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Das Problem des Übels

Summary

Eine Untersuchung des logischen und des probabilistischen Argumentes vom Leid und Übel gegen die Existenz Gottes

Das Problem des Bösen ist mit Sicherheit das größte Hindernis für den Glauben an die Existenz Gottes. Wenn ich über das Ausmaß und die Tiefe des Leides in der Welt nachsinne, ob vom Menschen oder von Naturkatastrophen verursacht, fällt mir der Glaube daran, dass Gott existiert, zugegebenermaßen schwer. Zweifelsohne geht es vielen von Ihnen da ähnlich. Vielleicht sollten wir alle Atheisten werden.

Doch das wäre eine sehr drastische Maßnahme. Wie können wir sicher gehen, dass Gott nicht existiert? Vielleicht lässt Gott all das Übel in der Welt aus einem bestimmten Grund zu. Vielleicht passt das alles in das große Weltenschema, das wir, wenn überhaupt, nur sehr beschränkt wahrnehmen. Woher sollen wir das wissen?

Als christlicher Theist bin ich davon überzeugt, dass das Problem des Bösen, so schrecklich wie es ist, letztendlich nicht beweist, dass Gott nicht existiert. Ja, vielmehr bin ich der Meinung, dass der christliche Theismus des Menschen letzte und beste Hoffnung darauf ist, das Problem des Übels zu lösen.

Um zu erklären, warum ich dieser Meinung bin, ist es hilfreich, einige Unterscheidungen zu machen, damit wir klar denken können. Zuerst müssen wir zwischen dem intellektuellen und dem emotionalen Problem des Übels unterscheiden. Beim intellektuellen Problem des Übels geht es um die Frage, wie man erklären kann, dass Gott und das Übel koexistieren können. Beim emotionalen Problem des Übels geht es um die Frage, wie man die Abneigung auflöst, die die Menschen einem Gott gegenüber empfinden, der Leid zulässt.

Sehen wir uns also zuerst das intellektuelle Problem des Übels an. Es gibt zwei Versionen dieses Problems: Einmal das logische Problem des Übels und außerdem das probabilistische Problem des Übels.

Laut dem logischen Problem des Bösen ist es unmöglich, dass Gott und das Übel koexistieren. Wenn Gott existiert, kann das Übel nicht existieren. Wenn das Übel existiert, kann Gott nicht existieren. Da das Übel existiert, existiert Gott folglich nicht.

Doch das Problem an diesem Argument ist, dass kein Grund zur Meinung besteht, dass Gott und das Übel logisch unverträglich sind. Es gibt keinen expliziten Widerspruch zwischen der Existenz Gottes und der Existenz des Übels. Doch wenn der Atheist meint, dass es einen impliziten Widerspruch zwischen Gott und dem Übel gibt, muss er von versteckten Prämissen ausgehen, die diesen logischen Widerspruch zur Folge haben. Doch das Problem ist, dass es noch keinem Philosophen gelungen ist, derlei Prämissen zu formulieren. Daher schafft es das logische Problem des Übels nicht, einen Widerspruch zwischen Gott und dem Übel zu beweisen.

Doch das ist noch nicht alles: Wir können sogar beweisen, dass Gott und das Übel logisch widerspruchfrei sind. Der Atheist geht davon aus, dass Gott keine moralisch ausreichenden Gründe dafür haben könnte, das Übel in der Welt zuzulassen. Doch diese Annahme ist nicht notwendigerweise wahr. Solange es auch nur möglich ist, dass Gott moralisch ausreichende Gründe dafür haben kann, das Übel zuzulassen, folgt daraus, dass die Existenz Gottes und die Existenz von Übel logisch widerspruchsfrei sind. Und dies scheint auf jeden Fall zumindest logisch möglich zu sein. Somit freut es mich sehr, berichten zu können, dass die meisten Philosophen von heute darin übereinstimmen, dass das logische Problem des Übels gelöst wurde. Die Koexistenz Gottes und des Übels ist logisch möglich.

Doch wir sind noch nicht aus dem Schneider. Denn jetzt haben wir es mit dem probabilistischen Argument zu tun. Gemäß dieser Version des Problems ist die Koexistenz Gottes und des Übels logisch gesehen möglich, aber äußerst unwahrscheinlich. Das Ausmaß und die Tiefe des Übels in der Welt sei so groß, dass es unwahrscheinlich sei, dass Gott moralisch ausreichende Gründe dafür haben könnte, es zuzulassen. Aufgrund des Übels in der Welt ist es also unwahrscheinlich, dass Gott existiert.

Nun, das ist ein wesentlich überzeugenderes Argument, und deshalb möchte ich mich hierauf konzentrieren. Bei meiner Antwort auf diese Version des Problems des Übels möchte ich auf drei Hauptpunkte eingehen:

1. Wir sind in keiner guten Position, um zu bewerten, ob die Wahrscheinlichkeit davon, dass Gott moralisch ausreichende Gründe für das Übel haben könnte, das geschieht. Als endliche Menschen sind wir in Zeit, Raum, Intelligenz und Erkenntnis begrenzt. Doch der transzendente und souveräne Gott sieht das Ende schon von Anfang an und ordnet die Geschichte in seiner Vorsehung so, dass seine Absichten letztendlich durch freie Entscheidungen der Menschen umgesetzt werden. Um seine Ziele zu erreichen, muss Gott auf dem Weg dorthin vielleicht bestimmtes Übel in Kauf nehmen. Übel, das uns innerhalb unseres begrenzten Sichtfeldes sinnlos erscheint, wurde innerhalb von Gottes breiterem Sichtfeld vielleicht zu Recht zugelassen. Hier eine Veranschaulichung aus einem sich in der Entwicklung befindlichen Gebiet der Naturwissenschaft – der Chaos-Theorie: Naturwissenschaftler haben herausgefunden, dass bestimmte makroskopische Systeme außerordentlich empfindlich auf die kleinsten Schwankungen reagieren. Das Landen eines Schmetterlings auf einem Ast in Westafrika setzt vielleicht Kräfte in Gang, die letztendlich in einem Hurrikan über dem Atlantik münden. Doch ist es prinzipiell unmöglich, dass jemand, der den flatternden Schmetterling beim Landen beobachtet, einen derartigen Domino-Effekt als Ergebnis vorhersagen könnte. Der brutale Mord an einem unschuldigen Mann oder der Leukämie-Tod eines Kindes könnten eine Art Domino-Effekt durch die Geschichte hervorrufen, sodass Gottes moralisch ausreichende Gründe, es zuzulassen, erst Jahrhunderte später und vielleicht auch in einem anderen Land sichtbar werden. Wenn man Gottes Vorsehung über die gesamte Geschichte hinweg bedenkt, kann man meiner Meinung nach erkennen, wie hoffnungslos es für beschränkte Beobachter ist, über die Wahrscheinlichkeit zu spekulieren, dass Gott moralisch ausreichende Gründe dafür haben könnte, ein bestimmtes Übel zuzulassen. Wir sind einfach in keiner guten Position, derlei Wahrscheinlichkeiten abzuwägen.

2. Der christliche Glaube enthält Lehren, die die Wahrscheinlichkeit der Koexistenz von Gott und dem Übel erhöhen. Damit verringern diese Lehren jegliche Unwahrscheinlichkeit der Existenz Gottes, die angeblich durch die Existenz des Übels verursacht wurden. Welche Lehren gibt es hierzu? Lassen Sie mich vier Stück nennen:

a. Das Hauptziel im Leben ist nicht, glücklich zu sein, sondern Gott zu kennen. Ein Grund dafür, dass das Problem des Übels so rätselhaft erscheint, ist, dass wir zu der Meinung tendieren, dass das Ziel, das Gott – wenn er denn existiert – für das Leben der Menschen hat, das Glück in dieser Welt ist. Gottes Rolle bestehe darin, seinen menschlichen Haustieren eine bequeme Atmosphäre zu verschaffen. Doch nach der christlichen Ansicht ist das falsch. Wir sind nicht Gottes Haustiere, und das Ziel der Menschen ist nicht, in dieser Welt glücklich zu sein, sondern Gott zu kennen, was dem Menschen letztendlich wahre und immerwährende Erfüllung bringen wird. Viel Übles kommt im Leben vor, das vielleicht völlig sinnlos in Bezug auf das Ziel ist, die Menschen in dieser Welt glücklich zu machen, doch in Bezug darauf, dass die Menschen Gott kennenlernen, sind sie vielleicht nicht ungerechtfertigt. Das Leid unschuldiger Menschen ist ein Anlass für tiefere Abhängigkeit von und Vertrauen auf Gott – für den Leidenden oder diejenigen, die ihn umgeben. Natürlich hängt von unserer Reaktion ab, ob durch unser Leid Gottes Absicht verwirklicht wird. Reagieren wir mit Wut und Bitterkeit gegenüber Gott, oder wenden wir uns ihm im Glauben zu und bekommen so die Kraft durchzuhalten?

b. Die Menschheit befindet sich in einem Zustand der Rebellion gegen Gott und seine Absichten. Anstatt sich Gott zu unterwerfen und ihn anzubeten, rebellieren die Menschen gegen ihn und gehen ihre eigenen Wege, wodurch sie sich von Gott entfernen, moralisch schuldig vor ihm werden und in geistlicher Dunkelheit umhertapsen, in der sie falschen, selbst gemachten Göttern folgen. Die schrecklichen Gräueltaten der Menschen in der Welt zeugen von der Verdorbenheit des Menschen, der sich in einem Zustand der geistlichen Trennung von Gott befindet. Ein Christ wundert sich nicht über das vom Menschen verursachte Übel in der Welt; er erwartet es vielmehr. Die Bibel sagt, dass Gott die Menschen der Sünde hingegeben hat, für die sie sich entschieden haben; er greift nicht ein, sondern lässt die Verdorbenheit der Menschen ihren Lauf nehmen. Das steigert die moralische Verantwortlichkeit der Menschen vor Gott nur und ebenso auch unsere Boshaftigkeit und unser Bedürfnis nach Vergebung und moralischer Reinigung.

c. Gott zu kennen, führt bis ins ewige Leben. Der christlichen Ansicht zufolge ist dieses Leben nicht alles, was es gibt. Jesus hat allen das ewige Leben versprochen, die ihr Vertrauen auf ihn als ihren Herrn und Retter setzen. Nach dem leiblichen Tod wird Gott diejenigen mit einem ewigen Leben unaussprechlicher Freude belohnen, die ihr Leid mit Mut und Vertrauen ertragen haben. Der Apostel Paulus, der große Teile des Neuen Testaments geschrieben hat, hatte ein unglaublich leidvolles Leben. Dennoch schrieb er: „Darum lassen wir uns nicht entmutigen; sondern wenn auch unser äußerer Mensch zugrundegeht, so wird doch der innere Tag für Tag erneuert. Denn unsere Bedrängnis, die schnell vorübergehend und leicht ist, verschafft uns eine ewige und über alle Maßen gewichtige Herrlichkeit, da wir nicht auf das Sichtbare sehen, sondern auf das Unsichtbare; denn was sichtbar ist, das ist zeitlich; was aber unsichtbar ist, das ist ewig (2Kor 4, 16-18).“ Paulus stellte sich sozusagen eine Waage vor, in der alle Leiden dieses Lebens in einer Schale liegen und in der anderen die Herrlichkeit, die Gott seinen Kindern im Himmel zuteil werden lässt. Das Gewicht der Herrlichkeit ist so hoch, dass sie buchstäblich über jeden Vergleich mit dem Leid erhaben ist. Zudem: Je länger wir in der Ewigkeit sind, desto mehr schrumpfen die Leiden dieses Lebens auf einen infinitesimalen Moment zusammen. Deswegen konnte Paulus sie als „vorübergehende Bedrängnis“ bezeichnen – sie werden einfach von dem Ozean an göttlicher Ewigkeit und Freude überwältigt, mit der Gott diejenigen überflutet, die auf ihn vertrauen.

d. Gott zu kennen, ist ein unvergleichliches Gut. Gott zu kennen, die Quelle unendlicher Güte und Liebe, ist ein unvergleichliches Gut – die Erfüllung menschlicher Existenz. Die Leiden dieses Lebens können damit nicht einmal ansatzweise verglichen werden. Somit kann der Mensch, der Gott kennt, „Gott ist gut zu mir“ sagen, einfach weil er weiß, dass er Gott kennt – ein unvergleichliches Gut.

Diese vier christlichen Lehren mindern jede Unwahrscheinlichkeit, die das Übel der Existenz Gottes entgegenzubringen scheint.

3. Gemessen am gesamten Indizienrahmen ist Gottes Existenz wahrscheinlich. Wahrscheinlichkeiten hängen immer von Hintergrundinformationen ab. Stellen wir uns beispielsweise vor, Joe ist ein Student an der Universität von Colorado, und 95 % aller Studenten fahren dort Ski. Auf Basis dieser Information ist es sehr wahrscheinlich, dass Joe auch Ski fährt. Doch stellen Sie sich nun vor, Joe hat ein amputiertes Gliedmaß, und 95 % der Studenten mit Amputationen an seiner Universität fahren nicht Ski. Plötzlich ist die Wahrscheinlichkeit, dass Joe Ski fährt, drastisch gesunken!

Wenn Sie als Hintergrundinformationen nur das Böse in der Welt berücksichtigen, ist es kein Wunder, dass die Existenz Gottes daran gemessen unwahrscheinlich erscheint! Doch das ist nicht die eigentliche Frage. Die eigentliche Frage ist, ob Gottes Existenz gemessen am gesamten Indizienrahmen unwahrscheinlich ist. Ich bin überzeugt: Zieht man alle Indizien in Betracht, ist die Existenz Gottes ziemlich wahrscheinlich.

Lassen Sie mich drei Indizien angeben:

1. Gott ist die beste Erklärung dafür, dass das Universum existiert, und nicht nichts. Haben Sie sich je gefragt, warum überhaupt etwas existiert? Wo alles herkam? Lange Zeit haben Atheisten meistens behauptet, dass das Universum ewig und ohne Ursache ist. Doch durch Erkenntnisse in der Astronomie und der Astrophysik in den letzten 80 Jahren ist dies sehr unwahrscheinlich geworden. Laut dem Urknall-Modell ist die gesamte Materie und Energie, ja, der physische Raum und die Zeit selbst, mit einem Mal vor ungefähr 13,5 Milliarden Jahren entstanden. Vor diesem Punkt hat das Universum schlichtweg nicht existiert. Somit setzt das Urknallmodel die Erschaffung des Universums aus dem Nichts voraus.

Und das kann sehr peinlich werden für den Atheisten. Quentin Smith, ein atheistischer Philosoph, schreibt:

"Die Reaktion von Atheisten und Agnostikern auf diese Entwicklung war vergleichsweise schwach, ja, fast unsichtbar. Eine unangenehme Stille macht sich meist breit, wenn das Thema bei Nichtgläubigen angesprochen wird (…). Der Grund dafür lässt sich leicht finden. Anthony Kenny bringt es in seiner Aussage auf den Punkt: „Ein Befürworter [der Urknall-Theorie] muss – zumindest wenn er Atheist ist – glauben, dass die Materie des Universums aus dem Nichts und durch nichts entstanden ist." [1]

Der christliche Theist hat derlei Schwierigkeiten nicht, da die Urknall-Theorie nur das bestätigt, was er ohnehin schon immer geglaubt hat: Dass Gott am Anfang das Universum geschaffen hat. Und so frage ich Sie: Was ist plausibler – dass der christliche Theist Recht hat, oder dass das Universum ohne Ursache und plötzlich aus dem Nichts entstanden ist?

2. Gott ist die beste Erklärung dafür, dass das Universum eine solch komplexe Ordnung hat. Während der letzten 40 Jahre haben Naturwissenschaftler herausgefunden, dass die Existenz intelligenten Lebens von einem komplexen und feinen Gleichgewicht von Ausgangsbedingungen abhängt, die im Urknall selbst gegeben sind. Wir wissen nun, dass Universen, in denen kein Leben möglich ist, enorm viel wahrscheinlicher sind als irgendein Universum, in dem Leben möglich ist, wie unseres. Wie viel wahrscheinlicher?

Die Antwort: Die Wahrscheinlichkeit, dass in einem Universum Leben möglich ist, ist so unvorstellbar klein, dass sie unbegreiflich und nicht kalkulierbar ist. Beispielsweise hätte eine Veränderung der Schwerkraft oder der schwachen atomaren Wechselwirkung von nur einem von 10100 Teilen ein Universum verhindert, das Leben ermöglicht. Die sogenannte kosmologische Konstante „Lambda“, die die inflationäre Ausdehnung des Universums antreibt und für die kürzlich entdeckte Beschleunigung der Universumsausdehnung verantwortlich ist, ist bis auf ein Teil von 10120 fein abgestimmt. Der Physiker Roger Penrose von der Universität Oxford hat ausgerechnet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Zustand der niedrigen Entropie in unserem Universum, von dem unser Leben abhängt, nur zufällig entstanden ist, bei nur einem Teil von 1010(123) liegt. Penrose kommentiert: „Ich kann mich nicht erinnern, in der Physik jemals etwas gesehen zu haben, dessen Genauigkeit auch nur ungefähr an eine Zahl wie 1:1010(123) herankommt.“ Es gibt zahlreiche Mengen und Konstanten, die derart fein abgestimmt sein müssen, wenn das Universum Leben zulassen soll. Und es muss nicht nur jede einzelne Größe außerordentlich feinabgestimmt sein; auch die Verhältnisse zwischen den Größen müssen feinabgestimmt sein. Die Unwahrscheinlichkeit wird also mit mehr Unwahrscheinlichkeit und noch mehr Unwahrscheinlichkeit multipliziert, bis unser Kopf sich vor lauter derart unbegreiflichen Zahlen dreht.

Es gibt keinen physikalischen Grund dafür, dass diese Konstanten und Größen die Werte haben sollten, die sie haben. Der ehemals agnostische Physiker Paul Davies meinte hierzu: „Durch meine naturwissenschaftliche Arbeit bin ich mehr und mehr zu der Überzeugung gelangt, dass das physische Universum mit einer solch erstaunlichen Genialität zusammengestellt wurde, dass ich das nicht mehr nur als nackte Tatsache hinnehmen kann.“ So auch Fred Hoyle: „Interpretiert man die Fakten mit gesundem Menschenverstand, ist klar, dass ein Super-Intellekt bei der Entstehung der Physik seine Hand im Spiel hatte.“ Robert Jastrow, der frühere Leiter des Goddard Institute for Space Studies von der Nasa, nennt dies den überzeugendsten Beleg für die Existenz Gottes, der auch noch aus der Naturwissenschaft kommt.

Die Ansicht, die christliche Theisten schon immer hatten, also jene, dass es einen intelligenten Designer des Universums gibt, scheint viel mehr Sinn zu ergeben als die atheistische Ansicht, nach der das Universum, das ohne Ursache aus dem Nichts entstanden ist, auch zufällig mit einer solch unbegreiflichen Präzision fein abgestimmt ist, dass die Existenz intelligenten Lebens möglich ist.

3. Objektive moralische Werte in der Welt. Wenn Gott nicht existiert, existieren auch keine moralischen Werte. Viele Theisten und Atheisten pflichten einander diesbezüglich bei. Der theoretische Wissenschaftsphilosoph Michael Ruse schreibt hierzu:

"Die Moral ist, wie Hände, Füße und Zähne auch, einfach eine biologische Adaption. Als rational vertretbare Behauptung über etwas Objektives betrachtet, ist Ethik eine Einbildung. Ich weiß es zu schätzen, dass die Leute, wenn sie „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ sagen, denken, dass sie sich auf etwas beziehen, was über ihnen ist und über sie hinausgeht. Doch ein solcher Bezug ist wahrlich ohne Grundlage. Die Moral ist lediglich eine Überlebens- und Reproduktionshilfe (…) und jeder tiefergehende Sinn ist nur eingebildet."

Friedrich Nietzsche, der große Atheist des 19. Jahrhunderts, der den Tod Gottes verkündete, hatte verstanden, dass der Tod Gottes die Zerstörung allen Sinnes und aller Werte im Leben bedeutete.

Ich bin der Meinung, dass Friedrich Nietzsche Recht hatte.

Doch wir müssen hier sehr vorsichtig sein. Die Frage lautet nicht: „Müssen wir an Gott glauben, um ein moralisches Leben zu führen?“ Ich behaupte hier nicht, dass man das muss. Und die Frage lautet auch nicht: „Können wir einige der objektiven moralischen Werte erkennen, ohne an Gott zu glauben?“ Ich denke schon.

Die Frage lautet vielmehr: „Wenn Gott nicht existiert, existieren dann objektive moralische Werte?“ Wie Ruse sehe ich keinen Grund, der Meinung zu sein, dass die vom homo sapiens entwickelte Herdenmoral objektiv ist. Was ist denn so besonders an Menschen, wenn Gott nicht existiert? Sie sind bloß zufällige Nebenprodukte der Natur, die sich vor relativ kurzer Zeit auf einem winzigen Staubkorn entwickelt haben, der irgendwo in einem feindseligen und geistlosen Universum verloren ist, und die individuell und kollektiv zum Tod innerhalb relativ kurzer Zeit verdammt sind. Der atheistischen Weltanschauung zufolge sind manche Handlungen, wie Vergewaltigung, vielleicht nicht von sozialem Vorteil und sind deshalb im Verlauf der menschlichen Entwicklung vielleicht zu einem Tabu geworden; doch das heißt noch lange nicht, dass Vergewaltigung wirklich falsch ist. Der atheistischen Weltanschauung zufolge ist nichts wirklich falsch daran, jemanden zu vergewaltigen. Ohne Gott gibt es also kein absolutes Richtig und Falsch, die sich unserem Gewissen aufdrängen.

Doch das Problem ist, dass objektive Werte sehr wohl existieren, und tief im Inneren wissen wir das alle. Verneint man die objektive Realität moralischer Werte, kann man genauso gut die objektive Realität der physischen Welt verneinen. Taten wie Vergewaltigung, Misshandlung und Kindesmissbrauch sind sozial nicht akzeptables Verhalten – sie sind moralische Gräueltaten. Es gibt Taten, die wirklich falsch sind.

Somit stützt das Böse paradoxerweise die Existenz Gottes. Denn wenn objektive Werte ohne Gott nicht existieren können, objektive Werte aber existieren – wie die Realität des Übels zeigt –, dann folgt daraus, dass Gott existiert. Obwohl das Übel die Existenz Gottes als in einem gewissen Sinne in Frage stellt, zeigt es Gottes Existenz in einem grundlegenderen Sinn auf, da das Übel ohne Gott nicht existieren könnte.

Das war nur ein Teil der Belege dafür, dass Gott existiert. Der bekannte Philosoph Alvin Plantinga hat in einem Vortrag "ungefähr zwei Dutzend Argumente für die Existenz Gottes" [2] vorgestellt. Kombiniert sind diese Argumente so überzeugend, dass sie die Existenz Gottes wahrscheinlich machen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass das Übel, wenn meine drei Thesen korrekt sind, die Existenz des christlichen Gottes nicht unwahrscheinlich werden lässt; vielmehr ist die Existenz Gottes in Anbetracht des gesamten Indizienrahmens sogar wahrscheinlich. Das intellektuelle Problem des Übels schafft es also nicht, die Existenz Gottes zu stürzen.

Doch es bleibt noch das emotionale Problem des Übels. Ich denke, die meisten Menschen, die Gott wegen des Übels in der Welt ablehnen, tun das nicht wegen intellektueller Schwierigkeiten; vielmehr ist es ein emotionales Problem. Ihnen behagt einfach kein Gott, der zulassen würde, dass sie oder andere leiden, und wollen daher nichts mit ihm zu tun haben. Sie vertreten einfach einen Atheismus der Ablehnung. Hat der christliche Glaube diesen Leuten etwas zu sagen?

Selbstverständlich! Denn er besagt, dass Gott kein weit entfernter Schöpfergott und unpersönliche Seinsgrundlage ist, sondern ein liebender Vater, der seine Leiden und Verletzungen mit uns teilt. Prof. Dr. Platinga schreibt:

„Aus christlicher Sicht ist es so, dass Gott nicht tatenlos danebensteht und gefühlskalt dabei zusieht, wie seine Geschöpfe leiden. Er begibt sich in unser Leiden und teilt es. Er erträgt die Qual, mit anzusehen, wie sein Sohn, die zweite Person der Dreieinigkeit, dem bitter grausamen und schändlichen Tod am Kreuz übergeben wird. Christus war bereit die Todesschmerzen der Hölle selbst zu ertragen (…), um die Sünde und den Tod und das Übel, das die Welt bedrückt, zu überwinden, und um uns ein Leben zu verleihen, dessen Herrlichkeit über unsere Vorstellungskraft hinausgeht. Er war bereit, an unserer statt zu leiden, Leid auf sich zu nehmen, das wir uns gar nicht ausmalen können."

Jesus ertrug Leid, das über allen Verstand hinausgeht: Er trug die Strafe für die Sünden der ganzen Welt. Niemand von uns kann dieses Leid begreifen. Obwohl er unschuldig war, nahm er freiwillig die Strafe auf sich, die wir verdient hatten. Und warum? Weil er uns liebt. Wie können wir den ablehnen, der alles für uns gab?

Wenn wir sein Opfer und seine Liebe für uns begreifen, stellt dies das Problem des Übels in ein ganz anderes Licht. Denn jetzt sehen wir ganz deutlich, dass das eigentliche Problem des Übels unser Übel ist. Voller Sünde und moralisch schuldig vor Gott, stellt sich uns nicht die Frage, wie Gott sich vor uns rechtfertigen kann, sondern wie wir vor ihm gerechtfertigt werden können.

Obwohl das Problem des Übels der stärkste Einwand gegen die Existenz Gott ist, ist Gottes Existenz paradoxerweise letztendlich die einzige Lösung für das Problem. Wenn Gott nicht existiert, dann sind wir hoffnungslos verloren in einem Leben voller überflüssigen und unvergoltenen Leids. Gott ist die finale Antwort auf das Problem des Übels, denn er erlöst uns vom Leid und nimmt uns mit in die immerwährende Freude über ein unvergleichliches Gut: Gemeinschaft mit ihm selbst.

William Lane Craig

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/the-problem-of-evil

  • [1]

    Quentin Smith, A Big Bang Cosmological Argument For God's Nonexistence, ursprünglich erschienen in der philosophischen Fachzeitschrift Faith and Philosophy, April 1992 (Jahrgg. 9, No. 2, S. 217-237). Das von Smith angeführte Zitat von Anthony Kenny entstammt dem Buch von Anthony Kenny: The Five Ways: St. Thomas Aquinas' Proofs of God's existence. New York 1969: Schocken Books (oder London 1969: Routledge), S. 66. (Anm. d. Übers.)

  • [2]

    Alvin Plantinga: Two dozen (or so) Theistic Arguments, Vortrag gehalten 1986 in Bellingham, Washington. Der Vortrag ist online verfügbar, und ist enthalten in: Dean-Peter Baker (Hrsg.): Alvin Plantinga. Contemporary Philosophy in Focus. Cambridge 2007: Cambridge University Press, S. 203-227, mit einer Einleitung von Alvin Plantinga, die er 20 Jahre nach dem Vortrag (2006) verfasst hat.

    Die von Plantinga erwähnten Argumente sind: a. Argument from Intentionality; b. Arg. f. Collections (sets); c. Arg. f. (Natural) Numbers; d. Arg. f. Counterfactuals; e. Arg. f. Physical Constants; f. Naive Teleological Arg.; g. Tony Kenny's Teleolog. Arg.; h. Ontological Arg.; i.; Arg. f. Contingency; j. Arg. f. Positive Epistemic Status; k. Arg. f. Confluence of Proper function and Reliability; l. Arg. f. Simplicity; m. Arg. f. Induction; n. Putnamian Arg. (Arg. f. rejection of Global Scepticism); o. Arg. f. Reference; p. Kripke-Wittgenstein Arg. from Plus and Quus; q. General Arg. f. Intuition; r. various Moral Arg.s; r* Arg. f. evil; s. Arg. f. Colors and Flavors. (Adams and Swinburne); t. Arg. f. Love; u. The Mozart Arg. (am Beispiel von Mozarts 20. Klavierkonzert in d Moll, K.463); v. Arg. f. Play and Enjoyment; w. Arg. f. Providence and Miracles; x. C.S. Lewis' Arg. f. Nostalgia; y. Arg. f. the Meaning of Life; z. Arg. f. A to Y.

    (Anm. d. Übers.)