English Site

Gott ist noch nicht tot

Summary

Prof. Craigs Titelgeschichte für Christianity Today, in welcher er die Renaissance von Argumenten für die Existenz Gottes unter zeitgenössischen Philosophen beschreibt. Er endet mit einigen provokativen Kommentaren über die Relevanz der Argumente, die den Mythos platzen lassen, dass wir in einer postmodernen Kultur leben.

Ursprünglich erschienen in: Christianity Today. Juli 2008, S. 22-27. Abdruck mit freundlicher Genehmigung.

Nach der jüngsten Flut atheistischer Bestseller zu urteilen könnte man meinen, der Glaube an Gott sei für denkende Menschen der heutigen Zeit intellektuell nicht zu rechtfertigen. Doch ein Blick auf die Bücher von – unter anderen – Richard Dawkins, Sam Harris und Christopher Hitchens bringt rasch ans Licht, dass es dem sogenannten Neuen Atheismus an intellektueller Muskelmasse mangelt. In seliger Unkenntnis übersieht er die Revolution, die in der angloamerikanischen Philosophie geschehen ist. Er spiegelt eher den Szientismus [1] einer vergangenen Generation wider als die zeitgenössische intellektuelle Szene.

Ihren kulturellen Höhepunkt erreichte diese Generation am 8. April 1966, als das Time-Magazin eine Titelgeschichte brachte und die entsprechende Titelseite auf völlig schwarzem Hintergrund drei grellrote Wörter zeigte: „Ist Gott tot?“ Die Geschichte beschrieb die „Gott-ist-tot“-Bewegung in der damaligen amerikanischen Theologie.

Doch um es mit einem Ausspruch Mark Twains zu umschreiben, war die Nachricht vom Ableben Gottes voreilig. Denn während Theologen schon Gottes Nachruf verfassten, hatte eine neue Generation junger Philosophen bereits begonnen, seine Vitalität wiederzuentdecken.

In den 1940er und 1950er Jahren glaubten viele Philosophen, dass Gespräche über Gott, da sie sich nicht mit den fünf Sinnen verifizieren lassen, bedeutungslos sind – dass sie also barer Unsinn sind. Dieser Verifikationismus brach schließlich in sich zusammen, unter anderem weil Philosophen erkannten, dass der Verifikationismus selbst nicht verifiziert werden konnte! Das Scheitern des Verifikationismus war das wichtigste philosophische Ereignis des 20. Jahrhunderts. Sein Zusammenbruch bedeutete, dass Philosophen wieder die Freiheit hatten, traditionelle Probleme der Philosophie in Angriff zu nehmen, die der Verifikationismus unterdrückt hatte. Im Zuge dieses wiederauflebenden Interesses an traditionellen philosophischen Fragen trat etwas völlig Unerwartetes ein: eine Renaissance christlicher Philosophie.

Der Wendepunkt kam wahrscheinlich 1967 mit der Veröffentlichung von Alvin Plantingas God and Other Minds: A Study of the Rational Justification of Belief in God. Auf Plantinga folgte eine Schar christlicher Philosophen, die in wissenschaftlichen Zeitschriften publizierten und an professionellen Konferenzen teilnahmen und in den besten akademischen Verlagen veröffentlichten. Das Gesicht der angloamerikanischen Philosophie wurde dadurch verändert. Der Atheismus, selbst wenn er noch der vorherrschende Standpunkt an amerikanischen Universitäten sein mag, ist eine Philosophie, die sich auf dem Rückzug befindet.

In einem kürzlichen Artikel beklagt Quentin Smith, Philosoph der University of Western Michigan, eine Entwicklung, die er als „Entsäkularisierung der akademischen Welt an den philosophischen Fakultäten seit Ende der 1960er Jahre“ bezeichnet. Er bedauert die Passivität der Naturalisten angesichts der Welle „intelligenter und begabter Theisten, die heute in die akademische Welt eintreten.“ Smith schließt mit den Worten: „Gott ist in der akademischen Welt nicht ‚tot‘; er kehrte Ende der 1960er Jahre ins Leben zurück und ist heute in seinen letzten akademischen Bastionen – den philosophischen Fakultäten – lebendig und wohlauf.“

Die Renaissance der christlichen Philosophie ging mit einem wiederauflebenden Interesse an der natürlichen Theologie einher, jenem Zweig der Theologie, der Gottes Existenz unabhängig von der göttlichen Offenbarung zu beweisen sucht. Ziel der natürlichen Theologie ist es, eine umfassende theistische Weltanschauung zu rechtfertigen – eine, die für Christen, Juden, Muslime und Deisten eine gemeinsame Grundlage darstellt. Zwar würden nur wenige von zwingenden Beweisen sprechen, aber alle traditionellen Argumente für die Existenz Gottes – ganz zu schweigen von kreativen neuen Argumenten – finden heute ihre geschliffenen Verteidiger.

Die Argumente

Beginnen wir mit einem kurzen Überblick über einige aktuelle Argumente der natürlichen Theologie, die wir in komprimierter Form betrachten werden. Dies hat den Vorteil, die Logische Struktur der Argumente sehr deutlich hervortreten zu lassen. Dieses Skelett der Argumentation kann dann durch weitere Erörterungen mehr Gestalt annehmen. Eine zweite entscheidende Frage – Was nützt ein rationales Argument in unserem vermeintlich postmodernen Zeitalter? – wird im darauf folgenden Abschnitt behandelt werden.

Das kosmologische Argument. Versionen dieses Argumentes werden von Alexander Pruss, Timothy O'Connor, Stephen Davis, Robert Koons, Richard Swinburne und anderen verteidigt. Eine einfache Formulierung dieses Arguments lautet:

1. Alles, was existiert, hat eine Erklärung für seine Existenz, die entweder in der Notwendigkeit seiner eigenen Natur oder in einer äußeren Ursache liegt.

2. Wenn das Universum eine Erklärung für seine Existenz hat, dann ist Gott diese Erklärung.

3. Das Universum existiert.

4. Also ist Gott die Erklärung für die Existenz des Universums.

Dieses Argument ist logisch gültig; die einzige Frage betrifft also die Wahrheit der Prämissen. Prämisse (3) lässt sich von niemandem bestreiten, der aufrichtig nach der Wahrheit sucht. Es geht also um die Frage nach der Wahrheit von (1) und (2).

Prämisse (1) erscheint recht plausibel. Stellen Sie sich vor, Sie gehen im Wald spazieren und stoßen auf einen durchsichtigen Ball, der auf dem Waldboden liegt. Die Behauptung, dass der Ball existiert, ohne dass man das erklären könnte, würde Ihnen ziemlich seltsam erscheinen. Und auch eine Vergrößerung des Balles, bis er schließlich die Ausmaße des Kosmos erreicht, würde nichts an der Notwendigkeit ändern, seine Existenz zu erklären.

Prämisse (2) könnte zunächst kontrovers erscheinen, ist aber in Wirklichkeit synonym zu der üblichen atheistischen Behauptung, dass, wenn Gott nicht existiert, das Universum keine Erklärung seiner Existenz hat. Außerdem ist (2) in sich selbst recht plausibel. Denn eine externe Ursache des Universums muss außerhalb von Raum und Zeit liegen und kann daher nicht physisch oder materiell sein. Nun gibt es nur zwei Arten von Dingen, auf die diese Beschreibung zutrifft: entweder abstrakte Objekte wie Zahlen, oder eben ein intelligentes Geistwesen. Abstrakte Objekte sind allerdings nicht zu kausalen Handlung fähig. So ist beispielsweise die Zahl 7 nicht fähig, irgendetwas zu verursachen. Daraus folgt also, dass die Erklärung des Universums in einem externen, transzendenten persönlichen Geistwesen liegt, das das Universum erschuf – und das ist genau das, was die meisten Menschen traditionell mit „Gott“ meinten.

Das kalām-kosmologische Argument. Diese Version des Arguments hat ein reiches islamisches Erbe. Stuart Hackett, David Oderberg, Mark Nowacki und ich haben das kalām-kosmologische Argument verteidigt. Seine Formulierung ist einfach:

1. Alles, was anfängt zu existieren, hat eine Ursache.

2. Das Universum hat angefangen zu existieren.

3. Also hat das Universum eine Ursache.

Die Gültigkeit von Prämisse (1) erscheint gewiss plausibler als ihre Verneinung. Die Vorstellung, dass Dinge ohne irgendeine Ursache ins Dasein platzen, ist schlimmer als Magie. Nichtsdestoweniger ist bemerkenswert, wie viele Nicht-Theisten angesichts der Beweiskraft von Prämisse (2) eher (1) verleugnet haben, als die Konklusion des Arguments hinzunehmen.

Traditionell haben Atheisten (2) zugunsten eines ewigen Universums verleugnet. Aber es gibt gute – philosophische wie auch wissenschaftliche – Gründe zu zweifeln, dass das Universum ohne Anfang ist. Philosophisch scheint die Vorstellung einer unendlichen Vergangenheit absurd. Wenn das Universum nie einen Anfang hatte, dann ist die Zahl der vergangenen Ereignisse in der Geschichte des Universums unendlich. Diese Vorstellung ist nicht nur sehr paradox, sondern wirft das Problem auf: Wie konnte das gegenwärtige Ereignis je eintreffen, wenn zuerst eine unendliche Zahl vorheriger Ereignisse ablaufen musste?

Außerdem hat eine bemerkenswerte Serie von Entdeckungen in Astronomie und Astrophysik im Lauf des vergangenen Jahrhunderts dem kalam-kosmologischen Argument neues Leben eingehaucht. Wir haben nun ziemliche starke Beweise dafür, dass das Universum in der Vergangenheit nicht ewig war, sondern vor etwa 13,7 Milliarden Jahren in einem gigantischen Ereignis seinen Anfang hatte, das als Urknall bekannt ist.

Der Urknall ist deshalb so erstaunlich, weil er den Ursprung des Universums aus dem buchstäblichen Nichts bezeichnet. Denn alle Materie und Energie, sogar der physische Raum und die Zeit selbst, entstanden beim Urknall. Während einige Kosmologen versucht haben, alternative Theorien zu konstruieren, um diesen absoluten Anfang zu vermeiden, hat keine dieser Theorien in der Gemeinschaft der Wissenschaftler Anklang gefunden. Tatsächlich konnten die Kosmologen Arvind Borde, Alan Guth und Alexander Vilenkin 2003 beweisen, dass jedes Universum, das sich durchschnittlich in einem Zustand kosmischer Expansion befindet, in der Vergangenheit nicht ewig sein kann, sondern einen absoluten Anfang haben muss. Vilenkin stellt fest: „Kosmologen können sich nicht länger hinter der Möglichkeit eines in der Vergangenheit ewigen Universums verstecken. Es gibt keinen Ausweg; sie müssen sich dem Problem eines kosmischen Anfangs stellen.“ Daraus folgt also, dass es eine transzendente Ursache geben muss, die das Universum in Existenz gebracht hat – eine Ursache, die, wie wir gesehen haben, plausibel zeitlos, raumlos, immateriell und persönlich ist.

Das teleologische Argument. Das alte Design-Argument, das heute noch genauso robust ist wie je zuvor, wurde auf unterschiedliche Weise von Robin Collins, John Leslie, Paul Davies, William Dembski, Michael Denton und anderen verteidigt. Vertreter der Intelligent-Design-Bewegung haben die Tradition fortgesetzt, Beispiele eines Designs in biologischen Systemen zu finden. Aber die ganz aktuelle Diskussion konzentriert sich auf die kürzlich entdeckte bemerkenswerte Feinabstimmung des Kosmos für das Leben. Diese Feinabstimmung besteht in zweifacher Hinsicht. Erstens enthalten die Naturgesetze, wenn sie als mathematische Gleichungen formuliert werden, gewisse Konstanten wie zum Beispiel die Konstante der Schwerkraft. Die mathematischen Werte dieser Konstanten werden nicht durch die Naturgesetze bestimmt. Zweitens gibt es bestimmte willkürliche Quantitäten, die einfach Teil der Anfangsbedingungen des Universums sind – zum Beispiel das Maß an Entropie im Universum.

Diese Konstanten und Quantitäten bewegen sich in einer außerordentlich geringen Bandbreite von Werten, die Leben erlauben. Würden diese Konstanten und Quantitäten um weniger als Haaresbreite verändert, würde dieses lebensnotwendige Gleichgewicht zerstört und es könnte kein Leben existieren.

Dementsprechend können wir argumentieren:

1. Die Feinabstimmung des Universums beruht entweder auf physikalischer Notwendigkeit oder auf Zufall oder auf Design.

2. Sie beruht nicht auf physikalischer Notwendigkeit oder auf Zufall.

3. Also beruht sie auf Design.

Prämisse (1) zählt einfach die vorhandenen Optionen für eine Erklärung der Feinabstimmung auf. Die Schlüsselprämisse ist also (2). Die erste Alternative – die physikalische Notwendigkeit – besagt, dass die Konstanten und Quantitäten diejenigen Werte haben müssen, die sie haben. Bei dieser Alternative gibt es wenig, das für sie spricht. Die Naturgesetze stehen im Einklang mit einer großen Bandbreite von Werten für die Konstanten und Quantitäten. So erlaubt zum Beispiel der bislang vielversprechendste Kandidat für eine einheitliche Physiktheorie – die Superstring-Theorie oder „M-Theorie – eine „kosmische Landschaft“ von rund 10500 verschiedenen möglichen Universen, die von den Naturgesetzen bestimmt werden, und nur ein unendlich kleiner Teil davon kann lebenserhaltend sein.

Was den Zufall betrifft, wächst unter zeitgenössischen Theoretikern die Erkenntnis, dass die Wahrscheinlichkeit gegen eine Feinabstimmung einfach unfassbar hoch ist, es sei denn man ist bereit, die spekulative Hypothese anzunehmen, dass unser Universum nur eines aus einer willkürlich angeordneten unendlichen Gesamtheit von Universen (auch Multiversum genannt) ist. In dieser Gesamtheit der Welten ist jede physikalisch mögliche Welt realisiert, und wir könnten natürlich nur eine Welt beobachten, in welcher die Konstanten und Quantitäten mit unserer Existenz vereinbar sind. Um diesen Punkt tobt heute die Debatte. Physiker wie Roger Penrose von der Universität Oxford lancieren starke Argumente gegen irgendeine Berufung auf ein Multiversum als Erklärung für die Feinabstimmung.

Das moralische Argument. Eine Reihe von Ethikern, wie Robert Adams, William Alston, Mark Linville, Paul Copan, John Hare, Stephen Evans und andere, haben die „divine command“-Theorien der Ethik verteidigt, welche verschiedene moralische Argumente für die Existenz Gottes unterstützen. Ein solches Argument lautet:

1. Wenn Gott nicht existiert, gibt es keine objektiven moralischen Werte und Pflichten.

2. Es gibt objektive moralische Werte und Pflichten.

3. Also existiert Gott.

Mit objektiven moralischen Werten und Pflichten meint man Werte und Pflichten, die unabhängig von menschlichen Meinungen gültig und bindend sind. Eine beträchtliche Zahl von Atheisten wie auch von Theisten stimmen mit Prämisse (1) überein. Denn unter der Voraussetzung einer naturalistischen Weltanschauung sind Menschen nur Tiere, und ein Tun, das wir als Mord, Folter und Vergewaltigung werten, ist im Tierreich natürlich und amoralisch. Außerdem stellt sich die Frage: Wenn es niemanden gibt, der bestimmte Taten gebietet oder verbietet, wie können wir dann moralische Pflichten oder Verbote haben?

Prämisse (2) mag strittiger erscheinen, aber wahrscheinlich wird es die meisten Laien überraschen zu erfahren, dass (2) von Philosophen allgemein akzeptiert wird. Denn jedes Argument gegen eine objektive Moral beruht tendenziell auf Prämissen, die weniger evident sind als die Realität moralischer Werte selbst, wie wir aufgrund unserer moralischen Erfahrung verstehen. Die meisten Philosophen erkennen deshalb objektive moralische Unterscheidungen an.

Nicht-Theisten halten dem moralischen Argument normalerweise ein Dilemma entgegen: Ist etwas gut, weil Gott es will, oder will Gott etwas, weil es gut ist? Bei der ersten Alternative sind Gut und Böse willkürlich, während bei der zweiten Alternative das Gute von Gott unabhängig ist. Glücklicherweise handelt es sich um ein falsches Dilemma. Theisten haben traditionell eine dritte Alternative vertreten: Gott will etwas, weil er gut ist. Demnach ist das, was Platon das Gute nannte, die moralische Natur Gottes selbst. Gott ist von Natur aus liebend, freundlich, unvoreingenommen und so weiter. Er ist das Paradigma des Guten. Somit ist das Gute nicht von Gott unabhängig. Außerdem sind Gottes Gebote ein notwendiger Ausdruck seines Wesens. Die Gebote, die er uns gibt, sind deshalb nicht willkürlich, sondern ein notwendiger Ausdruck seines Charakters. Dies gibt uns eine adäquate Grundlage für die Bestätigung objektiver moralischer Werte und Pflichten.

Das ontologische Argument. Anselms berühmtes Argument wurde von Alvin Plantinga, Robert Maydole, Brian Leftow und anderen neu formuliert und verteidigt. Gott, so stellt Anselm fest, ist per Definition das größte vorstellbare Wesen. Könnte man sich irgendetwas vorstellen, das größer wäre als Gott, dann wäre dies Gott. Somit ist Gott das größte vorstellbare Wesen, ein maximal großes Wesen. Wie würde ein solches Wesen sein? Es wäre allmächtig, allwissend und allgütig und würde in jeder logisch möglichen Welt existieren. Aber dann können wir argumentieren:

1. Es ist möglich, dass ein maximal großes Wesen (Gott) existiert.

2. Wenn es möglich ist, dass ein maximal großes Wesen existiert, dann existiert ein maximal großes Wesen in irgendeiner möglichen Welt.

3. Wenn ein maximal großes Wesen in irgendeiner möglichen Welt existiert, dann existiert es in jeder möglichen Welt.

4. Wenn ein maximal großes Wesen in jeder möglichen Welt existiert, dann existiert es in der tatsächlichen Welt.

5. Also existiert ein maximal großes Wesen in der tatsächlichen Welt.

6. Also existiert ein maximal großes Wesen.

7. Also existiert Gott.

Nun mag es eine Überraschung sein zu erfahren, dass die Schritte 2 bis 7 dieses Arguments relativ unumstritten sind. Die meisten Philosophen würden zustimmen, dass wenn Gottes Existenz auch nur möglich ist, er existieren muss. Die ganze Frage lautet also: Ist Gottes Existenz möglich? Der Atheist muss dabei bleiben, dass es unmöglich ist, dass Gott existiert. Er muss sagen, dass der Gottesbegriff inkohärent ist wie der Begriff eines verheirateten Junggesellen oder eines runden Quadrats. Das Problem ist jedoch, dass der Gottesbegriff gar nicht in dieser Weise inkohärent zu sein scheint. Die Idee eines Wesens, das in jeder möglichen Welt allmächtig, allwissend und allgütig ist, erscheint vollkommen kohärent. Und solange Gottes Existenz auch nur möglich ist, folgt nach diesem Argument daraus, dass Gott existieren muss.

Was bringen diese Argumente überhaupt?

Natürlich gibt es Erwiderungen und Gegenerwiderungen zu allen diesen Argumenten, und niemand glaubt, dass ein Konsens je erreicht werden wird. Tatsächlich gibt es nach einer Periode der Passivität inzwischen Anzeichen dafür, dass der schlafende Riese des Atheismus aus seinem dogmatischen Schlummer erwacht ist und zurückschlägt. J. Howard Sobel und Graham Oppy haben ausführliche wissenschaftliche Bücher geschrieben, in denen sie die Argumente der natürlichen Theologie kritisieren, und die Cambridge University Press brachte letztes Jahr ihren Companion to Atheism heraus. Nichtsdestoweniger ist schon allein die Präsenz der Debatte in der akademischen Welt ein Zeichen dafür, wie gesund und dynamisch eine theistische Weltanschauung heute ist.

Wie das alles auch immer sein mag: Einige könnten denken, dass das Wiederaufleben der natürlichen Theologie in unserer Zeit einfach sehr viel vergebliche Mühe ist. Leben wir nicht schließlich in einer postmodernen Kultur, in der eine Berufung auf solche apologetischen Argumente nicht länger wirksam ist? Rationale Argumente für die Wahrheit des Theismus funktionieren angeblich nicht mehr. Einige Christen raten deshalb, wir sollten einfach unsere Geschichte erzählen und Menschen einladen, daran teilzunehmen.

Diese Denkweise macht sich einer katastrophalen Fehldiagnose der zeitgenössischen Kultur schuldig. Die Vorstellung, dass wir in einer postmodernen Kultur leben, ist ein Mythos. In Wirklichkeit ist eine postmoderne Kultur eine Unmöglichkeit; sie wäre in keiner Weise lebbar. Menschen sind nicht relativistisch, wenn es um Fragen der Wissenschaft, des Maschinenbaus und der Technik geht; relativistisch und pluralistisch sind sie vielmehr in Fragen der Religion und der Ethik. Aber das ist natürlich kein Postmodernismus; das ist Modernismus! Es ist einfach der althergebrachte Verifikationismus, bei dem alles, was man nicht mit seinen fünf Sinnen beweisen kann, einfach eine Frage des persönlichen Geschmacks ist. Wir leben in einer Kultur, die zutiefst modernistisch bleibt.

Wie sonst ist die Popularität des Neuen Atheismus zu verstehen? Dawkins und seinesgleichen sind unabänderlich modernistisch und sogar szientistisch in ihrem Ansatz. Aus postmodernistischer Sicht der zeitgenössischen Kultur hätten ihre Bücher den Bach hinunter gehen sollen. Stattdessen saugen die Menschen sie begierig auf, weil sie meinen, religiöse Überzeugungen seien unsinnig.

In diesem Licht betrachtet würden wir der Verbreitung des Evangeliums nur schaden, und würden außerdem selbstwidersprüchlich handeln, wenn wir versuchen würden, unser Evangelium auf eine postmoderne Kultur zuzuschneiden. Indem wir unsere besten Waffen der Logik und der Evidenz beiseitelegen, sorgen wir für den Triumph des Modernismus über uns. Wenn die Kirche diese Vorgehensweise wählt, werden die Konsequenzen für die nächste Generation katastrophal sein. Das Christentum wird auf eine vereinzelte Stimme in einer Kakophonie rivalisierender Stimmen reduziert werden, die jede ihre eigene Geschichte erzählen und von denen keine sich selbst als die objektive Wahrheit über die Wirklichkeit empfiehlt. Gleichzeitig wird der wissenschaftliche Naturalismus fortfahren, die Auffassung unserer Kultur darüber zu prägen, wie die Welt wirklich ist.

Eine solide natürliche Theologie mag durchaus notwendig sein, damit das Evangelium in der westlichen Gesellschaft heute effektiv gehört werden kann. Im Allgemeinen ist die westliche Kultur zutiefst nach-christlich. Sie ist das Produkt der Aufklärung, die den Sauerteig des Säkularismus in die europäische Kultur einführte, der inzwischen die gesamte westliche Gesellschaft durchdrungen hat. Obwohl die meisten der ursprünglichen Aufklärungsdenker selbst Theisten waren, hält die Mehrheit der heutigen westlichen Intellektuellen ein theologisches Wissen nicht mehr für möglich. Wer dem Streben der Vernunft unbeirrt bis zum Ende folgt, wird atheistisch oder, bestenfalls, agnostisch sein, so diese Sichtweise.

Das richtige Verständnis unserer Kultur ist wichtig, weil das Evangelium nie isoliert gehört wird. Es wird immer auf dem Hintergrund des gegenwärtigen kulturellen Milieus gehört. Wer in einem kulturellen Milieu aufwächst, in dem das Christentum noch als intellektuell vertretbare Option gilt, wird dem Evangelium mit Offenheit begegnen. Aber einen Säkularisten könnte man genauso gut auffordern, an Elfen oder Kobolde zu glauben, wie an Jesus Christus!

Christen, die die natürliche Theologie abwerten, weil „niemand durch intellektuelle Argumente zu Christus kommt“, sind deshalb in tragischer Weise kurzsichtig. Denn der Wert der natürlichen Theologie reicht weit über eigene unmittelbare evangelistische Kontakte hinaus. Die umfassendere Aufgabe der christlichen Apologetik – einschließlich der natürlichen Theologie – besteht darin, zur Förderung und Aufrechterhaltung eines kulturellen Milieus beizutragen, in dem das Evangelium als eine intellektuell vertretbare Option für denkende Männer und Frauen gehört werden kann. Dadurch gibt sie den Menschen sozusagen die intellektuelle Erlaubnis, die Botschaft des Evangeliums zu glauben, wenn ihre Herzen bewegt werden. Während wir weiter in das 21. Jahrhundert hineingehen, gehe ich davon aus, dass die natürliche Theologie eine zunehmend relevante und entscheidende Rolle dabei spielen wird, Menschen auf die Annahme des Evangeliums vorzubereiten.

Bibliographie

Werke der im Artikel erwähnten Gelehrten

Adams, Robert. Finite and Infinite Goods. Oxford 2000.

Alston, William. „What Euthyphro Should Have Said“. In: W.L. Craig (Hrsg.), Philosophy of Religion: a Reader and Guide, S. 283-98. New Brunswick 2002.

Collins, Robin. The Well-Tempered Universe (soll in absehbarer Zeit erscheinen).

Copan, Paul. „God, Naturalism, and the Foundations of Morality“. In: The Future of Atheism: Alister McGrath and Daniel Dennett in Dialogue. Ed. R. Stewart. Minneapolis 2008.

Craig, William Lane. The Kalam Cosmological Argument. Überarbeitete und ergänzte Ausgabe. Eugene 2001.

Davies, Paul. Cosmic Jackpot. Boston 2007.

Davis, Stephen T. God, Reason, and Theistic Proofs. Reason and Religion. Grand Rapids 1997.

Dembski, William. The Design Revolution. Downers Grove 2004.

Denton, Michael. Nature's Destiny: How the Laws of Biology Reveal Purpose in the Universe. New York 1998.

Evans, C. Stephen. Kierkegaard's Ethic of Love: Divine Commands and Moral Obligations. Oxford 2004.

Hackett, Stuart. The Resurrection of Theism. Überarbeitete und ergänzte Ausgabe. Grand Rapids 1982.

Hare, John. „Is Moral Goodness without Belief in God Rationally Stable?“ In: God and Ethics: A Contemporary Debate. Hrsg. von Nathan King und Robert Garcia. Lanham 2008.

Koons, Robert. „A New Look at the Cosmological Argument“. In: American Philosophical Quarterly 34 (1997): 193-211.

Leftow, Brian. „The Ontological Argument“. In: The Oxford Handbook for Philosophy of Religion, S. 80-115. Hrsg. von Wm. J. Wainwright. Oxford 2005.

Leslie, John. Universes. London 1989.

Linville, Mark. „The Moral Argument“. In: Blackwell Companion to Natural Theology. Hrsg. von Wm. L. Craig und J. P. Moreland. Oxford 2012.

Martin, Michael. (Hrsg.) The Cambridge Companion to Atheism. Cambridge Companions to Philosophy. Cambridge 2007.

Maydole, Robert. „A Modal Model for Proving the Existence of God.“ In: American Philosophical Quarterly 17 (1980): 135-42.

Nowacki, Mark. The Kalam Cosmological Argument for God. Studies in Analytic Philosophy. Amherst 2007.

O'Connor, Timothy. Theism and Ultimate Explanation: The Necessary Shape of Contingency. Oxford 2008.

Oderberg, David. „Traversal of the Infinite, the ‚Big Bang,‘ and the Kalam Cosmological Argument.“ In: Philosophia Christi 4 (2002): 303-34.

Oppy, Graham. Arguing about Gods. Cambridge 2006.

Plantinga, Alvin. The Nature of Necessity. Oxford 1974.

Pruss, Alexander. The Principle of Sufficient Reason: A Reassessment. Cambridge Studies in Philosophy. Cambridge 2006.

Sobel, Jordan Howard. Logic and Theism: Arguments for and against Beliefs in God. Cambridge 2004.

Swinburne, Richard. The Existence of God. Überarbeitete Ausgabe. Oxford 2004.

Einführende Werke

Boa, Kenneth und Bowman, Robert. Twenty Compelling Evidences that God Exists. Tulsa 2002.

Craig, William Lane. God, Are You There? Atlanta 1999.

Strobel, Lee. The Case for a Creator. Grand Rapids 2004.

William Lane Craig

(Übers.: M. Wilczek)

Link zum Originalartikel: http://www.reasonablefaith.org/god-is-not-dead-yet

  • [1]

    Als Szientismus bezeichnet man die Sichtweise, dass Wissenschaft die einzige Quelle von Wissen und der einzig gültige Maßstab für Wahrheit ist. Wir sollen gemäß dem Szientismus nur das glauben, was wissenschaftlich beweisbar ist. (Vgl. Q&A 205) (Anm. d. Übers.)