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#299 Vom Atheimus enttäuscht

September 09, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich schreibe Ihnen aus einem ehrlichen Interesse, dass meine Anliegen angesprochen werden. Ich bin gegenwärtig und seit einiger Zeit Atheist; jedoch empfinde ich zunehmend meine Position als unbefriedigend und will wirklich an Gott glauben. Aber es gibt Dinge, die ich nicht miteinander in Einklang bringen kann.

Die Argumente für Gottes Existenz, die hier und anderswo dargeboten werden, können bestenfalls die Vorstellung des Deismus unterstützen, oder die eines unpersönlichen Gottes, der nicht wirklich an der Schöpfung beteiligt ist. Das kosmologische Argument beispielsweise, sagt selbst, wenn es wahr ist, nichts über einen persönlichen und allwissenden Gott aus. Ein unpersönlicher Gott, der nicht an der Schöpfung beteiligt ist, ist immer noch nicht genug, damit die Menschheit „Güte“ und „ewiges Leben“ hat.

Hier liegt mein Problem: Alles an der Art und Weise, wie das Universum ist, legt ein unpersönliches Universum nahe. Evolution ist wahr, aber was sagt das dann zugunsten eines persönlichen Gottes aus? Und weil Evolution wahr ist, an welchem Punkt „erhält“ eine Lebensform eine Seele?

Was ist der Grund für all diesen Raum in dem weiten Kosmos, wenn es Gott um die Erde geht? Warum gibt es so viele Naturphänomene – Schwarze Löcher, Pulsare, Strahlung usw., wenn es Gott um die Menschheit geht?

Die Gleichgültigkeit der Natur – und die Tatsache, dass die Erde ein solch kleiner Tropfen am riesigen Eimer des Kosmos ist – legt ein gleichgültiges Universum nahe. Ich kann das einfach nicht mit der Vorstellung von einem persönlichen Gott in Einklang bringen, denn die Schöpfung scheint nicht allein für die Entwicklung menschlichen Lebens zu existieren.

Die Tatsache, dass so viele Religionen im Laufe der Geschichte existiert haben, legt nahe, dass die Religion auch ein kulturelles Phänomen ist. Wie bringen Sie das in Einklang?

Ich bin echt gespannt und habe nun seit einiger Zeit nach Antworten gesucht. Ich ziehe eine Welt mit Gott einer Welt ohne Gott weit vor, aber mir erscheint das Universum zu gleichgültig, um die Vorstellung von einem persönlichen Gott zu unterstützen.

Jon

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ihre Frage, Jon, fiel mir in die Augen, denn ich bin gerade dabei, mich für meine Debatte mit Alex Rosenberg vorzubereiten, der sich selbst als einen „enttäuschten Naturalisten“ bezeichnet. Er liefert die folgende Zusammenfassung atheistischer Antworten auf einige der beharrlichsten Fragen an das Leben:

Gibt es einen Gott? Nein.


Was ist die Natur der Realität? Das, was die Physik darüber sagt.
 

Was ist der Zweck des Universums? Es gibt keinen.
 

Was ist der Sinn des Lebens. Dito.
 

Warum bin ich hier? Einfach dummer Zufall.
 

Gibt es eine Seele? Machen Sie Witze?
 

Gibt es freien Willen? Keine Chance!
 

Was ist der Unterschied zwischen richtig/falsch, gut/schlecht? Es gibt keinen Unterschied.

Er schließt mit dem Satz: „So viel zum Sinn der Geschichte und zu allem andern, was uns wichtig ist.“ Ich stimme Ihnen zu, dass eine solche Sicht des Lebens ziemlich unbefriedigend ist. Wie Rosenberg sagt, wenn Sie atheistisch werden wollen, „dann müssen Sie sich mit einer gewissen Portion Nihilismus abfinden … und für alle Fälle gibt es immer noch Antidepressiva.“

Mir scheint darum, dass wir abgeneigt sein sollten, eine solche selbstnegierende Sicht des Lebens und des Universums zu akzeptieren, es sei denn, wir wären durch die Beweislage dazu gezwungen. Somit lautet die Frage: Sind die Hindernisse für den Glauben, die Ihnen Not bereiten, wirklich so unüberwindbar?

Ich denke nicht. Betrachten Sie Ihren ersten Einwand, dass die theistischen Argumente nicht die Existenz eines persönlichen Gottes beweisen. Das ist schlichtweg falsch, Jon. Wie ich an anderer Stelle erklärt habe, erfordert das kalam-kosmologische Argument aus dem Beginn des Universums, das teleologische Argument aus der Feinabstimmung des Universums auf intelligentes Leben, das moralische Argument für einen persönlichen verkörperten Gott und das ontologische Argument für ein maximal großes Wesen jedes auf seine eigene Weise die Existenz einer persönlichen Gottheit.

Jedes dieser Argumente ist inkompatibel mit der Existenz eines unpersönlichen Gottes, wie pantheistische Religionen, z. B. der Taoismus, der Advaita-Vedanta-Hinduismus und Buddhismus ihn darstellen. Die Argumente schränken die Optionen der größten Weltreligionen auf die großen monotheistischen Glaubensrichtungen des Judentums, des Christentums, des Islams und des Deismus ein.

Nun, der deistische Gott, ist zwar persönlich, aber nicht an dem Geschehen des Universums beteiligt. Doch selbst der Deismus wird radikal andersartige Antworten auf die beharrlichen Fragen des Lebens geben als der Atheismus. Wir bewegen uns über den Deismus hinaus zum Christentum, indem wir die Person des Jesus von Nazareth betrachten.

Ich habe argumentiert, dass Gott speziell in Jesus offenbart hat und dafür Beweis gegeben hat, indem er ihn von den Toten auferweckte. Somit geben uns die Argumente der natürlichen Theologie einen persönlichen Gott, und Indizien für den christlichen Glauben geben uns einen Gott, der am Universum und an der menschlichen Geschichte beteiligt ist. So, denke ich, haben wir sehr gute Gründe für den Glauben an einen persönlichen Gott, welcher aufs Engste mit den menschlichen Angelegenheiten zu tun hat.

Aber wie steht es mit Ihrem Einwand aufgrund der offenbaren Gleichgültigkeit des Universums? Nun, in der Tat ist es nicht wahr, dass „alles in der Art und Weise, wie das Universum ist, auf ein unpersönliches Universum hinweist.“ Was stimmt, ist, dass das Universum größtenteils, in den Worten des Kosmologen Sean Carroll, „eigenständig“ zu sein scheint. Das heißt, nachdem Gott seine Naturgesetze selektiert und seine Anfangsbedingungen gefestigt hat, erlaubt Er dem Universum selbstständig zu operieren, ohne die Notwendigkeit, dass Er beständig interveniert und daran herumbastelt.

Somit bietet es eine stabile Umgebung, in der autonome finite Akteure heranreifen und rationale und moralische Entscheidungen treffen können. Aber, wie ich gesagt habe, Gott ist der menschlichen Geschichte nicht völlig fern. In der Geschichte der Nation Israel hat Gott sich speziell offenbart durch seine Heilstaten, die in dem Dienst und der Auferstehung Jesu gipfelten. In der Heilsgeschichte hat Gott immer wieder wundersam in das Universum eingegriffen. Lassen Sie sich also von der Tatsache, dass das Universum weitgehend eigenständig ist, nicht fälschlicherweise zu dem Denken verleiten, Gott habe nicht im Universum gehandelt.

Wie steht es mit der Evolution des Lebens und der biologischen Komplexität? Es weiß tatsächlich niemand, ob der Ursprung des Lebens und die Evolution der biologischen Komplexität nicht wunderbare Interventionen Gottes auf dem Weg miteinschloss. Ja, wie ich an anderer Stelle betont habe, ist keine überzeugende naturalistische Begründung für den Ursprung des Lebens oder die Steuermechanismen der biologischen Evolution oder der Evolutionsgeschichte auf der Erde verfügbar. Man kann den Ursprung des Lebens und die Evolution biologischer Komplexität sehr wohl als Beweis für die Beteiligung Gottes an den Angelegenheiten des Universums betrachten. Was ist der Zweck der Evolution? Nun, vermutlich, eine Umgebung für Menschen auf diesem Planeten zu schaffen, ergänzt mit den fossilen Brennstoffen, die für den Fortschritt menschlichen Lebens und der Zivilisation notwendig sind, in der Personen rational und frei auf Gottes Angebot der Errettung und des ewigen Lebens reagieren können.

An welchem Punkt erhält eine Lebensform eine Seele? Ich nehme an, an dem Punkt in der Evolutionsgeschichte, wenn sich ihre neurologischen Fähigkeiten in dem Maße entwickelt haben, dass sie fähig sind, als die physikalischen Mechanismen zu dienen, durch welche die Seele im Einklang mit ihren Fähigkeiten funktionieren kann. Das sind in der Tat interessante Fragen, aber kaum Widerlegungen theistischer Glaubensüberzeugungen.

Sie fragen: „Worin besteht der Sinn von all dem Raum in dem weiten Kosmos, wenn es Gott um die Erde geht?“ Aber warum sollten wir annehmen, Jon, dass es Gott nur um die Erde geht? Ich kenne keinen theologischen Grund für die Annahme, dass die Schöpfung „allein für die Entwicklung menschlicher Wesen existiert“. Vielleicht hat Gott im gesamten Universum Lebensformen erschaffen. Oder vielleicht ist Gott wie ein kosmischer Künstler, der sich einfach der Schönheit und Erhabenheit seiner Schöpfung erfreut. In der Tat ist der riesige Umfang des Universums nicht ohne Bezug zum Leben auf der Erde. Denn die Elemente, aus denen wir und die Erde selbst geformt sind, wurden im Inneren der Sterne aufgekocht und durch Supernovä verteilt. Damit wir auf der Erde existieren können, muss das Universum alt genug sein, dass die schweren Elemente im Inneren der Sterne synthetisiert und durch das Universum verteilt werden konnten. Doch das Ausmaß des Universums ist eine Funktion seines Alters. Anbetracht dessen, dass sich das Universum ausdehnt, wird ein Universum, das so alt ist, auch so groß sein. So stellt sich heraus, dass das Ausmaß des Universums sogar Gottes Fürsorge für uns bezeugt. Es vermehrt auch Gottes Majestät und Größe, wenn wir mehr über den unglaublich weiten Kosmos, den wir bewohnen, erfahren, und unterstreicht seine Erniedrigung, als er diesen Planeten in der Person Jesu besucht hat.

Was Ihren letzten Punkt betrifft: Ich stimme Ihnen zu, dass Religionen „kulturelle Phänomene“ sind. Sie sind menschliche Ausdrucksformen der Suche des Menschen nach dem Transzendenten. Doch wir haben in der Geschichte Israels und insbesondere in Jesus von Nazareth gute Gründe für die Annahme, dass Gott, dessen Existenz durch die Argumente der natürlichen Theologie bewiesen wird, sich selbst der Menschheit in einer maßgeblichen Weise offenbart hat. Religion ist definiert worden als das beste Bemühen des Menschen, Gott zu erreichen. Das Christentum ist Gottes bestes Bemühen, den Menschen zu erreichen.

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/disenchantment-with-atheism

- William Lane Craig