Dawkins' Atheismus-Wahn
Summary
Erstmalig veröffentlicht in: Contending with Christianity's Critics, S. 2-5, Hrsg. Paul Copan und W. L. Craig, Nashville, Tenn. 2009: Broadman und Holman. (Hier veröffentlicht mit freundlicher Genehmigung.)
Richard Dawkins hat sich zum enfant terrible der Bewegung des Neuen Atheismus entwickelt. Sein Bestseller Der Gotteswahn (engl. The God Delusion, erschienen 2006)ist zu dem wichtigsten Referenzwerk, ja zu einem Manifest dieser Bewegung geworden [1]. In dem Werk versucht Dawkins zu zeigen, dass der Glaube an Gott eine Wahnvorstellung ist, oder auch "eine falsche Überzeugung oder ein falscher Eindruck", oder schlimmer, "eine dauerhafte falsche Vorstellung, die trotz starker entgegengesetzter Belege aufrechterhalten wird, insbesondere als Symptom einer psychiatrischen Erkrankung". [2] Auf den Seiten 222f in Der Gotteswahn fasst Dawkings die - wie er es nennt – “zentrale Argumentation meines Buches” zusammen. [3] Daher sollte man sich diese Argumentation genau ansehen. Wenn dieses Argument versagt, dann ist Dawkins Buch im Kern ausgehöhlt. Und das Argument ist in der Tat beschämend schwach.
Sie lautet wie folgt:
"1. Eine der größten Herausforderungen für den menschlichen Geist war lange Zeit die Frage, wie im Universum der Anschein komplexer, unwahrscheinlicher Gestaltung (Design) entstehen konnte.
2. Es ist eine natürliche Versuchung, den Anschein von Gestaltung auf tatsächliche Gestaltung zurückzuführen.
3. Diese Versuchung führt in die Irre, denn die Gestalterhypothese (Designerhypothese) wirft sofort die umfassendere Frage auf, wer den Gestalter gestaltet hat.
4. Die genialste und leistungsfähigste Erklärung für den Anschein von Design im Bereich der Biologie ist die darwinistische Evolution durch natürliche Selektion.
5. Eine entsprechende Erklärung für die Physik kennen wir nicht.
6. Wir sollten die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch in der Physik noch eine bessere Erklärung gefunden wird, die ebenso leistungsfähig ist wie der Darwinismus in der Biologie.
Daher existiert Gott mit ziemlicher Sicherheit nicht."
Schon auf den ersten Blick ist dieses Argument überhaupt nicht überzeugend, denn die atheistische Schlussfolgerung „Daher existiert Gott mit ziemlicher Sicherheit nicht“ scheint plötzlich aus heiterem Himmel zu kommen. Man muss kein Philosoph sein, um zu merken, dass dieser Schluss nicht aus den sechs vorangehenden Aussagen folgt.
Wenn wir diese sechs Aussagen als Prämissen eines Argumentes auffassen, aus welchen der Schluss folgen soll, „Daher existiert Gott mit ziemlicher Sicherheit nicht“, dann ist das Argument offensichtlich logisch ungültig. Es gibt keine logischen Schlussregeln, die es erlauben würden, aus diesen sechs Aussagen diese Schlussfolgerung zu ziehen.
Wenn man es etwas wohlwollender interpretiert, kann man diese sechs Aussagen statt als Prämissen, als zusammenfassende Aussagen von sechs Schritten in Dawkins’ kumulativer Begründung für seine Schlussfolgerung, dass Gott nicht existiere, auffassen. Aber selbst bei dieser wohwollenden Interpretation folgt der Schluss “Daher existiert Gott mit ziemlicher Sicherheit nicht” nicht aus den sechs Schritten, selbst wenn wir einräumen würden, dass jeder von ihnen – für sich genommen - wahr und berechtigt wäre. Der einzige Wahn, den Dawkins hier nachweisen konnte, ist sein eigener Wahn, dass es sich hier um ein Argument handelt, das "sehr ernsthaft gegen Gottes Existenz spricht". [4]
Was folgt denn aus den sechs Schritten von Dawkins’ Argument? Allerhöchstens folgt daraus, dass wir aus dem Anschein von Design im Universum nicht auf Gottes Existenz schließen sollten. Aber dieser Schluss ist gut mit Gottes Existenz vereinbar und sogar damit, dass man berechtigterweise an Gottes Existenz glaubt. Vielleicht sollten wir auf Grundlage des kosmologischen Arguments oder des ontologischen Arguments oder des moralischen Arguments an Gott glauben. Vielleicht gründet unser Glaube gar nicht auf Argumenten, sondern auf religiöse Erfahrungen oder auf göttliche Offenbarung. Vielleicht möchte Gott, dass wir ihm einfach glaubend vertrauen. Der Punkt ist, dass die Ablehnung von Design-Argumenten für Gottes Existenz nichts zum Beweis der These beiträgt, dass Gott nicht existiere, und noch nicht mal dafür, dass der Glaube an Gott nicht gerechtfertigt ist. Ja, viele christliche Theologen haben Argumente für die Existenz Gottes abgelehnt, ohne deshalb Atheisten zu werden.
Also ist Dawkins’ Argument für Atheismus ein Fehlschlag, selbst wenn wir – nur um auf dieses Argument einzugehen – einräumten, dass alle Schritte für sich betrachtet korrekt sind. Aber tatsächlich sind mehrere der Schritte eindeutig falsch. Nehmen wir zum Beispiel Schritt (3). Dawkins behauptet hier, dass man nicht gerechtfertigt ist, auf Design (intelligente Planung) als die beste Erklärung für die komplexe Ordnung des Universums zu schließen, denn dann würde sich ein weiteres Problem ergeben: Wer hat den Designer gemacht?
Dieser Einwand ist mindestens in zweierlei Hinsicht fehlerhaft. Erstens, um eine Erklärung als die beste erkennen zu können, braucht man nicht eine Erklärung der Erklärung. Dies ist ein ganz grundlegender Aspekt von Schlüssen auf die beste Erklärung, wie sie in der Wissenschaftstheorie verwendet werden. Wenn Archäologen in der Erde graben und dort z.B. Dinge finden, die wie Pfeilspitzen, Axtkeile und Tonscherben aussehen, wären sie in dem Schluss gerechtfertigt, dass diese nicht ein Zufallsprodukt aus Sedimentation und Metamorphose (zufälliger Veränderung der Gestalt im zeitlichen Ablauf) sind, sondern Erzeugnisse einer unbekannten Gruppe von Menschen, auch wenn sie keine Erklärung dafür haben, wer diese Menschen waren oder wo sie herkamen.
Wenn Astronauten auf der abgelegenen Seite des Mondes einen Haufen von Maschinen fänden, wären sie in ähnlicher Weise gerechtfertigt in dem Schluss, dass diese von intelligenten, außerirdischen Wesen stammen, selbst wenn sie überhaupt keine Ahnung hätten, wer diese außerirdischen Wesen waren oder wie sie dort hingekommen sind. Um eine Erklärung als die beste erkennen zu können, ist es nicht notwendig, eine Erklärung für die Erklärung liefern zu können. Wenn man das fordern würde, würde das zu einem unendlichen Regress an Erklärungen führen (man bräuchte dann eine Erklärung der Erklärung der Erklärung etc.). Nichts könnte jemals erklärt werden, und das würde die Wissenschaft zerstören. Um in diesem Fall erkennen zu können, dass intelligente Planung bzw. Design die beste Erklärung für den Anschein von Design im Universum ist, muss man nicht in der Lage sein, den Designer zu erklären.
Zweitens ist Dawkins der Auffassung, dass im Falle eines göttlichen Gestalters des Universums der Designer genauso komplex ist wie der Gegenstand, der zu erklären ist (das Universum), sodass keinerlei Fortschritt in der Erklärung erzielt worden ist. Dieser Einwand wirft eine Reihe von Fragen auf über die Rolle, die Einfachheit für die Einschätzung von konkurrierenden Erklärungen hat; zum Beispiel, wie Einfachheit zu gewichten ist im Vergleich mit anderen Kriterien wie Aussagekraft, Reichweite der Erklärung etc. Wenn eine weniger einfache Hypothese andere konkurrierende Hypothesen z.B. an Erklärungsumfang und Erklärungskraft übertrifft, dann ist sie vielleicht dennoch die bessere Erklärung, trotz der geringeren Einfachheit.
Aber lassen wir diese Fragen beiseite. Dawkins' grundlegender Fehler liegt in seiner Annahme, dass ein göttlicher Designer ein Wesen ist, das in Komplexität mit dem Universum vergleichbar ist. Als ein körperloser Geist ist Gott aber ein bemerkenswert einfaches Wesen. Als ein nicht-physikalisches Wesen ist ein Geist nicht aus Teilen zusammengesetzt, und seine hervorstechenden Merkmale wie Selbst-Bewusstsein, Rationalität und Wille gehören essentiell zu ihm. Im Gegensatz zum kontingenten und vielfältig gestalteten Universum mit all seinen unerklärbaren Quantitäten und Konstanten (die Dawkins im fünften Schritt seines Argumentes erwähnt) [5], ist ein göttlicher Geist verblüffend einfach. Sicherlich könnte so ein Geist bzw. so ein Geistwesen komplexe Gedanken haben - er könnte z.B. über Infinitesimalrechnung nachdenken - aber der Geist selber ist ein bemerkenswert einfaches Gebilde. Dawkins hat offensichtlich die Gedanken eines Geistes, die in der Tat komplex sein können, mit dem Geist selber verwechselt, der ein unglaublich einfaches Gebilde [6] ist. Daher ist das Schließen auf einen göttlichen Geist als Ursache des Universums auf jeden Fall ein Fortschritt in der Erklärung.
Andere Schritte im Argument von Dawkins sind ebenfalls problematisch; aber ich glaube, es wurde bislang genug gesagt, um zu zeigen, dass sein Argument nichts leistet, um den Schluss auf Design aufgrund des Anscheins von Design bzw. der Komplexität des Universums zu untergraben, ganz zu schweigen davon, dass es als Rechtfertigung für Atheismus dienen könnte.
Vor einigen Jahren hat mein atheistischer Kollege Quentin Smith Stephen Hawkings Argument gegen Gottes Existenz, welches er in dem Bestseller Eine kurze Geschichte der Zeit formuliert hatte, als das "schlechteste atheistische Argument in der Geschichte des westlichen Denkens" bezeichnet [7]. Seit dem Erscheinen des Buches Der Gotteswahn mag die Zeit gekommen sein, Hawking von seiner gewichtigen Krone zu befreien und die rechtmäßige Thronfolge Richard Dawkins' anzuerkennen.
William Lane Craig
(Übers.: R. Nolte)
Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/dawkins-delusion
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[1]
DER SPIEGEL 22/2007 hat Richard Dawkins als den "Papst" des Neuen Atheismus bezeichnet. (Anm. d. Übers.)
DER SPIEGEL 22/2007 hat Richard Dawkins als den "Papst" des Neuen Atheismus bezeichnet. (Anm. d. Übers.)
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[2]
Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Berlin 2007: Ullstein, S. 17f, Engl. Originalausgabe: Richard Dawkins, The God Delusion, Boston 2006: Houghton Mifflin, S. 5.
Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Berlin 2007: Ullstein, S. 17f, Engl. Originalausgabe: Richard Dawkins, The God Delusion, Boston 2006: Houghton Mifflin, S. 5.
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[3]
Engl. Original S. 157-158
Engl. Original S. 157-158
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[4]
Ebd., S. 221.
Ebd., S. 221.
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[5]
Auch unter dem Ausdruck "Feinabstimmung des Universums" bekannt. Der Optimismus in Schritt (6) von Dawkins' Argument für das Auffinden einer rein physikalischen Erklärung für die kosmische Feinabstimmung entbehrt jeglicher Basis und ist nur der Ausdruck eines blinden Glaubens eines Naturalisten. Näheres zum teleologischen Argument (Design-Argument) aus der Feinabstimmung der Naturkonstanten und Größen, siehe W.L. Craig: Reasonable Faith, Wheaton, IL 2007: Crossway, 3. Auflage, S. 157-179.
Auch unter dem Ausdruck "Feinabstimmung des Universums" bekannt. Der Optimismus in Schritt (6) von Dawkins' Argument für das Auffinden einer rein physikalischen Erklärung für die kosmische Feinabstimmung entbehrt jeglicher Basis und ist nur der Ausdruck eines blinden Glaubens eines Naturalisten. Näheres zum teleologischen Argument (Design-Argument) aus der Feinabstimmung der Naturkonstanten und Größen, siehe W.L. Craig: Reasonable Faith, Wheaton, IL 2007: Crossway, 3. Auflage, S. 157-179.
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[6]
Dawkins' Verwirrung wird offensichtlich, wenn er klagt: "Ein Gott, der ständig den Zustand jedes einzelnen Teilchens im Universum überwacht und kontrolliert, kann nicht einfach sein. Seine Existenz erfordert schon als solche eine ungeheuer umfangreiche Erklärung. Und was unter dem Gesichtspunkt der Einfachheit noch schlimmer ist: Andere Winkel von Gottes Bewusstsein werden durch die Taten, Gefühle und Gebete jedes einzelnen Menschen beschäftigt gehalten - und vielleicht auch von den intelligenten Wesen auf anderen Planeten in unserer und in 100 Milliarden anderer Galaxien." (Der Gotteswahn, S. 210; Originalausgabe S. 149). Hier verwechselt er Gott mit dem, worüber Gott nachdenkt. Zu sagen, dass Gott als eine immaterielle (nicht-körperliche) Instanz außergewöhnlich einfach ist, heißt noch nicht, Thomas von Aquins Lehre zu übernehmen, Gott sei auch "logisch einfach". (Diese Lehre lehnt Dawkins ab, siehe Der Gotteswahn, S. 211 (Original S. 150). Gott kann verschiedene Eigenschaften haben, ohne die Art von Komplexität zu haben, über die Dawkins spricht, nämlich "Heterogenität der Teile" (ebd., S. 211, Original S. 150).
Dawkins' Verwirrung wird offensichtlich, wenn er klagt: "Ein Gott, der ständig den Zustand jedes einzelnen Teilchens im Universum überwacht und kontrolliert, kann nicht einfach sein. Seine Existenz erfordert schon als solche eine ungeheuer umfangreiche Erklärung. Und was unter dem Gesichtspunkt der Einfachheit noch schlimmer ist: Andere Winkel von Gottes Bewusstsein werden durch die Taten, Gefühle und Gebete jedes einzelnen Menschen beschäftigt gehalten - und vielleicht auch von den intelligenten Wesen auf anderen Planeten in unserer und in 100 Milliarden anderer Galaxien." (Der Gotteswahn, S. 210; Originalausgabe S. 149). Hier verwechselt er Gott mit dem, worüber Gott nachdenkt. Zu sagen, dass Gott als eine immaterielle (nicht-körperliche) Instanz außergewöhnlich einfach ist, heißt noch nicht, Thomas von Aquins Lehre zu übernehmen, Gott sei auch "logisch einfach". (Diese Lehre lehnt Dawkins ab, siehe Der Gotteswahn, S. 211 (Original S. 150). Gott kann verschiedene Eigenschaften haben, ohne die Art von Komplexität zu haben, über die Dawkins spricht, nämlich "Heterogenität der Teile" (ebd., S. 211, Original S. 150).
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[7]
Quentin Smith, "The Wave Function of a Godless Universe", in: Theism, Atheism, and Big Bang Cosmology (Oxford 1993: Clarendon Press, S. 322).
Quentin Smith, "The Wave Function of a Godless Universe", in: Theism, Atheism, and Big Bang Cosmology (Oxford 1993: Clarendon Press, S. 322).