English Site
back
05 / 06

#561 Weiß Gott, wie eine Ananas schmeckt?

October 07, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich habe mich in letzter Zeit mit Frank Jacksons Wissensargument beschäftigt. Wie Sie wissen, besagt es, dass es eine Art des Wissens gibt, die a posteriori ist – ein auf Erfahrungen beruhendes Wissen, dass man nicht haben kann, bis man die relevante Erfahrung gemacht hat. Diese Art von Wissen wird für gewöhnlich als eine „Wie-ist-es-Art“ von Wissen bezeichnet. Wie Locke sagt: Ich weiß nur, wie eine Ananas schmeckt, wenn ich auch tatsächlich eine Ananas probiert habe. Ich tendiere dazu, dieser Ansicht über das Wissen zuzustimmen. Doch wirft sie ein paar Fragen in Bezug auf Gottes Allwissenheit auf: 1. Wenn Gott allwissend ist (was ich glaube), wie können wir dann belegen, dass er auch diese Art von a-posteriori-Wissen hat? Sollten wir schlussfolgern, dass Gott dieses Wissen auch ohne Erfahrung haben könnte – wegen seiner unendlichen kognitiven Fähigkeiten? 2. Hat die Aussage des Schreibers des Hebräerbriefs in Hebräer 5,8 – „Und obwohl er Sohn war, hat er doch an dem, was er litt, den Gehorsam gelernt“ – etwas zu dieser Frage zu sagen? Besagt dieser Vers, dass Jesus, obwohl er Gott war, Erfahrungswissen ansammelte, indem er menschliche Gestalt annahm? Wenn ja, bedeutet das, dass Gott diese Art von Wissen nicht hatte, bevor Jesus Mensch wurde? 3. Weiß Gott, wie es für einen Sünder ist, sich in Sünde zu suhlen oder die Sünde zu begehren? Könnte er dieses Gefühl kennen, ohne es zu fühlen? 4. Hatte Gott das Recht, den Menschen zu schaffen, wenn er dieses „Wie-ist-es-Wissen“ zuerst nicht hatte? Vielen Dank für Ihre Arbeit. Sie ist mir eine große Hilfe in meinem Glaubensleben!

Nathan
Vereinigte Staaten

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Diese sind schwierige Fragen, Nathan. Wir behandeln sie in meinen Vorlesungen über göttliche Allwissenheit.

Göttliche Allwissenheit wird als propositionales Wissen definiert. Das bedeutet, es gilt für jede Proposition p: Wenn p, dann weiß Gott p und glaubt nicht nicht-p. Eine solche Definition soll die intuitive Vorstellung festigen, dass Gott Wahrheiten weiß und nichts Falsches glaubt. Diese Art von Wissen ist Wissen, „dass ______“.

Im Gegensatz hierzu ist das Wissen, von dem Sie sprechen („wie ist es“) ein nicht-propositionales Wissen. Es ist weder wahr noch falsch. Zu wissen, wie eine Ananas schmeckt, ist beispielsweise nicht wahr oder falsch und somit nicht-propositional. Man kann so zwar etwas in Erfahrung bringen, aber es ist keine Wahrheit.

Allwissenheit in Bezug auf propositionales Wissen erfordert von Gott nicht, dass er nicht-propositionales Wissen haben muss. Er muss alle Wahrheiten darüber wissen, wie eine Ananas schmeckt, z. B., dass eine Ananas säuerlich oder erfrischend schmeckt, aber er muss kein nicht-propositionales Wissen davon haben, wie eine Ananas schmeckt.

Ich war einmal der Meinung, dass Gott nicht die Art nicht-propositionales Wissen hat, von dem Sie sprechen, weil er die erforderlichen Erfahrungen nicht gemacht hat. Aber dann habe ich mir einige Gedanken über eine Aussage von David Lewis gemacht, nach der jemand, der den Geschmack einer Wassermelone erfährt, in irgendeiner Art eines mentalen Zustands sein muss. Man könnte in einem solchen mentalen Zustand sein, ohne die Wassermelone tatsächlich zu essen. Warum also, dachte ich mir, könnte Gott sich nicht in einen solchen mentalen Zustand hineinversetzen, sodass er weiß, wie eine Wassermelone schmeckt? Mir scheint das eindeutig möglich zu sein. In diesem Fall könnte Gott nicht-propositionales Wissen über Geschmack, Farben, Gefühle, Geräusche usw. haben – zusätzlich zu seinem propositionalen Wissen über solche Dinge. Dadurch wird Gottes Größe sichtbar, denn so zeigt es sich, dass Gottes kognitive Exzellenz sogar größer als seine Allwissenheit ist!

Um also Ihre Fragen zu beantworten:

1. Wenn Gott allwissend ist, wie können wir dann belegen, dass er auch diese Art von a-posteriori-Wissen hat? Gottes nicht-propositionales Wissen ist keine Funktion seiner Allwissenheit. Seine Allwissenheit gibt ihm alles propositionale Wissen. Wenn er auch nicht-propositionales Wissen hat, wie Sie es beschreiben, wird es eine Funktion seiner Fähigkeit sein, denselben mentalen Zustand einzunehmen wie jemand, der diese Erfahrung macht. Hat Gott dieses Wissen ohne Erfahrung? Ja und nein: Er kann die Erfahrung haben, eine Ananas zu schmecken, aber ohne tatsächlich eine Ananas zu essen oder Geschmacksknospen zu haben. Liegt dies an seinen unendlichen kognitiven Fähigkeiten? Nein. Wir können uns einen Hirnforscher vorstellen, der das Gehirn einer Person so stimuliert, dass die Person in den mentalen Zustand versetzt wird, eine Ananas zu essen. Gott selbst könnte das nach Belieben tun. Aber um die unbegrenzte Auswahl an nicht-propositionalem Wissen zu haben, die Sie meinen, müssen Gottes kognitive Fähigkeiten natürlich unendlich sein.

2. Hat die Aussage des Schreibers des Hebräerbriefs in Hebräer 5,8 – „Und obwohl er Sohn war, hat er doch an dem, was er litt, den Gehorsam gelernt“ – etwas zu dieser Frage zu sagen? Nein. Denn in diesem Fall sprechen wir über Wissen, das der inkarnierte Sohn in seiner menschlichen Natur hatte. Jesus wusste offensichtlich, wie beispielsweise ein Lammbraten schmeckt. Doch ich bin der Meinung, dass solches nicht-propositionales Wissen nicht unbedingt nur der Sohn haben kann. Zudem bedeutet „Gehorsam lernen“ nicht, nicht-propositionales Wissen zu erlangen: Es ist eine Redewendung für die moralische Heiligung seiner menschlichen Natur.

3. Weiß Gott, wie es für einen Sünder ist, sich in Sünde zu suhlen oder die Sünde zu begehren? Könnte er dieses Gefühl kennen, ohne es zu fühlen? Wie gesagt, habe ich einmal bezweifelt, dass Gott diese Art nicht-propositionalen Wissens hat, weil es ihm unmöglich ist, zu sündigen – er könnte jede Wahrheit darüber wissen, wie sich Sünder fühlen, aber würde nicht wissen, wie es sich anfühlt, sich in Sünde zu suhlen. Doch jetzt tendiere ich zu der Meinung, dass Gott solches nicht-propositionales Wissen haben könnte. Denn es gibt sicherlich einen mentalen Zustand, den jemand hat, der sich in Sünde suhlt, und indem sich Gott in diesen mentalen Zustand versetzt, könnte Gott genau wissen, was eine solche Person empfindet. Er selbst würde sich nicht in Sünde oder Begierde suhlen, aber er wüsste, wie jemand empfindet, der es tut.

4. Hatte Gott das Recht, den Menschen zu schaffen, wenn er dieses „Wie-ist-es-Wissen“ zuerst nicht hatte? Nun, warum nicht? Warum wäre propositionales Wissen nicht genug, insbesondere das Wissen über alle wahren kontrafaktischen Propositionen in Bezug auf geschöpflich-freie Entscheidungen (mittleres Wissen)?

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/does-god-know-how-a-pineapple-tastes

- William Lane Craig