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July 4, 2020Sehr geehrter Prof. Craig,
ich finde Ihren Vorschlag, Adam und Eva als das erste Paar des Homo heidelbergensis (HH) zu identifizieren, sehr spannend. Aber könnten Sie einmal etwas genauer erläutern, warum gerade diese Spezies gut zu dem ersten Menschenpaar passen würde?
Sie haben an anderer Stelle gesagt, dass es schwierig ist, festzulegen, was für notwendige und hinreichende Eigenschaften erfüllt sein müssen, damit jemand eine Person ist, und dass wir diese Eigenschaften auf dem Wege der Introspektion in unsere eigenen Fähigkeiten feststellen können. Mir scheint u. a. die Fähigkeit zur sprachlichen Kommunikation ein inhärentes Kriterium für das Menschsein zu sein.
Wäre es für Ihren Vorschlag ein Problem, wenn HH diese Fähigkeit zur sprachlichen Kommunikation nicht gehabt hätte? Und wie ist es mit dem Thema „Kunst“? Hat die Paläoanthropologie Hinweise auf sehr frühe künstlerische Fertigkeiten ergeben? Oder sind solche Fähigkeiten für Sie lediglich etwas Kulturelles, aber kein notwendiger Faktor für das Menschsein? Mir scheint, dass es den Status von HH als Mensch beeinträchtigen würde, wenn er weder eine Sprache hatte noch künstlerisch tätig war.
Ich frage mich auch, ob möglicherweise die Entdeckung von Kreuzungen von Homo sapiens (HS) mit anderen Hominiden mit zu Ihrer Theorie, dass Adam und Eva Exemplare des HH und nicht des HS waren, beigetragen hat. Ist dem so? Wenn man entdecken würde, dass HH sich mit anderen Hominiden gekreuzt hat, was für Auswirkungen hätte das auf Ihre Position? Und meine letzte Frage: Was an HH, das ihn von anderen, früheren Hominiden unterscheidet, führt Sie zu dem Schluss, dass es eine fundamentale Diskontinuität zwischen ihm und seinen Vorgängern gibt? Ich habe den Eindruck, dass es bei Adam und Eva, was die geistigen Fähigkeiten angeht, irgendeinen Sprung nach vorne gegenüber anderen Spezies braucht, um sie im vollen Sinne als Menschen betrachten zu können. Worin bestand dieser Sprung Ihrer Ansicht nach? Ich freue mich immer auf Ihre Antwort!
Mit den besten Grüßen,
Hidde
Niederlande
Netherlands
Prof. Craigs Antwort
A
Danke für Ihre Frage, Hidde! Es ist schön, zu wissen, dass es auch in den Niederlanden Menschen gibt, die sich für meine Arbeit interessieren, und ich informiere Sie nur zu gerne über meine aktuellen Projekte.
Meine provisorische Gleichsetzung Adams mit dem Homo heidelbergensis (Heidelbergmensch) gründet auf den wachsenden Hinweisen darauf, dass die Neandertaler Menschen waren. Wenn sie, wie der Homo sapiens, tatsächlich Menschen waren, dann kann Adam nicht später anzusetzen sein als der letzte gemeinsame Vorfahre von Homo sapiens und Neandertaler, und als dieser gilt gemeinhin der Heidelbergmensch, dessen Gehirnkapazität in der Größenordnung des neuzeitlichen Menschen lag und der somit ein guter Kandidat für den ersten Menschen ist.
Sie haben völlig recht, dass „es schwierig ist, festzulegen, was für notwendige und hinreichende Eigenschaften erfüllt sein müssen, damit jemand eine Person ist.“ Deswegen nenne ich Bedingungen, die lediglich hinreichend für das Personsein sind, ohne mich bezüglich ihrer Notwendigkeit festzulegen. So gelten z. B. Sprache und Kunst gemeinhin als hinreichende Bedingungen für den Status als Person, da sie auf die für den modernen Menschen typische Fähigkeit zum symbolischen Denken hindeuten. Das ist der Grund, warum die kürzliche Entdeckung der Höhlenkunst der Neandertaler in Spanien die Paläoanthropologen so elektrisiert hat. Die Befähigung zur Sprache ist logischerweise viel schwieriger nachzuweisen, doch zahlreiche Paläoanthropologen glauben, dass die archäologischen Artefakte der Neandertaler, die auf Planung und Kooperation hindeuten, den Schluss erlauben, dass sie auch eine Sprache hatten.
Solch ein kooperatives Verhalten ist beim Homo heidelbergensis wohlbezeugt, wie die faszinierenden Schöninger Speere zeigen. Hartmut Thieme, der Leiter der Ausgrabungen am Rand von Schöningen (Niedersachsen), hat erklärt, dass allein schon die Herstellung dieser Speere, die auf ein Alter von 300.000 bis 400.000 Jahren datiert werden (ganz zu schweigen von der zum Bejagen wilder Herdentiere nötigen Kooperation), bedeutet, dass diese Menschen zu abstraktem, begrifflichem Denken fähig waren.[1] Thieme geht davon aus, dass es für den Erfolg solcher Jagden einer mehr als sorgfältigen Planung, Koordination und Kommunikation unter den Jägern bedurfte, bis in die Details hinein.[2] „Die zusammen mit Steinwerkzeugen und den geschlachteten Überresten von mehr als zehn Pferden aufgefundenen Speere legen den Schluss nahe, dass die systematische, mit Weitblick, Planung und dem Einsatz der richtigen Technologie verbundene Jagd zum Verhaltensrepertoire vorneuzeitlicher Hominiden gehörte.“[3] Thieme findet sogar, dass es unter diesen frühen Jägern eine hochentwickelte, differenzierte verbale Kommunikation gegeben haben muss.[4] Allerhand!
Was würde es für meine Theorie bedeuten, wenn sich herausstellen würde, dass der Heidelbergmensch nicht künstlerisch oder sprachlich aktiv war? Es ist sehr schwierig, einen solchen Negativbefund zu beweisen; deswegen suchen die Archäologen eher nach positiven Anzeichen menschlichen Verhaltens. Wenn, wie von mir vorgeschlagen, Kunst und Sprache hinreichend für den Status als Mensch sind, folgt daraus nicht unbedingt, dass dann, wenn der Heidelbergmensch beides nicht hatte, er deswegen kein Mensch war. Es gibt bei den archäologischen Befunden eine Zeitdifferenz zwischen dem Aufkommen anatomischer Modernität, einschließlich eines großen Gehirnvolumens, und ihrem kulturellen Ausdruck in Form von Kunst und Sprache. Ein Urmensch kann durchaus schon die Fähigkeit zu Kunst und Sprache gehabt haben, auch wenn seine Umgebung den Einsatz dieser Fertigkeiten noch nicht erforderte. Doch dergleichen ist recht spekulativ, und ich glaube, dass es solide Indizien dafür gibt, dass der Heidelbergmensch in der Tat Verhaltensweisen (wie die Bejagung von Großwild und die Herstellung anspruchsvoller Waffen und Werkzeuge) aufwies, die neuzeitliche kognitive Fähigkeiten erforderten.
Kreuzungen zwischen Neandertaler und Homo sapiens sprechen eindeutig dafür, dass beide Menschen waren, obwohl für mich das Entscheidende nicht die genetische, sondern die archäologische Faktenlage ist. Was würde es für meine Theorie bedeuten, wenn der Heidelbergmensch sich mit anderen Hominiden kreuzte? Lediglich, dass ich würde nachfragen wollen, ob diese anderen Hominiden eine für ein menschliches Bewusstsein ausreichende Gehirnkapazität hatten. So wollen die Paläoanthropologen z. B. vor kurzem anhand von in Spanien gefundenen Überresten des sogenannten Homo antecessor herausgefunden haben, dass dieser eine Schwesterspezies von uns und den Neandertalern war. Mit seinem großen Gehirn und neuzeitlichen menschlichen Gesicht könnte auch er ein Nachfahre von Adam und Eva sein.
Vor dem Heidelbergmenschen kam offenbar der Homo erectus, der ein kleines Gehirn hatte und kein Verhalten zeigte, das auf eine neuzeitliche kognitive Kapazität schließen ließe. Zwischen ihm und dem Heidelbergmenschen mit seinem großen Gehirn und seinen hochentwickelten Verhaltensweisen liegt eindeutig ein Sprung. Solange keine Fakten auftauchen, die uns noch tiefer in die Vergangenheit führen, bleibe ich dabei, die ersten Menschen als Vertreter des Homo heidelbergensis zu betrachten
(Übers.: Dr. F. Lux)
[1] Hartmut Thieme, „Der große Wurf von Schöningen: Das neue Bild zur Kultur des frühen Menschen“, in: ders. (Hg.), Die Schöninger Speere: Mensch und Jagd vor 400.000 Jahren, hg. für das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege (Stuttgart: Theiss Verlag, 2008), S. 227.
[2] Hartmut Thieme, „Überlegungen zum Gesamtbefund des Wild-Pferd-Jagdlagers“, in: Die Schöninger Speere, S. 178.
[3] Hartmut Thieme, „Lower Paleolithic Hunting Spears from Germany“, Nature 385 (27. Februar 1997), S. 807.
[4] Hartmut Thieme, „Der große Wurf von Schöningen“, S. 227.
- William Lane Craig