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#613 Warum vergibt Gott nicht einfach allen?

April 28, 2019
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

meine Frage betrifft die Notwendigkeit des Glaubens zur Errettung. Wenn Gottes Liebe vollkommen ist und das Sühneopfer Christi für die Sünden der Welt ausreicht, um alle Menschen zu rechtfertigen, wie kann es dann sein, dass Gott verlangt, dass der Einzelne glaubt, damit er erlöst werden kann? Wenn Gottes Heilswille wirklich universal ist und das Blut Christi die Sünden der ganzen Menschheit bedecken kann, was hindert Gott dann daran, die Sünden aller Menschen einfach so zu vergeben? Mir scheint, dass bei diesem Szenario sowohl Gottes Liebe als auch seiner Gerechtigkeit Genüge getan würde – seiner Liebe, weil Gottes universaler Heilswille ja gänzlich verwirklicht wird, und seiner Gerechtigkeit, weil das Blut Christi ja für die Sünden aller Menschen Sühne schafft, egal, ob jeder Einzelne seine Sünden bereut und es akzeptiert, dass es diese Sühne gibt.

Ich stelle diese Frage, weil Sie in Ihrer Debatte mit Shabir Ally über das Wesen Gottes erklärt haben, dass in der muslimischen Vorstellung von Gott dessen Allmacht seine Gerechtigkeit aussticht, derart, dass, wenn er dies so will, seine Gerechtigkeit umgestoßen werden kann. Sie weisen darauf hin, dass es in diesem Szenario unerklärlich wird, warum Gott nur die Sünden ganz bestimmter Menschen vergibt, es sei denn, er liebt nur diese Menschen. Ich finde, dass wir im Christentum das gleiche Dilemma finden, denn das Sühneopfer Christi stellt ja Gottes Gerechtigkeit zufrieden. Wenn seine Gerechtigkeit ihn nicht daran hindert, Sünden zu vergeben, wird es unerklärlich, warum er nicht die Sünden aller Menschen vergibt, es sei denn, er liebt nur manche Menschen und andere nicht.

Danke.

Aidan

Canada

Prof. Craigs Antwort


A

Wie ich in meinem demnächst erscheinenden, ausführlicheren Buch über das Sühneopfer Christi erläutere, bin ich der Meinung, dass Gott in der Tat die Sünden aller Menschen vergeben hat, auf der Grundlage der stellvertretenden Bezahlung unserer Strafe durch Jesus Christus, und dass somit sowohl seiner Liebe als auch seiner Gerechtigkeit Genüge getan ist. Aber es ist so ähnlich wie bei einer Begnadigung durch den amerikanischen Präsidenten: Um wirksam zu werden, muss Gottes Vergebung von dem, dem vergeben wird, aus freien Stücken angenommen werden. Laut einschlägiger Gerichtsurteile in den USA kann einem Verbrecher eine Begnadigung nicht aufgezwungen werden; damit sie wirksam wird, muss er sie annehmen. Der Präsident „kann nach geltendem Recht eine volle Begnadigung nicht ohne die Einwilligung des Gefangenen wirksam werden lassen. Letzterer muss bereit sein, die Begnadigung entgegenzunehmen und zu bejahen, bevor sie wirksam werden kann.“[1] Deswegen schickte US-Präsident Ford, bevor er Richard Nixon begnadigte, einen Geheimemissär zu Nixon, um sich zu vergewissern, dass dieser bereit war, sowohl die Begnadigung als auch den von ihr implizierten Schuldspruch zu akzeptieren. Nixon erklärte seine Bereitschaft. Hätte Ford die Begnadigung ausgesprochen, aber Nixon sie abgelehnt, um seinen Auftritt vor Gericht zu bekommen, wäre die Begnadigung null und nichtig gewesen.

Die theologische Parallele zu dieser Situation ist die Frage, ob man eine Begnadigung durch Gott ebenfalls annehmen muss, damit sie wirksam wird. Da ich fest an den freien Willen des Menschen glaube, finde ich, dass die Antwort nur „ja“ sein kann. Gott ist ganz offensichtlich nicht durch irgendwelche höheren Gesetze eingeschränkt, wohl aber durch die Freiheit des Menschen. Die Theologen sind sich nicht einig, ob Gottes Gnade intrinsisch (allein aus sich selber) wirksam ist und so von dem, dem er sie gewährt, nicht abgelehnt werden kann, oder extrinsisch (von außen her) wirksam, sodass sie, um ihre Wirkung zu erzielen, der freiwilligen Zustimmung des Willens des Geschöpfes bedarf. Ich vertrete die zweite Position: Gott behandelt uns als vollwertige moralische Akteure, die freie moralische Entscheidungen treffen. Er würde seine eigene wesensmäßige Gerechtigkeit verletzen, wenn er uns seine Begnadigungen aufzwingen würde.

Weil es Christus ist, der die Strafe für unsere Sünden getragen hat, und nicht wir selber, wird unsere Erlösung erst dann wirksam, wenn wir aus freien Stücken Gottes Begnadigung annehmen. Anders als ein Straftäter, der nach der vollen Ableistung seiner Strafe begnadigt wird, bleiben wir so lange Verurteilte, bis wir Gottes Gnadenangebot annehmen. Wenn ein Mensch die Gnade, die Gott ihm anbietet, ablehnt, nützt ihm Christi Sühneopfer nichts, denn er will ja von der durch Christus vollbrachten Befriedigung von Gottes Gerechtigkeit nichts wissen. Er gilt, der Satz: „… wieviel mehr werden die, welche den Überfluss der Gnade und das Geschenk der Gerechtigkeit empfangen, im Leben herrschen durch den Einen, Jesus Christus!“ (Römer 5,17, Schlachter).

Ganz anders im Islam: Hier steht Gottes Allmacht über Gottes Gerechtigkeit. Hier hat Gott die Option, Menschen nicht als vollwertige moralische Akteure zu betrachten, deren Entscheidungen er respektiert, sondern als bloße Marionetten. Wir sehen hier einmal mehr die theologische Überlegenheit des christlichen Gottesbildes gegenüber dem im Islam.

 (Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: www.reasonablefaith.org/writings/questions-answer/why-doesn’t-god-simply-forgive-everyone?

 

[1] W.H. Humbert, The Pardoning Power of the President, mit einem Vorwort von W.W. Willoughby (Washington, D.C.: American Council on Public Affairs, 1941), S. 135.

- William Lane Craig