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#142

September 20, 2016
F

Frage 1:

Ich habe das Konzept des mittleren Wissens studiert und würde gern Ihre Auffassung zu folgenden Punkten erfahren:

1) Gibt es Menschen, die Gott nicht zum Heil prädestinieren kann, weil sie Christus aus freier Entscheidung ablehnen würden, ganz gleich in welche Umstände Gott sie stellen würde?

2) Gibt es Menschen, die einem Aufruf zur Bekehrung in einer Gemeinde nicht folgen würden, die aber aufgrund einer Begegnung mit Christus auf der Straße nach Damaskus zum Glauben kommen würden?

3) Würde Gott dem Menschen in Frage 2) eine Begegnung mit Christus auf der Straße nach Damaskus passiv vorenthalten, wenn Gott ihn nicht erwählt hat?

Danke

Michael

Frage 2 :

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich weiß diese Gelegenheit zu schätzen, einem so großen Denker wie Ihnen eine Frage stellen zu können. Mich fasziniert die Debatte über das mittlere Wissen, aber oberflächlich betrachtet scheint sie vielleicht allzu simplistisch zu sein. Sagen wir zum Beispiel, dass es unter den möglichen Welten zwei gibt, die folgende Bedingungen erfüllen:

Mögliche Welt #1:

1. Es gibt 3 Personen (A, B und C).
2. Person A findet eine Bibel und wird errettet.
3. Person A teilt Person B das Evangelium mit, die daraufhin errettet wird.
4. Person C wird nie errettet, denn obwohl sie das Evangelium hört, hat sie beschlossen, alles abzulehnen, was Person B glaubt. (Ich kenne solche Menschen!)

Mögliche Welt #2:

1. Es gibt 3 Personen (A, B und C).
2. Person A findet eine Bibel und wird errettet.
3. Person A teilt Person C das Evangelium mit, die daraufhin errettet wird.
4. Person B wird nie errettet, denn obwohl sie das Evangelium hört, hat sie beschlossen, alles abzulehnen, was Person C glaubt.

Frage: Welche Welt würde Gott vorziehen? Diejenige, in der die Personen A und B errettet werden (Welt #1) oder diejenige, in der die Personen A und C errettet werden (Welt #2)? Wenn viele mögliche Welten mit jeweils vielen Kontingenzen existieren, scheint es so zu sein, dass Gott vielleicht eine Wahl treffen muss, bei der potentiell errettete Menschen nie errettet werden.

Danke,

Bruce

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Molinismus

Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass Luis de Molina seine Lehre des göttlichen mittleren Wissens – oder das, was man heute als Molinismus bezeichnet – als Antwort auf die stark prädestinatorischen Auffassungen protestantischer Reformatoren wie Luther und Calvin entwickelte. Er wollte eine Lehre entwickeln, welche die göttliche Souveränität extrem stark betont, um so den theologischen Ansprüchen der Reformatoren zu genügen, aber er wollte gleichzeitig die Realität des menschlichen freien Willens bestätigen. Menschen, denen die starke Bekräftigung der göttlichen Souveränität durch die Reformatoren nicht zusagt, neigen deshalb dazu, Molinas Auffassung ebenfalls abzulehnen. Doch wie die Reformatoren nahm Molina – ob es einem gefällt oder nicht – die biblische Behauptung der Souveränität Gottes über die Geschicke der Menschen ernst.

Bruce, kommen wir zuerst zu Ihrer Frage und nehmen wir einmal an, dass dies nicht einfach mögliche Welten sind, sondern Welten, deren Erschaffung für Gott verwirklichbar sind (zu einer Erklärung über den Unterschied zwischen möglichen und verwirklichbaren Welten, siehe Frage #138 [1]). Nehmen wir ferner um des Argumentes willen an, dass dies die einzigen nur von A, B und C bewohnten Welten sind, deren Erschaffung für Gott in Frage kommt. In einem solchen Fall liegt es an Gottes freier und souveräner Entscheidung, welche Welt vorzuziehen ist. Sofern alles andere gleich ist (wir wissen nicht, wie der Rest dieser Welten ist), scheinen diese zwei Welten in ihrem Wert exakt gleich zu sein, und so sehe ich keinen Grund, weshalb Gott die eine der anderen vorziehen sollte. Es scheint eine ähnliche Wahl zu sein, wie sie in dem klassischen Fall des Esels von Buridan beschrieben wird – des unglückseligen Tieres, das von zwei gleichermaßen appetitlichen Heubündeln gleich weit entfernt ist. Die Debatte lautete, ob der Esel, da ihm ein freier Wille fehlt, verhungern würde, da er keinen Anlass hat, das eine Heubündel dem anderen vorzuziehen. Ein Mensch würde nie in einer solchen Situation gefangen sein, da es gerade zur Natur des freien Willens gehört, eine willkürliche Entscheidung zwischen zwei gleich guten Alternativen zu treffen. So scheint mir, dass Gott willkürlich zwischen diesen beiden Welten wählen könnte (obwohl es zahllose andere Optionen gibt).

Molinismus – Gottes freie Entscheidung und die freie Antwort des Menschen

Angenommen, Gott beschließt, die Welt #2 zu erschaffen. Dann ist Person B verdammt, obwohl sie errettet worden wäre, wenn Gott beschlossen hätte, stattdessen die Welt #1 zu erschaffen. Das scheint Ihnen zu widerstreben, Bruce. Wenn das so ist, dann müssen Sie berücksichtigen, dass Gott in jeder Welt die Errettung jedes Menschen will und ausreichend Gnade zur Errettung dieses Menschen bereitstellt. Die Welt mit Personen A, B und C, die Gott wirklich zu erschaffen vorzieht, ist eine, in der A, B, und C alle aus freier Entscheidung Gottes Gnade annehmen und Errettung finden. Leider, ex hypothesi, ist diese Welt zwar möglich, aber für Gott nicht zu verwirklichen. Eine der drei Personen wird seltsamerweise Gottes rettende Gnade ablehnen und sich für immer von Gott trennen. Obwohl Gott also souverän entscheidet, welche Welt er erschaffen wird, liegt es an den Personen dieser Welt, ob sie errettet werden oder nicht. Ein französischer Molinist hat dieses Paradox sehr prägnant formuliert:

"Es liegt an Gott, ob ich mich in einer Welt befinde, in der ich zum Heil prädestiniert bin; aber es liegt an mir, ob ich in der Welt, in der ich mich befinde, zum Heil prädestiniert bin."

Denken Sie lange und gründlich darüber nach. Solange der zweite Satz wahr ist, kann man Gott keine Verdammnis irgendeines Menschen vorwerfen.

In diesem Gedankenexperiment mit Welt #1 und Welt #2 beschränken wir ja um des Argumentes willen künstlich die Optionen Gottes. Deshalb folgt aus Ihrem Gedankenexperiment nicht, dass Gott „vielleicht eine Wahl treffen muss, bei der potentiell errettete Menschen nie errettet werden.“ Denn vielleicht hat Gott die Wahl getroffen, eine Welt zu aktualisieren, in welcher die Verdammten ausschließlich solche Menschen sind, die Gottes Gnade in jeder für Gott durchführbaren Welt, in der sie existieren, abgelehnt hätten. In diesem Fall ist es nicht wahr, dass Gott unerrettete Menschen erschuf, die, wie Sie es formulieren, „potentiell errettete Menschen“ sind. (Natürlich ist jede Person potentiell errettet, insofern es mögliche Welten gibt, in denen diese Person aus freier Entscheidung errettet wird; aber solche Welten sind vielleicht für Gott nicht machbar.) Vielleicht sind alle Verdammten transweltlich – d.h. in allen möglichen Welten – aufgrund ihres eigenen freien Willens verdammt. Das ist natürlich reine Spekulation, aber es zeigt, dass wir nicht vorschnell annehmen sollten, dass es Menschen gibt, die verdammt sind, obwohl sie errettet worden wären, wenn irgendeine andere machbare Welt die aktuale gewesen wäre.

Molinismus – Menschliche Freiheit und Gottes Gnade

Das führt uns zu Ihren Fragen, Michael. Die kurze Antwort auf sie alle lautet: „Wir wissen es nicht.“ (1) ist, wie wir gesehen haben, gewiss möglich; vielleicht ist es tatsächlich bei allen Verdammten so. Wiederum gibt es vielleicht Menschen wie in (2) beschrieben. Nehmen wir zum Beispiel jemand, der errettet wird, indem er die Bibel liest und die Überführung durch den Heiligen Geist wahrnimmt. Vielleicht wäre er auch errettet worden, wenn er eine Erfahrung wie die des Apostels Paulus auf dem Weg nach Damaskus gemacht hätte; aber er wäre nicht einem Aufruf zur Bekehrung in einer Gemeinde gefolgt. Ich kann keinen Grund sehen zu denken, dass es nicht solche Personen gibt.

Was (3) betrifft, ist Ihre Frage irreführend: Aus molinistischer Sicht ist das Problem nicht, dass Gott ihn nicht erwählt hat, sondern dass er Gott nicht gewählt hat. Aus Molinas Sicht gibt Gott jedem Menschen genug Gnade zur Errettung, aber Seine Gnade ist extrinsisch und nicht intrinsisch wirksam, denn sie verlangt eine freie Antwort seitens der Person, um zur Errettung dieser Person wirksam zu werden. Was Gott tatsächlich wählt, ist eine Welt, in der diese Person entweder frei auf Gottes Errettung antwortet oder sie frei ablehnt. Ich denke, was Sie also wirklich fragen, ist dies: Gibt es Menschen, die verdammt sind, weil sie Gottes Gnade in dieser Welt frei ablehnen, die aber aufgrund ihrer freien Entscheidung errettet worden wären, wäre stattdessen eine andere machbare Welt aktual gewesen, in welcher sie in irgendwelchen anderen Umständen gewesen wären? Und die Antwort auf diese Frage lautet, wie ich sagte: „Wir wissen es nicht.“ Wir können uns gut vorstellen, warum Gott eine Welt nicht erschaffen würde, in der diese Menschen sich in jenen anderen Umständen befinden würden: Vielleicht wären in einer solchen Welt stattdessen unzählige andere Menschen verdammt worden, sodass jene Welt maßgebliche Nachteile hätte. Andererseits werden vielleicht, wie oben angesprochen, alle Verdammten transweltlich (d.h. in allen möglichen Welten) verdammt, sodass niemand am Tag des Gerichts zu Gott sagen könnte: „Hättest du mich nur in irgendwelchen anderen Umständen erschaffen, dann wäre ich frei errettet worden!“

Die Lehre des mittleren Wissens bezieht zu solchen Fragen keine Stellung, sondern sie ist eine Lehre, die kreativ verwendet werden kann, um verschiedene Optionen zu vertreten.

(Übers.: M. Wilczek)

Link to the original article in English: /molinism

  • [1]

    Frage der Woche #138: “Göttliche Souveränität und Quanten-Indeterminismus”, siehe /german/qa138

- William Lane Craig