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Über die vermeintliche metaphysische Überlegenheit der Zeitlosigkeit

Summary

Brian Leftow argumentiert, dass zeitlose Wesen aufgrund ihrer echteren Gegenwart und Einheit temporalen Wesen metaphysisch überlegen sind. Leftows Argument, dass ein zeitloses Wesen eine echtere Gegenwart hat, beruht auf einer systematisch falschen Auslegung tempushafter vs. tempusloser Zeittheorien, die sein Argument entkräftet. Leftows Argument, dass temporale Wesen weniger Einheit haben, beruht auf einem Missverständnis und einer reduktionistischen Interpretation der Speziellen Relativitätstheorie. Unabhängig davon, ob man eine präsentische oder nicht-präsentische Ontologie vertritt, ist Leftows weitere Behauptung, dass temporale Wesen nicht ihre ganze Existenz auf einmal haben, ein Irrtum.

„On the Alleged Metaphysical Superiority of Timelessness“, in: Sophia 37 (1998): 1-9.

In seiner kürzlich veröffentlichten Studie Time and Eternity behauptet Brian Leftow, dass eine zeitlose Existenz einer temporalen Existenz metaphysisch überlegen ist. [1] Er argumentiert ausführlich, dass zeitlose Wesen aufgrund ihrer echteren Gegenwart und größeren Einheit einen höheren Grad der Existenz haben als temporale Wesen und ihnen deshalb metaphysisch überlegen sind. [2] Daraus folgt, dass es für Gott als ein vollkommenes Wesen besonders angemessen wäre, zeitlos zu sein. In diesem Paper möchte ich Leftows Argumente für seine Behauptung auswerten.

I. Die echtere Gegenwart zeitloser Wesen

Die Behauptung, dass zeitlose Wesen eine echtere Gegenwart haben als temporale Wesen, ist prima facie erstaunlich, da Gegenwart – oder vielmehr Gegenwärtigkeit, um sie von einer nur räumlichen Gegenwart, dem Gegenteil von Abwesenheit, zu unterscheiden – die entscheidende tempushafte temporale Eigenschaft ist. Einem zeitlosen Wesen in irgendeinem buchstäblichen Sinn Gegenwärtigkeit zuzuschreiben, ist ein offenkundiger Widerspruch, denn wenn ein zeitloses Wesen Gegenwärtigkeit hatte, würde es jetzt existieren, in der gegenwärtigen Zeit. J. M. E. McTaggart, ein Schirmherr der modernen tempushaften Zeittheorie, stellte fest:

Das Ewige wird oft … als eine „ewige Gegenwart“ bezeichnet. Als Metapher ist das … in gewisser Weise passend, aber ich denke, dass man nicht mehr darin sehen kann, als eine Metapher. „Gegenwart“ ist nicht wie „Existenz“, ein Prädikat, das sich in demselben Sinn auf das Temporale und das Zeitlose beziehen lässt. Ihre Bedeutung scheint vielmehr einen klaren Bezug zur Zeit zu enthalten… [3]

Ich denke daher, dass die Auffassung von Eleonore Stump und Norman Kretzmann zutreffender ist als die von Leftow, wenn sie Gottes ewige Gegenwart als Gottes scheinbare Gegenwart verstehen, die sich auf die Gesamtheit der Zeit erstreckt, als subjektive statt als objektive Gegenwart. [4] Wenn antike Philosophen in präsentischen Begriffen von dem Ewigen sprachen – eine Ausdrucksweise, die in die mittelalterliche Theologie einfloss – beruhte dieser Sprachgebrauch wahrscheinlich auf fehlenden Mitteln einer tempuslosen Rede, da offensichtlich war, dass der Gebrauch von Tempora der Vergangenheit oder Zukunft unangemessen war. Platon schrieb, dass „ihm [dem ewigen Sein] doch nach der wahren Redeweise allein das ‚Es ist‘ zukommt, wogegen man die Ausdrücke ‚es war‘ und ‚es wird sein‘ lediglich von dem in der Zeit fortschreitenden Werden gebrauchen darf." [5] Platon räumt dann ein, dass der Gebrauch des präsentischen „ist“ mit der zeitlosen Ewigkeit nicht übereinstimmt, doch da kein tempusloser Ausdruck zur Verfügung stand, blieb nur das Präsens. Dieser Gebrauch des Präsens in Bezug auf das Ewige führte zu Metaphern wie der „ewigen Gegenwart“ Gottes oder sogar dem nunc stans (dem statischen Jetzt) der Ewigkeit im Gegensatz zu dem nunc movens (dem beweglichen Jetzt) der Zeit. Wenn diese Metaphern wörtlich aufgefasst werden, führt das zu Absurditäten. Zum Beispiel darf Gottes ewige Gegenwart nicht wie der gegenwärtige Augenblick vergehen, sodass er irgendwie andauern muss, was zu dem unsinnigen Ausdruck „atemporale Dauer“ führt. Nelson Pike stellte fest: „Wenn etwas ist, aber in einer solchen Weise ist, dass es nie richtig ist, zu sagen, dass es war oder dass es sein wird, dann ‚ist‘ es in einem Sinne, der nicht ‚ist jetzt‘ bedeutet.“ [6]

Leftow verteidigt jedoch die Behauptung, dass ein zeitloses Wesen ganz wahrhaftig gegenwärtig ist, ob man nun von einer tempushaften Zeittheorie oder einer tempuslosen Zeittheorie ausgeht. Tempushafte Zeittheorien behaupten, dass Attributionen, die Dingen oder Ereignissen Vergangenhaftigkeit, Gegenwärtigkeit und Zukünftigkeit zuschreiben, in irgendeiner Weise ein objektives Merkmal der Wirklichkeit ausdrücken, und nicht nur die Perspektive oder den subjektiven Eindruck wahrnehmungsfähiger Wesen. Nach Leftow gilt „bei einer tempushaften Zeittheorie: existieren = gegenwärtig sein.“ [7] Diese Behauptung mag zwar die Auffassung einiger Verteidiger tempushafter Zeittheorien darstellen, aber sie gilt nicht für alle und vielleicht nicht einmal für die meisten. Denn viele Verteidiger tempushafter Zeittheorien wären zweifellos durchaus bereit, neben temporal existierenden Dingen zumindest prinzipiell auch zeitlos bestehende Dinge in Form abstrakter Objekte in ihrer Ontologie zuzulassen. Denn für solche Denker kann „existieren“ tempushaft oder tempuslos sein, tempushaft bei temporalen Wesen, tempuslos bei atemporalen Entitäten. Nur bei temporalen Wesen ist Existenz gleichbedeutend mit Gegenwärtig-Sein. Somit es ist möglich, zu sein, ohne gegenwärtig zu sein. Außerdem sind einige Verteidiger der tempushaften Zeittheorie durchaus bereit, zu sagen, dass vergangene Ereignisse existieren, und einige sogar, dass zukünftige Ereignisse existieren, doch in keinem dieser Fälle sind solche Ereignisse gegenwärtig. „Existieren“ ist also tempuslos und – nach ihrer Auffassung – nicht mit „gegenwärtig sein“ gleichzusetzen. Zuletzt würden diese Tempus-Theoretiker, die ‚existieren‘ mit ‚gegenwärtig sein‘ gleichsetzen, Gott – wenn er existiert – nicht als atemporal betrachten. Alles, was existiert – selbst abstrakte Objekte – existiert vielmehr temporal und ist zu irgendeiner Zeit gegenwärtig. Solche Denker würden Gott – wenn er existiert – als ein Wesen betrachten, das omnitemporal ist, das jetzt existiert und eine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hat. Keiner dieser Denker würde Leftows Behauptung zustimmen, dass bei einer tempushaften Zeittheorie gilt:

Wenn ein zeitloses Wesen existiert, ist es ipso facto in irgendeinem Sinne gegenwärtig. … Somit existiert ein zeitloses Wesen in einer Gegenwart, für die nichts vergangen oder zukünftig ist, und innerhalb seiner Dauer ist nichts vergangen oder zukünftig. Wenn dies so ist, dann lässt sich argumentieren, dass zeitlose Wesen echter gegenwärtig sind als temporale Wesen: denn sie sind ohne jede Spur einer Vergangenheit oder Zukunft gegenwärtig. [8]

Eine Gegenwart ohne Vergangenheit oder Zukunft wäre nur möglich, wenn die Zeit aus einem einzigen Augenblick bestehen würde, und dann hätte sie überhaupt keine Dauer. Ein Wesen, das in einer solchen Gegenwart existiert, wäre nicht zeitlos, sondern temporal und flüchtig. Jede andere Art der Verwendung solcher tempushaften Wörter ist nicht-wörtlich oder verfehlt.

Leftow entwickelt dann weitere nicht-wörtliche Bedeutungen der Gegenwärtigkeit wie Charakter-Gegenwart und existentielle Gegenwart, die beide mit Unveränderlichkeit zu tun haben, nicht mit Gegenwärtigkeit. Diese Begriffe zeigen in keiner Weise, dass ein zeitloses Wesen echter gegenwärtig ist als ein temporales Wesen. Außerdem ist ein metaphysisch notwendiger, temporaler Gott so existentiell unveränderlich wie ein zeitloses Wesen, und die von Leftow definierte Charakter-Unveränderlichkeit (ein Wesen hat alle Attribute, die es je hat, auf einmal) erscheint mir überhaupt nicht als Vollkommenheit.

Leftow versucht dann zu rechtfertigen, warum Gott bei tempuslosen Zeittheorien echter gegenwärtig ist. Tempuslose Theorien zeichnen sich dadurch aus, dass sie verneinen, dass es tempushafte Tatsachen über die objektive Welt gibt, dass Dinge oder Ereignisse wirklich vergangen, gegenwärtig oder zukünftig sind. Alle Ereignisse in der temporalen Reihe der Ereignisse – ob aus unserer Perspektive vergangen, gegenwärtig oder zukünftig – sind ontologisch gleichwertig, und die Gegenwärtigkeit von Dingen oder Ereignissen, die mit uns simultan sind, ist nur eine Eigenschaft des subjektivem Bewusstseins.

Leftow legt die tempuslose Sicht der Zeit jedoch in fundamentaler Weise falsch aus. Er denkt:

Nach einer tempuslosen Zeittheorie ist Existenz = Gegenwärtigkeit oder Vergangenhaftigkeit oder Zukünftigkeit. . . Der Vertreter der tempuslosen Theorie wird nicht einräumen, dass etwas, das zum Zeitpunkt t existiert, zum Zeitpunkt t gegenwärtig ist. Vertreter der tempuslosen Theorie behaupten dagegen, dass etwas, das zum Zeitpunkt t existiert, zum Zeitpunkt t gegenwärtig oder vergangen oder zukünftig ist. … Bei einer tempuslosen Theorie gilt: Zum Zeitpunkt t existieren = zum Zeitpunkt t gegenwärtig oder vergangen oder zukünftig sein. [9]

Diese Darstellung ist verfehlt. Der Verteidiger tempusloser Zeittheorien glaubt nicht, dass es irgendwelche monadischen Eigenschaften der Vergangenhaftigkeit, Gegenwärtigkeit oder Zukünftigkeit gibt. Daher setzt er Existenz nicht mit der Disjunktion solcher Pseudo-Eigenschaften gleich, weil es sonst auch so etwas wie Existenz nicht gibt. Solche Theoretiker behaupten, dass Dinge oder Ereignisse existieren, ohne je vergangen, gegenwärtig oder zukünftig zu sein. Die disjunktive Analyse von „existieren“ ist eigentliche eine Technik einiger Tempus-Philosophen, um den tempuslosen Gebrauch des Verbs in tempushaften Begriffen zu analysieren: Zu sagen „x existiert (tempuslos)“ = „x hat existiert oder x existiert oder x wird existieren.“ Leftow scheint dieses Mittel mit tempuslosen Behauptungen verwechselt zu haben. Leftow hat Recht damit, dass Vertreter tempusloser Theorien normalerweise nicht einräumen, dass etwas, das zum Zeitpunkt t existiert, zum Zeitpunkt t gegenwärtig ist; doch er irrt mit seiner positiven Charakterisierung tempusloser Behauptungen solcher Theoretiker, dass etwas, das zum Zeitpunkt t existiert, zum Zeitpunkt t vergangen, gegenwärtig oder zukünftig ist. Einige Verteidiger der Zeitlosigkeit behaupten allenfalls, dass ein Ereignis zum Zeitpunkt t für ein wahrnehmungsfähiges Subjekt zum Zeitpunkt t'>t vergangen, für ein solches Subjekt zum Zeitpunkt t gegenwärtigund für ein solches Subjekt zum Zeitpunkt t*zukünftig sein kann. Vergangenhaftigkeit, Gegenwärtigkeit und Zukünftigkeit, sofern sie sich nicht auf die Relationen früher als, simultan mit und später als reduzieren lassen, sind subjektive Merkmale des Bewusstseins. Und zuletzt bedeutet „bei t existieren“ nicht, bei t gegenwärtig oder vergangen oder zukünftig zu sein, sondern einfach, bei t tempuslos lokalisiert zu sein; tempushafte Bestimmungen haben nichts damit zu tun.

Diese Missverständnisse der tempuslosen Zeittheorie entkräften Leftows weiteres Argument argument. Er behauptet, dass aufgrund der Tatsache, dass Gegenwärtigkeit Grade hat, auch die disjunktive Eigenschaft der drei Tempus-Bestimmungen Grade hat. Philosophen tempusloser Theorien betrachten jedoch alle diese Eigenschaften als unecht. Ähnlich argumentiert Leftow weiter, dass die folgende Behauptung für solche Denker annehmbar ist: „Zum Zeitpunkt t gilt: eine bei t lokalisierte Existenz = eine bei t lokalisierte Gegenwärtigkeit.“ Doch eine solche Identitätsaussage ist nach tempuslosen Theorien eindeutig falsch, und der Rest des Arguments scheitert. Daher scheint mir, dass Leftows Versuch, die höhere Existenz eines zeitlosen Wesens durch dessen echtere Gegenwart zu rechtfertigen, unangebracht ist.

II. Die größere Einheit zeitloser Wesen

Was ist nun mit der vermeintlichen größeren Einheit eines atemporalen Wesens? Leftow behauptet, dass existieren bedeutet, eine Art Einheit zu exemplifizieren, und dass ein atemporales Wesen, da es eine größere Einheit hat als ein temporales Wesen, einen höheren Grad der Existenz hat. Indem wir die strittige Gleichsetzung von Existenz und Einheit beiseite lassen, können wir fragen, warum temporale Wesen inhärent weniger Einheit haben als zeitlose Wesen. Leftow antwortet, dass räumliche Objekte aus Teilen zusammengesetzt sind, und erklärt: „Wenn die Spezielle Relativitätstheorie wahr ist, dann ist alles, was in der Zeit lokalisiert ist, im Raum lokalisiert.“ [10]

Doch eine solche Behauptung ist aus zwei Gründen problematisch. Erstens könnte man die Behauptung schon aus rein physikalischen Gründen in Frage stellen, da sie den Unterschied zwischen Zeitkoordinate und Zeitparameter nicht ausreichend berücksichtigt. Es ist wahr, dass die Zeit, sofern sie die Rolle einer Koordinate spielt, mit einem System räumlicher Koordinaten verbunden ist, sodass etwas, dem eine temporale Koordinate zugeordnet werden kann, so ist, dass ihm auch räumliche Koordinaten zugeordnet werden können. Doch sofern die Zeit als ein Parameter fungiert, ist sie vom Raum unabhängig, und man muss von etwas, das eine temporale Lokalisierung und Ausdehnung besitzt, nicht behaupten, im Raum ebenso wie in der Zeit zu existieren. In der Newtonschen Mechanik hat die Zeit die Rolle eines Parameters, nicht einer Koordinate, und interessanterweise gilt dasselbe für Einsteins Formulierung der Speziellen Relativitätstheorie – die heute bekannte Raumzeit-Formulierung entwickelte sich später durch Minkowski. Die Spezielle Theorie lässt sich auf beide Weisen gültig formulieren. Um eine globale Perspektive zu erreichen, müssen wir außerdem, da die Spezielle Theorie nur eine lokale Theorie ist, die Zeit in ihrer Funktion in kosmologischen Modellen betrachten, die auf der Allgemeinen Relativitätstheorie basieren, und in dieser Hinsicht Frage schweigt Leftow. Während die Zeit in den Friedman-Standardmodellen durch räumliche Hyperflächen definiert ist, unterscheidet sich der Zeitparameter in dem Robertson-Walker-Linienelement, das die Raumzeit-Metrik beschreibt, gerade durch ihre Unabhängigkeit vom Raum. Außerdem sind räumlich-temporale Koordinaten in der Allgemeinen Theorie rein konventionell und haben keine physikalische Bedeutung. Daher ist nicht offensichtlich, dass ein Wesen nicht in einem bestimmten Moment der kosmischen Zeit existieren könnte, ohne auch räumlich lokalisiert zu sein.

Leftows Argument leidet jedoch unter einem viel gravierenderen Mangel. Das Argument scheint auf einer entscheidenden Präsupposition zu basieren, die sich fundamental auf die vertretenen Zeittheorien und die Ewigkeit auswirkt und die ich für gründlich verfehlt halte, nämlich auf der reduktionistischen Gleichsetzung der Zeit mit der physikalischen Zeit, das heißt mit der Zeit, wie sie in der Physik eine Rolle spielt. Dass die Gleichsetzung verfehlt ist, zeigt eine einfache Tatsache: Während die physikalische Zeit nach der Singularität des Urknalls in Existenz kam, kann die Zeit selbst durchaus vor der anfänglichen kosmologischen Singularität existiert haben. Eine Abfolge mentaler Ereignisse in Gottes Sinn – zum Beispiel sein Zählen – würde schon genügen, um in Abwesenheit jeglicher physikalischer Objekte eine temporale Reihe zu erzeugen. [11] So ist offenkundig nicht der Fall, dass etwas dann und nur dann in der Zeit ist, wenn es im Raum ist – und dass metaphysische Wahrheit nicht durch die Tatsache verneint wird, dass in der physikalischen Theorie ein Ereignis, dem eine temporale Koordinate in der Raumzeit zugeschrieben wird, auch räumliche Koordinaten hat. [12]

Leftow behauptet auch, dass ein zeitloses Wesen größere Einheit hat als ein temporales Wesen, weil es „seine ganze Dauer auf einmal“ hat, während die Dauer eines temporalen Wesens ihm „von Augenblick zu Augenblick zugeträufelt wird.“ [13] Man könnte gegen diese Charakterisierungen einwenden, dass ein zeitloses Wesen überhaupt keine buchstäbliche Dauer hat und dass temporales Werden sich nicht augenblicksweise vollziehen muss. Doch diese Ungenauigkeiten lassen sich behehen, ohne den Kern des Arguments zu beeinträchtigen. Man braucht nur „Dauer“ durch „Existenz“ und „von Augenblick zu Augenblick“ durch „fortlaufend“ zu ersetzen. Nichtsdestoweniger gilt: Bei einer Ontologie des Präsentismus, nach der nur solche temporalen Dinge oder Ereignisse existieren, die gegenwärtig sind, hat ein temporales Wesen, das gegenwärtig ist, die Gesamtheit seiner Existenz, die es gibt, und ein zeitloses Wesen kann nicht mehr Einheit für sich beanspruchen als dies. Was die Einheit im Verlauf der Zeit betrifft, besteht sie in seiner Identität im Verlauf der Zeit; sie besteht darin, dass es durch intrinsische Veränderungen hindurch als dasselbe Objekt fortbesteht; diese Errungenschaft (die für ein zeitloses Wesen unmöglich ist), wird plausibel als Bestätigung seiner Einheit verstanden, statt seine Einheit zu verringern. Wenn wir dagegen von einer tempuslosen Zeittheorie ausgehen, dann ist es falsch, dass die Existenz temporaler Objekte ihnen im Verlauf der Zeit zugeträufelt wird. Sie existieren vielmehr einfach tempuslos an ihren (räumlich-)temporalen Orten und ihre Einheit ist einfach genauso groß wie die eines zeitlosen Wesens. Tatsächlich ist, in der Terminologie von Leftow ausgedrückt, relativ zu einem zeitlosen Wesen die Weltlinie eines temporalen Objekts (die viele Verfechter der tempuslosen Theorie einfach als das Objekt selbst verstehen) extrinsisch zeitlos, obwohl sie insofern intrinsisch temporal ist, dass sie in sich eine durch temporale Relationen geordnete Struktur hat. Nichts kommt in Existenz oder vergeht; alles existiert einfach (tempuslos). Es ist also schwer zu sehen, wie ein zeitloses Wesen qua zeitlos eine größere Einheit haben sollte als ein temporales Wesen.

Zusammenfassend sehe ich nicht, dass Leftow gezeigt hat, dass zeitlose Wesen inhärent eine echtere Gegenwärtigkeit oder einen größeren Grad der Einheit haben als temporale Wesen. Er hat also nicht demonstriert, dass ein zeitloser Gott einem temporalen Gott metaphysisch überlegen ist. [14]

 

(Übers.: Marita Wilczek) Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/on-the-alleged- metaphysical-superiority-of-timelessness

  • [1]

    Brian Leftow, Time and Eternity (Ithaca, N.Y.: Cornell University Press, 1991), S. 278.

  • [2]

    Ibid., Kap. 5.

  • [3]

    Aus dem Englischen übersetzt aus: John Ellis McTaggart, „The Relation of Time and Eternity“, in: Mind 18 (1909): 347.

  • [4]

    Eleonore Stump und Norman Kretzmann, „Eternity, Awareness, and Action“, in: Faith and Philosophy 9 (1992): 468.

  • [5]

    Platon, Timaios 7. 38.

  • [6]

    Nelson Pike, God and Timelessness, Studies in Ethics and the Philosophy of Religion (New York: Schocken Books, 1970), S. 15.

  • [7]

    Leftow, Time and Eternity, S. 84.

  • [8]

    Ibid.

  • [9]

    Leftow, Time and Eternity, S. 91.

  • [10]

    Ibid., S. 100; cf. S. 98.

  • [11]

    Zu guten Darstellungen des Sachverhalts siehe Grace M. Jantzen, God's World, God's Body, mit einem Vorwort von John MacQuarrie [London: Darton, Longman, and Todd, 1984], S. 44); W. Norris Clarke, The Philosophical Approach to God (Winston-Salem, N.C.: Wake Forest University, 1979), S. 94.

  • [12]

    Die beiden zeitgenössischen Denker, die die Unterscheidung zwischen der Zeit und der physikalischen Zeit am klarsten herausgestellt haben, sind Quentin Smith, Language and Time (New York: Oxford University Press, 1993), Kap. 7, und Alan Padgett, God, Eternity and the Nature of Time (N.Y.: St. Martin's Press, 1992), Kap. 1.

  • [13]

    Leftow, Time and Eternity, S. 98.

  • [14]

    Leftow behauptet auch: Wenn wir die Art und Weise untersuchen, wie wir Träume von der Wirklichkeit unterscheiden, dann entdecken wir mehrere Kriterien einer höheren Realität, die auch zeigen, dass zeitlose Wesen eine größere Realität haben als temporale Wesen (Ibid., S. 100-110). Diese Vorgehensweise scheint mir jedoch verfehlt zu sein, da die Kriterien nur Kriterien für unsere Unterscheidung zwischen Realität und Träumen sind; sie sind keine Eigenschaften, welche die Welt realer machen als Träume. Leftow verwechselt den ordo cognoscendi mit dem ordo essendi.