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Creatio ex nihilo: eine Kritik der mormonischen Schöpfungslehre

Summary

Eine Kritik der mormonischen Lehre über die Ewigkeit der Materie im Lichte von Philosophie und Wissenschaft.

Inhaltsübersicht

Einleitung

I. Biblische und theologische Untermauerung der creatio ex nihilo

A. Biblische Argumente

B. Theologische Argumente

II. Philosophische und naturwissenschaftliche Unterstützung

A. Deduktive Argumente

1. Argument aus der Unmöglichkeit einer aktualen Unendlichkeit

2. Argument von der Unmöglichkeit einer sukzessiven Bildung einer aktualen Unendlichkeit

B. Induktive Argumente

1. Die Expansion des Universums

2. Thermodynamische Eigenschaften des Universums

Die vorliegenden Alternativen (Schluss)

Einleitung

In dem Buch How Wide the Divide? A Mormon and an Evangelical in Conversation [Wie weit sind wir auseinander? Ein Mormone und ein Evangelikaler im Gespräch] erklärt der Mitherausgeber und mormonische Gelehrte Stephen E. Robinson, dass Mormonen [1] „die Konzile und Glaubensbekenntnisse“ der „orthodoxen“ Christenheit nicht akzeptieren. Jedoch „akzeptieren sie die Bibel ohne ihre theologischen Zusätze“. [2] Am Ende dieses Bandes wird die Frage gestellt: „Arbeiten die klassischen frühen christlichen Bekenntnisse die Wahrheiten über Gott und Christus akkurat heraus, obwohl sie, zugegebener Weise, diese in späterer philosophischer Sprache neu formulieren, oder haben sie so stark hellenistische Vorstellungen in ihre Formulierungen hineingetragen, dass biblische Wahrheit verdreht wird?“ [3]

Von Mormonen den Vorwurf zu hören, dass die Lehre über die Erschaffung ex nihilo ein Beispiel dafür sei, der Schrift unberechtigte philosophische oder theologische Raster aufzuzwingen, ist nicht ungewöhnlich. Traditionell hat das Mormonentum vertreten, Materie sei ewig und Gott (grob gesagt) ein Werkmeister, Former oder Neuorganisator dieser ewigen Materie – oder vielleicht eine Art halb-substanzieller Urstoff, der weder Sein noch Nicht-Sein ist. [4] Dies, so haben Mormonen behauptet, ist es, was „Schöpfung“ sei – nicht eine Erschaffung aus dem Nichts. B. H. Roberts, ein mormonischer Ältester und Mitglied des Ersten Rates der Siebzig, erklärte, dass „Christen die falsche Vorstellung der Erschaffung des Universums aus dem ‚Nichts‘ in ein Dogma verwandelt haben, und dabei von Gottes Transzendenz gegenüber dem Universum ausgingen. Sie akzeptierten die Vorstellung, dass ‚Schöpfung‘ bedeute, absolut aus dem Nicht-Dasein ins Dasein zu bringen, und verdammten schließlich jene als Ketzer, die es wagen sollten, anders zu lehren“. [5]

In Teil I werden wir die relevante biblische und theologische Untermauerung der Lehre von der creatio ex nihilo darlegen. In Teil II werden wir philosophische und wissenschaftliche Untermauerungen für die creatio ex nihilo nennen; dabei werden verschiedene deduktive und induktive Argumente gegen eine unendliche Vergangenheit ausgelegt. Am Schluss folgen Überlegungen, wie die biblischen, philosophischen und wissenschaftlichen Belege für die creatio ex nihilo im Rahmen der mormonischen Theologie am besten eingeordnet werden können.

I. Biblische und theologische Untermauerung der creatio ex nihilo

In einem Artikel mit dem Titel „Eine mormonische Sicht des Lebens“ stellt Lowell Bennion fest: „Die Heiligen der Letzten Tage lehnen die ex nihilo Theorie der Schöpfung ab. Intelligenz und die Elemente haben schon immer existiert, gleich ewig mit Gott. Er ist außerordentlich kreativ und mächtig, aber er arbeitet mit Materialien, die er nicht selbst erschaffen hat.“ [6] Viel früher behauptete Orson Pratt im Jahre 1876, dass die Materialien, aus denen die Erde besteht, „ewig“ seien. [7] „Gott schuf nicht aus dem Nichts“, fährt Pratt fort. Er behauptet, dass keine „Schrift“ (d. h. weder die Bibel noch heilige mormonische Schriften wie das Buch Mormon oder Lehre und Bündnisse) „so etwas andeute“. [8]

Der mormonische Theologe John Widtsoe behauptet, der Glaube an die Schöpfung aus dem Nichts schaffe lediglich Verwirrung: „Viel widersprüchliches Denken ist von der Vorstellung gekommen, dass Dinge aus einem nicht materiellen Zustand hergeleitet werden können, das heißt, aus dem Nichts.“ [9] Weiter fügt Widtsoe zu dieser Behauptung hinzu, dass Gott weder Materie [aus dem Nichts] erschaffen noch sie zerstören könne: „Gott, der die höchste Intelligenz des Universums besitzt, kann für die Erreichung seiner Ziele auf Energie einwirken, aber sie schaffen oder zerstören kann er nicht“.  [10] Die Summe von Materie und Energie, in welcher Form auch immer, bleibe immer dieselbe.

Bestätigt der biblische Befund wirklich die Lehre der Heiligen der Letzten Tage von der reorganisierten Schöpfung? Ist die Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts lediglich eine kirchenväterliche Erfindung?

A. Biblische Argumente

Die traditionelle christliche Lehre behauptet, dass Gott der letzte Urheber des materiellen Universums und jeglicher anderen Realität ist. [11] Beispielsweise erklärt das Vierte Lateranische Konzil von 1215 formell: „Wir glauben fest und bekennen schlicht, dass es nur einen wahren Gott gibt …den Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren, geistlichen und körperlichen Dinge, der durch seine Allmacht zu Beginn der Zeit sowohl geistliche als auch körperliche Kreaturen aus dem Nichts erschuf [de nihilo condidit].“ Es gibt zwei Hauptmerkmale der Lehre von der Erschaffung aus dem Nichts:

(1) Alle Dinge sind für ihr bloßes Dasein ontologisch abhängig von Gott.

(2) Das Universum und alle andere Realität außer Gott begannen und haben nicht immer existiert. [12]

Nun behauptet O. Kendall White, Jr., dass die „typische“ mormonische Kritik, die creatio ex nihilo sei absurd, an der Hauptaussage der ex nihilo Schöpfung vorbeigehe, nämlich dass alles, was existiert, in seinem Dasein absolut von Gott abhängig ist. [13] Es ist nicht zu leugnen, dass einige christliche Theologen [14] glauben, die Schöpfung bedeute lediglich ontologische Abhängigkeit (d. h., Gottes Providenz, mit der er alle existierenden Dinge erhält und sie davor bewahrt, in das Nichtsein zu verfallen); diese Denker halten zeitlichen Ursprung für irrelevant – oder für nahezu jedenfalls. [15] Wir werden jedoch argumentieren, dass eine solche Sicht der Schöpfung nicht den Haupttenor dieser christlichen Schlüsseldoktrin erfasst, die aussagt, dass Gott sich vor aller anderen Realität auszeichnet, die er nicht nur erhält, sondern vor einer endlichen Zeit auch ins Dasein brachte.

Augustinus erfasst gut die christliche Lehre, wenn er argumentiert, dass, da Gott allein Sein ist, er wollte, dass existiere, was vorher nicht existierte oder kein Sein hatte. Gott ist nicht lediglich der Gestaltgeber von formloser und ewiger Ur-Materie. Er fügt hinzu: „Aber wie hast du Himmel und Erde gemacht? […] Natürlich nicht wie ein menschlicher Handwerker, der nach Gutdünken aus einem Körper einen anderen machen kann … Also hast du gesprochen, und es ist gemacht worden, und du hast es [Himmel und Erde] durch dein Wort gemacht.“ [16] Für Christen bezieht sich die Schöpfung ex nihilo viel mehr auf den zeitlichen Ursprung und die ontologische Abhängigkeit der materiellen Welt von Gottes Beschluss. [17]

Nun gibt es, laut B. H. Roberts „nichts an dem Wort [schaffen] selbst …das eine solche [ex nihilo] Interpretation seiner Verwendung in der Heiligen Schrift erfordere.“ [18] Und dann nochmals „es gibt nichts am Wort ‚schaffen‘ selbst, das eine Deutung des Wortes im Sinne von ‚aus dem Nichts schaffen‘ erfordere.“ [19]

Nun wäre es sicherlich nicht klug, das spezielle Wort bârâ' und das griechische Wort für „schaffen“ (ktizô) in ihren Eigenbedeutungen als gesamte Grundlage eines Plädoyers für die Erschaffung aus dem Nichts zu nehmen, da Bedeutung mehr umfasst als die der Worte für sich genommen. (Denken Sie beispielsweise an die vielfältige Weise, in welcher das Wort „laufen“ verstanden werden kann: eine Strumpflaufmasche, der „Lauf“ [20] um die Präsidentschaft, der Lauf um eine Medaille usw.). Worte für sich selbst zu betrachten, ist unzureichend, um Bedeutung zu bestimmen. Die Beachtung des Kontextes, der linguistischen Struktur, Eigenheiten des Autors, der Literaturgattung und ähnliches müssen ebenfalls mitbedacht werden. Wenn wir beispielsweise die paulinische Rechtfertigungslehre oder Lehre von der Gerechtigkeit (dikaiosynê) durch Glauben untersuchen und entsprechende Aspekte der Rechtfertigung und Zurechnung betrachten, [21] sagen wir nicht einfach, dass das Wort dikaiosynê leicht zu verstehen sei, weil Matthäus es immer verwendet, um ein individuelles Verhalten anstelle einer zugesprochenen Gerechtigkeit durch Glauben auszudrücken. [22] Während es eine Bandbreite von Möglichkeiten geben mag, die Bedeutung eines speziellen Wortes zu verstehen, sind sie doch nicht unendlich. So lautet die wirkliche Frage, vor der wir stehen: Wenn wir von dem Wort sprechen, wie ist es dann in dem speziellen Kontext, in dem der Autor schrieb, zu verstehen?

Eine Vorgehensweise, die Mormonen verwenden, ist die Berufung auf die Etymologie eines Wortes, um dessen Bedeutung zu verstehen. B. H. Roberts geht so am Beispiel des Wortes „schaffen“ vor, was in der Tat ein fragwürdiger Weg ist. Er gibt zu, was die jüdische Enzyklopädie angibt – nämlich, dass „die meisten der jüdischen Philosophen in Gen 1,1 feststellen, dass ‚Schöpfung‘ ‚Erschaffung aus dem Nichts‘ bedeutet“. [23] Diese Tatsache ist recht aufschlussreich und unterstützt natürlich das traditionelle Verständnis der Schöpfung, im Gegensatz zu dem der Heiligen der Letzten Tage. Dann begeht Roberts den exegetischen Irrtum, sich auf die Etymologie zu berufen, um die mormonische Deutung des Textes zu stützen: “Die jüdische Enzyklopädie sagt, dass die etymologische Bedeutung des Verbes (“erschaffen”)‚ herausschneiden und in Form bringen‘ laute, und „somit den Gebrauch von Materie voraussetzt.“ [24] Er leitet dann die theologische Aussage ab, dass Gottes Schöpfung eine Formung „aus zuvor existierender Materie“ beinhalte. [25] Er fügt später hinzu: „Die Etymologie des Verbes ‚erschaffen‘ impliziert die Erschaffung aus zuvor existierenden Materialien.“ [26]

Jedoch haben moderne Linguisten und Exegeten nachgewiesen, dass die Verwendung der Etymologie für die Feststellung der Bedeutung eines Wortes unangebracht ist. Beispielsweise wurde das englische Wort nice [nett, hübsch] offenbar von dem Lateinischen nescius abgeleitet, was „unwissend“ bedeutet. [27] Doch wollen wir damit nicht sagen, dass eine „nette“ [nice] Person ein Ignoramus ist! In den meisten Fällen bedeutet der synchrone [28] Gebrauch eines Wortes selten das, was es ursprünglich (d. h., etymologisch) bedeutet hat. Wie der biblische Gelehrte Moisés Silva mit Nachdruck bestätigt: „Moderne Untersuchungen zwingen uns, diese Haltung zu verwerfen [d.h., sich auf die Etymologie zu berufen, um die ‚grundlegende‘ oder ‚wirkliche‘ Bedeutung eines Wortes zu erfahren] und der Geschichte eines Wortes zu misstrauen.“ [29] Wiederum behauptet James Barr: „Der Hauptpunkt ist, dass die Etymologie eines Wortes nicht eine Aussage über seine Bedeutung, sondern über seine Geschichte macht.“ [30]

Nun ist hinlänglich bekannt, dass bârâ' (erschaffen) beispielsweise für Gottes Erschaffung des Volkes Israels (z. B. Jes 43,15) oder die Erschaffung eines reines Herzens (Ps 51,12) verwendet wird, doch dies ist offenbar nicht als ein Dasein ex nihilo zu verstehen. Noch mehr zu diesem Punkt: Wenn wir uns spezifische Texte anschauen, die sich auf Gottes Erschaffung des Universums beziehen, welche Ansicht wird (am besten) von der Schrift gestützt – das mormonische Verständnis oder das christliche? Und falls schlimmstenfalls die Bibel keinen Anhaltspunkt liefern sollte, welche dieser beiden Positionen (relative oder absolute Schöpfung) wahr ist, dann haben mormonische Gelehrte es immer noch nicht geschafft, ihre Behauptung zu belegen, dass die Bibel ihre Sicht stütze.

In meiner Analyse dieser Frage werden wir uns häufig auf Gerhard May beziehen, Professor der Theologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz. In seinem Buch Schöpfung aus dem Nichts drückt er die üblicherweise von den Mormonen vertretene Ansicht aus, dass der biblische Text keinen Glauben an eine Erschaffung aus dem Nichts erfordere. [31] Leider tut May – wie die mormonischen Gelehrten im Allgemeinen auch – wenig, um seine Behauptung zu belegen. Während er sich flüchtig auf bestimmte Bibelabschnitte bezieht, die auf eine creatio ex nihilo zu zielen scheinen, geht er nicht ernsthaft auf sie ein, sondern scheint sie zu schnell bei Seite zu wischen. Er richtet seinen Fokus stärker auf die patristische Untersuchung (wie sein Untertitel anzeigt) als auf die biblische Exegese. Es ist faszinierend, dass mormonische Gelehrte sich auf May [32] beziehen oder Werke zitieren, die auf Mays Analyse beruhen, doch das schwächt letztendlich ihre Argumentation, denn diese Quellen haben die Tendenz, über die Exegese biblischer Texte hinwegzugehen (wie May es tut) und sofort in die theologische Diskussion der Rabbis und Theologen einzusteigen[33] Die mormonische wissenschaftliche Forschung ist erstaunlich still, was die biblische Exegese bezüglich der Schöpfung betrifft. Mays eigenes Schweigen zur Analyse der Schrift schwächt am Ende seine Position, denn richtig durchgeführt widerlegt solide biblische Exegese die Vorstellung, dass die Erschaffung aus dem Nichts lediglich eine theologische Erfindung sei. Beispielsweise sind Römer 4,17 (wo es von Gott heißt, dass er das ruft, was nicht ist, dass es sei) und Hebräer 11,3 („sodass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist“) Bibelstellen, die May einfach als Passagen auffasst, die analog zu anderen Aussagen des hellenistischen Judentums seien – Aussagen, die eine absolute Schöpfung aus dem Nichts zu bestätigen scheinen, in Wirklichkeit aber nur den Glauben an die Bildung der Welt aus präexistenter Materie bestätigen.

Man fragt sich, ob das alles ist, was es dazu zu sagen gibt. Es scheint eher, dass solche Behauptungen, die ohne jegliche Argumentation aufgestellt werden, recht irreführend sein können. May vermittelt sogar den falschen Eindruck, dass die creatio ex nihilo nicht mehr sei als eine Erfindung wohlmeinender christlicher Theologen, die angesichts häretischer gnostischer Lehren zu verteidigen suchten, was sie für biblische Vorstellungen von Gottes absoluter Souveränität, Freiheit und Allmacht hielten. Wir sind der Überzeugung, dass eine ausführlichere Untersuchung der relevanten Bibelstellen hinlänglich zeigen wird, dass es für die traditionelle Lehre der creatio ex nihilo, im Gegensatz zu der Vorstellung einer Schöpfung aus ewiger präexistenter Materie, solide biblische Grundlagen gibt.

Walter Eichrodt fasst die implizite Sicht des Alten Testaments in Bezug auf eine absolute Schöpfung so dar, dass sie folgerichtiger Ausdruck des Gesamtweltbildes des priesterlichen Narrativs ist. [34] Beispielsweise ist, laut Eichrodt, Jesaja 40,21, das sich auf Gen 1,1 bezieht, aber den Parallelausdruck „von Grundlegung der Erde an“ verwendet, „ein klarer Bezug auf einen absoluten Anfang“ und nicht nur eine „willkürliche Aussage“. [35] Für ihn ist die Lehre von der creatio ex nihilo „unanfechtbar“ [36] – insbesondere angesichts des strengen Monotheismus des biblischen Autors und dessen radikaler Unterscheidung zwischen alten Kosmogonien, in welchen die Götter aus präexistenter Materie hervorgingen, und seiner eigenen Kosmogonie. Eichrodt argumentiert, dass der Schöpfungsbericht genau auf das abzielt, was später „creatio ex nihilo“ genannt wurde. [37] Obwohl diese Begrifflichkeit nicht im Alten Testament auftaucht, ist das Ziel der Schöpfungstätigkeit Gottes „Himmel und Erde und alles, was darin ist“; somit kann Gottes Schöpfung nicht auf die „Sterne und die irdischen Objekte“ beschränkt werden, sondern muss „den ganzen Kosmos“ umfassen. [38] Die Tatsache, dass „Himmel und Erde“ ein Merismus ist, der „die Totalität der kosmischen Phänomene“ bezeichnet, weist uns auf einen absoluten Anfang des Universums – einschließlich der Materie. [39] Für Welt oder Universum hat „die hebr. Sprache kein besonderes Wort herausgebildet"; darum wird diese Wortverbindung verwendet. [40] Claus Westermann stimmt zu: Genesis 1,1 beziehe sich nicht auf den Anfang von irgendetwas, sondern auf den Anfang schlechthin. [41]

Ein anderer alttestamentlicher Wissenschaftler, R. K. Harrison, behauptet, auch wenn die creatio ex nihilo „zu abstrakt für das [hebräische] Denken“ war und nicht explizit in Genesis 1 ausgedrückt wird, sei sie „doch mit Gewissheit implizit in der Erzählung“ vorhanden. [42] Der Leser solle verstehen, dass „die Welten nicht aus irgendeinem präexistenten Material, sondern aus dem Nichts geformt wurden“; „vor“ Gottes schöpferischer Tätigkeit „gab es somit keine andere Art materieller, sinnlich wahrnehmbarer Existenz“. [43]  Gleicherweise gesteht Edwin Hatch zu, dass die griechische platonische Sprache wohl half, der entwickelten christlichen Lehre von der Schöpfung „philosophische Gestalt“ zu verleihen, aber der Glaube, dass Gott „nicht nur der Architekt des Universums, sondern seine Quelle ist“, sei „vermutlich schon lange Zeit eine implizite Glaubensvorstellung des hebräischen Monotheismus" gewesen. [44] Das heißt, metaphysische Sprache und Systematisierung fassten später in Worte, was bereits durch die alttestamentlichen Schöpfungstexte angedeutet wurde.

Nochmals, wie sehr man auch dieses Wort mit theologischer Bedeutung lädt, die Wortbedeutung von bârâ' allein beinhaltet nicht die Schöpfung aus dem Nichts – aber übrigens auch nicht die Reorganisation. Shalom M. Paul, ein Assyriologe, der von Stephen Ricks zitiert wird, [45]  führt aus, dass bârâ' als Wort an sich die Schöpfung ex nihilo „nicht impliziert“, (obwohl Paul zugibt, dass diese für 2. Makkabäer 7,28 zutrifft). [46] Die Bedeutung von bârâ' liegt jedoch darin, dass Gott stets das Subjekt dieses Verbes ist. Ein verwandtes hebräisches Wort 'asah (“machen”) unterscheidet sich insofern, als dass jeder etwas machen kann – d. h. aus präexistenten Materialien. Zudem werden dort, wo bârâ' verwendet wird, niemals irgendwelche präexistente Materialien erwähnt, die Gott verwendete. Das Produkt wird immer erwähnt – niemals jedoch irgendein Material. [47] Somit ist bârâ' ein Wort, das am besten geeignet ist, um die Vorstellung von der Schöpfung aus dem Nichts auszudrücken. Kein anderes hebräisches Wort wäre dafür passend. Weiterhin beinhaltet Gen 1,1 den Gedanken einer creatio ex nihilo, da kein „Anfang“ für Gott erwähnt wird. [48]

Da Gott immer das Subjekt von bârâ' ist, erkennen Ausleger regelmäßig an, dass das Wort erschaffen sich unausweichlich auf göttliche Tätigkeit bezieht. [49] Der deutsche Theologe Jürgen Moltmann erfasst dies treffend:

"Hat Gott die Welt >>geschaffen<<, dann wird mit diesem Ausdruck die Selbstunterscheidung Gottes von der Welt angezeigt und eingeschärft: Gott hat die Welt gewollt. Sie ist ... das konkrete Ergebnis seiner Willensentscheidung. Als Ergebnis göttlichen Schaffens sind Himmel und Erde ...kontingent". [50]

Angesichts dieser Aussagen ist Joseph Smiths Verständnis des hebräischen Wortes für erschaffen fehlgeleitet, da er die Reorganisation auf bârâ' bezog, während sie korrekterweise auf asah bezogen werden sollte.

Im Gegensatz zu antiken Kosmogonien, in denen es keinen absoluten Anfang gab, zeichnet sich Genesis dadurch aus, dass es einen absoluten Anfang setzt. Elohim war nicht (wie im Falle der babylonischen Kosmogonie) vom Chaos begrenzt, als er schuf, sondern er steht souverän über den Dingen. Genesis 1,1 steht als eine unabhängige Behauptung, die beansprucht, dass Gott den ganzen Kosmos erschaffen hat. In der Tat argumentiert die gesamte Struktur von Genesis 1,1 für eine Schöpfung aus dem Nichts. Grammatisch und kontextuell kann man sehr gut dafür argumentieren, Genesis 1,1 als Bezugnahme auf eine absolute Schöpfung zu betrachten. [51] John Sailhamer bemerkt:

„Biblische Gelehrte haben lange geglaubt, dass die Vorstellung von der „Erschaffung aus dem Nichts“ in dem Eröffnungssatz von Genesis 1 zu finden sei …es gibt wenig, was der Text sonst bedeuten könnte, außer ‚Erschaffung aus dem Nichts‘. Die einfache Vorstellung, dass die Welt einen ‚Anfang‘ hat, scheint notwendig zu bedingen, dass sie aus ‚dem Nichts‘ erschaffen wurde.“ [52]

Moltmann äußert sich zu bârâ', das "exklusiv als Bezeichnung des göttlichen Hervorbringens" verwendet werde. [53] Er führt aus, da bârâ' nicht zusammen mit einem Akkusativ (d. h. einem Objekt) eines Materials stehen kann, aus dem etwas gemacht wurde, weise dies "das göttliche Schaffen als ein unbedingtes, voraussetzungsloses Schaffen aus und bezeichnet Schöpfung als etwas schlechthin Neues, das weder faktisch noch potentiell in einem anderen angelegt noch vorhanden ist". [54] Wie Werner Foerster schreibt, ist die Schöpfung in Genesis 1 eine „Tathandlung; durch Gottes Wort entsteht aus dem Nichts die Schöpfung“. [55] Folglich sollte Genesis nicht übersetzt werden mit „Am Anfang, als Gott die Himmel und die Erde schuf, war die Erde eine formlose Ödnis …“, wie die New American Bible das tut. [56] Selbst Bernhard Anderson, der Genesis 1,2 als Bezug auf die Schöpfung aus dem Chaos deutet, gibt zu, dass „stilistische Untersuchungen“ Genesis 1,1 bevorzugt als einen „absoluten Aussagesatz“ verstehen. [57] Dieses absolute Verständnis von Genesis 1,1 und seinem Status als einem Hauptsatz wird sowohl durch die Wiedergabe der Septuaginta bestätigt [58]  als auch durch "alle altertümlichen Versionen." [59] Die Kommentatoren Keil und Delitzsch erklären, dass der Satz, der mit “Am Anfang” (berêshît) übersetzt wurde, den Beginn der schaffenden Tätigkeit Gottes meint. „Wenn aber die schaffende Tätigkeit Gottes mit der Hervorbringung des Himmels und der Erde begann, so ergibt sich daraus folgerichtig der Gedanke, daß Gott am Anfang aller Dinge den Himmel und die Erde geschaffen hat“, und dass eine Übersetzung wie „Am Anfang, da …“ schlichtweg nicht einen vernünftigen Umgang mit dem Text darstellen könne. [60]  Ihrer Einschätzung nach weist der Kontext auf „den Anfang des Schaffens“ und damit auf einen absoluten Anfang hin. [61] Somit wird die Ewigkeit der Welt oder die Existenz irgendeines „Urmaterials“ sprachlich beispielsweise durch die absolute Aussage „am Anfang“ oder den totalistischen Merismus „die Himmel und die Erde“ ausgeschlossen. Dies war, wie gesagt, die allerbeste Möglichkeit, die den Hebräern zur Verfügung stand, um Vollständigkeit auszudrücken. [62]  Bruce Waltke bemerkt die Einmütigkeit, die “sowohl in der jüdischen als auch christlichen Tradition“ darüber herrscht, dass das erste Wort in der Bibel in einem „Status absolutus“ steht und dass der erste Vers ein selbständiger Satz sei. Dann kommentiert er: „Moses könnte keine andere Konstruktion benutzt haben, um das erste Wort als Status absolutus zu kennzeichnen, aber er hätte eine andere Konstruktion wählen können, um deutlich den Status constructus“ anzuzeigen. [63]

Der alttestamentliche Wissenschaftler Thomas McComiskey stimmt damit überein, dass das Wort bârâ' die Initiation eines Objektes betont, das Hervorbringen von etwas Neuem.[64] Weitere Unterstützung bieten Edward P. Arbez und John P. Weisengoff , die nicht nur nachweisen, dass sich im Genesistext keinerlei Bestätigung dafür findet, dass vor Gottes Handeln chaotische Materie existierte, [65] sondern auch, dass der Gebrauch des Wortes bârâ' im Kontext von Genesis 1 am meisten Sinn ergibt, wenn er als Schöpfung ex nihilo verstanden wird. Beispielsweise bringt Gottes Handeln (ausgedrückt durch bârâ') das Universum hervor (“die Himmel und Erde”), und zwar „am Anfang“, (d. h., das Universum hatte einen Anfang durch das Handeln Gottes). Auch wird nirgendwo etwas Präexistentes erwähnt, was Gott verwendete. „Erschaffen“ ist darum passender als eine Übersetzung wie „gestalten“ oder „formen“ oder ähnliches. [66]  Diese Wissenschaftler kommen ziemlich überzeugend zu dem Schluss, dass

„das gesamte Kapitel Genesis 1 von der Idee der absoluten Transzendenz Gottes sowie der völligen Abhängigkeit der Existenz allen Seins von Gott durchdrungen ist. Die Vorstellung einer ‚creatio ex nihilo‘ scheint so logisch mit der Sicht des Autors von Gott verbunden zu sein, dass man sich kaum weigern kann, sie in seiner Eröffnungsaussage zu erkennen.“ [67] 

Kenneth Mathews Analyse von Genesis 1 führt ihn zu dem Schluss: „Die Vorstellung der creatio ex nihilo ist eine angemessene theologische Folgerung, die sich aus der gesamten Struktur des Kapitels ableiten lässt.“ [68]

Wir müssen auch die Verwirrung klären, die sich aus der Wiedergabe der Septuaginta von Genesis 1,2 ergibt (hê de gê ên aoratos kai akataskeuastos = "Und die Erde war unsichtbar und ungeformt"). Diese Übersetzung von Gen 1,2 spiegelt deutlich einen hellenistischen Einfluss wider, [69] und englische Versionen wie die AV (King James, Authorized Version) Bibel und die RSV (Revised Standard Version) hellenisieren den Satz tôh˚ wabôh zu „ohne Form und leer“. Diese Art der Übersetzung hat in der Tat im Denken vieler Christen zu einer eher griechischen Weltsicht beigetragen. Nach dieser Lesart ist die Erde eine Art amorphe Masse. Doch die Formulierung dieses Satzes führt uns, wenn man sie in Bezug auf ihren späteren biblischen Gebrauch betrachtet, (der teilweise auf Genesis 1,2 zurückgreift), zu der besseren (und weniger hellenisierten) Wiedergabe der Erdoberfläche als „öde und unbewohnbar“. Victor Hamilton übersetzt: eine Wüste und ein Ödland. [70] Jüdische Ausleger im Mittelalter, die nicht von der Septuaginta beeinflusst waren, vertraten diese Sicht ebenfalls. [71] Weiterhin wird unser Standpunkt dadurch untermauert, dass spätere griechische Versionen der Septuaginta von einer platonischen Sicht der Schöpfung zugunsten einer biblischeren Sicht abrückten: (Aquila: „leer und nichts“; Symmachus: „brach und verschwommen“). [72] Außerdem findet sich in unseren frühesten semitisch(-palästinensischen) Targums, den interpretativen Wiedergaben der hebräischen Bibel, „keine Spur der Auffassungen“, wie wir sie in der Septuaginta finden. [73] Beispielsweise gibt der Targum Neophyti I, - (der nicht später als im 3. Jahrhundert n. Chr. geschrieben wurde und möglicherweise vorchristlich ist) -, Genesis 1,2 mit den Worten „wüst, ohne menschliche Wesen oder Tiere und ohne jeglichen Anbau von Pflanzen und Bäumen“ wider. Dies entspricht dem hebräischen Gebrauch. Ironischerweise ist es also die Kosmologie der Heiligen der Letzten Tage, die mehr vom griechischen Denken beeinflusst zu sein scheint als sie erkennen!

Somit besteht keine Notwendigkeit, Genesis 1,2 als Bezugnahme auf präexistente Materie zu betrachten. In den Worten von Keil und Delitzsch: In Vers 1 "wird das Vorhandensein eines Urstoffs schon durch das Object des Schaffens negirt. Das Objekt ist "der Himmel und die Erde"". Dass die Erde "ohne Form und leer" war, bezieht sich also auf die Zeit, nachdem Gott sie erschaffen hatte. [74] Vielmehr „gibt es nichts, was zur Beschaffenheit des Universums gehört, weder in Material noch Gestalt, das eine Existenz außerhalb Gottes vor diesem göttlichen Akt am Anfang hatte.“ [75] Obwohl Gelehrte der Heiligen der Letzten Tage Genesis 1,2 scheinbar exegetische Priorität zuschreiben, ist diese fehlgeleitet. Und die Tatsache, dass im Hebräischen Gen 1,2 mit einem waw-Konsekutiv beginnt [„und die Erde/das Land …“] spricht für die zeitliche Priorität von Vers 1,1 vor 1,2. [76]

Weitere Unterstützung für eine creatio ex nihilo in der Schriftbietet die Tatsache, dass Gott (oder Christus) als der Schöpfer oder die letztliche Quelle der Gesamtheit aller existierenden Dinge bezeichnet wird. Auch wenn May uns glauben machen möchte, dass der biblische Beweis für eine Schöpfung aus dem Nichts zweideutig sei, ist es schwer, die Totalität der biblischen Sprache noch zu steigern: „von ihm …sind alle Dinge“ (Röm 11,36); „durch den [Christus] alle Dinge sind“ (1 Kor 8,6); Gott, der alles geschaffen hat“ (Eph 3,9); „in ihm ist alles geschaffen“ (Kol 1,16; vgl. 20); „du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen waren sie und wurden sie geschaffen.“ (Offb 4,11). Die eindeutige Implikation von Jahwes Titel als “der Erste und der Letzte” (Jes 44,6) oder “das Alpha und das Omega” (Offb 1,8) lautet, dass Er der letzte Urgrund und das einzige ewige Wesen ist. Sprüche 8,22-26 besagen, bevor die Tiefen hervorgebracht wurden (d. h. sehr wahrscheinlich die „Tiefe“ von Gen 1,2), schuf die Weisheit zusammen mit Gott. Nichts existierte außer dem Schöpfer – und dies würde jeglichen präexistenten Stoff ausschließen.

Zudem wird die Vorstellung einer creatio ex nihilo noch verstärkt, wenn die Schrift die Ewigkeit und Selbstgenügsamkeit Gottes verkündet, die im Gegensatz zu der endlichen geschaffenen Ordnung steht (Ps 102,25-27; vgl. Heb 1,10-12). Der Gott, „der die Schöpfung aus dem Nichts rief, hat die Macht, sie auch wieder auf ein Nichts zu reduzieren.“ [77]Durchgängig bezeugen Jesaja 40-48 implizit die höchste Souveränität und völlige Einzigartigkeit Jahwehs in der Schöpfung, neben dem es keinen anderen Gott gab – oder irgendetwas sonst – als er schuf: „Ich bin der Erste und der Letzte“ (44,6; vgl. 48,12). „Ich bin der Herr, der alles schafft“ (44,24); „Ich bin der Herr und sonst keiner mehr“ (44,18; vgl. 46,9). Wie Wolfhart Pannenberg kommentiert:

"Alttestamentliche Schöpfungsaussagen in Psalmen wie Ps. 104,14-30 oder 147,8f. und 139,13 aber wollen keine Begrenzung der Schöpfermacht Gottes durch Bindung an eine vorgegebene Materie behaupten, sondern implizieren bereits ebenso wie der Gedanke der Schöpfung durch das Wort in Gen 1 jene unumschränkte Freiheit des göttlichen Schöpfungshandelns, die später durch die Formel der creatio ex nihilo auf den Begriff gebracht wurde." [78]

Zudem geht die Schöpfungslehre davon aus, dass es Gottes Wort allein ist, welches das Universum ins Dasein bringt – nicht nur Gottes Wort, das auf vorher existierende Materie einwirkt. Psalm 33 verkündet, dass es nur „durch das Wort des Herrn [LXX: tô logô tou kyriou]" und „den Hauch seines Mundes“ geschah, dass „die Himmel geschaffen wurden“; er „sprach“ oder „befahl“ und sie wurden „geschaffen/standen fest [LXX: ektisthêsen]“ (6,9). [79] Es gibt einfach keine präexistenten Bedingungen, denen Gott unterworfen ist; es ist Gottes befehlendes Wort, das die Schöpfung ins Dasein bringt. [80]

Thomas McComiskey fasst treffend den Kern des alttestamentlichen Verständnisses der Schöpfung zusammen:

“Die Begrenzung dieses Wortes auf göttliches Handeln deutet an, dass der Bedeutungsumfang, der von der Wurzel [bârâ'] umrissen wird, außerhalb der Sphäre menschlicher Fähigkeit liegt. Da das Wort niemals im Zusammenhang mit dem Objekt des Materials erscheint, und da die primäre Betonung des Wortes auf der Neuartigkeit des erschaffenen Objektes liegt, eignet sich das Wort gut für die Vorstellung der Erschaffung ex nihilo, obwohl diese Vorstellung nicht notwendigerweise der Bedeutung des Wortes entsprechen muss. [81]

Was das Neue Testament betrifft, so ist Hebräer 11,3 eine Stelle, die beachtliche Aufmerksamkeit verdient: „Durch den Glauben erkennen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, sodass alles, was man sieht [to blepomenon], nicht aus dem gemacht wurde [katêrtisthai], was sichtbar war [mê ek phainomenôn].“ Dieser Text erklärt, dass das sichtbare Universum „nicht aus ebenfalls sichtbarem [präexistentem] Rohmaterial geschaffen wurde; es wurde durch göttliche Kraft ins Dasein gerufen.“ [82] Jaroslav Pelikan stellt fest, dass dieser Abschnitt, zusammen mit Römer 4,17, “explizit” die Erschaffung aus dem Nichts lehrt. [83] Keith Norman, Gelehrter der Heiligen der Letzten Tage, zitiert Foerster falsch, (welcher, ironischerweise, eine überzeugende Verteidigung der biblischen Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts präsentiert). In seinen Bemerkungen zu Römer 4,17 behauptet Norman, Foerster sage, “man könne nur das hervorrufen, was bereits besteht“, statt aus dem Nichts heraus, was eine „logische Unmöglichkeit“ darstelle. [84] Foerster schreibt zwar: "Rufen kann man nur das, was schon existiert", doch Foerster sagt im zweiten Halbsatz sofort danach: „Gott aber ruft das, was noch nicht existiert"... und "Man darf die vollständige Unbegreiflichkeit diese Aussage sich nicht dadurch billig vom Halse schaffen, daß man das mê onta [Dinge, die (noch) nicht existieren] in irgendeinem Sinne doch als onta [existente Dinge] annimmt.“ [85] In dem vorhergehenden Abschnitt schrieb er außerdem: „durch Gottes Wort entsteht aus dem Nichts die Schöpfung.“ [86] Weiterhin ist 2. Kor 4,6 (als Widerhall von Gen 1,3), wo Gott das Licht aus der Finsternis hervorruft, ein weiterer Bezug auf die Schöpfung aus dem Nichts durch Gottes Wort. [87]

Die Wortstellung des Satzes mê ek pha inomenon ist im klassischen Griechischen üblich und sollte mit „aus nicht sichtbaren Dingen“ wiedergegeben werden. [88] Der philosophische Sinn von ta phainomena bezog sich auf sinnliche Erfahrung. [89] Die physischen Welten (tous aiônas) werden als das Sichtbare beschrieben (to blepomenon); dies steht im Kontrast zu dem, was unsichtbar ist – nämlich dem Wort Gottes. [90] Paul Ellingworth argumentiert, dass der Ausdruck in Hebräer 11,3 rhêmati theou - „das Wort/der Befehl Gottes, (was das Denken von Psalm 33,6 widerspiegelt) – mit jeglicher Vorstellung, dass die sichtbare Welt aus Materialien in der unsichtbaren Welt erschaffen wurde, „in Konflikt stünde“. Es ist sehr viel angemessener, tois aiônas so zu verstehen, dass es auf die sichtbare Welt Bezug nimmt und somit als Synonym zu to blepomenon. [91]

In Hebräer 11,3, so stellt C.F.D. Moule fest, “scheint der Bezug auf die Schöpfung ex nihilo gegeben zu sein, da das Sichtbare aus dem Unsichtbaren entstand.“ [92] Der Kommentator William Lane bemerkt, auch wenn Hebräer 11,3 die creatio ex nihilo nicht durch positive Termini, sondern negativ ausdrückt, „verneint es, dass das schöpferische Universum aus Urmaterial oder irgendetwas Beobachtbarem hervorging“. [93] Lane behauptet weiter, dass das Beharren des Autors darauf, dass das Universum nicht aus etwas Beobachtbarem entstanden ist,

„jeglichen Einfluss platonischer oder philonischer Kosmologie auszuschließen scheint. Es mag sogar die Absicht des Autors gewesen sein, eine weitverbreitete Neigung im hellenistischen Judentum zu korrigieren, Genesis 1 im Lichte der Lehre Platons im Timaeus zu lesen.“ [94]

Im Gegensatz zu Mays Behauptung sagt Hebräer 11,3 etwas aus, was sich von den klassischen griechischen Schöpfungsvorstellungen sehr weitgehend unterscheidet.

In Bezugnahme auf die Schöpfung besagt Johannes 1,3 unzweideutig, dass alle Dinge – das heißt, „die materielle Welt“ – durch das Wort entstanden. [95] Die Folgerung ist, dass alle Dinge (was präexistente Materie, sollte sie beim Schöpfungsprozess eine Rolle gespielt haben, mit einschließen würde) durch Gottes Bevollmächtigten existieren, der der Urheber aller Dinge ist. [96] Dies wird durch die Tatsache bestätigt, dass zwar das Wort war (ên), die Schöpfung aber wurde (egeneto). [97] Raymond Brown kommentiert: „Somit wurde die materielle Welt von Gott erschaffen und ist gut“. [98] Wenn die Schrift also von Gottes Schöpfung spricht, dann ist dies allumfassender Art. Obwohl bei den biblischen Autoren eine präzise Formulierung der Lehre einer creatio ex nihilo fehlt, haben sie „die selbstverständliche Gewohnheit..., so umfassend wie möglich von Jahwes Schöpfermacht zu reden...“ [99]

Kolosser 1,16-17 spricht verständlich, wenn es verkündet, dass alle Dinge in und durch Christus geschaffen wurden. Der totalistische Merismus in Genesis 1,1 („die Himmel und die Erde“) wird in der Wortverbindung „alle Dinge“ ausgedrückt. Die Erwähnung, dass er die Dinge „im Himmel und auf Erden“ geschaffen hat – was mit „alle sichtbaren und unsichtbaren Dinge“ (ta orata kai ta aorata) korrespondiert bzw. dazu eine Parallele bildet [100], - zeigt an, dass diese Ausdrücke „alles umfassen, denn es gibt keine Ausnahmen“. [101] N.T. Wright erklärt, dass „alle Dinge“ auch übersetzt werden könnten mit „die Gesamtheit“. [102] Nicht nur das, sondern Christus ist vor allen Dingen. Die Folgerung ist, dass es einen Daseinszustand gab, in dem Christus existierte und das Universum nicht. Wie F.F. Bruce bemerkt: „Die Worte [‚vor allen Dingen‘] deklarieren nicht nur Seinen zeitlichen Vorrang vor dem Universum, sondern legen auch Seine Vorrangstellung darüber nahe.“ [103] Der Text von Kolosser 1,16-17 spricht für zwei Bekenntnisse[104] (a) Dass Christus erschafft (indem er alle Dinge ins Dasein bringt) und (b) dass er sie im Dasein erhält. Die Tatsache, dass in ihm „alles besteht“ (Kol 1,17) betont, dass er erhält, „was er ins Dasein gebracht hat“.[105] Ohne eine solche Aktivität „würde alles auseinanderfallen“. [106]

Angesichts der obigen Diskussion ist es eine gravierende Verdrehung, die Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts als ein rein nachbiblisches Phänomen darzustellen, wie es das Mormonentum tut. Wo gibt es in den relevanten wissenschaftlichen Belegstellen, auf die sich Gelehrte der Heiligen der Letzten Tage beziehen, eine gründliche exegetische Behandlung der relevanten biblischen Stellen über die Schöpfung? Die Stille ist ohrenbetäubend. Jedoch sagen die biblischen Befunde aus, dass Gott auf irgendeine Weise vor allem war, was ist (d. h., es gab einen Zustand, in dem es Gott gab und sonst nichts), was die Grundlage der Lehre von der creatio ex nihilo darstellt. Genauso wie die Trinitätslehre eindeutig in der Schrift zu finden ist, (trotz der Tatsache, dass der Arianismus später seine Blüte hatte), obwohl sie bis zur Zeit Tertullians nie formuliert worden war, so ist die Lehre der Erschaffung aus dem Nichts biblisch (trotz blühenden mittelplatonistischen Gedankenguts und seinem Einfluss auf jüdische und christliche Denker), obwohl sie erst in der späteren Hälfte des zweiten Jahrhunderts deutlich artikuliert und ausgeführt wurde.

Zudem fragt man sich, was die Gelehrten der Heiligen der Letzten Tage denn als eindeutigen Beleg für die Schöpfung aus dem Nichts in der Schrift (oder selbst in außerbiblischen Quellen) gelten lassen würden. Es scheint, dass sie mit keiner Formulierung eines bestimmten Textes zufrieden wären, außer „Schöpfung aus dem absoluten Nichts“ oder etwas Ähnliches, bevor sie die Möglichkeit einräumten, klare Indizien für die Lehre der creatio ex nihilo zu finden.

Wie Moltmann es ausdrückt: „Es ist darum keine Frage, daß die spätere theologische Interpretation der Schöpfung als creatio ex nihilo eine zutreffende Umschreibung des biblisch mit "Schöpfung" gemeinten darstellt.“ [107] Wie Foerster bemerkt: „So liegt die Schöpfung aus dem Nichts durch das Wort den nt.lichen Aussagen ausgesprochen oder unausgesprochen zugrunde.“ [108]

Ganz abgesehen von unserem gerade vollzogenen starken Plädoyer für die biblische Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts, müssen wir feststellen, dass selbst, wenn der biblische Befund zweideutig wäre und die biblischen Autoren dazu keine Stellung nähmen, die Anschauung der Heiligen der Letzten Tage nicht kampflos gewinnen würde. Sie hat vielmehr ihre eigene Beweislast zu tragen. Wir haben es nicht mit einer Entweder-Oder-Situation zu tun (entweder lehrt die Bibel explizit die Schöpfung aus dem Nichts oder die Ansicht der Mormonen gewinnt kampflos). Einerseits haben Mormonen sich entweder geweigert oder aber es vernachlässigt, mit der Bibelwissenschaft zu interagieren; andererseits haben sie keine positiven exegetischen Beweise für ihre eigene Position hervorgebracht. Die mormonische Sicht gewönne nicht , wenn die Bibel hierzu schweigen würde. Wenn die Bibel also tatsächlich darüber schwiege, dann sollten auch die Mormonen selbst ihre typische Anklage schweigen lassen, dass die Kirchenväter ihre Theologie in den Text hineinlegten. In diesem Fall wären die Mormonen dessen genauso schuldig. So möchten wir die Gelehrten der Heiligen der Letzten Tage herausfordern, bewusster mit dem biblischen Text und der Bibelwissenschaft zu interagieren und ihre Argumentation zu belegen.

B. Theologische Argumente

Der bekannte Wissenschaftsphilosoph Ian Barbour hat kühn erklärt: “Die Schöpfung ‚aus dem Nichts‘ ist keine biblische Vorstellung.“ [109] Sie sei vielmehr eine nachbiblische Entwicklung gewesen, um Gottes Güte und absolute Souveränität über die Welt gegenüber „gnostische Vorstellungen von der Materie als böse oder als das Produkt einer niedrigeren Gottheit“ zu verteidigen.  [110] Weiterhin sei die Bibel, laut Barbours Denken (und dem der Mormonen), nicht nur in Bezug auf die Natur von Gottes Beziehung zur Schöpfung zweideutig, sondern bestätige sogar, dass Gott aus präexistenten Materialien schuf:

“Genesis schildert die Erschaffung von Ordnung aus Chaos und …die ex nihilo Lehre wurde später von den Kirchenvätern formuliert, um den Theismus gegen einen ultimativen Dualismus oder einen monistischen Pantheismus zu verteidigen. Wir müssen den Theismus immer noch gegen alternative Philosophien verteidigen, aber wir können dies ohne Bezug auf einen absoluten Anfang.“ [111]

Somit sei die Lehre der creatio ex nihilo theologisch nicht erforderlich: „Das ist nicht das Hauptanliegen, das in der religiösen Vorstellung von der Schöpfung Ausdruck findet.“ [112]

Im letzten Abschnitt haben wir Gerhard Mays Aussage ausgeführt – und Gründe für deren Widerlegung benannt-, dass die Lehre von der Erschaffung aus dem Nichts “durch den Text der Bibel nicht zwingend gefordert wurde.” [113] May bietet für seine Behauptung keinerlei Begründung. Wir haben vielmehr gesehen, dass das Gegenteil der Fall ist. Die Essenz von Mays (und Barbours) Argument ist, dass christliche Denker im zweiten Jahrhundert versuchten, eine Schöpfungslehre als Antwort auf die Gnosis (mit ihrer Betonung der Emanationen) und dem mittelplatonischen Gedankengut (mit seiner Betonung auf ewig präexistente Materie) zu formulieren, die zu ihrer Formulierung der Lehre der creatio ex nihilo führte. [114] Bis zu diesem Zeitpunkt hätte es keine explizite Formulierung gegeben, wie Gott genau die Welt erschuf.

Das ist dieselbe Argumentationslinie, die auch Mormonen verfolgen. Der mormonische Gelehrte Hugh Nibley behauptet, dass wir erst, wenn wir zu den „Doktoren der Kirche“ kommen, von der Schöpfung ex nihilo erfahren. [115] Vor dieser Zeit „stellte man sich die Schöpfung überall als einen Akt der Organisation von „unorganisierter Materie (amorphos hylê) vor“, der Ordnung aus der Unordnung brachte…“. [116] Stephen Robinson argumentiert ähnlich: „Es gibt keinen Beweis für die creatio ex nihilo im Judentum vor der hellenistischen Periode, noch im frühen Christentum vor dem späten zweiten Jahrhundert.“ [117] Die Lehre von der Erschaffung aus dem Nichts sei eine theologische Hinzufügung zur Schrift, und Robinson weist auf einen bestimmten Artikel von B. W. Anderson über die Schöpfung, (wie auch die mormonischen Gelehrten C. Petersen und Stephen D. Ricks). [118]

Doch Robinsons eigene Behauptung ist ebenfalls nicht ganz akkurat. Der umfassendere Kontext von Andersons Argumentation macht deutlich, dass das Alte Testament –nicht das Neue Testament oder die frühen Kirchenväter - gemeint ist:

“In späterer theologischer Überlegung über die Bedeutung der Schöpfung wurde die Souveränität des Schöpfers durch die Lehre der Erschaffung der Welt aus dem Nichts zusätzlich betont (II Macc. 7:28; vgl. Röm. 4:17; Heb. 11:3). Es ist jedoch zweifelhaft, ob diese Lehre sich explizit in Gen 1 oder irgendwo sonst im AT findet.“ [119]

Wir haben uns bereits mit dem biblischen Material zu dem Thema Schöpfung befasst. Aber wie steht es mit der Behauptung, dass diese Lehre eine theologische Neuerung oder Erfindung war? Wir werden argumentieren, dass auch dies falsch ist.

Wissenschaftler stimmen darin überein, dass mit Irenäus die Lehre von der creatio ex nihilo fest etabliert wurde. Irenäus argumentierte auch, dass die Welt nicht mit Gott gleich ewig sei.

„Schöpfer aber und Geschöpfe, Ursache und Wirkung sind verschiedene Dinge. Er nämlich ist unerschaffen, ohne Anfang und ohne Ende, gebraucht nichts und genügt sich selbst und verleiht allem übrigen das Dasein. Was aber von ihm erschaffen worden ist, hat einen Anfang genommen. Was aber einen Anfang genommen hat, kann auch wieder aufgelöst werden, ist untergeordnet und bedarf dessen, der es erschuf. Also muß auch bei denen, die sich wenn auch nur ein geringes Unterscheidungsvermögen bewahrt haben, ein verschiedener Ausdruck gebraucht werden, so daß der Gott, welcher alles gemacht hat, samt seinem Worte allein rechtmäßig Gott und Herr genannt wird, das Erschaffene aber an diesem Ausdruck keinen Anteil haben noch darauf Anspruch erheben darf, da er allein dem Schöpfer zukommt.“ [120]

Später verkündete Augustinus selbst einfach, dass Gott “Himmel und Erde aus dem Nichts erschaffen hat.“ [121]

Gewiss behaupteten einige vom mittelplatonischen Gedankengut beeinflusste christliche Theologen wie Justin der Märtyrer, Clemens von Alexandrien, Basil von Caesarea und Gregor von Nyssa (ganz zu schweigen von Philo von Alexandrien), Materie hätte ko-ewig mit Gott existiert. Jedoch betrachteten sie Materie in gewisser Weise als kontingent und abhängig von Gott. [122] Übrigens versteht der mormonische Gelehrte Stephen Ricks Gerhard Mays Analyse vom Auftauchen des Ausdrucks creatio ex nihilo im zweiten Jahrhundert bei dem gnostischen Denker Basilides falsch, wenn er sagt: „Von seiner Wurzel her war diese orthodoxe christliche Lehre [von der Schöpfung] vielleicht eine gnostische Häresie.“ [123] May bestätigt, dass Basilides‘ (recht ungnostische) Formulierung dieser Lehre unabhängig von späteren orthodoxen christlichen Theologen entstand und dass seiner Schöpfungslehre „jede Breitenwirkung versagt“ [124] blieb.

Trotz des nicht zu leugnenden starken Einflusses des Mittelplatonismus auf diese Denker müssen wir vorsichtig sein, dem biblischen Text über die Schöpfung aus dem Nichts Zweideutigkeit zuzuschreiben, nur weil bestimmte überlappende Vorstellungen, die sowohl dem Mittelplatonismus als auch der Schrift zu eigen sind, die eigene Sicht vielleicht etwas verschwimmen lassen. F.F. Bruce erinnert uns daran, dass “die Vorstellung, präexistenter Materie Form zu verleihen, eher griechischen als hebräischen Ursprungs ist.“ [125] Es gilt, sich daran zu erinnern, dass das jüdische Denken eher mit dem Gott des Kosmos als mit dem Kosmos selbst [126] und eher mit der creatio als mit dem ex nihilo beschäftigt war.[127] Die alttestamentlichen Schreiber betrachteten Naturphänomene in erster Linie als Hinweise auf Gott, der sie erschuf und dessen Herrlichkeit durch sie offenbar wurde. Beispielsweise beginnt Psalm 104, der die ehrfurchtgebietende natürliche Welt beschreibt, mit den Worten:

„Herr, mein Gott, du bist sehr herrlich; du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast.“

Für diese Schreiber war Gott der „König des Universums“. [128]

Wir können weiterhin behaupten, dass die Umwelt des alttestamentlichen Judentums (und infolge dessen auch die der frühen Christenheit) einen geeigneten Kontext für den Glauben an die Schöpfung aus dem Nichts lieferte. Ein solcher Glaube wäre der Mentalität des Hebräers (und der frühen Christen) nicht fremd gewesen. Um diese Behauptung zu stützen, werden wir von verschiedenen relevanten außerbiblischen jüdischen und christlichen Passagen Kenntnis nehmen, die bezeugen, dass die creatio ex nihilo dem biblisch beeinflussten Denken nicht fremd war.

Viele vertreten die Ansicht, dass das 2. Makkabäerbuch (in Kp 7,28), das zwischen den beiden Testamenten steht, eindeutig die traditionelle Lehre der creatio ex nihilo bezeugt. Dort fleht eine Mutter ihren Sohn an, doch eher bereitwillig Folter auf sich zu nehmen, als seinen Glauben zu widerrufen:

„Ich bitte dich, mein Kind, sieh Himmel und Erde an und alles, was darin ist, und bedenke: dies hat Gott alles aus dem nichts gemacht [hoti ouk ex onton epoiêsen auta ho theos] und wir Menschen sind auch so gemacht.“

Bernhard Anderson sieht in dieser Passage die Lehre der creatio ex nihilo dargelegt. [129]

Gerhard von Rad vertritt: „Die begriffliche Formulierung der creatio ex nihilo findet sich erst 2. Macc. 7,28“, also in diesem Abschnitt. [130] Laut Claus Westermann ist das jüdische Verständnis von Schöpfung, dass die Welt als Ganzes nur im Kontext ihrer Entstehung verstanden werden kann. [131] Es ist darum kein weiter Schritt von dieser Annahme zu der Behauptung, dass 2. Makkabäer 7,28 in der Tat von der Schöpfung aus dem Nichts spricht. [132]

Vielleicht gibt es keinen besseren Ort, an dem wir während dieses Zeitraums ein ex nihilo Verständnis der Schöpfung erkennen können, als in den Schriften der Qumran Gemeinschaft. Beispielsweise erkennen wir einen Bezug zur Schöpfung aus dem Nichts in den „Regeln der Gemeinschaft“ bzw. "Sektenregel" (1QS III.15-16):

“Von dem Gott der Erkenntnis (stammt) alles Seiende und Gewordene, und bevor sie ins Dasein getreten, setzte Er ihren ganzen Plan fest. Und wenn sie entsprechend dem Gedanken Seiner Herrlichkeit zu ihren (eigenen) Zeugnissen geworden [bzw. ihre Bestimmungen erreicht hatten], erfüllen sie ihre Werke und nichts (gibt es) zu ändern.“ [133]

Ein weiteres Zitat aus derselben Rolle (1 QS XI.11) lässt dieselbe Vorstellung von Gottes absoluter Schöpfung widerklingen:

„Mit Seinem Wissen ist alles geworden, alles Werdende setzt Er fest durch sein Denken und ohne Ihn wird es nicht vollbracht.“ [134]

Die Schriften des Qumran betonen deutlich Gottes absolute Souveränität: Gott erschafft zu seiner eigenen Herrlichkeit, und schon das Dasein des Universums geht auf ihn zurück. „[...]wird alles getan, und nichts wird erkannt ohne Dein Wohlgefallen“ (1 QH IX.8) [135] . Gott hat nicht nur alles Materielle erschaffen, sondern auch den unsichtbaren Bereich des Geistes: „Du hast jeden Geist geformt“ (1QH IX.20-31). Ein weiterer Abschnitt (1QH IX), der diese Themen verstärkt, lautet:

"[...] und durch die Weisheit Deiner Erkenntnis
hast Du fest[ges]etzt ihr Zeu[gnis]
bevor sie geworden,
und auf Grund [...] von allem
und ohne Dich wird es nicht getan." [136]

Gottes schöpferisches Handeln geschieht durch seine Weisheit (und Macht) – nicht mithilfe von präexistenten Materialien. Wenn wir die „Lobeshymne des Schöpfers in Psalmen“ (11 Q5 XXVI.9-15) lesen, sehen wir, dass Gott „Morgenrot bereitet kundigen Sinnes"; er schuf „die Erde durch seine Kraft“ und hat „mit Seiner Weisheit den Weltkreis gesetzt“; „mit seinem Verständnis die Himmel gespannt." [137] Wiederum werden wir eher in Richtung einer Schöpfung ex nihilo gewiesen als in die Gegenrichtung.

Der bekannte Rabbi aus dem 1. Jahrhundert, Gamaliel, scheint über diese Vorstellung von Schöpfung nachgedacht zu haben. Ein Philosoph forderte ihn heraus: „Dein Gott war in der Tat ein großer Künstler, doch er hatte gute Materialien [ungeformten Raum/Leere, Dunkelheit, Wasser, Wind und die Tiefe], um ihm zu helfen.“ Gamaliel, der wünschte, dass der Geist dieses Philosophen zerberste (oder dass er „den Geist aufgebe“), [138] erklärte: „Sie alle werden ausdrücklich als von ihm erschaffen beschrieben [und nicht als präexistent].“ [139]

In dem Hirten von Hermas lautet das erste Gebot, daran zu glauben, dass Gott alle Dinge “aus dem Nicht-Dasein ins Dasein“ brachte. [140] Angesichts dieser Stelle kommentiert Denis Caroll, dies sei die erste Anspielung auf eine creatio ex nihilo in christlicher Literatur. [141]

Das jüdische pseudoepigraphische Buch Joseph und Aseneth, dessen Datierung zwischen dem zweiten Jahrhundert v. Chr. bis zum zweiten Jahrhundert n. Chr. schwankt, enthält einen Abschnitt, der ebenfalls die creatio ex nihilo anzudeuten scheint. Aseneth, die ihre Götzen aus dem Fenster geworfen hat und sich eine Woche lang in Sacktuch kleidet, wendet sich an den Gott Josephs:

„Herr Gott der Zeitalter,
der alle (Dinge) schuf und (ihnen) Leben gab,
der deiner ganzen Schöpfung Lebensatem gab,
der die unsichtbaren (Dinge) hinaus ans Licht brachte,
der die (Dinge) schuf, die sind und die(jenigen, die) ihr Erscheinen von dem Nicht-Erscheinenden und Nicht-Seienden haben,
der den Himmel erhob
und ihn auf einer Feste auf dem Rücken der Winde gründete ....
Denn du, Herr, sprachst und sie wurden ins Leben gebracht,
denn dein Wort, Herr, ist Leben für alle deine Geschöpfe“ (12:1-3).

 

Zweiter Enoch, der im späten ersten Jahrhundert n. Chr. geschrieben wurde, spiegelt ebenfalls an einigen Stellen die Lehre von der Erschaffung aus dem Nichts wider: „Ich befahl …dass sichtbare Dinge aus dem Unsichtbaren herabkommen sollten“ (25:1ff.). „Lass eines der unsichtbaren Dinge fest und sichtbar hervorkommen“ (26,1).

Die Oden des Salomon, die etwa 100 v. Chr. gedichtet wurden (ursprünglich sehr wahrscheinlich auf Syrisch geschrieben) [142] deuten die Schöpfung aus dem Nichts an:

„Und es gibt nichts außerhalb des Herrn,
denn er war, bevor irgendetwas ins Sein kam.
Und die Welten bestehen durch sein Wort,
und durch den Gedanken seines Herzens.“ (16:18-19)

Im frühen zweiten Jahrhundert schrieb der Autor des Zweiten Baruchs (21,4) folgende Worte: „Oh du …der du das Firmament durch dein Wort befestigt hast …der du von Anbeginn der Welt das gerufen hast, was noch nicht existierte.“ In seiner Doktorarbeit über 2. Baruch kommentiert Frank James Murphy, dass hier die creatio ex nihilo ausgedrückt wird und damit angedeutet wird, dass die gegenwärtige sichtbare Welt nicht ewig ist. Sie hatte einen Anfang. [143]

Ein letztes Beispiel, das einen Glauben an die Schöpfung aus dem Nichts widerspiegelt, stammt aus den Apostolischen Konstitutionen, die vermutlich bereits Mitte des zweiten Jahrhunderts n. Chr. geschrieben wurden. Der „eine, der wirklicher Gott ist“ ist „der eine, der vor den Dingen ist, die gemacht wurden … der einzige ohne Ursprung und ohne einen Anfang.“ Der ewige Gott ist der eine, durch den „alle Dinge“ gemacht wurden. Er ist „von Natur aus der Erste und der Einzige, der ist.“ [144]

Ein letztes Argument: Mormonische Wissenschaftler [145] zitieren immer wieder Quellen wie Jonathan Goldstein, der sagt: „Mittelalterliche jüdische Denker waren noch der Ansicht, dass der Schöpfungsbericht in Genesis so gedeutet werden könnte, dass Gott aus präexistenter formloser Materie schuf.“ [146] Dies ist schlichtweg nicht wahr und ein falsches Verständnis dieser Exegeten. Vielmehr folgen alle mittelalterlichen jüdischen Exegeten einhellig Rashi (Ibn Ezra, Rashbam, Rambam usw.), indem sie eine Schöpfung aus dem Nichts voraussetzen. Wie kommt das? Sie nehmen beispielsweise an, weil Wasser bereits in Genesis 1,2 existierte, dies nicht eine absolute Schöpfung (d. h. aus dem Nichts) sein konnte. D. h., dass die Schöpfung, die in Gen 1,1 beschrieben wird, nicht das Erste ist, was Gott erschafft. Interessanterweise war Rashi, soweit wir wissen, der Erste, der berêshît („in dem Anfang“) als Konstruktus („am Anfang“) statt als Absolutus („ganz am Anfang“) las. [147] Absolute Schöpfung fand vorher statt, und hier arbeitet Gott mit seinem von ihm selbst geschaffenen Material, um Weiteres zu schaffen. Rashi kam nicht aufgrund grammatikalischer Gründe zu der Formulierung von berêshît als einem Konstruktus, sondern aufgrund der Materialien (z. B. Wasser). Ibn Ezra, der sich der „Konstruktus“- Sicht von Rashi anschloss, glaubte, dass Gott zuvor das Wasser erschaffen hatte, das er dann später verwendete, um innerhalb selektiver Aspekte des Universums schöpferisch tätig zu sein. Der alttestamentliche Wissenschaftler John Sailhamer fasst zusammen:

“Weder Rashi noch Ibn Ezra scheinen die traditionelle Sicht [von berêshît als Absolutus] wegen grammatikalischer Gründe verworfen zu haben, weil sie etwa dachten, dass die Konstruktus-Lesart die bessere sei. Sie glaubten vielmehr, dass dies die einzige Lesart sei, welche die offensichtliche Schwierigkeit der Erwähnung von Wasser in V. 2. lösen würde, für die in V. 1 nicht Rechnung getragen worden war. Ibn Ezra warnte seine Leser sogar, über den Vorschlag eines Konstruktus vor einem Verb nicht „erstaunt“ zu sein, was nahelegt, dass er selbst es als etwas schwierig empfand, berêshît vor einer finiten Verbform als einen Konstruktus zu lesen, und dass er dieselbe Reaktion bei seinen Lesern erwartete.“
ENDQUOTE

Sowohl Rashi als auch Ibn Ezra produzierten Beispiele, um zu beweisen, dass ein finites Verb nach einem Substantiv im Konstruktus erlaubt sei. Sowohl die Tatsache als auch die Art und Weise ihrer Verteidigung der Lesart in Gen 1,1 verrät ihr eigenes Unbehagen bei einer solchen Lesart. [148]

Somit glaubten diese jüdischen mittelalterlichen Exegeten nicht, dass Gott aus ewiger präexistenter Materie schuf. Vielmehr war Gott ihrem Denken nach der eigentliche Urgrund jeglicher endlichen Materie, die er für seine Schöpfung in Genesis 1 verwendet haben mag. Wie Foerster kommentiert: „Im Spätjudentum, sowohl bei den Rabbinen wie in der pseudepigraphischen Literatur, ist klar ausgesprochen, daß Gott allein und durch sein Wort „schuf“, dh aus dem Nichts ins Dasein rief“. [149] Er geht sogar so weit zu behaupten, dass „der Gedanke an eine Präexistenz der Materie“ der rabbinischen Literatur „fern gelegen“ hat. [150] So erkennen wir am Ende eine große Kontinuität bei denjenigen, die den 2. Makkabäer, die Rollen vom Toten Meer, die Septuaginta in späteren jüdischen Übersetzungen, den semitischen Targum und verschiedene mittelalterliche jüdische Kommentare verfassten.

Darum wird die Überzeugung, dass Gott absolut alles erschuf, von einer ganzen Reihe dazugehöriger unabhängiger Quellen für selbstverständlich genommen. Die mormonische Sicht von der Schöpfung, die vielleicht am meisten mit der Prozesstheologie kompatibel ist, [151] kann nicht aufrecht erhalten werden.

Trotz der häufig gehörten Behauptungen über den griechischen Einfluss auf christliche Theologie – dass eine „massenweise Übernahme griechisch philosophischer Metaphysik“ stattfand [152], ist es eindeutig die christliche Lehre, die an diesem kritischen Punkt nicht von griechischen Gedanken beeinflusst wurde. Ironischerweise ist es die Schöpfungsvorstellung der Heiligen der Letzten Tage, die viel offensichtlicher mit dem griechischen Denken übereinstimmt – eine Variante neoplatonischen Denkens, um genau zu sein. Es sind die Mormonen, die Platos Figur Timaeus folgen, welcher behauptete:

“Das ist im wahrsten Sinne der Ursprung der Schöpfung und der Welt … Weshalb man auch die gesamte sichtbare Sphäre nicht in einem Ruhezustand vorfindet, sondern als sich in unregelmäßiger und unordentlicher Weise bewegend. Aus der Unordnung brachte [Gott] Ordnung, da er sah, dass dies eine in jeglicher Art besser war als das andere.“ [153]

Um bis hierher zusammenzufassen: Wir haben zu zeigen versucht, dass der Glaube der Heiligen der Letzten Tage, Gott habe die Welt aus ewiger präexistenter unorganisierter Materie oder Chaos erschaffen, mit dem biblischen Text nicht übereinstimmt und dass ihre zitierte Literatur in der Auseinandersetzung damit immer wieder versagt. Wir haben im Gegenteil festgestellt, dass die Lehre von der Schöpfung ex nihilo treu die biblische Lehre in Worte fasst. Es ist tatsächlich extrem schwierig sich vorzustellen, wie ein nicht hellenisierter Hebräer aus dem biblischen Text den Schluss ziehen könnte, dass Gott und einige unorganisierte Materie (oder Chaos) von Ewigkeit her koexistierten. Zudem gibt es gute Gewähr für die Behauptung, dass die Lehre von der Erschaffung aus dem Nichts von christlichen Theologen des zweiten Jahrhunderts nicht selbst ex nihilo konstruiert wurde. Diese Anschauung wurde von jüdischen und christlichen Schreibern gleichermaßen vor dieser Zeit vertreten. Es ist vielmehr die Anschauung der Heiligen der Letzten Tage, die wir als mit der Schrift nicht vereinbar feststellen.

II. Philosophische und naturwissenschaftliche Unterstützung

Für die creatio ex nihilo

Ihre Verpflichtung auf die biblische Lehre der creatio ex nihilo brachte die Kirchenväter in direkte Kollision mit der griechischen Vorstellung von der Ewigkeit der Materie. Denn sowohl für Plato als auch Aristoteles, die Größten der griechischen Denker, besteht die Schöpfung nicht darin, dass Gott die Welt aus dem Nichts ins Dasein bringt, sondern darin, dass er formloser Urmaterie Form verleiht und dadurch einen Kosmos aus dem Chaos formt. [154] Wie wir gesehen haben weigerten sich, mit wenigen Ausnahmen, die Kirchenväter trotz des beträchtlichen Drucks, der von dem griechischen philosophischen Denken ausging, ein hebräisches Verständnis der Schöpfung zugunsten dieser griechischen Auffassung aufzugeben. Da Aristoteles die Ewigkeit der Welt nicht nur behauptet, sondern für sie auch argumentiert hat, konnten christliche Theologen nicht damit zufrieden bleiben, biblische Belegtexte für die jüdisch-christliche Sicht zu zitieren, sondern ließen sich mit griechischen Denkern auf philosophische Diskussionen über ihre konkurrierenden Denkansätze ein. Der letzte große Verfechter einer creatio ex nihilo vor der Ankunft des Islams war John Philoponus (im Jahr 580?), ein aristotelischer Kommentator aus Alexandrien. In seinen Werken Gegen Aristoteles und Über die Ewigkeit der Welt gegen Proclus begann er eine Argumentationstradition für die creatio ex nihilo, die auf der Unmöglichkeit einer unendlichen Vergangenheit basierte. Diese Tradition wurde später durch mittelalterliche muslimische und jüdische Theologen bereichert und dann wiederum erneut der christlichen scholastischen Theologie zurückübergeben. Jeder, der die Lehre von der creatio ex nihilo ablehnt, sollte es sich nicht leisten, diese Tradition zu leugnen, sondern muss auf solche Denker wie al-Ghazali, Saadi ben Gaon, Bonaventura und entsprechende Denker nach ihnen sachlich eingehen.

Im Folgenden wollen wir zwei unabhängige deduktive Argumente und zwei unabhängige induktive Argumente zugunsten der Schlussfolgerung anführen, dass das Universum einen absoluten Anfang hatte und mormonische Antworten auf diese Argumente betrachten. Wir kennen keine guten Argumente für die Unendlichkeit der Vergangenheit, egal ob sie deduktiv oder induktiv sind, noch liegen uns irgendwelche Argumente von mormonischen Denkern vor.

A. Deduktive Argumente

1. Argument aus der Unmöglichkeit einer aktualen Unendlichkeit

Das erste Argument, das wir betrachten, kann folgendermaßen formuliert werden:

1. Eine aktuale Unendlichkeit kann nicht existieren.

2. Ein unendlicher zeitlicher Regress von Ereignissen ist eine aktuale Unendlichkeit.

3. Darum kann ein unendlicher zeitlicher Regress von Ereignissen nicht existieren.

Es wird in der Regel behauptet, dass diese Art des Argumentes durch Georg Cantors Arbeit über das aktual Unendliche und durch die nachfolgenden Entwicklungen in der Mengenlehre als ungültig erwiesen wurde. Doch dieser Vorwurf ist ein schwerwiegendes Missverständnis sowohl der Natur von Cantors System als auch der modernen Mengenlehre, da dieses Argument keinem einzigen Grundsatz beider widerspricht. Der Grund dafür ist folgender: Cantors System und die Mengenlehre sind lediglich ein Universum im rein Begrifflichen, ein mathematisches System, das auf bestimmten übernommenen Axiomen und Konventionen beruht, wohingegen unser Argument die wirkliche Welt betrifft. Wir werden argumentieren, dass das aktual Unendliche zwar ein fruchtbares und konsistentes Konzept innerhalb des postulierten Universums in einem rein begrifflichen Rahmen sein mag, es aber nicht in die reale Welt verlegt werden kann, denn dies würde kontraintuitive Absurditäten nach sich ziehen. Die beste Art, dies zu zeigen, ist anhand von konkreten Beispielen, welche die verschiedenen Absurditäten illustrieren, die daraus resultierten, wenn ein aktual Unendliches in der wirklichen Welt instantiiert würde.

Nehmen wir zum Beispiel das Hilbert Hotel, ein gedankliches Produkt des großen deutschen Mathematikers David Hilbert. Stellen wir uns zuerst ein Hotel mit einer begrenzten Anzahl von Zimmern vor. Nehmen wir weiterhin an, dass alle diese Zimmer belegt sind. Wenn ein neuer Gast kommt und um ein Zimmer bittet, entschuldigt sich der Besitzer: „Tut mir leid, alle Zimmer sind belegt.“ Es gibt kein einziges leeres Zimmer im gesamten unendlichen Hotel. Nun nehmen wir an, ein neuer Gast taucht auf und fragt nach einem Zimmer. „Aber natürlich!“, sagt der Besitzer, und er verlegt die Person in Zimmer Nr. 1 in Zimmer Nr. 2, die Person in Zimmer Nr. 2 in Zimmer Nr. 3, die Person in Zimmer Nr. 3 in Zimmer Nr. 4 und so weiter, bis in die Unendlichkeit. Infolge dieser Zimmerveränderungen wird Zimmer Nr. 1 nun leer und der neue Gast checkt dankbar ein. Doch vergessen Sie nicht, bevor er ankam, waren alle Zimmer belegt! Gleicherweise kurios ist es, mathematisch betrachtet, dass es nicht mehr Personen in dem Hotel gibt als vorher: die Anzahl ist einfach unendlich. Aber wie kann das sein? Der Hotelbesitzer fügte den Namen des neuen Gastes einfach im Gästebuch hinzu und gab ihm seine Schlüssel – wie kann dann nicht eine Person mehr im Hotel sein als vorher?

Doch die Situation wird noch kurioser. Denn nehmen wir an, eine Unendlichkeit neuer Gäste taucht an der Rezeption auf und bitten um ein Zimmer. „Selbstverständlich, selbstverständlich!“, sagt der Besitzer, und er fährt fort, die Person von Zimmer Nr. 1 in Zimmer Nr. 2, die Person von Zimmer Nr. 2 in Zimmer Nr. 4, die Person von Zimmer Nr. 3 in Zimmer Nr. 6 usw. bis in die Unendlichkeit hinaus zu verlegen. Dabei verlegt er immer den vorherigen Zimmerbewohner in ein Zimmer, dessen Nummer die doppelte von seinem Zimmer hat. Da jede natürliche Zahl, die mit zwei multipliziert wird, eine gerade Zahl ist, enden alle Gäste in Zimmern mit geraden Zahlen. Infolgedessen werden alle Zimmer mit ungeraden Zahlen leer, und die Unendlichkeit neuer Gäste wird leicht untergebracht. Und doch, bevor sie kamen, waren alle Zimmer belegt! Und wiederum, seltsam genug, die Anzahl der Gäste in dem Hotel ist dieselbe wie zuvor, nachdem die Unendlichkeit neuer Gäste sich eingeschrieben hat, obwohl es genauso viele neue Gäste gab wie alte Gäste. Der Besitzer könnte diesen Prozess sogar unendlich viele Male wiederholen, und doch gäbe es nie auch nur eine Person mehr im Hotel als vorher.

Aber Hilberts Hotel ist noch seltsamer, als es der deutsche Mathematiker beschrieb. Denn nehmen wir an, einige der Gäste fangen an, sich wieder abzumelden. Nehmen wir an, der Gast aus Zimmer Nr. 1 fährt ab. Gibt es denn jetzt nicht eine Person weniger im Hotel? Nicht für Mathematiker! Nehmen wir an, die Gäste in Zimmer Nr. 1, 3, 5, ... melden sich ab [155]. In diesem Fall hat eine unendliche Zahl von Menschen das Hotel verlassen, aber den Mathematikern zufolge gibt es nicht weniger Menschen im Hotel! Wir könnten sogar jeden anderen Gast sich vom Hotel abmelden lassen und diesen Prozess unendlich viele Male wiederholen, und doch gäbe es nie irgendwie weniger Menschen in dem Hotel.

Nun nehmen wir an, dass der Besitzer kein halb leeres Hotel mag (es macht für das Geschäft einen schlechten Eindruck). Kein Problem! Indem er die Bewohner wie zuvor verschiebt, aber in entgegengesetzter Reihenfolge, verwandelt er sein halb leeres Hotel in eines, das bis zum Brechen gefüllt ist. Man könnte denken, dass der Besitzer durch diese Manöver sein seltsames Hotel immer voll besetzt halten könnte. Aber da läge man falsch. Denn nehmen wir an, dass die Personen aller Zimmer ab der Nr. 4, sich abmeldeten. Auf einen einzigen Schlag wäre das Hotel nahezu leer, das Gästebuch würde auf drei Namen reduziert, und die unendliche Anzahl in Endlichkeit verwandelt. Und doch bliebe es wahr, dass sich dieses Mal dieselbe Anzahl von Gästen abgemeldet hat wie dann, als sich die Gäste aus den Zimmern Nr. 1,3,5 ... abmeldeten! Kann irgendjemand glauben, dass ein solches Hotel in Wirklichkeit existieren könnte?

Hilberts Hotel ist absurd. Da nichts daran hängt, dass es sich bei der Illustration um ein Hotel handelt, zeigen die obigen Arten von Absurditäten im allgemeinen, dass es für eine aktual unendliche Zahl von Dingen unmöglich ist zu existieren. Es gibt schlichtweg keine Möglichkeit, diese Absurditäten zu vermeiden, sobald wir die Möglichkeit einer aktualen Unendlichkeit zugestehen. Laien reagieren manchmal auf solche Absurditäten wie Hilberts Hotel derart, dass sie sagen, wir verstünden nicht wirklich die Natur von Unendlichkeit, und daraus resultierten diese Absurditäten. Doch diese Auffassung ist schlichtweg falsch. Der Teilbereich der Mengenlehre, der sich mit unendlichen Mengen befasst [156], ist ein hoch entwickelter und gut erforschter Zweig der Mathematik, sodass man es so sehen kann, dass diese Absurditäten genau deshalb resultieren, weil wir die Vorstellung einer Ansammlung mit einer aktual unendlichen Zahl von Elementen verstehen.

Die zweite Prämisse stellt fest, dass ein unendlicher zeitlicher Regress von Ereignissen eine aktuale Unendlichkeit ist. Die zweite Prämisse behauptet, wenn die Reihe oder die Sequenz von Veränderungen in der Zeit unendlich ist, dann können diese Ereignisse kollektiv betrachtet eine aktuale Unendlichkeit konstituieren. Der Punkt scheint offensichtlich genug, denn wenn es eine Reihe gab, die sich aus einer unendlichen Anzahl von Ereignissen, die in die Vergangenheit zurückreichen, zusammensetzt, dann hat sich eine aktual unendliche Zahl von Ereignissen ereignet. Da die Reihe vergangener Ereignisse eine aktuale Unendlichkeit ist, treffen darauf all die Absurditäten zu, die mit der realen Existenz einer aktualen Unendlichkeit einhergehen.

Wir können darum schließen, dass ein unendlicher zeitlicher Regress von Ereignissen nicht existieren kann, das heißt, der zeitliche Regress von Ereignissen ist endlich. Da der zeitliche Regress von Ereignissen endlich ist, begann das Universum zu existieren.

Mormonische Philosophen haben von diesem Argument nahezu keine Kenntnis genommen. Blake Ostler, ein entschiedener Kritiker der creatio ex nihilo, ist jemand, der es getan hat. Vorausgesetzt, „dieses Argument oder irgendeine seiner verwandten Varianten sind stichfest, dann … [sind] bestimmte Formulierungen im Theismus der Heiligen der Letzten Tage inkohärent.“ Ostler glaubt dennoch, dass das Argument nicht stichfest sei. Er behauptet:

“Der Irrtum ist, wie der Mathematiker Cantor elegant gezeigt hat, dass nicht alle unendlichen Mengen gleich sein müssen. Cantor heißt uns, zwei unendliche aber nicht gleiche Mengen zu betrachten, die Menge aller Ordinalzahlen und die Menge aller geraden Zahlen. Die Kohärenz von unendlichen Mengen, die ungleich sind, kann dadurch gezeigt werden, dass man Elemente jeder Menge in einer Eins-zu-eins Korrespondenz miteinander paart. Obwohl beide Mengen unendlich sind, ist die Menge der geraden Zahlen nur halb so groß wie die Menge der Ordinalzahlen“. [157]

Dieser Analyse liegt jedoch ein ernster Irrtum zugrunde. Es stimmt, sobald man überabzählbare Mengen mitberücksichtigt, gibt es in der Cantorischen Mengenlehre unendliche Mengen verschiedener Größen. Aber unendliche Mengen, die unabzählbar sind, haben alle dieselbe Größe. Somit haben die Menge der geraden Zahlen und die Menge der Ordinalzahlen beide dieselbe Kardinalität, Aleph-Null, das heißt, sie beide haben dieselbe Anzahl von Elementen oder haben dieselbe Größe, auch wenn die Menge {1, 2, 3, . . .} alle Elemente hat, die {2, 4, 6, . . .}hat, plus einer unendlichen Anzahl dazu. Indem er fälschlicherweise behauptet, dass die letztere Menge „nur halb so groß“ sei wie die erste, gibt Ostler selbst Zeugnis von der paradoxen Natur der aktualen Unendlichkeit. Daher liegt Ostler schlichtweg falsch, wenn er sagt, hätten wir eine unendliche Anzahl von Baseballkarten und gäben 100 000 davon ab, so blieben uns weniger Karten, obwohl wir immer noch eine unendliche Anzahl hätten, [158] denn beide Sammlungen können in eine Eins-zu-eins Korrespondenz mit der Menge natürlicher Zahlen gesetzt werden. Um die Widersprüche zu vermeiden, die eine Subtraktion von einer unendlichen Menge beinhaltet, verbietet die transfinite Arithmetik solche inverse Operationen einfach per Erlass – aber wenn aktuale Unendlichkeiten wirklich existieren können, dann können Erlasse einiger Mathematiker unseren Baseballfan nicht daran hindern, einige seiner Karten abzugeben!

Ostler wendet auch ein, dass, wenn die mathematische Theorie der unendlichen Menge logisch kohärent sei, aktuale Unendlichkeiten wirklich möglich sein müssten. „Wenn die Vorstellung logisch kohärent ist, dann gibt es eine mögliche Welt, in der sie es erreichen kann.“ [159] Doch dieser Einwand wirft streng logische Möglichkeit mit metaphysischer Möglichkeit in einen Topf. Der Vertreter unseres Argumentes braucht nicht zu leugnen, dass die Cantorianische Mengenlehre, unter Voraussetzung ihrer Axiome und Konventionen, in sich kohärent ist. Doch dies sagt nichts darüber aus, ob aktuale Unendlichkeiten metaphysisch möglich sind, das heißt, ob es eine mögliche Welt gibt, die aktuale Unendlichkeiten enthält. Die letztere Frage ist eine metaphysische Frage, die nicht lediglich auf der Grundlage dessen beantwortet werden kann, ob ein System streng logisch konsistent ist.

Abgesehen von diesen falsch verstandenen Einwänden ist uns keine mormonische Antwort auf dieses erste Argument für die Endlichkeit der Vergangenheit bekannt. Somit haben wir guten Grund anzunehmen, dass die temporale Reihe von vergangenen, physikalischen Ereignissen nicht ohne Anfang ist.

2. Argument von der Unmöglichkeit einer sukzessiven Bildung einer aktualen Unendlichkeit

Das zweite deduktive Argument kann wie folgt formuliert werden:

1. Die zeitliche Reihe von Ereignissen ist eine Anhäufung, die durch sukzessive Addition gebildet wird.

2. Eine durch sukzessive Addition gebildete Anhäufung kann kein aktual Unendliches sein.

3. Darum kann die zeitliche Reihe von Ereignissen kein aktual Unendliches sein.

Hier nehmen wir nicht an, dass ein aktual Unendliches nicht existieren kann. Selbst wenn ein aktual Unendliches existieren kann, dann kann die zeitliche Reihe von Ereignissen nicht ein solches sein, da ein aktual Unendliches nicht, wie die zeitliche Reihe von Ereignissen, durch sukzessive Addition gebildet werden kann.

Die erste Prämisse erscheint offensichtlich genug. Die Anhäufung aller vergangenen Ereignisse vor irgendeinem gegebenen Punkt ist nicht eine Ansammlung, deren Elemente alle koexistieren. Es ist vielmehr eine Ansammlung, die nacheinander oder zeitlich sukzessiv instanziiert wird, bei dem ein Ereignis dem anderen auf den Fuß folgt. Die Reihe von vergangenen Ereignissen ist nicht ein zeitlos existierendes Kontinuum, dessen Elemente alle gleich real sind. Die zeitliche Reihe von Ereignissen ist vielmehr eine Ansammlung, die durch sukzessive Addition gebildet wird.

Die zweite Prämisse behauptet, dass eine Ansammlung, die durch sukzessive Addition gebildet wird, kein aktual Unendliches sein kann. Manchmal wird dies als die Unmöglichkeit beschrieben, das Unendliche zu durchlaufen. Damit wir im Heute „ankommen“, hat die Existenz sozusagen eine unendliche Zahl vorhergehender Ereignisse durchlaufen. [160] Doch bevor das gegenwärtige Ereignis eintreten konnte, müsste das Ereignis, das dem unmittelbar vorausgeht, eingetreten sein usw., ad infinitum. Kein Ereignis könnte je ankommen, denn bevor es sich vollziehen könnte, wird es immer ein Ereignis mehr geben, das zuerst geschehen musste. Wenn die Reihe vergangener Ereignisse somit ohne Anfang wäre, könnte das gegenwärtige Ereignis nicht angekommen sein, was absurd ist! Die einzige Möglichkeit, wie ein aktual Unendliches in der realen Welt in Existenz kommen könnte, wäre, wenn es in der Realität ganz plötzlich instanziiert würde, einfach in einem Moment gegeben würde. Wie Russell feststellt: „Klassen, die unendlich sind, werden alle sofort durch die definierenden Eigenschaften ihrer Elemente gegeben, sodass keine Frage der ,Vervollständigung‘ oder ,sukzessiven Synthese‘ besteht.“ [161]

Wenn die Reihe vergangener Ereignisse ein aktual Unendliches ist, verstärkt die sequenzielle Natur der zeitlichen Reihe von Ereignissen in der Tat die Absurditäten, die mit der wirklichen Existenz eines aktual Unendlichen einhergehen. Wenn beispielsweise Cantors System die Realität beschriebe, dann wäre die Anzahl von Ereignissen, die bis zur Gegenwart eingetreten sind, nicht größer als die Anzahl, die sich bis zu irgendeinem Punkt der Vergangenheit ereignet hätten. Dies führt zu bizarren Schlussfolgerungen. Man stelle sich vor, dass Jupiter und Erde die Sonne seit ewiger Vergangenheit umkreisen, sodass für jeden Umlauf Jupiters die Erde zwölf Umläufe ausführt. Wenn die Sequenz vergangener Ereignisse unendlich ist, welcher Planet hat dann die meisten Umläufe ausgeführt? Cantor zufolge, wenn sein System für die Realität deskriptiv wäre, wäre die Anzahl der Umläufe gleich, denn sie könnten in eine Eins-zu-eins Korrespondenz gebracht werden! Doch dies ist einfach unglaubhaft, da jeder Umlauf des Jupiters zwölf Umläufe der Erde erzeugte, und je länger sie die Sonne umrundeten, umso größer würde die Ungleichheit.

Somit können wir folgern, dass eine Anhäufung, gebildet durch sukzessive Addition, kein aktual Unendliches sein kann. Da die zeitliche Reihe von Ereignissen eine Anhäufung ist, die durch sukzessive Addition gebildet wird, folgern wir: darum kann die zeitliche Reihe von Ereignissen nicht ein aktual Unendliches sein. Das bedeutet natürlich, dass die zeitliche Reihe von vergangenen physikalischen Ereignissen einen Anfang hatte.

Ostler erhebt die Anklage, dieses Argument sei „ein Kunsttrick, wie Zenos Paradoxe, denn selbst ein Baseball müsse eine unendliche Zahl von Halbzeitpunkten durchlaufen, um den Baseballhandschuh des Fängers zu erreichen, aber irgendwie schafft es der Baseball wirklich in den Handschuh.“ [162] Er übersieht hierbei zwei entscheidende Disanalogien einer unendlichen Vergangenheit zu Zenos Paradoxien: während in Zenos Gedankenexperimenten die durchlaufenen Intervalle potenziell und ungleich sind, sind die Intervalle im Falle einer unendlichen Vergangenheit aktual und gleich. Ostlers Behauptung, dass der Baseball eine unendliche Zahl von Halbzeitpunkten bis zum Baseballhandschuh durchlaufen muss, ist unzureichend begründet, denn sie geht bereits davon aus, dass das gesamte Intervall eine Komposition einer unendlichen Zahl von Punkten ist, wohingegen Zenos Gegner, wie Aristoteles, die Linie als Ganzes konzeptionell vor jeglichen Divisionen begreifen, die wir darin durchführen könnten. Zudem summieren sich Zenos Intervalle, da sie ungleich sind, zu einer rein endlichen Distanz, wohingegen die Intervalle in einer unendlichen Vergangenheit sich zu einer unendlichen Distanz summieren. Somit bleibt es rätselhaft, wie wir eine unbegrenzte Anzahl von gleichen, aktualen Intervallen durchlaufen haben könnten, um zu unserem gegenwärtigen Ort zu gelangen.

Ostler erhebt auch die Anklage, dass das Argument den "Trugschluss der Komposition" begehe, indem es folgert, weil die Zahl der vergangenen Ereignisse unendlich sei, es auch ein Ereignis Nummer „unendlich“ irgendwo in der Vergangenheit geben müsse. Im Gegenteil, „wer glaubt, dass das Universum unendlich alt ist, behauptet nicht, dass einer dieser Tage der unendlichste Tag war, der sich vor einer unendlichen Anzahl von Tagen ereignete.“ [163] Von unserer Darlegung des Argumentes sollte jedoch deutlich werden, dass Ostlers Anklage grundlos ist. Keine der Versionen dieses Argumentes ist begründet durch Komposition. Vielmehr setzen die meisten Versionen dieses Argumentes voraus, dass jedes besondere Ereignis in einer unendlichen Vergangenheit in einem endlichen Abstand von der Gegenwart liegt, sodass von einem Ereignis Nummer „unendlich“ nicht die Rede sein kann.

Schließlich bietet Ostler ein positives Argument für die Möglichkeit eines unendlich alten Universums:

„Es scheint, dass es, egal, wie weit zurück man in die Zeit geht, bis zu irgendeinem bestimmten Moment in der Vergangenheit, logisch möglich ist, dass die Welt zu diesem Moment existierte. Aber wie umfassend ist die Reihe oder Sammlung von Momenten, in denen es möglich ist, dass die Welt existierte? Die Zahl erscheint gewiss unbegrenzt oder unendlich. Doch wenn die Anhäufung der Zeiten, zu denen es möglich ist, dass die Welt existiert, unendlich ist, dann folgt daraus, dass es kohärent ist zu behaupten, dass die Welt unendlich alt ist." [164]

Die Vorstellung hier scheint zu sein, dass wir in der Zeit auf einen Punkt tn in der endlichen Vergangenheit zurückgehen und fragen, hätte es einen früheren Moment tn-1 geben können, zu dem das Universum existierte? Die Antwort lautet, dass wir zu jedem Moment tn uns eine mögliche Welt vorstellen können, die einen Moment tn-1 hat, in dem das Universum existierte. So weit, so gut. Aber wie folgt daraus, dass es eine mögliche Welt gibt, in der tn eine unendliche Zahl von Momenten vorausging? Ostler denkt, da die Zahl möglicher Welten mit längerer und längerer endlicher Vergangenheiten unbegrenzt ist, deshalb gäbe es eine mögliche Welt, die eine unendliche Vergangenheit hat. Dies ist genauso logisch fehlschlüssig, als wenn man argumentierte, dass es eine unendlichste Zahl geben muss, weil man unbegrenzt endliche Zahlen immer höher und höher zählen kann. Ostler ist ironischerweise genau dem Fehlschluss erlegen, dessen er oben das vorliegende Argument bezichtigte. In seinen eigenen Worten: „Es ist so, als wenn man sagte, es kann keine unendliche Anzahl von ganzen Zahlen geben, es sei denn eine von ihnen ist die ‚unendlichste‘ ganze Zahl – was eindeutig verqueres Denken ist.“ [165] Deshalb ist sein positives Argument für die Möglichkeit einer unendlichen Vergangenheit nutzlos.

B. Induktive Argumente

1. Die Expansion des Universums

1917 machte Albert Einstein eine kosmologische Anwendung seiner neu entdeckten Gravitationstheorie, die Allgemeine Relativitätstheorie (ART). Dabei nahm er an, dass das Universum homogen und isotropisch sei und in einem Gleichgewichtszustand (Steady-State) existiere, mit einer konstanten mittleren Massendichte und einer konstanten Raumkrümmung. Zu seinem Kummer stellte er jedoch fest, dass die ART ein solches Modell des Universums nicht erlaubt, es sei denn er führe in seine Gravitationsfeldgleichungen einen bestimmten „Korrekturfaktor“ ein, um der Gravitationswirkung der Materie ein Gegengewicht zu bieten und um ein statisches Universum zu ermöglichen. Leider hielt Einsteins statisches Universum sein Gleichgewicht nur auf Messerklinge, und die kleinste Störung würde das Universum entweder zum Implodieren oder zur Expansion bringen. Indem sie dieses Merkmal des einsteinschen Modells ernst nahmen, waren der russische Mathematiker Alexander Friedman und der belgische Astronom Georges Lemaître in der Lage, unabhängig voneinander in den 1920er Jahren Lösungen für die Feldgleichungen zu formulieren, die ein expandierendes Universum voraussagten.

1929 wies der Astronom Edwin Hubble nach, dass die Rotverschiebung im optischen Spektrum des Lichts von fernen Galaxien ein gemeinsames Merkmal von allem war und sich proportional zu ihrer Distanz von uns vollzog. Diese Rotverschiebung wurde als eine Dopplereffektmessung [der Galaxien] gedeutet und sprach für eine rezessive Bewegung der Lichtquelle in der Sichtlinie. Erstaunlicherweise war das, was Hubble entdeckt hatte, die isotropische Expansion des Universums, die von Friedman und Lemaître auf Grundlage der einsteinschen ART vorausgesagt worden war.

Nach dem Friedman-Lemaître-Modell werden die Distanzen, die galaktische Massen voneinander trennen, mit fortschreitender Zeit größer. Es ist von Bedeutung zu verstehen, dass dieses Modell, da es auf der ART basiert, nicht die Expansion von materiellem Inhalt des Universums in einen vorher bestehenden leeren newtonschen Raum beschreibt, sondern vielmehr die Expansion des Raumes selbst. Die idealen Partikel des kosmologischen Mediums, zusammengesetzt aus Materie und Energie des Universums, stellt man sich in Bezug auf den Raum als im Ruhezustand vor, aber als progressiv voneinander zurückweichend, da der Raum selbst expandiert und sich dehnt, so wie Punkte, die man auf die Oberfläche eines Ballons klebt, sich voneinander entfernen, wenn man den Ballon aufbläst. Da das Universum expandiert, verliert es beständig an Dichte. Dies hat die erstaunliche Implikation, dass man, wenn man die Expansion rückwärts betrachtet und in die Vergangenheit zurück verlagert, das Universum progressiv dichter wird, bis es, an einem Punkt in der endlichen Vergangenheit, einen Zustand der „unendlichen Dichte“ erreicht. [166] Dieser Zustand stellt eine Singularität dar, an der die raumzeitliche Krümmung sowie Temperatur, Druck und Dichte unendlich werden. Damit stellt dies einen Rand oder eine Grenze zur Raumzeit selbst dar. P. C. W. Davies kommentiert:

“Wenn wir diese Voraussage ins Extrem extrapolieren, erreichen wir einen Punkt, an dem alle Distanzen im Universum auf Null geschrumpft sind. Eine initiale kosmologische Singularität bildet darum eine vergangene zeitliche Extremität des Universums. Wir können durch eine solche Extremität physikalische Argumentation oder selbst das Konzept der Raumzeit nicht fortführen. Aus diesem Grunde halten die meisten Kosmologen die initiale Singularität für den Anfang des Universums. Aus dieser Sicht stellt der Urknall das Schöpfungsereignis dar; die Schöpfung nicht nur aller Materie und Energie im Universum, sondern auch der Raumzeit selbst.“ [167]

Der Begriff “Urknall” ist darum potenziell irreführend, da die Expansion von außen nicht visualisierbar ist (da es kein „außen“ gibt, so wie es kein „zuvor“ in Bezug auf den Urknall gibt).

Das Standard-Urknall-Modell, wie das Friedman-Lemaître-Modell bezeichnet wurde, beschreibt somit ein Universum, das in der Vergangenheit nicht ewig ist, sondern vor einer endlichen Zeit ins Dasein kam. Zudem – und dies verdient es, unterstrichen zu werden – ist der Anfang, den es postuliert, ein absoluter Anfang ex nihilo. Denn nicht nur alle Materie und Energie, sondern Raum und Zeit selbst kamen bei dieser initialen kosmologischen Singularität ins Dasein. Wie Barrow und Tipler betonen: „Bei dieser Singularität entstanden Raum und Zeit; vor der Singularität bestand buchstäblich nichts, das heißt, wenn das Universum an einer solchen Singularität seinen Ursprung nahm, dann hätten wir wahrhaftig eine Schöpfung ex nihilo.“ [168]

Nun ist eine solche Schlussfolgerung für jeden, der darüber nachdenkt, zutiefst beunruhigend. Denn die Frage lässt sich nicht unterdrücken: Warum existiert das Universum, anstatt dass nichts existiert? Es kann keinen natürlichen, physikalischen Grund für das Urknallereignis geben, denn, in Quentin Smith‘ Worten: „Es gehört analytisch zum Konzept der kosmologischen Singularität, dass sie nicht der Effekt vorhergehender physikalischer Ereignisse ist. Die Definition einer Singularität ... zieht es nach sich, dass es unmöglich ist, die Raumzeit mannigfach über die Singularität hinauszuziehen …Dies schließt die Vorstellung aus, dass die Singularität ein Effekt eines vorhergehenden natürlichen Prozesses ist.“ [169]  Sir Arthur Eddington, der über den Anfang des Universums nachdachte, äußerte die Meinung, dass die Expansion des Universums so absurd und unglaublich sei, dass „ich beinahe Empörung empfinde, dass irgendjemand daran glauben sollte – außer mir selbst.“ [170] Er fühlte sich schließlich zu der Folgerung gezwungen: „Der Anfang scheint unüberwindbare Schwierigkeiten zu bieten, es sei denn, wir einigen uns darauf, ihn unumwunden als übernatürlich zu bezeichnen.“ [171]

Die Standard-Urknall-Kosmogonie stellt somit das dar, was der mormonische Theologe Keith Norman als eine “ernsthafte Herausforderung für die mormonische Version des Universums” bezeichnet hat. [172] Nachdem er beobachtet hat, dass das Standardmodell der „orthodoxen Lehre von der Schöpfung ex nihilo“ erstaunlich ähnlich klinge, bemerkt er:

“…sowohl die theoretischen Physiker als auch die christlichen Philosophen geben dieselbe Antwort auf die Frage, was dem Universum vorausging: ‘Nichts’ … ‚vor dem Anfang‘ hat keine Bedeutung in Abwesenheit von Raum und Zeit. Das Universum wurde ‚buchstäblich aus dem Nichts‘ erschaffen.“ [173]

Angesichts der mormonischen Überzeugung von der Ewigkeit der Materie und einer raumzeitlichen, die Naturgesetze nicht transzendierenden Gottheit gesteht Norman ein: „Im Gegensatz zu der offenbaren Harmonie zwischen moderner Physik und traditionellem Christentum, was die Thematik der Schöpfung und die Substanzialität materiellen Seins betrifft, scheint die mormonische Lehre ein Relikt aus dem 19. Jahrhundert zu sein.“ [174]

2. Thermodynamische Eigenschaften des Universums

Wäre dies nicht genug, so gäbe es noch ein zweites induktives Argument für den Anfang des Universums, dem die Evidenz der Thermodynamik zugrunde liegt. Laut dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik tendieren Prozesse in einem geschlossenen System immer einem Zustand des Gleichgewichts zu. Nun, unser Interesse für dieses Gesetz liegt in der Frage, was passiert, wenn man es auf das Universum als Ganzes anwendet. Das Universum ist, aus naturalistischer Sicht, ein gigantisches geschlossenes System, da es alles ist, was es gibt, und es nichts außerhalb gibt. Dies scheint zu implizieren, wenn genug Zeit gegeben ist, werden das Universum und alle seine Prozesse auslaufen und das gesamte Universum wird in ein Gleichgewicht geraten. Dies ist als der Wärmetod des Universums bekannt. Sobald das Universum diesen Zustand erreicht hat, ist keine weitere Veränderung möglich. Das Universum ist tot.

Es gibt zwei mögliche Arten von Wärmetod für das Universum. Wenn das Universum sich schließlich wieder zusammenzieht, wird es einen „heißen“ Tod sterben. Während es sich zusammenzieht, gewinnen die Sterne Energie, die verursacht, dass sie schneller ausbrennen, sodass sie letztlich explodieren oder verdampfen. Da alles im Universum enger zusammenwächst, beginnen die Schwarzen Löcher alles um sich herum zu verschlingen, und fangen schließlich an, sich miteinander selbst zusammenzuballen. Mit der Zeit ballen sich alle Schwarzen Löcher schließlich zu einem großen Schwarzen Loch zusammen, das sich gemeinsam mit dem Universum ausdehnt, und, aus dem das Universum niemals wieder auftauchen wird.

Aber nehmen wir an, was wahrscheinlicher ist, dass das Universum für immer expandieren wird. In diesem Fall wird sein Tod kalt sein, da die Galaxien ihr Gas in Sterne verwandeln und die Sterne ausbrennen. In 1030 Jahren wird das Universum aus zu 90% aus toten Sternen bestehen, zu 9% aus supermassiven Schwarzen Löchern, die durch den Zusammenbruch der Galaxien entstehen, und zu 1% aus atomarer Materie, hauptsächlich Wasserstoff. Die Elementarteilchenphysik legt nahe, dass danach Protonen in Elektronen und Positronen zerfallen, sodass der Raum mit verdünntem Gas gefüllt sein wird, das so dünn ist, dass die Distanz zwischen einem Elektron und einem Positron in etwa der Größe der heutigen Galaxie entspricht. In 10100 Jahren, so glauben einige Wissenschaftler, werden die Schwarzen Löcher sich selbst durch einen seltsamen Effekt, den die Quantenmechanik voraussagt, aufgelöst haben. Die Masse und Energie, die mit einem schwarzen Loch verbunden ist, verzerren so den Raum, dass man sagt, sie bilden einen „Tunnel“ oder „Wurmloch“, durch die Masse und Energie in eine andere Region des Weltraums hinausgeschleudert werden. Wenn die Masse eines Schwarzen Loches abnimmt, beschleunigt sich sein Energieverlust, sodass es schließlich in Strahlung und Elementarteilchen aufgelöst sein wird. Schließlich werden alle schwarzen Löcher völlig verdampfen und die gesamte Materie in dem für immer expandierenden Universum wird auf ein dünnes Gas von Elementarteilchen und Strahlung reduziert sein. Überall wird ein thermodynamisches Gleichgewicht vorherrschen, und das gesamte Universum wird sich in seinem endgültigen Zustand befinden, aus dem es keine Veränderung mehr geben wird.

Nun ist die Frage, die gestellt werden muss, folgende: wenn genug Zeit gegeben ist, dann wird das Universum den Zustand des Wärmetods erreichen. Warum ist es dann jetzt noch nicht in einem Zustand des Wärmetodes, wenn es für immer, seit Ewigkeit existiert hat? Wenn das Universum nicht zu existieren begann, dann sollte es jetzt in einem Zustand des Gleichgewichts sein. Wie eine tickende Uhr sollte es bis jetzt bereits abgelaufen sein. Da es aber noch nicht abgelaufen ist, impliziert dies, in den Worten eines erstaunten Wissenschaftlers: „Auf irgendeine Art muss das Universum aufgezogen worden sein.“ [175]

Einige Menschen haben versucht, dieser Schlussfolgerung zu entgehen, indem sie ein oszillierendes Modell des Universums übernehmen, das niemals seinen finalen Zustand des Gleichgewichts erreicht. Doch auch abgesehen von den physikalischen und beobachtbaren Problemen, die solch ein Modell plagen, implizieren die thermodynamischen Eigenschaften dieses Modells genau den Anfang des Universums, den seine Vertreter zu vermeiden suchten. Denn die Entropie nimmt von Zyklus zu Zyklus in einem solchen Modell zu, was den Effekt hat, weitere und längere Oszillationen mit jedem sukzessiven Zyklus zu erzeugen. Wenn man also die Oszillationen in der Zeit zurückverfolgt, werden sie progressiv kleiner, bis man eine erste und kleinste Oszillation erreicht. Daher folgern Zeldovich und Novikov: „Das Multizyklus-Modell hat eine unendliche Zukunft, aber nur eine endliche Vergangenheit“. [176] Der Astronom Joseph Silk schätzt auf der Grundlage des gegenwärtigen Entropielevels sogar, dass das Universum nicht durch mehr als 100 vorhergehende Oszillationen gegangen sein kann. [177]

Selbst wenn diese Schwierigkeit vermieden würde, erforderte ein Universum, das seit ewiger Vergangenheit oszilliert, eine unendlich genaue Abstimmung der anfänglichen Bedingungen, um nach einer unendlichen Anzahl sukzessiver Zusammenstürze [Bounces] weiter zu bestehen. Ein Universum, das von einer einzigen, unendlich langen Kontraktion zurückschnellt, ist, wenn die Entropie sich während der Kontraktionsphase erhöht, thermodynamisch unhaltbar und inkompatibel mit dem initialen Zustand niedriger Entropie unserer expandierenden Phase. Eine Entropieabnahme während der Kontraktionsphase zu postulieren, um diesem Problem zu entgehen, würde erfordern, dass wir Zustände mit unerklärlich niedriger Entropie zu dem Zeitpunkt postulieren, als ein sich unendlich entwickelndes Universum den Sprung ins Leben tat. Einem Zustand mit solch niedriger Entropie zu Beginn der Expansion wird plausibler durch die Anwesenheit einer Singularität oder einer Art von Quantenschöpfungsereignis Rechnung getragen.

Ob man also ein rekontraktierendes Modell, ein für immer expandierendes Modell oder ein oszillierendes Modell übernimmt, die Thermodynamik impliziert, dass das Universum einen Anfang hatte. Laut P. C. W. Davies muss das Universum vor einer endlichen Zeit erschaffen worden sein und befindet sich in dem Ablaufprozess. Vor der Schöpfung, sagt Davies, bestand das Universum schlichtweg nicht. Darum folgert er, auch wenn es uns vielleicht nicht gefällt, müssen wir sagen, dass die Energie des Universums irgendwie einfach in die Schöpfung als ein initialer Zustand „hineingelegt“ wurde. [178]

Die vorliegenden Alternativen

Die Fortschritte in der physikalischen Kosmologie während des letzten Jahrhunderts haben mormonische Wissenschaftler, die solche empirischen Beweise ernst nehmen, in eine extrem schwierige Lage gebracht. Denn, um den Anfang des Universums ex nihilo zu erklären, postulieren wir eine kausal wirksame Instanz, die für den Ursprung des Universums verantwortlich ist. Ein solches außerweltliches Wesen als die Ursache von Raum und Zeit, muss Raum und Zeit transzendieren und darum nicht-zeitlich und nicht-räumlich existieren, zumindest ohne Universum. Diese transzendente Ursache muss darum unveränderbar und immateriell sein, da Zeitlosigkeit Unveränderlichkeit nach sich zieht, und Unveränderlichkeit Materielosigkeit impliziert. Eine solche Ursache muss ohne Anfang und ohne Ursache sein, zumindest in dem Sinne, dass ihr irgendwelche zeitlich vorhergehende kausale Bedingungen fehlen. Diese Entität muss unvorstellbar mächtig sein, da sie das Universum aus dem Nichts schuf. All das ist zwar mit dem traditionellen Theismus stimmig, steht aber in starkem Widerspruch zu der üblichen mormonischen Vorstellung von Gott.

David Bailey, ein mormonischer Wissenschaftler der NASA, erkennt an, dass die Urknalltheorie “nun allgemein als die korrekte Beschreibung des Ursprungs des Universums akzeptiert wird“ und fügt hinzu, „die Beweislast, die diese Theorie stützt, ist auf den Punkt angewachsen, dass sie von jedem ernst genommen werden muss, der versucht, eine wissenschaftlich haltbare Theologie zu schaffen.“ [179] Als ein Naturwissenschaftler der Heiligen der Letzten Tage möchte Bailey eine Theologie, die wissenschaftlich haltbar ist; doch die mormonische Vorstellung von Gott als einem endlichen, physikalischen Produkt einer anfangslosen Progression ist für die Urknall Kosmogonie ein Schlag ins Gesicht. Bailey schreibt:

“Die Vorstellung der Heiligen der Letzten Tage von Gott postuliert, dass Gott ein reales, fassbares Wesen ist, das mit den Naturgesetzen im Universum koexistiert. Vielleicht ist die extremste ‚Häresie‘ der Heiligen der Letzten Tage in den Augen anderer christlicher Splittergruppen das Gesetz des ewigen Fortschrittes (wie der Mensch ist, so war Gott einmal, und wie Gott ist, kann der Mensch werden‘). Diese Lehre, die zuerst von Joseph Smith geäußert und später von anderen Präsidenten der Heiligen der Letzten Tage ausgearbeitet wurde, ist nun ein fundamentaler Bestandteil des Glaubens.“ [180]

Unglücklicherweise gesteht er dann ein:

“Die Vorstellung, dass alles in unserem Universum durch einen Urknall vor ungefähr 15 Milliarden Jahren seinen Ursprung nahm, erzeugt für die mormonische Theologie einige Probleme. Ein Gott, der in Raum und Zeit existiert, sollte innerhalb des beobachtbaren Universums wohnen. In diesem Fall ist Gott nicht in einem wörtlichen und absoluten Sinne ewig, sondern kam vielmehr nach dem Urknall ins Dasein.“

Die traditionelle Vorstellung der Heiligen der Letzten Tage von ewigen Elementen (D & C 93:33) stößt auf eine ähnliche Schwierigkeit, wenn sie buchstäblich so interpretiert wird, dass sie bedeutet, dass Materie immer existiert hat und nicht erschaffen oder zerstört werden kann. Die Verwandlung von Masse in Energie und die Transmutation von Masse sind gut begründete physikalische Phänomene. Außerdem entstand alle Materie im Urknall. [181]

Der Urknall stellt den Anfang aller Materie und Energie dar, selbst von physikalischem Raum und Zeit, wie wir gesehen haben. Deshalb ist es mit der Theorie unvereinbar, daran festzuhalten, dass Materie/Energie ewig sind oder dass Gott das physikalische Produkt einer anfangslosen Höherentwicklung ist. Das Problem, das der Urknall für die mormonische Theologie darstellt, ist besonders schwerwiegend, nicht nur, weil die Urknalltheorie die Schöpfung ex nihilo stützt, sondern weil die mormonische Vorstellung von Gott als einem erweiterten, materiellen Objekt, das im Universum existiert, in Verbindung mit der Urknallkosmogonie erfordert, dass Gott Selbst (oder seine Vorgänger) ex nihilo ins Dasein kamen. Darum ist die Urknalltheorie ein echter Dolch am Hals der mormonischen Theologie.

Selbst wenn das Universum keinen singulären Anfangspunkt hätte, erschiene die mormonische Vorstellung von Gott hoffnungslos unvereinbar mit zeitgenössischer Kosmogonie. Denn mormonische Theologen konstruieren Gott als eine physikalische Entität, die im Universum völlig immanent ist. Eine zeitrückgängige Extrapolierung der Expansion des Universums stellt einen Prozess eines universellen Gravitationseigenkollapses dar, der durch dieselben Hawking-Penrose Singularitätstheoreme gelenkt wird, die das Verhalten eines Schwarzen Loches determinieren. Nahezu jedes Lehrbuch der Astrophysik wird eine lebhafte Schilderung davon enthalten, was mit einem unglücklichen Zeitreisenden geschähe, der zufällig die Grenze eines Schwarzen Loches überschritte. Während er unwiderstehlich in den Sog hineingezogen wird, werden Gezeitenkräfte seinen Körper in Stücke zerreißen, bevor er schließlich zu einem unerkenntlichen Faden zusammengezogen wird. Dasselbe Schicksal erwartet den mormonischen Gott, wenn wir ihn zum Urknall hin rückwärts extrapolieren. Die Vorstellung, dass es eine ewige Höherentwicklung menschenähnlicher Gottheiten gab, die einander Gesellschaft leisteten, ist schlimmer als wissenschaftlicher Humbug – es ist ein Märchen olympischen Ausmaßes.

Der thermodynamische Beweis für den Anfang des Universums hat auch mormonische Naturwissenschaftler in eine unbequeme Lage versetzt. Einerseits erkennen sie die Implikation des gegenwärtigen thermodynamischen Ungleichgewichts für die Endlichkeit der Vergangenheit und verwenden manchmal sogar das Argument als Teil einer natürlichen Theologie. Henry Eyring, Professor der Chemie an der Universität von Utah fragt beispielsweise, nachdem er den unvermeidlichen Wärmetod des Universums erklärt hat: „Wie wurde das Universum dann aufgezogen?“ und schreibt den initialen Input von Energie dem Schöpfer zu. [182] Doch während eine solche Schlussfolgerung mit der orthodoxen christlichen Vorstellung von Gott als nicht-leibliches, transzendentes Wesen, das das Universum ex nihilo erschafft, gut harmoniert, ist es mit dem traditionellen mormonischen Verständnis von Gott als zeitliches, materielles, dem Universum immanentes Wesen unvereinbar. Gott muss nach mormonischem Verständnis nicht nur einen Anfang haben, sondern muss auch zu einem Ende kommen, entweder, indem er beim Big Crunch aufgeschluckt und in Vergessenheit gestürzt wird oder aber buchstäblich im kalten, dunklen Winkel des Universums auseinanderfällt – in der Tat eine bemitleidenswerte Gottheit!

Um diese theologisch unakzeptable Schlussfolgerung zu vermeiden, schlagen einige mormonische Denker den Weg ein, der auf der Hand liegt, nämlich zu leugnen, dass Gott im Universum körperlich immanent sei. So fragt Harrison: „Was passiert mit Gott bei diesem Einsturz? Hoffentlich [sic] steht er außerhalb des Universums und wird nicht vom Einsturz erwischt!" [183] Eyring erklärt, dass es eine „sechste Welt“ über dem Universum gibt: „Das ist die Welt, die vor dem ‚Big Bang‘ existierte. Es ist die Welt des Schöpfers, der die Energie gab, die Uhr aufzuziehen ….diese sechste Welt ist ohne Anfang und Ende von Raum und Zeit. Über allem steht der Schöpfer …“  [184] Doch unter der Voraussetzung der mormonischen Vorstellung von Gott als einem endlichen, leiblichen, räumlich-zeitlichen Wesen muss der Schöpfer in einer abgesonderten Parallel-Raumzeit existieren. In diesem Fall wird es unverständlich, wie er gelegentlich mit unserer Welt in Beziehung gebracht werden kann, [185] wie wir noch sehen werden. Eyring selbst fällt wieder in das Denken zurück, dass Gott immanent sei, denn er gesteht: „Ich bete das weiseste Wesen im Universum an“. [186] Dass diese Aussage wörtlich gemeint ist, wird durch seinen progressiven Vergleich mit der weisesten Person im Zimmer, in der Stadt, im Land, auf der Welt, im Universum deutlich. Aber wenn der mormonische Gott sich in diesem Sinne im Universum befindet, dann kann er den Implikationen des zweiten thermodynamischen Hauptsatzes nicht entkommen.

Es könnte gedacht werden, dass Gott, selbst als ein physikalisches gänzlich im Universum immanentes Objekt, fähig ist, den Implikationen der Naturgesetze auf wunderbare Weise zu entgehen. Aber ein faszinierendes Merkmal mormonischer Theologie ist, dass sich die meisten mormonischen Denker der Behauptung B. H. Roberts anschließen, dass Gott, als eine endliche leibliche Entität vollkommen in Raum und Zeit lokalisiert ist und nicht über den Naturgesetzen steht. Laut Erich Paul lautet die „‘autorisierte‘ mormonische Position“, dass die Naturgesetze und die Gesetze Gottes identisch sind, sodass es keinen Raum für das Übernatürliche gibt. [187] Darum, in Baileys Worten, „gibt es so etwas wie ein Wunder nicht“.[188] Gottes Sein wird darum durch dieselben Gesetze der Gravitation und Thermodynamik beherrscht, die ein beliebiges physikalisches Objekt in der Raumzeit beherrschen.

Einige mormonische Denker haben versucht, Gottes ewige Existenz dadurch zu bewahren, dass sie leugnen, dass Gott in unserer Raumzeit existiert, der im Urknall seinen Ursprung nahm. Beispielsweise behauptet Harrison: „Wenn wir wahrhaftig glauben, dass unser gesamtes Universum von Gott geschaffen wurde, dann nimmt man natürlicherweise an, dass er vor dieser Schöpfung existierte, außerhalb unseres wahrgenommenen Universums, was impliziert, dass seine Zeit von unserer verschieden ist.“ [189] Gott ist somit nicht nur in der Lage, unser Universum durch den Urknall zu schaffen, sondern auch andere Universen. Aber während dieser Gedanke sich gut mit einem orthodoxen christlichen Verständnis von Gott vereinbaren lässt, ist er unvereinbar mit der mormonischen Vorstellung von Gott als einer erweiterten leiblichen Entität. Solch ein Gott müsste ein materielles Objekt sein, das in einer anderen Parallel-Raumzeit existiert; doch, wie Bailey erklärt, „gegenwärtige Theorien der Fundamentalphysik und Kosmologie verbieten jegliche Kommunikation mit oder Intervention von Bewohnern von Universen über dem, das im Urknall erschaffen wurde.“ [190] Es ist unmöglich, dass die Urknall-Singularität eine natürliche Ursache hat, da sie das Ende aller in die Vergangenheit gerichteten Raum-Zeit-Trajektorien ist. So kann sie nicht mit einer abgesonderten Parallel-Raum-Zeit oder mit irgendeinem Objekt, das darin existiert, verbunden werden. Somit untertreibt Bailey, wenn er sagt, dass der hier genannte Gedanke zu einer „rein deistischen Vorstellung von Gott“ führt, [191] denn der deistische Gott war zumindest der Schöpfer des Universums, was nicht von einer Gottheit gesagt werden kann, die in einer anderen Raumzeit existiert.

In einem Versuch, die Vorstellung zu rechtfertigen, dass Gott in anderen Dimensionen existieren kann als denjenigen unserer vierdimensionalen Raum-Zeit, beruft sich Norman auf die elfdimensionale Superstring-Theorie. [192] Doch dieser Vorschlag ist lediglich eine falsche Anwendung der Wissenschaft. Erstens sind die sechs zusätzlichen Dimensionen, die in solchen Theorien postuliert werden, Teil unserer vier-dimensionalen Raumzeit. Die Vorstellung besteht nicht darin, dass es eine höherdimensionale Realität gibt, sondern vielmehr, dass unsere Welt nicht, wie wir immer dachten, vierdimensional, sondern elfdimensional ist. Da diese alle Dimensionen derselben physikalischen Realität sind, kamen sie alle durch den Urknall ins Dasein; außerdem existiert jedes Objekt, das in einer Dimension dieser physikalischen Realität existiert, in ihnen allen. Zweitens sind diese zusätzlichen Dimensionen kompaktifiziert, das heißt, so eng zusammengerollt, dass sie in ihrer Proportion subatomisch sind. Das ist genau der Grund, weshalb sie von uns nicht wahrgenommen werden. Doch dann ist es unmöglich, anzunehmen, dass sie von menschenähnlichen göttlichen Wesen bewohnt werden könnten. Drittens sind diese zusätzlichen Dimensionen allesamt räumliche Dimensionen; es gibt keine zusätzliche zeitliche Dimension. Doch dies zieht die Folgerung nach sich, dass sie sich alle gemeinsam in der einen Dimension der Zeit entwickeln, die wir kennen und dass sie letztlich einen gemeinsamen Ursprung haben. Es ist schlichtweg Science Fiction, sich diese Dimensionen als separate räumlich-zeitliche Welten vorzustellen, in denen transzendente Gottheiten leben und sich bewegen.

Andere mormonische Denker haben versucht, diesen Schwierigkeiten zu entgehen, indem sie das Standardmodell ablehnen und sich alternative kosmogonische Theorien zunutze machen. Solche Versuche haben etwas von dem Griff nach dem Strohhalm an sich, da jedoch diese alternativen Theorien niemals im Detail geprüft werden, noch ein Versuch unternommen wird, zu zeigen, dass die Modelle, die sie anbieten, bessere Erklärungen für die Daten liefern als das Standardmodell. Die Schwierigkeit ist, dass diese Alternativen, die vorgeschlagen wurden, bei näherer Prüfung sich entweder als unhaltbar herausstellen oder aber nicht den absoluten Anfang vermeiden, der in dem Standardmodell vorausgesagt wird. Beispielsweise beruft sich Bart Kovallis auf Lindes Chaotisches Inflationsmodell, um den mormonischen Glauben an mannigfache „Welten“ zu rechtfertigen, [193] aber es gelingt ihm nicht zu zeigen, wie ein solches Modell Gottes ewige Existenz beibehalten kann, wenn die Endlichkeit aller seiner in die Vergangenheit gerichteten raumzeitlichen Trajektorien vorausgesetzt wird. [194] Harrison scheint das Vakuumsfluktuationsmodell zu unterstützen, wenn er in Bezug auf den Urknall sagt: “dieses ‚Nichts‘, das Vakuum, scheint in der modernen Physik bemerkenswert aktiv zu sein, denn Partikel, vielleicht sogar Universen, können aus dem Vakuum ins Dasein kommen oder das Dasein verlieren.“ [195] Aber er schweigt, wenn es um die unüberwindbaren Schwierigkeiten geht, mit denen solche Modelle in Bezug auf die Unendlichkeit der Vergangenheit konfrontiert sind, ganz zu schweigen davon, warum wir sie anstelle des Standardmodells übernehmen sollten. [196] Norman beruft sich vage auf den Gedanken, dass “Schwarze Löcher … Durchgänge oder Singularitäten in andere Dimensionen oder Universen darstellen können. Die Materie, die aus unserem Universum in ein Schwarzes Loch verschwindet, könnte dann in einem anderen ins Dasein explodieren … unser Universum mag ein enormes Schwarzes Loch in einem anderen Universum gewesen sein.“ [197] Aber es wird nicht deutlich, welche Theorie Norman hier zu unterstützen beabsichtigt. Wenn Schwarze Löcher Raumzeit-Singularitäten repräsentieren, dann ist es, wie wir gesehen haben, physikalisch unmöglich, dass sie Durchgänge zu anderen raumzeitlichen Domänen darstellen. Wenn er lediglich aussagen will, dass Wurmlöcher zu anderen Regionen der Raumzeit oder selbst zu anderen Verteilern existieren, dann erklärt das in keiner Weise selbst, wie die Vergangenheit ohne Anfang sein konnte. Auf jeden Fall gibt es für solche sogenannten „Weißen Löcher“, die, im Widerspruch zum Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, Energie in unser Universum ausspeien, einfach nicht nur keinerlei Beweis, sondern der Urknall selbst ist nicht ein Weißes Loch, da er ein Ereignis mit einem Zustand niedriger Entropie ist, wie wir gesehen haben. Und selbst, wenn es solche Wurmlöcher gäbe, kein physikalisches Objekt, wie beispielsweise eine mormonische Gottheit, könnte von einem Universum ins andere hindurchgelangen, sondern würde stattdessen bis zur Auslöschung zerkleinert. Wenn mormonische Wissenschaftler beabsichtigen, alternative kosmogonische Modelle anzubieten oder zu bestätigen, dann müssen sie sich ernsthaft daran machen, die Implikationen solcher Modelle für die Endlichkeit der Vergangenheit zu prüfen und uns aufzuzeigen, warum solche Modelle bessere Erklärungen für die Evidenz bieten als das Standardmodell.

Was ist zu tun?

Was ist also zu tun? Als ob ihn seine eigenen spekulativen Vorschläge peinlich wären, gesteht Norman schließlich ein:

„Anstatt zu versuchen, die Implikationen des Urknalls weg zu erklären oder einfach zu ignorieren, sollten Mormonen vielleicht die Notwendigkeit erkennen, ihre Theologie auf einen neueren Stand zu bringen …Dank der dynamischen Natur der mormonischen Theologie und dem Mechanismus der fortschreitenden Offenbarung in Übereinstimmung mit unserer Fähigkeit, [sie] zu empfangen, ist eine solche Versöhnung keineswegs weit hergeholt.“ [198]

Wie könnte eine solche Versöhnung aussehen? Bailey, der eine wissenschaftlich haltbare Theologie wünscht, tritt für eine Neuinterpretation der mormonischen Schriften ein. In Bezugnahme auf Lehren und Bündnisse 93,33 sagt er: „Eine haltbarere Interpretation dieser Schrift ist, dass sie beabsichtigte, die Vorstellung von der ex nihilo Erschaffung der Erde zu widerlegen. … Die Frage, ob jedoch das gesamte Universum ‚aus dem Nichts‘ geschaffen wurde oder nicht, ist eine andere Sache.“ [199] In der Tat – und nach Baileys Ansicht können die Mormonen die creatio ex nihilo- Lehre in Bezug auf das Universum annehmen. Aber was bedeutet dann diese Einschränkung für die Lehre von der ewigen Höherentwicklung und der mormonischen Vorstellung von Gott? Bailey tritt wiederum für eine Neuinterpretation der relevanten Schriftstellen ein: „Eine gradlinige Lösung für dieses Dilemma besteht darin, eine strenge Interpretation des Wortes ewig aufzugeben, wie in Lehre und Bündnisse 19,6-12 vorgeschlagen wird. Schließlich mögen 15 Milliarden Jahre nicht für immer bedeuten, aber sie übertreffen unser Vorstellungsvermögen so weit, dass sie für alle praktischen Zwecke ewig gleichzusetzen sind.“ [200] Bei dieser Interpretation wird bestätigt, dass die Welt endlich in ihrer vergangenen zeitlichen Dauer ist und dass sie einen Anfang hat. Aber was wird dann mit der mormonischen Vorstellung von Gott? Baileys Antwort ist überraschend: „In diesem Fall ist Gott nicht das Wesen, welches das Universum beim Urknall angefertigt hat. Wenn es ein solches Wesen gibt, dann ist es eine Gottheit über ihm. Die mormonische Theologie erlaubt natürlich die Möglichkeit einer Hierarchie von Gottheiten (D&C 121:28).“ [201] Indem er diese Behauptung macht, impliziert Bailey, dass Gott – das heißt, der typische mormonische Gott Elohim, der von Joseph Smith beschrieben wurde und von Millionen von Mormonen angebetet wird – nicht wirklich Gott ist. Vielmehr steht der wahre Gott über ihm. Der wahre Gott ist der Schöpfer des Universums ex nihilo. Bailey beeilt sich hinzuzufügen, dass die mormonische Theologie eine Hierarchie der Gottheiten erlaubt. Aber solch eine versuchte Abmilderung von Baileys revisionärer Anschauung kann nicht ihre radikalen Folgerungen verbergen. Wie wir gesehen haben, kann keine leibliche, räumlich-zeitliche Entität der Schöpfer des Urknalls gewesen sein. Wenn es einen höchsten Gott gibt, der der Schöpfer des Universums (und jeglicher „Gottheiten“ darinnen) ist, dann muss Er ein nicht-materielles, nicht-leibliches, nicht räumlich-zeitliches Wesen sein, das die Macht hat, die Welt aus dem Nichts zu erschaffen. Das ist die klassische Vorstellung von Gott, dem Herrgott, dem Pantokrator.

Bailey ist natürlich nur ein mormonischer Naturwissenschaftler und nicht ein Theologe. Wir hegen nicht die Illusion, dass viele Theologen der Heiligen der Letzten Tage diese Lösung übernehmen werden. Aber mormonische Theologie hat sich in der Vergangenheit als bemerkenswert veränderlich erwiesen. Ostler bemerkt, dass „viele Mormonen und vielleicht die meisten Nicht-Mormonen es nicht verstanden haben, welche Weite möglicher Glaubensüberzeugungen in der mormonischen Gedankentradition toleriert werden kann.“ [202] Diese decke, so sagt er, die ganze Bandbreite von einer absolutistischen Sicht von Gott als allmächtig und allwissend bis zu einer finitistischen Sicht von Gott ab. Er fügt an, dass sich seit 1960 eine Bewegung in der Kirche der Heiligen der Letzten Tage gebildet hat, die als „mormonische Neo-Orthodoxie“ bekannt ist. Sie betonen solche Themen wie Gottes Absolutheit und völlige Andersartigkeit sowie die Kontingenz des Menschen und die Zeitlichkeit der Schöpfung. [203] Ist es unmöglich, dass innerhalb der Gruppe einer solchen Bewegung mormonische Denker die finitistische Lehre vom ewigen Personalismus mit der Betonung des Absolutismus der völligen Andersartigkeit Gottes mithilfe der Lehre von der creatio ex nihilo vereinigen könnten? Eine solche Entwicklung wäre willkommen. [204] Solange eine Versöhnung, wie die von Bailey angebotene Lösung, nicht offiziell von der Hierarchie der Heiligen der Letzten Tage abgelehnt wird, sollten Mormonen sich frei fühlen, auf der Grundlage von biblischer, philosophischer und wissenschaftlicher Evidenz die Lehre von der creatio ex nihilo anzuerkennen, und damit auch die traditionelle Vorstellung von Gott als dem nicht-materiellen, transzendenten, allmächtigen Schöpfer des Universums.

William Lane Craig

(Übers.: B. Currlin / L.: M. Widenmeyer).

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/creatio-ex-nihilo-a-critique-of-the-mormon-doctrine-of-creation

  • [1]

    Die Glaubensgemeinschaft der Mormonen (die sich selbst auch als "Heilige der letzten Tage" oder "Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" bezeichnen) wurde 1830 von Joseph Smith in Fayette (New York) gegründet. In den USA gehörten im Jahre 2007 etwa 1,7% der Bevölkerung der mormonischen Kirche an, weltweit hat die Kirche über 15 Millionen Mitglieder. Neben der Bibel erkennt die mormonische Kirche u.a. das "Buch Mormon" als kanonische Schrift und göttliche Offenbarung an. An zentralen Stellen unterscheidet sich die Lehre der Mormonen von der traditionellen christlichen Lehre. Weitere Informationen über die mormonische Kirche:

    Bücher: Friedrich-Wilhelm Haack: Mormonen. München 1989; Samuel Leuenberger: Mormonen: Heilige der letzten Tage?, Reihe LogosAufklärung, Lage 2000; Rüdiger Hauth: Die Mormonen. Geheimreligion oder christliche Kirche? Freiburg/Br. u.a. 1995
    Webseiten: Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungen Berlin: http://www.ezw-berlin.de/html/3_141.php,

    Webseite Confessio: http://www.confessio.de/cms/website.php?id=/religionheute/mormonen.html
    Webseite Mormonismus online: http://www.mormonismus-online.de/index.php

    (Anm. d. Übers.)

  • [2]

    Stephen E. Robinson (and Craig L. Blomberg), How Wide the Divide? (Downers Grove, IL: InterVarsity Press, 1997), 138.

  • [3]

    Ibid., 196.

  • [4]

    Nicht alle mormonischen Wissenschaftler vertreten diese Ansicht. Beispielsweise beginnt Erich Robert Paul sein Buch Science, Religion, and Mormon Cosmology mit den Worten:Seit seiner Gründung im Jahre 1830 hat das Mormonentum nicht nur einen neuen Kanon entwickelt, durch den sich die religiöse Bewegung vom protestantischen Hauptstrom absetzt, sondern auch einen Ethos, der eine positive Wissenschaftlichkeit beinhaltet, die im Einklang mit den Wurzeln des griechischen Rationalismus steht. (Chicago: University of Illinois Press, 1992,1, meine Hervorhebung). Einige Seiten später spricht Paul von den Wurzeln des Mormonentums, „die in griechische und hebräische Traditionen“ eingebettet sind (5).

  • [5]

    B.H. Roberts, The Truth, the Way, the Life, ed. Stan Larson (San Francisco: Smith Research Associates, 1994), 224.

  • [6]

    Lowell Bennion, „A Mormon View of Life,“ Dialogue 24/3 (1991):60.

  • [7]

    Aus Pratts Diskurs, den er im Tabernakel in Salt Lake City, 12. Nov. 1876, hielt. Zitiert in B. H. Roberts, The Mormon Doctrine of Deity: The Roberts-Van-Der Donckt Discussion, repr. ed. (Salt Lake City: Signature, 1998), 278.

  • [8]

    Ibid.

  • [9]

    John A. Widtsoe, A Rational Theology (Salt Lake City: Deseret Books, 1915), 11.

  • [10]

    Ibid.

  • [11]

    Vieles, was in diesem Essay nun folgt, ist eine Adaption aus meinem Artikel „Is Creatio ex nihilo a Post-biblical Invention? : An Examination of Gerhard May’s Proposal,“ Trinity Journal NS 17 (Spring 1996): 77-93.

  • [12]

    Ted Peters, “On Creating the Cosmos”, in Russell, Stoeger, and Coyne, Physics, Philosophy, and Theology, 273-4. Um einen deistischen Anklang der creatio ex nihilo zu vermeiden, muss die creatio continua, Gottes beständige schöpferische und erhaltende Kraft im Universum, hinzukommen, um ein vollständigeres, biblisches Bild von Gottes Schöpfung zu vermitteln. Siehe Thomas v. Aquin Summa Theologica I.q.45, Art. 2.

  • [13]

    O. Kendall White. Jr., „The Transformation of Mormon Theology,” Dialogue 5/2 (1970): 11.

  • [14]

    Beispielsweise Langdon Gilkey, Maker of Heaven and Earth: The Christian Doctrine of Creation in Light of Modern Knowledge (Garden City, NY: Doubleday, 1959), Kapitel 3.

  • [15]

    Friedrich Schleiermacher war hauptsächlich dafür verantwortlich, dass die Vorstellungen über Schöpfung und Bewahrung zusammenbrachen. Siehe sein Werk, ursprünglich veröffentlicht in den Jahren 1821-22, Der christliche Glaube. Nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt (1821/22), Kritische Gesamtausgabe, Band 7, Teilband I, Hrsg. Hermann Peiter, de Gruyter 1980, 140-150 (§48-§50). (Engl. Übers.: The Christian Faith vol. 1, trans. Richard R. Niebuhr (New York: Harper & Row, 1963), 148-52.)

    :26, 141.

  • [16]

    Augustinus, Bekenntnisse, XI.5.7.

  • [17]

    Robert John Russell, „Finite Creation Without a Beginning,“ in R. J. Russell, Nancey Murphy, and C. J. Isham, eds., Quantum Cosmology and the Laws of Nature (Vatican City: Vatican Observatory, 1993), 309.

  • [18]

    Roberts, The Truth, the Way, the Life, 224.

  • [19]

    Ibid., 225.

  • [20]

    Engl. "run"; dies lässt sich im Fall der Präsidentschaftskandidatur im Deutschen nicht so gut wiedergeben.

  • [21]

    Siehe Joseph Fitzmyer, Romans ABC (New York: Doubleday, 1993), 117-118.

  • [22]

    Siehe Benno Przybylski, Righteousness in Matthew and His World of Thought (Cambridge: Cambridge University Press, 1980).

  • [23]

    The Truth, the Way, the Life, 224. Das zitierte Werk ist Emil G. Hirsch, „Creation“, in ed. Isidore Singer, The Jewish Encyclopedia: A Descriptive Record of the History, Religion, Literature, and Customs of Jewish People from the Earliest Times to the Present Day (New York: Funk and Wagnalls, 1903), 4:336.

  • [24]

    The Truth, the Way, the Life, 224 (alle Klammern von Roberts eingefügt).

  • [25]

    Ibid.

  • [26]

    Ibid., 228

  • [27]

    Anthony C. Thiselton, “Semantics and New Testament Interpretation,“ in ed. I Howard Marshall, New Testament Interpretation: Essays on Principles and Methods (Grand Rapids: Eerdmans, 1977), 80.

  • [28]

    Synchroner Gebrauch ist der Gebrauch eines Wortes zu der Zeit, als es geschrieben wurde (im Unterschied zu diachron – der Art der Verwendung eines Wortes über Zeiträume hinweg. Hier ist die Untersuchung der Etymologie des Wortes recht sinnvoll). Die etymologische Untersuchung ist als Notnagel-Methode sinnvoll – nämlich dann, wenn ein bestimmtes Wort nur extrem selten auftaucht und es nur wenig andere Grundlagen für seine Bestimmung gibt.

  • [29]

    Moisés Silva, Biblical Words and Their Meaning: An Introduction to Lexical Semantics (Grand Rapids: Zondervan, 1983), 51. Vgl. Auch D. A. Carson, Exegetical Fallacies (Grand Rapids: Baker, 1984), 26-32. Peter Cotterell und Max Turner stellen fest, dass der etymologische Irrtum “ein hinlänglich totes Pferd in gebildeten theologischen Kreisen” sei! Linguistics and Biblical Interpretation (Downers Grove, III: InterVarsity Press, 1989), 114.

  • [30]

    James Barr, The Semantics of Biblical Language (Oxford: Oxford University Press, 1961), 109.

  • [31]

    Gerhard May, Schöpfung aus dem Nichts. Die Entstehung der Lehre von der Creatio ex Nihilo, 1. Aufl. Berlin, New York: de Gruyter & Co, 1978, 25.

  • [32]

    Beispielsweise bezieht sich Daniel C. Peterson auf Mays Werk, wenn er behauptet, dass die Lehre von der Schöpfung ex nihilo eine Lehre aus dem zweiten oder dritten Jahrhundert sei. (“Editor’s Introduction“ in FARMS Review of Books 10/2 1998: xvi n).

  • [33]

    Beispielsweise erwähnen Peterson und Ricks (in Offenders for a Word, 96) einen Artikel von Francis Young, ‚Creatio ex nihilo: A Context for the Emergence of the Christian Doctrine of Creation,” Scottish Journal of Theology 44 (1991): 139-51, der sich stark auf May beruft und biblische Exegese umgeht (obwohl Young gegen typische mormonische Behauptungen argumentiert, dass die Formulierung der christlichen Schöpfungslehre „ein eindeutiges Zeichen dafür ist, dass christliche Intellektuelle nicht von der griechischen Philosophie ‚eingefangen‘ waren“ (139)! Peterson/Ricks (Offenders for a Word, 96) und Peterson (“Editor’s Introduction,“ xvi) beziehen sich auf Jonathan Goldstein, “The Origins of the Doctrine of Creation ex Nihilo,” im Journal of Jewish Studies 35 (1984): 127-35.

  • [34]

    Walter Eichrodt, “In the Beginning: A Contribution to the Interpretation of the First Word of the Bible,” in Bernhard W. Anderson (Hrsg.): Creation in the Old Testament (Philadelphia: Fortress Press, 1984), 72.

  • [35]

    Ibid., 67

  • [36]

    Ibid., 72.

  • [37]

    Walter Eichrodt, Theologie des Alten Testamentes, Stuttgart / Göttingen 1961, 3 Teile, Teil 2, S. 63 (im Abschnitt §15, II. 1. C)): "indem nichts dieser Macht Ebenbürtiges oder Gleichstehendes eine Rolle spielen kann, ist letztlich dasselbe Ziel ins Auge gefaßt, das unsere Formel der Erschaffung aus dem Nichts meint".

  • [38]

    Ibid., 63

  • [39]

    Nahum M. Sarna, Genesis, JPS Torah Commentary (New York: Jewish Publication Society, 1989), 5. R. K. Harrison bestätigt, dass der Ausdruck “die Himmel und die Erde” ein Merismus ist, der Vollständigkeit ausdrückt, nicht nur zwei antonyme Elemente. Siehe Harrison, „Creation“, in Merrill C. Tenney, ed. The Zondervan Pictorial Encyclopedia of the Bible (Grand Rapids: Zondervan, 1975), 1:1022; ebenso Paul K. Jewett, God, Creation, and Revelation (Grand Rapids: Eerdmans, 1991), 457.

  • [40]

    Carl Friedrich Keil: Biblischer Commentar über die Bücher Mose's. Erster Band: Genesis und Exodus (Herausgegeben von C.F. Keil und F. Delitzsch), Leipzig 1878, S. 9. (In engl. Sprache ist der Kommentar online verfügbar: http://www.studylight.org/commentaries/kdo/view.cgi?bk=0&ch=1)

  • [41]

    Claus Westermann, Am Anfang. 1. Mose. Teil 1: Die Urgeschichte — Abraham, Neukirchen 1986, 17.

  • [42]

    R. K. Harrison, “Creation“, 1:1023.

  • [43]

    Ibid.

  • [44]

    Edwin Hatch, The Influence of Greek Ideas and Usages upon the Christian Church (London: Williams and Norgate, 1891), 197. Interessant ist, dass der mormonische Gelehrte zwar Keith Norman Hatch zitiert („Ex Nihilo“, 299), aber über seine Bemerkung über die Schöpfung hinweggeht. Insgesamt überspielt Hatch den Einfluss griechischen Gedankenguts auf die biblische Lehre und übersieht den tiefen hebräischen alttestamentlichen Einfluss auf verschiedene neutestamentliche Texte und christliche Lehren.

  • [45]

    “Fides Quaerens Intellectum: The Scholar as Disciple,” in Expressions of Faith: Testimonies of Latter-Day Saint Scholars, ed. Susan Easton Black (Salt Lake City: Desert and FARMS, 1996), 179.

  • [46]

    “Creation and Cosmogony in the Bible,” Encyclopedia Judaica (Jerusalem: Encyclopedia Judaica, 1972), 5: 1059.

  • [47]

    Brevard S. Childs, Myths and Reality in the Old Testament (Naperville, Ill.: Allenson, 1960), 40. Childs sieht die creatio ex nihilo implizit im Text. Gottes Handeln in der Schöpfung „könnte kaum in eine glatte Harmonie mit der Tatsache eines präexistenten Chaos gebracht werden. Die Weltwirklichkeit ist ein Ergebnis der Schöpfung, nicht eine Umformung bereits vorhandener Materie“ (40).

  • [48]

    John Sailhamer, Genesis Unbound: A Provocative New Look at the Creation Account (Sisters, OR: Multnomah, 1996), 247-49.

  • [49]

    Francis Brown, et al., The New Brown-Driver-Briggs-Genesius Hebrew and English Lexicon, repr. (Peabody, Mass.: 1979), 135.

  • [50]

    Jürgen Moltmann, Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre. München 1985: Chr. Kaiser, S. 85.
    Für einen Kommentar über die Inkonsequenz zwischen Moltmanns Exegese zu Genesis 1 und seinem Pantheismus, (d. h., seiner Verwechslung von der Schöpfung aus dem Nichts ex nihilo und der beständigen Schöpfung continua, die jegliche Unterscheidung bedeutungslos macht), siehe Allan J. Torrance, “Creatio ex Nihilo and the Spatio-Temporal Dimensions with Special Reference to Jurgen Moltmann and D. C. Williams,“ in Colin E. Gunton, ed., The Doctrine of Creation: Essays in Dogmatics, History and Philosophy (Edinburgh: T&T Clark, 1997), 83-103; siehe auch Wolfhart Pannenberg, Systematische Theologie, Band 2, Göttingen 1991, S. 29: "Aber auch die von der Auffassung Barths ganz verschiedene, an jüdische Spekulationen anschließende Deutung des Nichts der creatio ex nihilo bei Jürgen Moltmann als Raum, den Gott für das Geschöpf eingeräumt habe, indem er sich in sich selber zurückziehe (Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre, 1985, 98-105, bes. 100f), stellt eine sachlich unbegründete Mystifikation des Nichts dar. Ihre Funktion in der jüdischen Mystik zur Erklärung der Selbständigkeit geschöpflichen Daseins neben Gott, die von Moltmann aufgenommen wird, muß in einer christlichen Schöpfungslehre durch die trinitarische Explikation des Schöpfungsgedankens ersetzt werden."

  • [51]

    Siehe John Sailhamers Diskussion in “Genesis” in Frank Gaebelein, ed. Expositor’s Bible Commentary vol. 2 (Grand Rapids: Zondervan, 1990), 21-23n. Vgl. Auch U. Cassuto, A Commentary on the Book of Genesis Part 1 (Jerusalem: Magnes Press, 1992 repr.), 20. Cassuto argumentiert, dass von Vers 2 an der Fokusvom Kosmos auf die Beziehung der Schöpfung zur Menschheit wechselt und Themen betont werden wie „Land“ und „Segen“, die sich durch den gesamten Pentateuch hindurchziehen.

  • [52]

    Sailhamer, Genesis Unbound, 250.

  • [53]

    Moltmann, Gott in der Schöpfung, 86

  • [54]

    Ibid.

  • [55]

    Werner Foerster, “ktizô”, in Gerhard Kittel (Hrsg.), Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1990: Kohlhammer Verlag (unveränderter Nachdruck der Ausgabe 1933-1979),Band III, S. 999-1034; dieses Zitat S. 100 Z. 5f.

  • [56]

    Eine ähnliche Übersetzung wird von B. H. Roberts unterstützt: „Am Anfang, als Gott die Himmel und die Erde schuf, war die Erde ohne Form und leer …“ (The Truth, the Way, the Life, 227). Vgl. E. Speiser, der Gen 1,1 als Konstructus statt als Absolutus deutet: „Als Gott sich daran machte, Himmel und Erde zu erschaffen …“ (Genesis ABC 1 Garden City, N.Y.: Doubleday, 1964, 3); ebenso Luis I. J. Stadelmann (The Hebrew Conception of the World: A Philological and Literary Study Rome: Pontifical Biblical Institute, 1970, 11). Wenn jedoch das, wofür wir gerade argumentiert haben, wahr ist, würde dies bedeuten, dass Ian Barbours Behauptung, Genesis argumentiere für "die Schöpfung der Ordnung aus dem Chaos" statt aus dem Nichts, fehlgeleitet ist (Barbour, Religion in an Age of Science, 130) – und damit auch der Standpunkt der Mormonen oder "Heiligen der Letzten Tage".

  • [57]

    Bernhard W. Anderson, Contours of Old Testament Theology (Minneapolis: Fortress Press, 1999), 88-89.

  • [58]

    En arch’ epoi’sen ho theos ton ouranon kai t’n g’n. H’de g’ … = “im Anfang schuf Gott Himmel und Erde”.

  • [59]

    Victor P. Hamilton, The Book of Genesis 1-17 (Grand Rapids: Eerdmans, 1990), 107. Die Vulgata übersetzt den Vers ebenfalls als Absolutus und behandelt ihn in einem unabhängigen Satz: In principio creavit Deus coelum et terram. Bruce Waltke führt „alle alten Versionen“ auf – „LXX, Vulgata, Aquila, Theodotion, Symmachus, Targum Onkelos“ – die Genesis 1,1 als einen „Hauptsatz“ verstehen: “The Initial Chaos Theory and the Precreation Chaos Theory,“ Bibliotheca Sacra 132 (July 1975): 223.

  • [60]

    Carl Friedrich Keil: Biblischer Commentar über die Bücher Mose's. Erster Band: Genesis und Exodus (Herausgegeben von C.F. Keil und F. Delitzsch), Leipzig 1878, 8f.

  • [61]

    Ibid., 8f. Dieselbe Schlussfolgerung wird von Hamilton gezogen, Genesis 1-17, 106.

  • [62]

    Ibid. Vgl. Foerster, der sagt, dass dieser Merismus den "Kosmos" umfasst (in: Theologisches Wörterbuch zum NT, Band 3, S. 1011, Z. 28).

  • [63]

    “The Initial Chaos Theory.“ Siehe Waltkes gesamtes Essay, 217-28.

  • [64]

    Thomas E. McComiskey, “bârâ,” in ed. R. Laird Harris, Gleason J. Archer, and Bruce K. Waltke, Theological Dictionary of the Old Testament, 2 vols. (Chicago: Moody Press, 1980), 1:127. McComiskey erwähnt, dass yatzar überwiegend die Formung eines Objektes betone.

  • [65]

    Exegetical Notes on Genesis 1,1-2“, Catholic Biblical Quarterly 10 (1948): 142; siehe auch Foerster, “ktizô”,(Theologisches Wörterbuch zum NT, Band 3), S. 1010: bârâ wird im Alten Testament “nur von einem Handeln Gottes gebraucht wird"; Siehe auch S. 1007 (Z. 34): "Das Wort wird ausschließlich vom göttlichen Schaffen gebraucht".

  • [66]

    Ibid., 144.

  • [67]

    Ibid. Arbez und Weisengoff weisen darauf hin, dass Wissenschaftler wie Knig, Reuss, A. Heidel und Wellhausen zum selben Schluss kommen (144-45n).

  • [68]

    Matthews, Genesis 1-11:26, 141.

  • [69]

    So Armin Schmitt: „Aus dieser Sicht ist es gut möglich, dass aoratos in Gen 1,2 platonisch beeinflusst ist. Auch akataskeuastos tendiert in diese Richtung“ in Interpretation der Genesis aus hellenistischem Geist“, Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft 86 (1974) : 150. Schmitt führt weiterhin aus, diese besonderen Termini seien „eine wesentliche Komponente der griechischen und speziell platonischen Weltentstehungslehre, dass die Welt aus einem anfänglichen ungeordneten Status in einen Zustand der Harmonie und Schönheit überführt wird.“ (151).

  • [70]

    Siehe die Diskussion in Hamilton, Genesis 1-17, 108-9; Kenneth Mathews ausführliche Diskussion in Genesis 1-11:26, 130-44 ist ein Widerhall davon.

  • [71]

    Sailhamer, Genesis Unbound, 214; für eine ausführlichere Diskussion siehe 213-22.

  • [72]

    Sailhamer, The Pentateuch as Narrative, 85n.

  • [73]

    Ibid., 85n.

  • [74]

    Keil / Delitzsch, Biblischer Commentar über Die Bücher Mose's. Leipzig 1878, S. 8-10

  • [75]

    Delitzsch, zitiert nach http://www.studylight.org/commentaries/kdo/view.cgi?bk=0&ch=1.

  • [76]

    Keil / Delitzsch, Bibl. Commentar über Die Bücher Mose's, S. 8

  • [77]

    Carl F. H. Henry, God, Revelation, and Authority 6 (Waco, TX: Word, 1983), 122.

  • [78]

    Wolfhart Pannenberg, Systematische Theologie, Band 2, Göttingen 1991, 31.

  • [79]

    Gottes Schöpfung durch das göttliche fiat wird auch in 2. Esra 6,38 widergespiegelt: „Ich sagte, oh Herr, du hast in der Tat von Anfang der Schöpfung an gesprochen: am ersten Tag sagtest Du: ‚Lass Himmel und Erde gemacht werden‘ und Dein Wort vollendete das Werk.“

  • [80]

    Foerster, “ktizô”, in Kittel, Wörterbuch zum NT, Band 3, S. 1010ff: Gott schuf alles (ohne Voraussetzung). 
    W. H. Schmidt, „br' - schaffen" (bârâ) in : Ernst Jenni, Claus Westermann (Hrsg.), Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München 1978, Band I, S. 335-339.("Nie wird ein Stoff erwähnt (Akkusativ oder Präposition), aus dem Gott schafft" (S. 338); das Verbum bezeichnet "Gottes außerordentliches, souveränes, sowohl müheloses wie völlig freies, ungebundenes Schaffen" (ibid.)

  • [81]

    McComiskey, “bârâ”, 1:173. Siehe auch Jewetts hilfreiche Diskussion in God, Creation, and Revelation, 455-467; und W. H. Schmidt, „bârâ‘“, 1: 335-339.

  • [82]

    F. F. Bruce, The Epistle to the Hebrews, 280.

  • [83]

    Jaroslav Pelikan, “Creation and Causality in the History of Christian Thought”, in Sol Tax and Charles Callender, eds., Evolution after Darwin, vol. 3 (Chicago: University of Chicago, 1960), 34.

  • [84]

    Keith Norman, “Ex Nihilo: The Development of the Doctrines of God and Creation in Early Christianity,” BYU Studies 3 (Spring 1977): 301: “Wie Werner Foerster eingesteht … ” . Er tut nichts derartiges! Foerster nimmt sogar nochmals auf Röm 4,17 Bezug, um zu zeigen, dass die Schöpfung den Anfang der Existenz der Welt beinhaltet, sodass es keine präexistente Materie gibt: "Diese Wendungen zeigen, daß die Schöpfung für die Welt den Anfang ihrer Existenz bedeutet, daß also mit einem vorgegebenen Stoff nicht zu rechnen ist. Pls [Paulus] drückt das R 4,17 aus..." (W. Förtster, “ktizô”, in: Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Band III, S. 1028)

  • [85]

    Foerster, “ktizô”, in: Kittel, Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, S. 1009.

  • [86]

    Ibid.

  • [87]

    Ibid., 1028.

  • [88]

    Ellingworth, 569.

  • [89]

    Ellingworth, 571.

  • [90]

    Paul Ellingworth, Commentary on Hebrews NIGNT (Grand Rapids: Eerdmans, 1993), 568.

  • [91]

    Ellingworth, 569. Ellingworth gibt an, dass die zwei Hälften des Verses Parallel in ihrer Bedeutung sind und einen Chiasmus bilden:

    (1) kat'rtisthai (1') gegonenai

    (2) tous aiônas (2') to blepomenon

    (3) rh'mati theou (3') m' ek phainomenôn

  • [92]

    C. F. D. Moule, An Idiom Book of New Testament Greek (Cambridge: University Press, 1968 repr.), 168. Moule fügt jedoch hinzu, dass die Anordnung des negativen m’ vor der Präposition ek, „von“ oder „aus heraus“ grammatikalisch etwas umständlich ist.

  • [93]

    William L. Lane, Hebrews 48 WBC (Dallas: Word, 1991), 332.

  • [94]

    Ibid. Ohne einen stichhaltigen Beweis für diese Behauptung zu liefern, behauptet Harold Attridge, dass „ein platonisches kosmogonetisches Modell“ hinter der Formulierung dieses Verses stehe. Siehe Epistle to the Hebrews (Philadelphia: Fortress Press, 1989), 316.

  • [95]

    Obwohl Raymond Brown fälschlicherweise behauptet, dass Johannes 1,18 “nicht notwendigerweise dieselbe Theologie wie das Evangelium hat“ (siehe D. A. Carsons Diskussion darüber, wie der Johannesprolog in der Tat die größeren Themen des Evangeliums einführt: The Gospel according to John Grand Rapids: Eerdmans, 1991, 111-112), macht Brown deutlich, dass das Wort egeneto (entstehen) in der Septuaginta in Genesis 1 konsistent verwendet wird, um Schöpfung zu beschreiben (Raymond E. Brown, The Gospel According to John I-XII ABC 29 New York: Doubleday, 1966, 6.

  • [96]

    Für einen Überblick des biblischen Befundes zur Schöpfung siehe Karl Hermann Schelkle, Theologie des Neuen Testaments, 4 Bände, Band I Schöpfung. Welt - Zeit - Mensch. Düsseldorf 1968: Patmos-Verlag, 15-72

  • [97]

    Raymond Brown, Gospel According to John I-XII, 8.

  • [98]

    Ibid., 26.

  • [99]

    Eichrodt, Theologie des Alten Testamentes, Teil 2, Stuttgart/Göttingen 1961, 63.

  • [100]

    Korrespondiert, d.h., in chiastischer Form.

  • [101]

    P.T. O’Brien, Colossians, Philemon WBC 44 (Waco, Tex.: Word, 1982), 46.

  • [102]

    N.T. Wright, Colossians and Philemon TNTC (Downers Grove, Ill./Grand Rapids: InterVarsity Press/Eerdmans, 1986), 73.

  • [103]

    In E. K. Simpson und F. F. Bruce The Epistles of Paul to the Ephesians and to the Colossians, NICNT (Grand Rapids: Eerdmans, 1957), 200. O’Brien führt ebenfalls Christi “zeitliche Priorität vor dem Universum” aus (Colossians, Philemon, 47), wie es auch N.T. Wright tut in Colossians and Philemon, 71 (“Vorrang sowohl zeitlich als auch im Rang“; „die andauernde zeitliche Bedeutung des Wortes ist klar“).

  • [104]

    O’Brien, Colossians, Philemon, 47.

  • [105]

    Ibid.

  • [106]

    Ibid.

  • [107]

    Moltmann, Gott in der Schöpfung, 87.

  • [108]

    Foerster, “ktizô“, 1028. Dies steht im krassen Gegensatz zu der Behauptung der Heiligen der Letzten Tage, die von Keith Norman aufgestellt wird, dass „eine genauere Untersuchung verschiedener ‚instrumentalisierter‘ Stellen im Neuen Testament diese ex nihilo Interpretation Lügen straft.“ (“Ex nihilo“, 301) – trotz der Tatsache, dass Norman sich auf Foerster beruft und ihn zitiert.

  • [109]

    Ian Barbour, Issues in Science and Religion (New York: Harper & Row, 1971, repr.), 384. Der Wissenschaftsphilosoph Ernan McMullin stellt fest, dass die Lehre von der Schöpfung aus dem Nichts „eine Handlung des absoluten in Seins bringen“, „erst in den ersten Jahrhunderten der christlichen Ära Form annahm, zumindest teilweise als Reaktion auf den vorherrschenden Dualismus dieser Tage, der Materie als böse, oder zumindest als gegen Gottes Handeln resistent darstellte.“ McMullin ist zumindest bereit zuzugeben, dass Hinweise der creatio ex nihilo in der Schrift gefunden werden können (und weist dabei auf 2. Makk 7,28 und Röm 1,20): “Natural Science and Belief in a Creator,“ in Physics, Philosophy, and Theology, ed. Robert Russell, William Stoeger, and George Coyne (Vatican City: Vatican Observatory, 1988), 56. Der anglikanische Priester und Physiker John Polkinghorne betrachtet 2. Makk 7,28 als die “früheste unmissverständliche Aussage bezüglich der Vorstellung von der Schöpfung aus dem Nichts“, obwohl er glaubt, dass Genesis 1 zumindest „die Abhängigkeit der Existenz von allem vom souveränen Willen Gottes“ betone, was „sicherlich mit der zentralen Bedeutung von der creatio ex nihilo übereinstimmt.“ Siehe Polkinghornes Buch Reason and Reality (Philadelphia: Trinity Press International, 1991), 72.

  • [110]

    Ibid.

  • [111]

    Ian G. Barbour, Religion in an Age of Science, The Gifford Lectures 1989-1991, vol. 1 (San Francisco: Harper & Row, 1990), 144.

  • [112]

    Ibid., 129.

  • [113]

    May, Schöpfung aus dem Nichts, 25.

  • [114]

    Vgl. Ibid., 1f.

  • [115]

    Hugh Nibley, “Treasures in Heavens: Some Early Christian Insights into the Organizations of Worlds,” Dialogue 8/3-4 (1973) : 77.

  • [116]

    Ibid., 82.

  • [117]

    Stephen Robinson, persönliche Korrespondenz (20. April 1998).

  • [118]

    Peterson und Ricks behaupten auf der Grundlage von Andersons Artikel, dass “es höchst zweifellos ist, dass die Lehre von der creatio ex nihilo in Genesis oder sonst wo im Alten Testament zu finden ist“ (Offenders for a Word Provo: FARMS, 1992), 95.

  • [119]

    Anderson, „Creation“, IBD 1:728. An anderer Stelle bemerkt Anderson, dass die Sicht von der creatio ex nihilo „nicht explizit durch den biblischen Text gestützt wird“ (Contours of Old Testament Theology, 87), aber er meint offensichtlich den speziellen Schöpfungstext von Genesis, wie der Kontext nahe legt. Eine solche Lesart wird durch das vorliegende IBD Zitat von Anderson bestätigt, in dem neutestamentliche Belege für die Schöpfung ex nihilo genannt werden (Röm 4,17; Heb 11,3).

  • [120]

    Irenäus, Gegen die Häresien, III:8.3; zitiert aus https://www.unifr.ch/bkv/kapitel656-2.htm

    Siehe auch II: 10,4: " Wir schreiben die Schöpfung der Weltenmaterie der Kraft und dem Willen des allerhöchsten Gottes zu. Das ist glaublich, annehmbar, verständig. Mit Recht heißt es in Bezug hierauf: ,,Was bei den Menschen unmöglich ist, das ist möglich bei Gott“ (Lk 18,27) . Menschen vermögen nicht, aus nichts etwas zu machen, sondern sie bedürfen der Materie als Unterlage. Gott aber ist darin den Menschen zuerst überlegen, daß er die Materie seiner Schöpfung, die vorher nicht war, selbst erfand." Vghttps://www.unifr.ch/bkv/kapitel622-3.htm (abger. 23.11.2015).

  • [121]

    Augustinus, Bekenntnisse 12.7. Siehe z.B. https://www.unifr.ch/bkv/kapitel74-6.htm

  • [122]

    May, Schöpfung aus dem Nichts, 62.

  • [123]

    Stephen D. Ricks, “Fides Quaerens Intellectum: The Scholar as Disciple,“ in Expressions of Faith: Testimonies of Latter-Day Saint Scholars, ed. Susan Easton Black (Salt Lake City: Desert and FARMS, 1996), 179.

  • [124]

    F.F. Bruce, The Epistle to the Hebrews NICNT (Grand Rapids: Eerdmans, 1964), 281n.

  • [125]

    Ibid., 66.

  • [126]

    Ich bin an dieser Stelle D. A. Carson zu Dank verpflichtet.

  • [127]

    Ibid., 67.

  • [128]

    Bernhard W. Anderson, Contours of Old Testament Theology, 87.

  • [129]

    Gerhard von Rad, Theologie des Alten Testaments, Band I: Die Theologie der geschichtlichen Überlieferungen Israels. München 1957, S. 146 (FN 8).

  • [130]

    Claus Westermann, Schöpfung. Stuttgart 1983, S. 37 und 42f. und 47.

  • [131]

    Für eine andere Perspektive vgl. Jonathan A. Goldstein, II Maccabees, ABC 41A (Garden City, NY: Doubleday, 1983), 307-15; idem, „The Origins of the Doctrine of Creation ex Nihilo,” in dem Journal of Jewish Studies 35 (1984): 127-35; ebenso den mormonischen Wissenschaftler Keith Norman, “Ex Nihilo”, 299. Westermann jedoch, der 2. Makk 7,28 als Bestätigung von der creatio ex nihilo betrachtet, behauptet, es sei nicht “zufällig”, dass diese Vorstellung in einer hellenistischen Umgebung als Verteidigung der biblischen Weltanschauung (“Gott schuf die Himmel und die Erde”) entstanden sei – ganz abgesehen davon, dass das Judentum beeinflusst gewesen sein wird, an formlose Materie vor der Schöpfung zu denken. Obwohl Westermann glaubt, dass Genesis 1, 1-2 nicht explizit die Schöpfung aus dem Nichts bestätigt (wobei Westermann dies nahezu bestätigt), macht er deutlich, dass die Vorstellung von präexistenter Materie nicht dem Denken des biblischen Schreibers entsprach (Claus Westermann, Genesis, I. Teilband Genesis 1-11, Neukirchen 1974, 130ff.).

  • [132]

    Johann Maier. Die Qumran-Essener: Die Texte vom Toten Meer, Band I, München/Basel 1995: UTB Verlag, 173.

  • [133]

    Ibid., 199.

  • [134]

    Ibid., 61

  • [135]

    Ibid., 61f. (d.h. Gott hat den Lauf der Menschen schon beschlossen, bevor sie geboren wurden, Anm. d. Übers.)

  • [136]

    Ibid., 340. Für eine kurze Diskussion der Schöpfungslehre in den Qumrantexte siehe Daniel J. Harrington, “Creation“, in Encyclopedia of the Dead Sea Scrolls, 2. vols., ed. Lawrence H. Schiffman and James C. VanderKam (Oxford: Oxford University Press, 2000), 1:155-57.

  • [137]

    Diese [englische] Übersetzung wird wiedergegeben von Jonathan A. Goldstein in “Creatio ex nihilo: Recantations and Restatements,“ Journal of Jewish Studies 38 (Autumn 1987):189. Goldstein verteidigt seine Lesart von creatio ex nihilo in Gamaliels Aussage gegen David Winston, “The Book of Wisdom’s Theory of Cosmogony,“ History of Religions (1971): 185-202; und David Winston, “Creation Ex Nihilo Revisited: A Reply to Jonathan Goldstein,” Journal of Jewish Studies 37, 1986: 88-92. Mormonische Autoren wie Peterson und Ricks zitieren Winston, aber vernachlässigen Goldsteins Artikel (1987), der zuvor getroffene Aussagen in seinem Essay “The Origins of the Doctrine of Creation Ex Nihilo“ verteidigt (obwohl er andere widerruft). Obwohl Peter Hayman sich auf die Seite von David Winston stellt und Goldsteins „Eingeständnis der Schwäche seiner Position“ verkündet (“Monotheism – A Misused Word in Jewish Studies,“ 42, 1991:3), beschäftigt sich Hayman nicht mit der Gamaliel Frage, und Goldstein verteidigt seine Position standhaft.

  • [138]

    Ungeformter Raum/Leere wurde von Gott geformt (Jes 45,7) wie auch die Dunkelheit (Jes 45,7), Wasser (Ps 148,4-5), Wind (Amos 4,13) und die Tiefen (Spr 8,24). Entnommen aus Jacob Neusner Confronting Creation (Columbia: University of South Carolina Press, 1991), 41-42.

  • [139]

    Der Hirte des Hermas 1.6: ktisas ek tou m' ontos ta onta; 26.1: poi'sas ek tou m' ontos eis to einai ta panta.

  • [140]

    Dennis Carrol, „Creation,“ in Joseph Komanchak, et al., eds., The New Dictionary of Theology (Wilmington, Del.: Michael Glazier, 1987), 249.

  • [141]

    James Charlesworth, “Odes of Solomon,“ in James Charlesworth, ed., The Old Testament Pseudepigraphia (Garden City, NY: Doubleday, 1985), 2: 726-27.

  • [142]

    Frederick James Murphy, The Structure and Meaning of Second Baruch, SBL Dissertation Series (Atlanta: Scholar’s Press, 1985), 43.

  • [143]

    Ap. Const. 8.12.6,8. May (22n) und andere (so wie W. Bousset) halten diesen Abschnitt (12) der Konstitutionen für eine spätere christliche Einfügung, aber u.a. denkt James Charlesworth dies nicht (“Hellenistic Synagogal Prayers“ in The Old Testament Pseudepigraphia, 1:690n). Zumindest sollte uns der fehlende Konsens davor bewahren, diese Stelle vorschnell abzutun.

  • [144]

    Stephen Ricks, “Fides Quaerens Intellectum,” 178.

  • [145]

    Goldstein, “The Origins of the Doctrine of Creation Ex Nihilo,” 127. Norbert M. Samuelson, Judaism and the Doctrine of Creation (Cambridge University Press, 1994) vertritt diese Ansicht, aber berücksichtigt dabei nicht die von Sailhammer vorgeschlagenen Feinheiten (unten).

  • [146]

    Man kann Rashis Kommentar nachlesen in „Genesis“, in The Pentateuch and Rashi’s Commentary, vol. 1 (Brooklyn: S.S. & R.,1949).

  • [147]

    Sailhamer, “Genesis“, 22. Siehe Sailhamers ausführliche Anmerkung auf S. 21-23 für eine weitere Diskussion. Siehe auch John H. Sailhamer, The Pentateuch as Narrative (Grand Rapids: Zondervan, 1992)nicht nur für seine Diskussion von Gen 1,1ff., sondern auch für seine Kommentare über die Intertextualität und Integrität des Pentateuchs. Ich bin John Sailhammer für seine Diskussion über dieses Thema zu Dank verpflichtet.

  • [148]

    Foerster, „Ktizô“, 1016.

  • [149]

    Ibid., 1017.

  • [150]

    Beispielsweise schreibt Max Nolan, „das überraschenste Element sowohl in der mormonischen Theologie und Prozesstheologie … ist die Vorstellung, dass die Gottheit einem Prozess unterworfen ist.“ (“Materialism and the Mormon Faith“, 73). Zudem haben wir in der mormonischen Metaphysik „das Material oder unorganisierte Materie als Teile der Welt, und die Intelligenzen, die in der Welt verkörpert sind, sind unerschaffen und gleichermaßen ewig wie die Gottheit.“ (Ibid.). Nolan erklärt, „die offene Struktur der Prozesstheologie scheint darum einen sinnvollen Weg zu bieten, die Frage nach der metaphysischen Selbstverpflichtung der Mormonen zu stellen“ (Ibid.).

  • [151]

    Norman, „Ex nihilo“, 306.

  • [152]

    Plato, Timaeus 30a in ed. Edith Hamilton and Huntington Cairns, Plato: The Collected Dialogues, Bollingen Series 71 (Princeton: Princeton University Press, 1989), 1162.

  • [153]

    Siehe Plato Timaeus 30; Aristoteles Physik 8.1.251a10-252a1; 8.6.259a10-15.

  • [154]

    D.h. alle Gäste aus Zimmern mit ungeraden Zimmernummern melden sich ab, d.h. (da es in dem Beispiel unendlich viele ungerade Zahlen gibt) es melden sich unendliche viele Gäste ab. (Anm. d. Übers.)

  • [155]

    Engl. "infinite set theory"

  • [156]

    Blake T. Ostler, kritische Rezension zu dem Buch The Mormon Concept of God, von Francis J. Beckwith and Stephen E. Parrish, in: Farms Review of Books 8/2 (1996): 130.

  • [157]

    Ibid. Ich denke, dieser Irrtum entsteht teilweise aus seinem falschen Eindruck, dass „es keine solche Zahl wie die Unendlichkeit gibt“ (Blake Ostler, “Was the Doctrine of Creation ex Nihilo Created Out of Nothing?“, unpublished paper, S. 14). Das ist ein Fehler; es gibt ein ganzes System der transfiniten Arithmetik, welche die transfiniten Kardinalzahlen ¿0, ¿1, ¿2, verwendet. Sie sind genauso Zahlen wie 0, 1, 2 …

  • [158]

    Ostler, kritische Rezension zu The Mormon Concept of God, 130.

  • [159]

    Vgl. Ostlers faszinierenden Kommentar, dass, wenn wir eine Zeitmaschine hätten: „wir nicht wirklich die unendliche Zahl von Vergangenheiten besuchen könnten, denn egal, wie lange wir in der Zukunft damit Zeit verbringen, in die Vergangenheit zurückzugehen, wird doch die Anzahl von Zeiten, die wir besucht haben werden, endlich sein … Es gibt jedoch eine Möglichkeit, jede der unendlichen Anzahlen von Vergangenheiten zu besuchen – sie alle durchlebt zu haben. Und das ist genau das, was das Mormonentum behauptet, was wir und Gott getan haben“. (Ostler, „Doctrine of Creatio ex Nihilo,“ 17).

  • [160]

    Ostler, kritische Rezension zu Mormon Concept of God, 128.

  • [161]

    Ibid., 129.

  • [162]

    Ibid., 130.

  • [163]

    Ibid., 129.

  • [164]

    Das sollte nicht so verstanden werden, dass die Dichte des Universums einen Wert von aleph-null ℵ0 annimmt, sondern vielmehr, dass die Dichte des Universums durch das Verhältnis Masse zu Volumen ausgedrückt wird, in der das Volumen gleich Null ist; da eine Teilung durch Null nicht erlaubt ist, wird die Dichte als in diesem Sinne unendlich bezeichnet.

  • [165]

    P. C. W. Davies, “Spacetime Singularities in Cosmology,” in The Study of Time III, ed. J. T. Fraser

  • [166]

     John Barrow and Frank Tipler, The Anthropic Cosmological Principle (Oxford: Clarendon Press, 1986), S. 442.

  • [167]

    Quentin Smith, “The Uncaused Beginning of the Universe,” in Theism, Atheism and Big Bang Cosmology, by William Lane Craig and Quentin Smith (Oxford: Clarendon Press, 1993), 120.

  • [168]

    Arthur Eddington, The Expanding Universe (New York: Macmillan, 1933), 124.

  • [169]

    Ibid., 178.

  • [170]

     Keith E. Norman, „Mormon Cosmology: Can it Survive the Big Bang?” Sunstone 10/9 (1985) : 10.

  • [171]

    Ibid., 21. Der letzte Satz in Anführungszeichen ist von Paul Davies.

  • [172]

    Ibid., 22.

  • [173]

    Richard Schlegel, “Time and Thermodynamics,” in The Voices of Time, ed. J. T. Fraser (London: Penguin, 1948), 511.

  • [174]

    I.D. Novikov and Ya. B. Zeldovich, “Physical Processes near Cosmological Singularities,” Annual Review of Astronomy and Astrophysics 11 (1973): 401-2.

  • [175]

    Joseph Silk, The Big Bang, 2d. ed. (San Francisco: W. H. Freeman, 1989), 311-12.

  • [176]

     P. C. W. Davies, The Physics of Time Asymmetry (London: Surrey University Press, 1974), 104.

  • [177]

    David H. Bailey, “Scientific Foundations of Mormon Theology,” in The Search for Harmony: Essays on Science and Mormonism (Salt Lake City: Signature Books, 1993), 4.

  • [178]

    Ibid., 8.

  • [179]

    Ibid., 9-10. Vgl. idem, “Science and Mormonism: Past, Present, and Future,” Dialogue 29/1 (1996): 89.

  • [180]

    Henry Eyring, “World of Evidence, World of Faith,” in Of Heaven and Earth, ed. David L. Clark (Salt Lake City: Deseret Book Co., 1998), 60.

  • [181]

    B. Kent Harrison, “Truth, the Sum of Existence,” in Of Heaven and Earth, 173. Harrison glaubt, dass Gottes Fortbestehen in einem sich ewig ausdehnenden Universum “eine unbefriedigende, passive, ungöttliche Art ist, die Existenz oder die Höherentwicklung zu verlängern.”

  • [182]

    Eyring, “World of Evidence”, 66.

  • [183]

    Wenn Eyring beabsichtigt, irgendein Nicht-Standard-Modell des Universums zu unterstützen, beispielsweise ein oszillierendes Modell, dann wird er damit dennoch nicht den unvermeidlichen Konsequenzen der Thermodynamik entgangen sein. In der Tat, wenn Gott ein lebendiges, körperliches Wesen ist, dann scheint das zweite Gesetz für sein Überleben wesentlich, denn ohne das zweite Gesetz würde Chaos eintreten. Darum, egal in welcher Raumzeit-Welt Gott auch lebt, erhebt sich dasselbe thermodynamische Problem.

  • [184]

    Eyring, “World of Evidence”, 61.

  • [185]

    Erich Robert Paul, Science, Religion and Mormon Cosmology (Chicago: University of Illinois Press, 1992), S. 31. Diese Tatsache wird von dem mormonischenPhysiker Russel T. Pack, “Quantum Cosmology,” Sunstone 11/1 (1987):2-4 nicht erkannt, der die Ansicht, dass Gott ein physikalisches Objekt ist, das im Kosmos existiert, als „lächerlich“ abtut. Er behauptet irrtümlicherweise, dass „der mormonische Gott nicht Teil unseres Universums ist und dass Er offensichtlich weder durch Raum noch Zeit beschränkt ist.“ (Ibid., S. 4). Ob Packs Ansicht dem klassischen Theismus so entgehen kann, bleibt zu sehen.

  • [186]

    Bailey, „Scientific Foundations of Mormon Theology“, 8.

  • [187]

    Harrison, „Truth, the Sun of Existence,” 166; vgl. Pack, “Quantum Cosmology”, 4.

  • [188]

    Bailey, „Scientific Foundations of Mormon Theology”, 9.

  • [189]

    Ibid.

  • [190]

    Norman, ”Mormon Cosmology”, 23.

  • [191]

    A. Borde and A. Vilenkin, “Eternal Inflation and the Initial Singularity,” Physical Review Letters 72 (1994) : 3305, 3307.

  • [192]

    Harrison, “Truth, the Sum of Existence,” 160.

  • [193]

     Siehe Christopher Isham, “Creation of the Universe as a Quantum Process,” in Physics, Philosophy and Theology: a Common Quest for Understanding, ed. R. J. Russell, W. R. Stoeger, and G. V. Goyne (Vatican City: Vatican Observatory, 1988), 385-7.

  • [194]

    Norman, “Mormon Cosmology”, 23.

  • [195]

    Ibid.

  • [196]

    Bailey, „Scientific Foundations of Mormon Theology”, 10-11.

  • [197]

    Ibid., 9. Andere mormonische Denker werden Einwendungen machen. Bart Kowallis, ein Geologieprofessor an der mormonischen Brigham Young University, der feststellt, dass die Ewigkeit „eine der Hauptmerkmale Gottes und der Gottheit ist“, ruft beispielsweise aus: „Im Vergleich zur Unendlichkeit, was sind da schon ein paar Milliarden Billionen?“ (Bart Kowallis, „Things of the Earth,“ 42).

  • [198]

    Bailey, “Scientific Foundations of Mormon Theology“, 9.

  • [199]

    Blake Ostler, “The Idea of PRe-Existence in the Development of Mormon Thought,“ Dialogue 15/1 (1994): 73.

  • [200]

    Siehe auch O. Kendall White, Jr., "The Transformation of Mormon Theology," Dialogue 5/2 (1970): 10-11. Er betont, dass die Unterscheidung zwischen Gottes Notwendigkeit und der Kontingenz der Schöpfung traditionell auf der Grundlage der creatio ex nihilo beruht.

  • [201]

    Man gewinnt den Eindruck, dass einige mormonische Denker glauben, ewiger Personalismus sei irgendwie unvereinbar mit Absolutismus. Doch dies ist ein Fehler. Siehe William Lane Craig, "Divine Timelessness and Personhood," International Journal for Philosophy of Religion. 43 (1998): 109-124 und die dort zitierte Literatur.