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#696 Was ist mit den Menschen, die lange vor Christus lebten?

October 02, 2020
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich bin Christ und frage mich, was ich mit Adam und Eva machen soll. Ich glaube, dass Gott die Welt erschaffen hat, da ich die Vorstellung, dass alles einfach aus Zufall entstanden ist, voll absurd finde. Ich glaube, dass sowohl Ihre Theorie über den historischen Adam als auch, ehrlich gesagt, eine Art modifizierte Version der Theorie von Swamidass funktionieren.

Aber was mir als Christ im Magen liegt und zu richtigen Zweifeln geführt hat, ist die Zeitspanne zwischen unserem Heute und den ersten Menschen. 500.000 Jahre sind eine lange Zeit. Denken Sie an all die Menschen, die zwischen Adam und Abraham existierten. Es hat so viel Zeit für menschliches Leben gegeben, das außerhalb der Geschichte Gottes mit den Menschen existierte. Wie denken Sie darüber? Hatte Gott auch für alle diese Menschen einen Plan? Starb Christus auch für sie? Wird es für sie einen Platz in dem neuen Himmel und auf der neuen Erde geben? Ich wäre wohl verrückt, wenn ich bloß wegen dieses Problems die Beweise für die Richtigkeit des christlichen Glaubens ignorieren würde. Aber diese große „Lücke“ in der Geschichte ist ein Problem für mich. Haben alle diese frühen Menschen umsonst gelebt? Ich bin sicher, dass Sie an einige dieser Fragen auch schon gedacht haben! Danke!

John

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ich behandele diese Frage in meinem demnächst erscheinenden Buch In Quest of the Historical Adam (Grand Rapids: Wm. B. Eerdmans, 2021). Wenn, wie ich argumentiere, Adam und Eva die Vorfahren der Neandertaler und anderer prähistorischer Menschen waren, dann bedeutet dies, dass sie, wie Adam und Eva, nach Gottes Bild erschaffen wurden, denn sie sind in den Aussagen von 1. Mose 1,26-27 miteingeschlossen. Als nach Gottes Bild erschaffene Menschen haben die Neandertaler und andere prähistorische Menschen einen intrinsischen moralischen Wert und den gleichen Auftrag wie andere Menschen.

Dieser Gedanke, dass die Neandertaler und andere prähistorische Menschen nach Gottes Bild erschaffen wurden und unsere Berufung teilen, kann nur bedeuten, dass die Neandertaler, Denisova-Menschen und andere in ihrer Eigenschaft als Glieder der Familie der Menschheit genauso wie wir Menschen waren, die Gott liebt und für die Christus gestorben ist. Paulus beschreibt, wie Gott „über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen“ hat (Apostelgeschichte 17,30) und die vor dem Kommen Christi begangenen Sünden „ungestraft ließ“ (Römer 3,25). Christi Tod ist die Sühne für sämtliche Sünden der Menschheit bis zurück zu Adam und Eva. Sofern man sich nicht der abstrusen Lehre von der begrenzten Versöhnung anschließt, muss Christi Sühnetod mithin auch für die Sünden der prähistorischen Menschen gelten.

Adam und Eva hunderttausende Jahre vor Christus anzusiedeln, wie ich das tue, kann in unseren Köpfen das Problem des ewigen Schicksals der Menschen, die vor Christus lebten, rein psychologisch verschärfen, aber ich sehe nicht, wie eine längere Dauer der vorchristlichen Ära die Frage irgendwie philosophisch verändern könnte.[1] Im Grunde ist die ganze Frage nicht wesentlich anders als die Frage des ewigen Schicksals der heute lebenden Menschen, die das Evangelium noch nicht gehört haben. Jede Lösung des Problems, wie z. B. der Rekurs auf Gottes allgemeine Offenbarung in der Natur und in unserem Gewissen, kann man mutatis mutandis auch auf die Neandertaler und andere prähistorische Menschen anwenden.[2] Wie wollen wir wissen, dass die Neanderthaler nicht vielleicht sogar offener für die allgemeine Offenbarung Gottes in der Natur waren als z.B. der Homo sapiens, sodass viele von ihnen bereits Erben des ewigen Lebens sind?

Ich kann mir gut vorstellen, dass wir im Himmel auch Neandertaler, Denisova-Menschen und andere prähistorische Menschen antreffen werden – und dass wir uns darüber freuen werden.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/the-fate-of-those-who-lived-long-before-christ/

 

[1] Wir dürfen hier auch nicht vergessen, dass für den Großteil der Geschichte der Menschheit die Gesamtzahl der Menschen auf der Erde im Tausender-Bereich lag und erst um 10.000 v.Chr. eine Million erreichte. Die Milliardengrenze wurde erst im frühen 19. Jahrhundert erreicht. Zwischen 50.000 v.Chr. und heute haben ca. 100 Milliarden Menschen gelebt. Vgl. dazu: https://www.worldatlas.com/feature/how-many-people-have-ever-lived-on-earth.html . Zu Schätzungen der Größe der Neandertaler-Populationen im Zehntausender-Bereich vgl.: „Genetics Spills Secrets from Neanderthals‘ Lost History“, Quantamagazine, 18. September 2017, https://www.quantamagazine.org/genetics-spills-secrets-from-neanderthals-lost-history-20170918/ . Man schätzt, dass von der gegenwärtigen Weltbevölkerung von 7,4 Milliarden Menschen zwischen 15 und 25 % das Evangelium von Christus noch nicht gehört haben.

[2] Für eine Diskussion der Lehre der Erlösung durch Christus allein sowie gegen sie vorgebrachter Einwände vgl. meine Beiträge „‘No Other Name‘: A Middle Knowledge Perspective on the Exclusivity of Salvation through Christ“, https://www.reasonablefaith.org/writings/scholarly-writings/christian-particularism/no-other-name-a-middle-knowledge-perspective-on-the-exclusivity-of-salvatio/ sowie: „How Can Christ Be the Only Way to God?“, https://www.reasonablefaith.org/writings/popular-writings/christianity-other-faiths/how-can-christ-be-the-only-way-to-god/.

- William Lane Craig