English Site
back
05 / 06

Jesus und seine Passion

Summary

Eine Betrachtung über das, was wir aus der Geschichte über die Passion Jesu wissen.

Da wir auf Ostern zugehen, wird das Gesicht Jesu zweifellos auf den Titelseiten vieler Wochenmagazine erscheinen. Mel Gibsons unerwarteter Kino-Kassenschlager „Die Passion Christi“ hat einen Sturm der Kontroverse entfacht, der die Medien mit Interviews, Talkshows und Dokumentarsendungen erfüllt hat. Diese ganze Furore wirft die Frage auf: Wer war Jesus von Nazareth wirklich? War er der Mensch gewordene Gott, wie Christen glauben? Oder könnten gewisse zeitgenössische radikale Kritiker Recht haben, dass Jesus eine Art gesellschaftlicher Störenfried war, das jüdische Gegenstück eines griechischen zynischen Philosophen?

Revisionistische Bibelkritiker wie John Dominic Crossan, Marcus Borg und Paula Frederickson, die in der NBC-Sondersendung „The Last Days of Jesus“ interviewt wurden, argumentieren, dass die tatsächlichen Ereignisse der Passion Jesu sich wesentlich von denen unterscheiden, die in Mel Gibsons Spielfilm geschildert wurden. Nun ist das in gewisser Hinsicht zweifellos wahr. Gibson fügte diesem Film nicht nur ein beträchtliches Maß an künstlerischer Interpretation hinzu, sondern auch eine beträchtliche Reihe katholischer Überlieferungen, die über die Grenzen der Geschichte hinausgehen, wie der Schleier von Veronika, Marias Beteiligung an den Ereignissen der Passion und die Pieta-ähnliche Szene, als der Leichnam Jesu vom Kreuz abgenommen wurde.

Doch nicht darum geht es den revisionistischen Kritikern. Sie behaupten vielmehr, dass die Evangelien selbst historisch unzutreffend sind, wenn sie die Kreuzigung Jesu schildern, die von den jüdischen Hohenpriestern angestiftet und von den römischen Militärbefehlshabern nur ausgeführt wurde. Die revisionistischen Kritiker behaupten, dass letztlich die römischen Behörden und nicht die führenden Juden für die Kreuzigung Jesu verantwortlich zu machen sind. Sie weisen darauf hin, dass in der Zeit der römischen Herrschaft große Unruhe in Palästina herrschte und dass die römischen Behörden angesichts der mehreren Hunderttausend Besucher, die zum Passafest nach Jerusalem kamen, Sorge haben mussten, den öffentlichen Frieden zu wahren. Man muss davon ausgehen, dass die Nerven blank lagen. Außerbiblische Quellen beschreiben Pilatus als einen grausamen und skrupellosen Mann, der nicht gezögert hätte, militärisch gegen das Volk vorzugehen, um für Ordnung zu sorgen. Die Priesterschaft des Tempels kooperierte mit Rom und teilte grundsätzlich das Anliegen von Pilatus, die Dinge unter Kontrolle zu halten.

Revisionistische Kritiker interpretieren die Tempelreinigung durch Jesus als einen symbolischen Angriff auf den Tempel selbst. Damit störte Jesus nicht nur den Frieden, sondern die jüdische Priesterschaft fühlte sich durch das, was Jesus tat, in ihrer Autorität bedroht. Pilatus stand im Begriff, hart durchzugreifen, um die öffentliche Ordnung zu wahren, und dies hätte zu großen Verlusten unschuldiger Menschenleben geführt. Deshalb beschloss der Hohepriester Kaiphas, der seine Autorität ohnehin durch Jesus bedroht sah, Jesus an Pilatus auszuliefern, damit Menschen nicht durch einen römischen Militärschlag ums Leben kamen. Deshalb lag die Verantwortung für die Kreuzigung Jesu in Wirklichkeit bei den römischen Behörden, nicht bei den obersten Juden, wie es die Evangelien sagen.

Bei einer Beurteilung solcher Behauptungen revisionistischer Kritiker ist es wichtig, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht übersehen: Was hier bemerkenswert ist, ist das Maß der Übereinstimmung über die Ereignisse der Passion Jesu. Selbst die skeptischen Kritiker bestätigen die zentralen Ereignisse der Passion Jesu: seinen triumphalen Einzug in Jerusalem auf dem Rücken eines Esels als Herold des Reiches Gottes in Erfüllung der Prophetie Sacharjas, das verstörende Eingreifen Jesu, als er im Tempel die Geldwechsler und ihre Tiere vertrieb, die Mitwirkung der obersten Juden an der Verhaftung und Vernehmung (oder dem Verhör) vor dem Hohenrat, die Auslieferung Jesu an Pilatus unter dem Vorwurf der Volksverhetzung und die Verurteilung Jesu durch Pilatus, der ihn als vermeintlichen König der Juden kreuzigen ließ. Es ist eine erstaunliche Bestätigung der historischen Glaubwürdigkeit der Evangelien, dass selbst skeptische Kritiker sich durch die Evidenz genötigt sehen, die Historizität der fundamentalen Grundzüge der Passion und des Todes Jesu zu bestätigen. Der wichtigste Punkt ihrer Kritik gilt der Frage, ob es die jüdischen oder die römischen Instanzen waren, die für den Tod Jesu die Hauptverantwortung trugen.

Nun mögen einige von Ihnen sich an dieser Stelle fragen: Wen interessiert das? Traditionalistische und revisionistische Kritiker sind sich über die Hauptereignisse der Passion Jesu einig. Es macht keinen Sinn, jetzt mit Schuldzuweisungen zu hantieren! Man könnte sogar den Verdacht haben, dass diese ganze Debatte eigentlich nur noch aus politischer Korrektheit fortgesetzt wird. Schließlich gibt es eine sehr starke Motivation für den Revisionismus: nämlich den völlig lobenswerten Wunsch, die hässliche Geschichte des Antisemitismus abzuwehren, der die christliche Kirche allzu oft charakterisiert hat. Es gibt also einen starken Verdacht, denke ich, diesen ganzen Revisionismus einfach als Folge eines politischen korrekten Bestrebens zu betrachten, die führenden Juden so weit wie möglich zu entlasten. Die Römer werden zum naheliegenden Sündenbock. Schließlich gibt es heute keine Römer, die dagegen protestieren könnten, dass ihnen die Schuld für die Kreuzigung zugeschrieben wird. So sehen wir, dass in der NBC-Sondersendung selbst ein konservativer Gelehrter wie Craig Evans sagt: „Die Römer haben Jesus gekreuzigt.“ Wie bitte? Sind alle Römer für die Kreuzigung Jesu verantwortlich? Hat Cicero Jesus gekreuzigt? Hat Tacitus Jesus gekreuzigt? Hier wird mit einem Pinsel gearbeitet, der so breit ist wie in Situationen, in denen jemand unbedachterweise sagt: „Die Juden haben Jesus getötet.“ Doch weil es heute keine Römer mehr gibt, wird kein Protest laut, und den Römern wird ohne Proteste die Alleinschuld zugewiesen.

Nun stimme ich zu, dass bei dieser Debatte sehr viel politische Korrektheit im Spiel ist. Aber wenn man meint, das sei schon alles, hat man sich gründlich getäuscht. Hier geht es um viel mehr, als man auf den ersten Blick meinen könnte. Was den meisten von Ihnen nicht bewusst sein wird, ist, dass die revisionistische Darstellung der Passion nur Teil eines umfassenderen revisionistischen Bildes von Jesus ist, das die skeptischen Kritiker durchzusetzen versuchen. Sehen Sie, skeptische Kritiker lehnen das Porträt ab, das die Evangelien von Jesus zeichnen, der behauptete, der Sohn Gottes und der göttliche Menschensohn zu sein, und der sich als der verheißene jüdische Messias verstand. Nach John Dominic Crossan war Jesus nur eine Art Gesellschaftskritiker, das jüdische Gegenstück eines griechischen zynischen Philosophen. Marcus Borg sagt, dass Jesus ein kulturübergreifender religiöser Mystiker war, der die Rechte der Frauen und der Armen gegen ein unterdrückendes religiöses Establishment vertrat. Der übernatürliche Jesus, von dem wir in den Evangelien lesen, ist ein Mythos, ein Produkt der Theologie und der Legende.

Nun ist eines der größten Probleme bei dieser revisionistischen Auffassung von Jesus die Tatsache seiner Kreuzigung. Alle sind sich einig, dass Jesus von Nazareth am Ende gekreuzigt wurde. Die revisionistische Kritikerin Paula Frederickson bezeichnet die Kreuzigung Jesus sogar als „die stärkste Tatsache über Jesus, die wir haben“. Doch wenn Jesus nur ein einfacher Handwerker, ein zynischer Philosoph, nur ein liberaler gesellschaftlicher Störenfried war, wie die Revisionisten behaupten, wird seine Kreuzigung unerklärlich. Professor Leander Keck von der Universität Yale schrieb dazu: „Die Idee, dass dieser jüdische Zyniker (und seine zwölf Hippies) durch sein Verhalten und seine Aphorismen eine ernste Bedrohung für die Gesellschaft war, klingt eher nach einer Einbildung befremdeter Akademiker als nach einem soliden historischen Urteil.“ Der Neutestamentler John Meier äußert sich ähnlich unverblümt. Er sagt: „Ein solcher Jesus wäre für niemanden eine Bedrohung, so wie auch die Universitätsprofessoren, die ihn erschaffen haben, für niemanden eine Bedrohung sind.“ Revisionistische Kritiker haben also einen Jesus erschaffen, der mit der einen unbestreitbaren Tatsache, die wir über ihn wissen, unvereinbar zu sein droht, nämlich seiner Kreuzigung.

Dieses Problem ist der Hintergrund, auf dem die revisionistischen Erklärungen der Passion Jesu zu sehen sind. Im Grunde ist die revisionistische Darstellung der Passion ein Versuch zu erklären, wie man einen nicht-messianischen, nicht-göttlichen Jesus an das Kreuz bekommen kann, an dem er, wie alle zugeben, am Ende starb. Und das geht so: Man stellt sich ein Szenario vor, bei dem in Jerusalem in jenem Jahr eine äußerst angespannte Atmosphäre herrschte. Die kleinste Störung konnte den Stein ins Rollen bringen. Pilatus ist bereit durchzugreifen, und zwar hart durchzugreifen gegen jeden, der den Frieden stört. Genau das tat Jesus, und das war der Grund, weshalb er an die römischen Machthaber ausgeliefert wurde, die ihn als abschreckendes Beispiel für das, was mit Unruhestiftern passiert, kreuzigten.

Nun klingt dieses Szenario im ersten Moment plausibel. Die Plausibilität eines Szenarios muss aber immer anhand der Evidenz geprüft werden. Und wenn wir nach der Evidenz für das revisionistische Szenario fragen, überrascht das fast völlige Fehlen irgendwelcher Belege dafür. Es beruht fast ausschließlich auf Vermutungen und Spekulationen über das, was man als Verlauf der Ereignisse für wahrscheinlich halten würde. So hören wir in der NBC-Sondersendung, wie Paula Frederickson über das spricht, was „nach meinem Vorstellungsvermögen als Historikerin“ geschehen sein muss. Crossan sagt: „Ich kann mir vorstellen, dass es ein Dauerabkommen zwischen Pilatus und Kaiphas gab“, jeden zu verhaften, der aus der Reihe tanzte. Und so werden uns alle erdenklichen Spekulationen aufgetischt über Spannnungen in der Menge, über den Charakter und die Stimmung von Pilatus und sogar über das, was Kaiphas dachte!

Das ist wirklich ziemlich außergewöhnlich. Denn das ist nicht die Art und Weise, wie man Geschichte betreibt. Wenn Geschichte anhand von Vermutungen und Spekulationen geschrieben werden könnte, wären Historiker arbeitslos. Das Leben verläuft oft nicht in fein säuberlich geordneten Bahnen; oft entwickeln sich die Ereignisse in eine unerwartete Richtung, und Menschen überraschen uns manchmal mit Verhaltensweisen, die scheinbar gar nicht ihrem Charakter entsprechen. Deshalb muss der Historiker sich in seiner Sicht der Vergangenheit von der Evidenz leiten lassen und nicht von unseren Vorstellungen über das, was geschehen sein müsste. Gewiss spielt die Vorstellungskraft eine wichtige Rolle in der historischen Rekonstruktion. Aber die Vorstellung muss immer anhand der Beweis- und Indizienlage geprüft werden.

Inwiefern stimmt also das revisionistische Szenario mit der Beweislage überein? Nun, ziemlich schlecht.

Nehmen wir zum Beispiel die entscheidende Spekulation, dass die Lage in Jerusalem während des Passahfestes in jenem Jahr äußerst angespannt war, sodass die geringste Störung die Machthaber veranlassen würde, sogar gegen Unschuldige vorzugehen. John Dominic Crossan sagt: „Jede Kleinigkeit konnte eine Revolution auslösen. Man könnte sich vorstellen, wie Pilatus sagte: ‚Falls sich irgendetwas rührt, kreuzigt ihn!‘“ Aber stützt die Evidenz diese Spekulation? Ganz im Gegenteil: Der provokative triumphale Einzug Jesu in Jerusalem zu Beginn der Passionswoche, der eine Erfüllung der messianischen Prophetie aus Sacharja 9,9 war und bei dem er von der Menge als der umjubelt wurde, der das Reich Davids einläutete, löste bei den Römern nicht den geringsten Mucks aus. Nachdem er sich umgesehen hatte, ging Jesus hinaus nach Bethanien, wo er die Nacht verbrachte. Am folgenden Tag, als Jesus das Handelstreiben im Tempel aufmischte, schritten keine römischen Truppen zur Tat und niemand verhaftete ihn. Auch am folgenden Tag gingen die römischen Behörden nicht gegen ihn vor. Er lehrte täglich weiter im Tempel und kehrte jeden Abend unversehrt in den Vorort Bethanien zurück, wo er mit seinen Jüngern die Nacht verbrachte. Die Vorstellung, dass die römischen Behörden Jesus als ernste Bedrohung für den öffentlichen Frieden betrachteten, sodass sie gegen ihn vorgehen würden, widerspricht ihrem tatsächlichen Verhalten. In Wirklichkeit hätte eine Einmischung in jüdische Angelegenheiten durch die Verhaftung eines beliebten Lehrers mehr Unruhe auslösen können, als ihn einfach gewähren zu lassen, wie sie es taten.

Außerdem gibt es keinen guten Grund, das Vorgehen Jesu im Tempel als Angriff auf den Tempel selbst zu betrachten, statt es so zu verstehen, wie die Evangelien es darstellen: als Reinigung und Läuterung des Tempels. In den Tagen nach seinem Eingreifen äußerte Jesus kein Wort gegen den Tempel, sondern fuhr fort, täglich dort zu lehren. Und nach seinem Tod gingen seine Nachfolger weiter zum Gebet in den Tempel, wie es die anderen Juden taten.

Was ist mit der Verhaftung Jesu? Die Evidenz bestätigt einhellig die Schlussfolgerung, dass Jesus an die jüdischen Behörden verraten wurde. Das wird nicht nur in allen vier Evangelien bezeugt, sondern auch in der äußerst frühen Information, die von Paulus überliefert wurde (1. Korinther 11,23). Es waren die jüdischen Führer, nicht die römischen Machthaber, die sich durch Jesus und seine Lehre bedroht fühlten und seinen Tod wünschten. Auch wurde diese Entscheidung nicht erst in letzter Minute während der Passionswoche getroffen. Wie zwei unabhängige Quellen belegen, gärte das Komplott, Jesus loszuwerden, schon seit längerer Zeit unter den führenden Juden (Markus 3,6; Johannes 5,18). Sowohl der jüdische Historiker Josephus als auch der babylonische Talmud bestätigen die Initiative der jüdischen Behörden bei dem Prozess gegen Jesus. Der Talmud (Sanhedrin 43a) rechtfertigt seine Hinrichtung als angemessenes Vorgehen gegen einen Häretiker.

In diesem Prozess vor dem Sanhedrin wurde Jesus wegen Blasphemie zum Tode verurteilt. Ich zitiere:

„Und der Hohepriester stand auf ... und fragte Jesus ... Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? Jesus aber sprach: Ich bin es! Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels. Der Hohepriester aber zerriß seine Kleider und spricht: ... Ihr habt die Lästerung gehört. Was meint ihr? Sie verurteilten ihn aber alle, daß er des Todes schuldig sei“ (Markus 14,60-64).

Indem er dies sagt, behauptet Jesus, der Sohn Gottes und der apokalyptische Menschensohn zu sein, der nach einem Zitat aus Daniel 7 mit den Wolken des Himmels kommt, um zu richten. Besonders blasphemisch klang in jüdischen Ohren sicher seine Behauptung, zur Rechten Gottes zu sitzen. Revisionisten mögen dieses Porträt von Jesus nicht; doch wie Robert Gundry, ein Gelehrter und Fachmann des Markusevangeliums, argumentiert hat, kann ein so nuancierter Bericht über einen schweren Fall von Gotteslästerung in einem jüdischen Kontext keine spätere Erfindung sein.

Da der Sanhedrin nicht autorisiert war, eine Todesstrafe zu vollstrecken, mussten die römischen Machthaber irgendwie dazu gebracht werden, Jesus hinzurichten. In römischen Ohren musste die Behauptung Jesu, der Messias oder der König der Juden zu sein, aufrührerisch klingen, und so ließen die Hohenpriester Jesus in der Rolle eines politischen Aufrührers Pilatus vorführen. Wenn die Revisionisten protestieren, dass die Evangelien Pilatus als schwach und wankelmütig schildern, widerspricht das dem, was wir aus außerbiblischen Quellen über seinen skrupellosen Charakter wissen. Doch während man Mel Gibsons Kinofilm in dieser Hinsicht kaum einen Vorwurf machen kann, ist der Pilatus, von dem wir in den Evangelien lesen, nicht schwach und wankelmütig; was er an den Tag legt, ist nicht Schwäche, sondern seine typische Dickköpfigkeit gegenüber jüdischen Forderungen. Wenn Jesus nicht auf Initiative der Römer als Gefahr für den öffentlichen Frieden verhaftet wurde, sondern auf Initiative der Juden aufgrund von Anliegen, die primär jüdischer Natur waren, dann mochte Pilatus sich durchaus ihrem Versuch widersetzen, Jesus durch die Römer beseitigen zu lassen.

Wir wissen, dass Pilatus keine Angst hatte, die führenden Juden vor den Kopf zu stoßen – und er scheute sich auch nicht nachzugeben, wenn es politisch von Vorteil zu sein schien. Josephus erzählt uns zum Beispiel, dass Pilatus, als er im Jahr 26 n. Chr. in Palästina ankam, die Hohenpriester bewusst provozierte, indem er in Jerusalem Standarten mit dem Bild des Kaisers aufstellen ließ – eine Maßnahme, die seine Vorgänger tunlichst vermieden hatten. Die jüdischen Behörden schickten eine Delegation zu Pilatus, die sich fünf Tage lang für die Beseitigung der Standarten einsetzte. Am sechsten Tag erteilte Pilatus einer Abordnung von Soldaten den verhängnisvollen Befehl, in die Schar zu treten und auf sein Zeichen hin die Schwerter zu ziehen. In diesem Moment entblößten die jüdischen Delegierten ihren Nacken, weil sie eher den Tod wählten, als das jüdische Gesetz zu übertreten. Als Pilatus klar wurde, dass er unter Umständen Gefahr lief, einen allgemeinen Aufstand zu provozieren, gab er nach und ließ die Standarten beseitigen.

Das Verhalten von Pilatus bei der Verurteilung Jesu nur vier Tage später entspricht diesem Beispiel. Hartnäckig bietet er den führenden Juden die Stirn, bis er merkt, dass ein Aufstand auszubrechen droht (Mat 27,24). Als die Hohenpriester die kaum verhüllte Drohung aussprechen: „Wenn du diesen losgibst, bist du des Kaisers Freund nicht“ (Joh 19,12), lenkt Pilatus im Blick auf seine eigenen Interessen bei und befiehlt, Jesus hinzurichten.

Als er die Menge zwischen Barabbas und Jesus wählen lässt, weiß Pilatus, dass das Volk sich nicht für Jesus entscheiden wird. Revisionisten behaupten manchmal, der Ruf der Menge nach der Freilassung von Barabbas sei mit der Beliebtheit Jesu nicht zu vereinbaren. Aber wir wissen nicht, wie viele Sympathisanten Jesus hatte oder welche Leute die Hohenpriester an jenem Morgen vor Pilatus versammelt hatten (Markus 14,11). Auf jeden Fall hatte Jesus sich als eine gewisse Enttäuschung für diejenigen erwiesen, die erwartet hatten, dass er den Thron Davids wiederaufrichten würde. Auf seinen triumphalen Einzug oder auf seine Tempelreinignung hatte er keinen Aufruf zur Rebellion folgen lassen; ganz im Gegenteil hatte Jesus auf die provokative Frage nach der Zahlung der römischen Steuern die sehr anti-revolutionäre Antwort gegeben: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!“ (Markus 12,17). Der blutige und zerschlagene Anblick von Jesus, den Pilatus der Menge vorführte, war das genaue Gegenteil des siegreichen Messias, den zu erwarten sie gewohnt waren, und es ist gar nicht unwahrscheinlich, dass sie Barabbas eher für einen waschechten Messias hielten als Jesus.

Traditionalisten und Revisionisten stimmen gleichermaßen zu, dass Jesus durch römische Machthaber gekreuzigt wurde. Aber was geschah nach dem Tod Jesu mit seinem Leichnam?

Diese Frage ist entscheidend, um die Frage zu beantworten, wer Jesus wirklich war. Als ich von NBC die Anfrage auf ein Interview für die Sendung „The Last Days of Jesus“ erhielt, sagte ich, dass ich das nur tun würde, wenn sie über die Auferstehung Jesu diskutieren würden. Als die Produzentin sagte: „Nein, wir werden bei der Kreuzigung aufhören“, sagte ich zu ihr: „Nun, dann gehe ich davon aus, dass Sie nicht wirklich über die letzten Tage Jesu sprechen werden, nicht wahr?“ Sie erwiderte: „Ich verstehe, was Sie meinen. Ohne die Auferstehung würde niemand sich überhaupt für die letzten Tage Jesu interessieren, nicht wahr?“ Das ist völlig richtig. Die Auferstehung Jesu ist der Schlüssel zu seiner Identität.

Was geschah also mit dem Leichnam Jesu? John Dominic Crossan mutmaßt, dass er wahrscheinlich von den römischen Soldaten abgenommen und in ein flaches Erdgrab geworfen wurde, wo er entweder verweste oder von wilden Hunden aufgestöbert und gefressen wurde. Aber zum einen fehlt für diese grelle Spekulation jede Evidenz, und zum anderen widerspricht dies den jüdischen Bestattungspraktiken. Lassen Sie mich im Gegensatz zu Crossans Spekulationen vier Fakten zusammenfassen, die von der Mehrheit der neutestamentlichen Gelehrten, die über dieses Thema geschrieben haben, anerkannt werden.

Tatsache #1: Nach seiner Kreuzigung wurde Jesus durch Joseph von Arimathäa in einem Grab beigesetzt. Diese Tatsache ist höchst signifikant, denn sie bedeutet, dass der Ort des Grabes Jesu den Juden und Christen gleichermaßen bekannt war. In diesem Fall wird unerklärlich, wie angesichts eines Grabes, in dem sein Leichnam liegt, der Glaube an seine Auferstehung aufkommen und sich festigen konnte. Nach Aussage des verstorbenen John A. T. Robinson von der Universität Cambridge ist die ehrenvolle Bestattung Jesu eine „der frühesten und am besten belegten Tatschen über Jesus.“

Tatsache #2: Am Sonntagmorgen nach der Kreuzigung fand eine Gruppe von Frauen, die Jesus nachfolgten, sein Grab leer vor. Nach Jakob Kremer, einem österreichischen Spezialisten in der Frage der Auferstehung, „halten die weitaus meisten Exegeten an der Verlässlichkeit der biblischen Aussagen über das leere Grab fest.“ Wie D. H. van Daalen hervorhebt, „ist es extrem schwierig, auf historischer Grundlage Einwände gegen das leere Grab zu erheben; diejenigen, die es leugnen, tun dies auf der Basis theologischer oder philosophischer Vermutungen.“

Tatsache #3: Bei vielfachen Gelegenheiten und unter verschiedenen Umständen erlebten unterschiedliche Einzelpersonen und Gruppen Erscheinungen des nach dem Tod lebendigen Jesus. Dies ist eine Tatsache, die heute fast universal von neutestamentlichen Gelehrten anerkannt wird. Selbst Gerd Lüdemann, der aktuell vielleicht prominenteste Kritiker der Auferstehung, räumt ein: „Es darf als historisch gewiss gelten, dass Petrus und die Jünger nach dem Tod Jesu Erfahrungen hatten, bei denen Jesus ihnen als der auferstandene Christus erschien.“

Und schließlich Tatsache #4: Die ersten Jünger glaubten, dass Jesus von den Toten auferstanden war, obwohl sie allen Grund hatten, dies nicht zu tun. Obwohl die ersten Jünger jede Veranlagung hatten, das Gegenteil zu tun, ist es eine unbestreitbare historische Tatsache, dass sie an die Auferstehung Jesu als Tatsache glaubten, sie verkündigten und bereit waren, dafür in den Tod zu gehen. C. F. D. Moule von der Universität Cambridge kommt zu dem Schluss, dass wir es hier mit einem Glauben zu tun haben, für den es im Sinne vorheriger historischer Einflüsse keine Erklärung geben kann – abgesehen von der Auferstehung selbst.

Jeder verantwortungsvolle Historiker, der nach einer Erklärung dieser Angelegenheit sucht, muss also auf diese vier unabhängig voneinander anerkannten Tatsachen eingehen: die ehrenvolle Bestattung Jesu, die Entdeckung seines leeren Grabes, seine post-mortalen Erscheinungen und den eigentlichen Ursprung des Glaubens der Jünger an die Auferstehung Jesu und somit des Christentums selbst. Ich möchte betonen, dass diese vier Tatsachen nicht die Schlussfolgerungen konservativer Gelehrter sind, sondern der Mehrheitsauffassung der heutigen neutestamentlichen Wissenschaft entsprechen. Die Frage ist: Wie lassen sich diese Tatsachen am besten erklären?

Nun bringt dies den skeptischen Kritiker in eine etwas verzweifelte Situation. Vor einiger Zeit hatte ich zum Beispiel eine Debatte mit einem Professor der Universität von Kalifornien in Irvine über die Historizität der Auferstehung Jesu. Er hatte seine Dissertation über dieses Thema geschrieben und war mit der Fakten- und Indizienlage gründlich vertraut. Er konnte die Tatsachen der ehrenvollen Bestattung Jesu, seines leeren Grabes, seiner post-mortalen Erscheinungen und des Ursprungs des Glaubens der Jünger an seine Auferstehung nicht leugnen. Deshalb bestand sein einziger Ausweg darin, irgendeine alternative Erklärung für diese Tatsachen zu finden. Und so argumentierte er, dass Jesus einen unbekannten identischen Zwillingsbruder hatte, der bei der Geburt von ihm getrennt wurde, genau zum Zeitpunkt der Kreuzigung nach Jerusalem zurückkam, den Leichnam Jesu aus dem Grab stahl und sich den Jüngern präsentierte, die daraus fälschlicherweise folgerten, dass Jesus von den Toten auferstanden war! Nun werde ich nicht im Einzelnen wiederholen, wie ich seine Theorie widerlegte, aber ich finde seine Theorie aufschlussreich, denn sie zeigt, zu welch verzweifelten Schritten die Skeptiker greifen müssen, um die Historizität der Auferstehung Jesu zu leugnen. Tatsächlich ist die Evidenz so stark, dass einer der weltweit führenden jüdischen Theologen, der verstorbene Pinchas Lapide, sich aufgrund der Evidenz zu der Überzeugung bekannte, dass der Gott Israels Jesus von den Toten auferweckte!

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Beweislage die Behauptungen der revisionistischen Historiker nicht bestätigt. Im Gegenteil haben wir solide Gründe zu denken, dass Jesus von Nazareth nicht nur behauptete, der göttliche Menschensohn und der Sohn Gottes und der jüdische Messias zu sein – Behauptungen, die seine Verurteilung durch das jüdische Gericht provozierten und schließlich zu seiner Kreuzigung führten –, sondern dass diese Behauptungen auch wahr waren, weil Gott ihn von den Toten auferweckte. Wie die ersten Apostel verkündigten, gab Gott seinen „treuen Diener nicht der Verwesung preis“ (Apg 2,27; GN). Gott hat in der Geschichte gehandelt, und wir können dies wissen.

William Lane Craig

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/jesus-and-his-passion