakt berichten.

6. Die älteste jüdische Polemik setzt das leere Grab voraus. In Matthäus 28 finden wir den Versuch einer Widerlegung der frühesten jüdischen Polemik gegen die Auferstehung Jesu – der Behauptung, dass die Jünger Jesu Leichnam gestohlen hatten. Die Christen konterten mit der Geschichte der Grabwache, worauf die Juden behaupteten, dass die Soldaten der Grabwache eingeschlafen waren. Das Bemerkenswerte an diesem Streit ist nicht so sehr die Historizität der Wächter, sondern die Tatsache, dass beide Seiten offenbar davon ausgingen, dass der Leichnam nicht mehr da war. Die erste jüdische Reaktion auf die Verkündigung der Auferstehung war ein Versuch, das leere Grab wegzuerklären. Die Aussagen der Gegner der Jünger stützen also die Tatsache des leeren Grabes.

Wir könnten hier noch fortfahren, aber vielleicht reicht das Bisherige, um zu erklären, warum im Urteil der Forschung über die Historizität des leeren Grabes ein kompletter Umschwung stattgefunden hat. Laut Jacob Kremer „halten bei weitem die meisten Exegeten an der Zuverlässigkeit der biblischen Aussagen über das leere Grab fest“; er liefert dazu eine Liste (zu der man seinen eigenen Namen hinzufügen könnte) von 28 bekannten Theologen, und mir fallen mindestens 16 weitere Namen ein, die er nicht erwähnt hat. Wie D.H. van Daalen klargestellt hat: „Es ist äußerst schwierig, das leere Grab aus historischen Gründen abzulehnen; die, die es verneinen, tun dies aufgrund von theologischen oder philosophischen Annahmen.“ Aber manchmal muss man vielleicht angesichts der historischen Fakten seine Annahmen auch ändern.

Die Auferstehung Jesu – die beste Erklärung für den christlichen Glauben

Kommen wir nun zu dem dritten Generalindiz, das für die Auferstehung Jesu spricht: dem Ursprung des Christentums. Selbst die Allerskeptischsten unter den Forschern geben zu, dass die ersten Jünger zumindest glaubten, dass Jesus von den Toten auferstanden war. Sie setzten fast alles auf die Auferstehung. Ohne den Glauben an die Auferstehung Jesu wäre das Christentum nie entstanden. Der Schlusspunkt des Lebens Jesu wäre die Kreuzigung geblieben, als tragisches Ende einer glücklosen Existenz. Der Ursprung des christlichen Glaubens hängt an dem Glauben jener Jünger, dass Jesus von den Toten auferstanden war. Womit sich die unvermeidliche Frage stellt: Wie sollen wir uns den Ursprung dieses Glaubens erklären? Wie R.H. Fuller sagt: Selbst der kritischste Skeptiker muss irgendein mysteriöses X annehmen, das diese neue Bewegung auslöste. Die Frage ist: Was war dieses X?

Wer verneint, dass Jesus von den Toten auferstand, der muss den Glauben der Jünger an seine Auferstehung entweder anhand von Einflüssen aus dem Judentum oder solchen aus dem Christentum erklären. Das Christentum fällt hierbei logischerweise aus, denn das existierte damals noch nicht. Da der Glaube an die Auferstehung Jesu der Startschuss für den christlichen Glauben war, kann er diesen Glauben nicht schon zur Voraussetzung gehabt haben.

Aber auch das Judentum fällt als Wurzel des Glaubens an die Auferstehung aus. Um dies zu sehen, müssen wir einen Ausflug in die Vergangenheit machen. Im Alten Testament wird der jüdische Glaube an die Auferstehung der Toten am Tag des Gerichts an drei Stellen erwähnt (Hesekiel 37; Jesaja 26,19; Daniel 12,2). In der Zeit zwischen dem Alten und Neuen Testament blühte der Glaube an die Auferstehung; in der jüdischen Literatur dieser Periode wird er häufig erwähnt. Zur Zeit Jesu glaubten die Pharisäer an die Auferstehung, die Sadduzäer dagegen nicht; Jesus hielt es hier mit den Pharisäern. Die Vorstellung der Auferstehung war also an sich nichts Neues.

Doch das jüdische Verständnis von der Auferstehung unterschied sich in zwei fundamentalen Punkten von der Auferstehung Jesu. Im jüdischen Denken fand die Auferstehung zum einen immer nach dem Ende der Welt statt und nicht innerhalb der Menschheitsgeschichte, und betraf zum anderen alle Menschen und nicht nur eine einzelne Person. Die Auferstehung Jesu aber geschah vor dem Ende der Welt, mitten in der Menschheitsgeschichte, und betraf nur eine Person.

Was den ersten Punkt betrifft, sah der jüdische Auferstehungsglaube immer so aus, dass am Ende der Geschichte Gott die gerechten Toten auferwecken und in sein Reich aufnehmen würde. Es gibt im Alten Testament durchaus Beispiele für die Wiederbelebung Verstorbener, aber die Betreffenden starben irgendwann ein zweites Mal. Die Auferstehung zur Herrlichkeit des ewigen Lebens würde nach dem Ende der Welt kommen. Wir finden diesen jüdischen Glauben auch in den Evangelien. Als Jesus Martha versichert, dass ihr Bruder Lazarus auferstehen wird, erwidert sie: „Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tage“ (Johannes 11,24). Sie kann sich nicht vorstellen, dass Jesus Lazarus gleich von den Toten auferwecken wird. Und als Jesus seinen Jüngern eröffnet, dass er von den Toten auferstehen wird, verstehen auch sie dies so, dass er die Auferstehung am Ende der Welt meint (Markus 9,9-13). Der Gedanke, dass eine echte Auferstehung bereits geschehen konnte, bevor Gott am Ende der Welt sein Reich heraufführte, war ihnen vollkommen fremd. Der berühmte deutsche Neutestamentler Joachim Jeremias schreibt:

Dem alten Judentum war eine vorweggenommene Auferstehung als geschichtliches Ereignis fremd. Nirgends in der Literatur finden wir etwas, was der Auferstehung Jesu vergleichbar wäre. Totenauferweckungen waren grundsätzlich nicht unbekannt, aber hier handelte es sich immer um Wiederbelebungen, um die Rückkehr ins irdische Leben. Nirgends in der Literatur des späten Judentums geht es um eine Auferstehung zur doxa (Herrlichkeit) als geschichtliches Ereignis.

Dies heißt konkret, dass die Jünger Jesu nach dessen Kreuzigung und Tod nur mit der allgemeinen Auferstehung am Jüngsten Tag rechneten. Normalerweise hätten sie sein Grab wahrscheinlich als eine Art Schrein gepflegt, wo seine Gebeine bis zur Auferstehung ruhen konnten. Soweit es an ihnen lag, wäre die Idee, dass er bereits auferstanden war, ihnen nicht in den Sinn gekommen.

Was den zweiten Punkt angeht, so war die Auferstehung im jüdischen Denken immer eine allgemeine Auferstehung aller Toten, nicht die Auferstehung eines Einzelnen. Bei der Auferstehung würde Gott die ganze Menschheit auferwecken. Aber bei der Auferstehung Jesu weckte er nur einen einzigen Menschen von den Toten auf. Ja, weiter noch: Es gab keine Vorstellung, dass die allgemeine Auferstehung der Menschen auf irgendeine Weise von der Auferstehung des Messias abhängig war. Dergleichen war absolut unbekannt. Aber genau dies wird uns bei der Auferstehung Jesu bezeugt. Ulrich Wilckens, ein anderer bedeutender deutscher Neutestamentler, erklärt:

Denn an keiner Stelle reden die jüdischen Texte von der Auferstehung eines Einzelnen, die bereits vor der Auferstehung der Gerechten am Ende der Zeit geschieht und von ihr unterschieden und separat ist, und nirgends hängt die Teilhabe der Gerechten an der Erlösung am Ende der Zeiten davon ab, dass sie dem Messias angehören, der im Voraus, als „Erstling“ von Gott auferweckt worden ist (1. Korinther 15,20).

Es ist somit klar, dass die Jünger nicht aufgrund ihres jüdischen Hintergrunds auf die Idee gekommen wären, dass Jesus als Einzelner von den Toten auferweckt worden war. Sie hätten vielmehr sehnsüchtig auf den Tag gewartet, an welchem er und alle Gerechten Israels von Gott zur Herrlichkeit auferweckt würden.

Fazit: Der Glaube der Jünger an die Auferstehung Jesu lässt sich weder als Folge einer Beeinflussung durch das Christentum noch durch das Judentum erklären. Die Jünger wären von sich aus niemals auf so etwas wie die Auferstehung Jesu gekommen. Und vergessen wir auch nicht: Sie waren Fischer und Steuereintreiber, und keine Theologen. Der mysteriöse Faktor X fehlt immer noch. Nach C.F.D. Moule von der Universität Cambridge haben wir es hier mit einem Glauben zu tun, der sich durch keine historisch bereits vorhandenen Faktoren und Prägungen erklären lässt. Er legt dar, dass wir es mit einer Situation zu haben, in welcher sehr viele Menschen diesen Glauben, den man nicht unter Bezug auf das Alte Testament oder die Pharisäer erklären kann, steif und fest vertraten, so lange, bis die Juden sie schließlich aus der Synagoge hinauswarfen. Für Professor Moule kann dieser Glaube nur dadurch entstanden sein, dass Jesus tatsächlich von den Toten auferstand:

Wenn das Aufkommen der Nazarener – ein Phänomen, das das Neue Testament unbestreitbar bezeugt – ein Riesenloch in die Geschichte reißt, ein Loch von der Größe und Form der Auferstehung, womit will der säkulare Historiker dieses Loch stopfen? … die Geburt und der rasante Aufstieg der christlichen Kirche … bleiben ein ungelöstes Rätsel für jeden Historiker, der sich weigert, die einzige Erklärung, die die Kirche selber anbietet, ernst zu nehmen.

Fazit: Die Auferstehung Jesu ist die beste Erklärung für das Aufkommen des christlichen Glaubens. Zusammen genommen weisen alle drei großen historischen Fakten – die Erscheinungen des Auferstandenen, das leere Grab und der Ursprung des christlichen Glaubens – auf die tatsächliche Auferstehung Jesu als plausibelste Erklärung hin.

Die Auferstehung Jesu – Was ist von den Alternativerklärungen zu halten?

Es sind natürlich auch Alternativerklärungen der Erscheinungen des auferstandenen Jesus, des leeren Grabes und des Ursprungs des christlichen Glaubens vorgeschlagen worden. Doch das Urteil der heutigen Forschung ist, dass sie es nicht schaffen, die Fakten der Auferstehung Jesu plausibel zu erklären, wie ein kurzer Überblick über die wichtigsten dieser Theorien zeigt.

Theorie A: Die Jünger stahlen den Leichnam Jesu, und die Erscheinungen des Auferstandenen waren frei erfunden. Diese Erklärung war typisch für die älteste jüdische antichristliche Polemik und erfuhr im 18. Jahrhundert im Rahmen des Deismus eine Renaissance in Gestalt der Verschwörungstheorie, die in der Fachwelt auf einhellige Ablehnung gestoßen ist und heute nur noch in der Boulevardpresse überlebt. Um nur zwei der Haupteinwände zu erwähnen: i) Es ist ein ethisches Unding, die Jünger Jesu solch eines Betruges zu beschuldigen. Was immer ihre Schwächen, sie waren lautere, solide Männer und Frauen und keine Hochstapler. Niemand, der das Neue Testament unvoreingenommen liest, kann die Aufrichtigkeit dieser frühen Gläubigen bezweifeln. – ii) Es ist eine psychologische Unmöglichkeit, die Jünger der Raffinesse und Chuzpe für fähig zu halten, die für solch einen Betrug erforderlich gewesen wären. Sie waren zur Zeit der Kreuzigung ein konfuser, desorganisierter, von Ängsten, Zweifeln und Trauer niedergedrückter Haufen, der weder die Motivation noch das Zeug für solch ein Husarenstück hatte. Irgendwelche Verschwörungstheorien kommen daher nicht als Erklärung des leeren Grabes und der Erscheinungen des Auferstanden infrage.

Theorie B: Jesus starb nicht an dem Kreuz, sondern wurde noch lebendig abgenommen und in das Grab gelegt, wo er wieder zu sich kam und sich davonmachte, um den Jüngern anschließend weiszumachen, dass er von den Toten auferstanden war. Diese sogenannte Scheintodtheorie wurde von den deutschen Rationalisten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts vertreten und fand auch bei dem Vater der modernen Theologie, F. D. E. Schleiermacher, Anklang. Heute ist sie gänzlich zu den Akten gelegt worden, denn zum einen wäre es für Jesus medizinisch praktisch unmöglich gewesen, die Strapazen seiner Folter und Kreuzigung zu überleben, geschweige denn das Grab, und zum anderen ist die Theorie auch religiös nicht schlüssig, da ein halbtoter Jesus, der dringend ärztliche Hilfe brauchte, niemals die Jünger dazu gebracht hätte, ihn als den erhabenen, auferstandenen Herrn und Besieger des Todes zu verehren. Doch mehr noch: Da nach dieser Theorie Jesus wusste, dass er mitnichten über den Tod triumphiert hatte, macht sie ihn auch noch zu einem Scharlatan, der den Jüngern seine Auferstehung vorgaukelte, was absurd ist. Allein schon diese Gründe machen die Scheintodtheorie unhaltbar.

Theorie C: Die Jünger hatten nach Jesu Tod Halluzinationen von ihm, aus denen sie fälschlicherweise auf seine Auferstehung schlossen. Die Halluzinationstheorie wurde im 19. Jahrhundert populär und hielt sich noch bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch auch gegen diese Hypothese sprechen gute Gründe: i) Es ist psychologisch nicht plausibel, solch eine Kette von Halluzinationen anzunehmen. Halluzinationen werden gewöhnlich mit Geisteskrankheiten und Drogenkonsum in Zusammenhang gebracht, doch im Falle der Jünger suchen wir eine solche psychobiologische Prädisposition offensichtlich vergebens. Die Jünger rechneten nicht damit, Jesus in diesem Leben wiederzusehen; sie konnten nur darauf warten, einst im Reich Gottes mit ihm wiedervereinigt zu werden. Sie hatten keinerlei Grund dafür, sich ihn in Halluzinationen als vom Tod erstanden vorzustellen. Dazu spricht auch die Häufigkeit und Unterschiedlichkeit der Erscheinungen gegen die Halluzinationstheorie: Jesus wurde nicht nur ein Mal gesehen, sondern viele Male, nicht nur von einer Person, sondern von mehreren, nicht nur von Einzelnen, sondern auch von ganzen Gruppen, nicht nur an einem Ort und in einer Situation, sondern an vielen, und nicht nur von Gläubigen, sondern auch von Ungläubigen und Skeptikern. Es ist unmöglich, die Halluzinationstheorie so hinzubiegen, dass sie dieser Diversität Rechnung trägt und immer noch plausibel ist.

ii) Halluzinationen hätten unmöglich zum Glauben an die Auferstehung Jesu führen können. Als Projektionen des Gehirns können Halluzinationen nichts enthalten, das sich nicht bereits im Kopf des Betreffenden befindet. Aber wir haben oben gesehen, dass die Auferstehung Jesu in zwei fundamentalen Punkten anders war als das jüdische Auferstehungsverständnis. Die Jünger, die ganz jüdisch dachten, hätten, wenn sie tatsächlich halluziniert hätten, einen verherrlichten Jesus in Abrahams Schoß gesehen, wo die Gerechten Israels auf die eschatologische Auferstehung warten. Halluzinationen hätten mithin nicht zum Glauben an die Auferstehung Jesu geführt, die etwas war, was voll gegen den Strich des jüdischen Denkens ging.

iii) Halluzinationen taugen auch nicht als Erklärung für das ganze Spektrum der zu erklärenden Fakten. Sie werden als Erklärung der Erscheinungen des Auferstandenen gehandelt, lassen aber das leere Grab unerklärt und stellen daher keine vollständige, befriedigende Erklärung dar. Somit ist der Halluzinationshypothese, wie es scheint, als plausibler Alternativerklärung der Faktenlage bei der Auferstehung Christi nicht mehr Erfolg beschieden als ihren toten und begrabenen Vorläufern.

Keine der bisherigen Alternativhypothesen kann die Fakten so plausibel erklären wie die Auferstehung selber. Man mag an dieser Stelle fragen: „Was für eine Erklärung für die Erscheinungen des Auferstandenen, für das leere Grab und für das Entstehen des christlichen Glaubens haben die Skeptiker unter den Forschern denn nun?“ Die Antwort lautet schlicht: keine. Die moderne Forschung kennt keine plausible Alternativerklärung der Auferstehung Jesu. Die, die sich weigern, die Auferstehung als historische Tatsache anzuerkennen, stehen (wie sie selber zugeben) schlicht ohne Erklärung da.

Diese drei großen Fakten – die Erscheinungen des auferstandenen Jesus, das leere Grab und der Ursprung des christlichen Glaubens – lassen alle nur einen Schluss zu: dass Jesus von den Toten auferstand. Heute kann man es keinem denkenden Menschen mehr verargen, wenn er glaubt, dass an jenem Ostermorgen ein Wunder Gottes geschah.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/jesus-resurrection

  • [1]

    Alle Zitate in diesem Artikel sind ohne Quellenangabe; sie sind daher – auch Zitate deutscher Autoren – vom Übersetzer direkt aus dem Englischen übersetzt. (Anm. d. Übers.)

  • [2]

    Alle Bibelzitate folgen der Lutherübersetzung 2017. (Anm. d. Übers.)