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#283 Unterstützen die Evangelien eine muslimische Sicht über Jesus?

June 03, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

zunächst möchte ich Ihnen für all Ihre Arbeit danken. Sie haben mich stark während meines ganzen Lebens als Philosophiestudent beeinflusst. Es war Ihre Arbeit, die mich auf den Weg zu Gott geführt hat, nachdem ich einige Jahre lang Atheist war.

Ich habe gerade ein Video eines moslemischen Theologen angeschaut, der behauptet, die Evangelien hätten in gewisser Weise Jesus Christus bei verschiedenen Gelegenheiten verunglimpft. Er fuhr dann fort zu erklären, dass diese Teile ihn nicht nur abwerteten, sondern sogar ein Beweis dafür sein könnten, dass es nicht Jesus war, der gekreuzigt wurde.

Hier sind die Teile, auf die er sich bezog:

  1. „Und er ging ein wenig weiter, fiel auf sein Angesicht und betete und sprach: Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ (Mt 26,39)

Hier bezog sich der Theologe auf die muslimischen Märtyrer, die mehr als bereit waren, ihr Leben für Gott zu opfern. Die christlichen Evangelien schilderten Jesus dort jedoch als jemanden, der den Tod fürchtet und Gott bittet, ihn aus seinen Todesqualen zu befreien. Er führte dann aus, wie Mt 26,38 Jesus als jemanden beschreibe, der tiefe Angst vor dem Tod hat.

2. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46).

Die Einwände, die er gegen diesen Vers anführte, waren ziemlich ähnlich wie die, die er in Bezug auf den Vers davor nannte. Warum würde der einzigartige Sohn Gottes die Hoffnung auf Gott aufgeben und eine solche Blasphemie äußern?! Wiederum hielt er das für einen Beweis des moslemischen Glaubens, dass nicht Jesus es war, der gekreuzigt wurde.

Um ehrlich zu sein, ich habe ebenfalls mit diesen Abschnitten Probleme gehabt. Insbesondere der zweite Abschnitt schockierte mich, als ich ihn das erste Mal hörte. Ich wäre mehr als dankbar, wenn Sie mir bei diesen Problemen weiterhelfen könnten.

Hochachtungsvoll – in der Gnade Gottes

M.

Iran

Prof. Craigs Antwort


A

Es ist ein Privileg, M., einen Brief von einem christlichen Bruder zu erhalten, der an den Frontlinien der Verfolgung lebt! Möge Gott Sie segnen und in der Fülle seines Willens leiten!

Ironischerweise ist genau das, was Ihr Freund in den Evangelien als Verunglimpfung Jesu empfindet, wenn vielleicht auch nicht kompatibel mit einer muslimischen Interpretation von Jesus, nicht nur mit der christlichen Sicht kompatibel, sondern verstärkt sogar die historische Glaubwürdigkeit der Evangelien in Bezug auf das Leben Jesu.

Sehen Sie, weil die frühe christliche Kirche an die Göttlichkeit Christi glaubte, würde man erwarten, wenn die Evangelien weitgehend das Produkt der Kirche anstatt akkurate Berichte über das Leben Jesu wären, dass sie peinliche oder unangenehme Spuren von Jesu Schwäche und Menschlichkeit verwischen oder auslassen würden. Aber sie tun das nicht! Stattdessen finden wir viele solcher Spuren: Jesu Taufe durch Johannes den Täufer, Jesu Erschöpfung und sein Einschlafen auf dem Boot, Jesu Nichtwissen über den Zeitpunkt seiner Wiederkunft, Jesu Todeskampf im Garten usw.

Dies sind nicht die Art von Merkmale, die jemand, der an die Göttlichkeit Jesu glaubte, einfach erfinden würde. Sie sind darum Indizien für die historische Glaubwürdigkeit der Berichte, in denen sie erscheinen. Es gibt sogar eine Bezeichnung für dieses Werkzeug der Forschung nach dem historischen Jesus: es wird das Kriterium der Beschämung genannt. Es besagt, wenn eine Aussage oder ein Ereignis im Leben Jesu peinlich oder unangenehm für die frühe Kirche ist, dann ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass die Aussage oder das Ereignis authentisch ist, d. h., dass es wirklich passiert ist.

So macht es mir Freude, solche Merkmale in den Erzählungen herauszufinden, denn es bestätigt, dass wir bei dem, was wir lesen, auf solidem historischen Grund stehen. Dies unterhöhlt die muslimische Behauptung, die Evangeliumsberichte über Jesus seien so korrumpiert, dass sie unzuverlässig sind. Insbesondere ist die Kreuzigung Jesu das hervorragendste Beispiel für das Kriterium der Peinlichkeit, ein Ereignis, das so fest historisch bestätigt ist, dass es in eigener Kraft zu einem Kriterium für Authentizität geworden ist, sodass andere Ereignisse im Lichte der Tatsache der Kreuzigung Jesu beurteilt werden. Die Ansicht Ihres Bekannten, dass jemand anders an Jesu Stelle gekreuzigt wurde, ist historisch so unverantwortlich, dass kein Historiker (der nicht bereits ein engagierter Moslem ist) an einer solchen Sicht festhält.

Aber säen diese Beispiele nicht auf gewisse Art Zweifel an der Göttlichkeit Jesu? Keineswegs, M.! Moslems verstehen ganz typischerweise nicht, dass Christen nicht glauben, Jesus sei einfach göttlich gewesen und habe sich als ein Mensch maskiert (wie Superman, der sich als Clark Kent verkleidet hat). Christen glauben vielmehr, dass Jesus wahrer Mensch und wahrer Gott gewesen ist, dass er zwei vollständige Naturen hat, eine menschliche und eine göttliche. Merkmale der menschlichen Schwäche und Begrenzungen Jesu aufzuzeigen, ist also etwas, auf das der Christ triumphierend reagiert, denn es bestätigt nur die wahre Menschlichkeit Jesu. Er hat sich so tief erniedrigt, dass er unsere ganze Zerbrechlichkeit und Schwachheit auf sich genommen hat.

Offen gestanden bin ich froh, dass Jesus seiner bevorstehende Kreuzigung nicht wie ein erfundener Actionheld entgegenging, sondern in Todesangst darüber war, so grausam gegeißelt und gekreuzigt zu werden. Das ist jemand, mit dem ich mich identifizieren kann! Das ist wirklicher Mut! Das ist ein Mann, den ich bewundern und folgen kann.

Was Jesu Worte am Kreuz betreffen, so bin ich überzeugt, dass sie von vielen Christen ernstlich missverstanden wurden. Ich dachte früher, so wie viele Christen glauben, als Jesus rief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, dass Gott der Vater sich von Gott, dem Sohn abgewandt hatte, und Jesus in diesem Augenblick für unsere Sünden die Strafe der Trennung von Gott ertrug. Natürlich, an dieser theologischen Interpretation ist etwas seltsam.

Die Bibel sagt, der Lohn der Sünde sei der Tod und dass Christus für unsere Sünden starb. Aber an diesem Punkt war Jesus offensichtlich nicht tot! Wie konnte also dies der Augenblick der Sühne sein? Und wenn er das war, warum musste Jesus dann noch, nachdem er für die Sünde das Sühneopfer erbracht hatte, weiterhin sterben? Seine anderen Worte am Kreuz scheinen nicht ein solches Verlassen sein von Gott auszudrücken („Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“). Was geht hier also vor?

Nun, schauen wir Psalm 22 an, M. Jesus war tief im Alten Testament verwurzelt und kannte die Psalmen. Psalm 22 ist das Gebet von Gottes gerechtem leidenden Knechten. Was tat Jesus also in diesem furchtbarsten Augenblick seines Lebens, in qualvollem Schmerz und Demütigung? Er betete zu seinem Vater!

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Psalm 22,1)

Anstatt in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu klagen, betet er laut Psalm 22 zu Gott. Mir kommen die Tränen, wenn ich nur darüber nachdenke. Was für ein Mensch! Was für eine Treue! Das ist nicht der Augenblick, in dem Jesus am weitesten weg ist von Gott; das kann sehr gut der Augenblick gewesen sein, als er Gott am nächsten war.

So ermutige ich Sie, sich sowohl an Christi wahrer Menschlichkeit als auch an seiner Göttlichkeit zu erfreuen. Beide sind für unsere Errettung unverzichtbar.

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/do-the-gospels-support-a-muslim-view-of-jesus

- William Lane Craig