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#576 Zwei Fragen zum Glauben der Jünger an Jesu Auferstehung

January 13, 2019
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

vielen Dank Ihre Arbeit im Bereich der Auferstehung Jesu.

Als ich zum ersten Mal auf die Belege für die Auferstehung stieß, die Sie und andere christliche Apologeten anführen, war ich der Meinung, dass die Auferstehung unwiderlegbar war und definitiv stattgefunden hat. Nachdem ich allerdings eine Weile über das Thema nachgedacht habe, wurde mir klar, dass es zwei mögliche Einwände gibt, die man zum Thema des Ursprungs des Glaubens der Jünger an die Auferstehung vorbringen könnte. Zum einen sagte Christus seine Auferstehung zeit seines Lebens mehrmals voraus, wie z. B. in Matthäus 16,21, Matthäus 17,9 und Markus 8,31. Diese Voraussagen, gepaart mit den Wundern, die Christus getan hat, könnten die Jünger nach anfänglichem Zweifeln dazu gebracht haben, seine Auferstehung zu erwarten.

Zum anderen sagen Sie oft, dass die Juden glaubten, dass es eine Auferstehung am Ende der Zeit geben würde, und dass sie nicht an individuelle Auferstehungen glaubten. Jedoch lesen wir in 2. Könige 13,21 von einem Mann, der von den Toten auferstand, als er auf die Gebeine Elisas geworfen wurde, und in 1. Könige 17 auferweckte Gott auf Elias Bitte hin ein Kind von den Toten. Auch wenn die Juden allgemein gesprochen nicht an einzelne Auferstehungen geglaubt haben, stehen derartige Berichte doch im Alten Testament. Wie kann man diesen beiden Einwänden begegnen, und wie kann man aufzeigen, dass die Jünger angesichts der benannten Einwände keine Auferstehung erwartet haben (wodurch Halluzinationen möglich werden – nicht aber die Annahme, dass Erscheinungen Christi Halluzinationen waren)?

Danke!

Chris

Vereinigte Staaten

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Es ist mir immer unangenehm, wenn Leute apologetische Argumente mit Worten wie „unwiderlegbar“ und „definitiv“ beschreiben. Damit graben sie sich selbst eine Grube. Denn das entspricht nicht dem Wesen apologetischer Argumente, vor allem nicht dem Wesen von Argumenten der historischen Apologetik, die den gleichen Unsicherheiten unterliegen wie das Geschichtsstudium an sich. Vielmehr geht es darum, konkurrierende historische Hypothesen mit dem Ziel gegeneinander abzuwägen, die beste Erklärung für die Belege zu finden, wenn diese mit Kriterien wie dem Umfang, der Überzeugungskraft und der Plausibilität usw. bewertet werden. Die Behauptung lautet also, dass die Hypothese „Gott hat Jesus von den Toten auferweckt“ unter allen konkurrierenden Hypothesen alles in allem die beste Erklärung liefert.

Nun, eine der Tatsachen, die jede geschichtliche Hypothese über das Schicksal der Person Jesus von Nazareth erklären muss, ist die Entstehung des Christentums selbst und, um genauer zu sein, die grundlegende Überzeugung der ersten Jünger, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hatte. Ich habe an anderer Stelle dahingehend argumentiert, dass die beste Erklärung für diese Tatsache die der Jünger ist, nämlich dass Gott Jesus wirklich von den Toten auferweckt hat.

Nun schlagen Sie eine andere Erklärung vor: Dass Jesu Voraussagen über seine Auferstehung, zusammen mit seinen Wundern, die Jünger dazu geführt hätten, die Auferstehung Jesu zu erwarten und so zum entsprechenden Glauben zu gelangen. Der Grund dafür, dass aktuell niemand eine solche Theorie vertritt, Chris, ist der: Die meisten Gelehrten gehen davon aus, dass die Voraussagen zur Auferstehung im Nachhinein in die Erzählungen über Jesu Leben eingefügt wurden, und zwar von Christen, die schon zum Glauben an Jesu Auferstehung gekommen waren. Die Verteidigung Ihrer Hypothese würde also eine überzeugende Argumentation für die Authentizität der von Ihnen erwähnten Abschnitte erfordern. Die meisten Gelehrten sind der Auffassung, dass eine solche Argumentation nicht zu führen ist. Die Belege für die Auferstehungsvoraussagen sind nicht so gut wie die Belege für das leere Grab, Jesu Erscheinungen nach seinem Tod und die Entstehung des christlichen Glaubens. Man kann also nicht das eine akzeptieren und an dem anderen zweifeln!

Wenn Sie (wie ich) der Meinung sind, dass Jesus Voraussagen zu seiner Auferstehung gemacht hat, auch wenn Sie es nicht belegen können, gibt es immer noch eine sehr gute Erklärung dafür, warum sie nicht zum Glauben an Jesu Auferstehung geführt hätten: Die Jünger haben sie nicht verstanden. Wie ich an anderer Stelle erklärt habe, gab es im Judentum, abgesehen von der allgemeinen Auferstehung am Ende der Geschichte, keinerlei Vorstellung einer isolierten, individuellen Auferstehung innerhalb der Geschichte. Die Jünger sind ganz natürlich davon ausgegangen, dass Jesus von der Auferstehung am Ende der Welt sprach. Die Evangelien sagen das auch explizit.

Das führt zu Ihrem zweiten Punkt. Wiederbelebungen[1] von Toten waren im Judentum definitiv bekannt, wie Sie richtig sagen, und von Jesus selbst wird gesagt, dass er bestimmte Menschen von den Toten zurück ins Leben gebracht hat. Doch sie kehrten in ihr sterbliches Leben zurück. Diese Menschen würden später wieder sterben. In keinem Fall, außer der allgemeinen Auferstehung am Ende der Zeit, haben wir es mit einer Auferstehung zu tun, die diese Bezeichnung verdient, nämlich einer Auferstehung zur Herrlichkeit und Unsterblichkeit. Der Glaube an Jesu Auferstehung ist daher einzigartig.

Im Vergleich ist also die bessere Erklärung dafür, dass die Jünger plötzlich und aufrichtig glaubten, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hatte, nicht die, dass sie ihren durch Jesu Voraussagen befeuerten Wunsch erfüllt sehen wollten, sondern die geschichtliche Auferstehung selbst.

(Übers.: J. Booker)

https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/two-questions-on-the-origin-of-the-disciples-belief-in-jesus-resurrection

 

[1] Eng.: „revivifications.“ – Anm. d. Übers.

- William Lane Craig