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#621 Unabhängige Quellen für das leere Grab

July 07, 2019
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

meine Anerkennung für diese animierten Videos, die Sie posten! Sie sind extrem nützlich und gut gemacht. Das letzte Video – „Did Jesus Rise from the Dead?“ [Ist Jesus wirklich von den Toten auferstanden?] ist besonders fesselnd, aber ich hätte da eine Frage. In Teil I führen Sie als Belegquellen für die Auferstehung die Evangelien die Apostelgeschichte sowie den 1. Korintherbrief an und bezeichnen sie als voneinander „unabhängige“ Quellen. Aber das ist doch eigentlich nicht wahr, oder? Das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte haben doch denselben Autor (Lukas), und vieles von dem, was im Matthäus- und Lukasevangelium steht, wurde aus dem Markusevangelium übernommen. Dann kann man aber doch nicht die Evangelien als voneinander „unabhängige“ Quellen bezeichnen. Danke für all die tolle Arbeit, die Sie leisten.

Alles Gute,

Blake

USA
 

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ich bin dankbar für Ihre Frage, Blake denn Ihr Einwand ist auch in einem You Tube-Video erhoben worden, das auf unser Zangmeister-Video antwortet. Der Einwand beruht auf einem simplen Missverständnis: der Annahme, dass die Quellen, die ich meine, die Bücher des Neue Testamentes sind. Doch das ist nicht der Fall.

Unser Zangmeister-Video ist nur die Spitze eines Eisbergs, eine kurze Zusammenfassung von dem, was ich ausführlicher in meinem Buch Reasonable Faith (Wheaton, Ill.: Crossway, 2008) erläutere und noch ausführlicher in meinem Assessing the New Testament Evidence for the Historicity of the Resurrection of Jesus (Toronto: Edwin Mellen, 1989). Dort erkläre ich, dass Forscher, die das Neue Testament untersucht haben, eine Reihe von Quellen identifiziert haben, aus denen die Verfasser des Neuen Testaments geschöpft haben. So haben Matthäus und Lukas nicht nur Markus als Quelle benutzt, sondern auch eine als „Q“ bezeichnete Quelle, die eine Sammlung der Reden und Lehren Jesu gewesen zu sein scheint. Wenn man nachweisen kann, dass ein Ausspruch Jesu im Matthäus- oder Lukasevangelium sich sowohl bei Markus als auch in Q findet, zählt das als eine mehrfache Bezeugung in voneinander unabhängigen Quellen.

Das Erstaunliche ist nun, in wie vielen voneinander unabhängigen Quellen das Begräbnis und das leere Grab Jesu bezeugt sind.

1. Das Markusevangelium endet mit der Geschichte der Entdeckung des leeren Grabes Jesu durch mehrere Frauen. Markus hat sich diese Geschichte nicht aus der Nase gezogen. Offenbar benutzte er eine bereits vorhandene Quelle über die Passion Jesu (also die letzten Tage seines Lebens, sein Leiden und seinen Tod). Das Markusevangelium liest sich allgemein wie eine Abfolge von separaten Anekdoten über Jesus, die locker und nicht immer chronologisch aneinandergereiht sind. Doch wenn es an die letzte Woche des Lebens Jesu geht, finden wir einen strikt fortlaufenden, chronologischen Bericht über seine Aktivitäten, seine Verhaftung, Prozess, Verurteilung und Tod. Die Neutestamentler glauben daher, dass Markus, als er sein Evangelium schrieb, eine bereits vorhandene Passionsgeschichte benutzte, und zu dieser Geschichte dürfte auch die Beisetzung Jesu in der Grabhöhle durch Joseph von Arimathäa gehört haben sowie die Entdeckung des leeren Grabes durch die Frauen. Da das Markusevangelium das älteste Evangelium ist, ist diese vormarkianische Geschichte mithin eine extrem frühe Quelle, die für unsere Rekonstruktion des Endes Jesu von Nazareth, einschließlich seines Begräbnisses und des leeren Grabes, extrem wertvoll ist.

2. Matthäus hatte für das leere Grab außer dem Markusevangelium eindeutig noch andere (als „M“ bezeichnete) Quellen, denn er erwähnt die vor dem Grab postierte Wache, die bei Markus nicht erwähnt wird. Die Geschichte mit der Wache kann nicht von Matthäus selber stammen, denn sie ist voller Ausdrücke, die nicht für Matthäus typisch sind – ein Hinweis darauf, dass er hier eine ältere Überlieferung wiedergibt. Dies passt dazu, dass die Polemik zwischen Judenchristen und Juden einen Streit voraussetzt, der bis in die Zeit vor der Zerstörung Jerusalems zurückgehen dürfte, als in der Stadt heftig über die Behauptung der Jünger, Jesus sei von den Toten auferstanden, gestritten wurde.

3. Auch Lukas hatte unabhängige Quellen („L“) für das leere Grab, da er den Gang von Petrus und einem anderen, nicht näher genannten Jünger zu dem Grab erwähnt, die den Bericht der Frauen prüfen wollen. Diese Szene kann nicht eine Erfindung des Lukas sein, da sie auch im Johannesevangelium, das unabhängig vom Lukasevangelium ist, Erwähnung findet.

4. Das Johannesevangelium gilt gemeinhin als unabhängig von den drei anderen (sogenannten synoptischen) Evangelien. Auch Johannes hat eine Geschichte von dem leeren Grab, die manche für die älteste Überlieferung überhaupt halten.

5. Die apostolischen Predigten in der Apostelgeschichte dürften ebenfalls keine Schöpfungen des Lukas sein, sondern auf bereits vorhandene Überlieferungen zurückgreifen. In seiner Pfingstpredigt in Apostelgeschichte 2 stellt Petrus König David („sein Grab ist unter uns bis zu diesem Tag“) Jesus gegenüber („diesen Jesus hat Gott auferweckt“), was eindeutig impliziert, dass das Grab Jesu leer war.

6. In 1. Korinther 15,3-5 zitiert Paulus eine alte Bekenntnisformel, die die Predigt der Apostel zusammenfasst. Diese Formel wird auf nicht mehr als fünf Jahre nach der Kreuzigung Jesu datiert. Ihre zweite Zeile bezieht sich auf Jesu Begräbnis, die dritte auf seine Auferstehung. Kein Jude des 1. Jahrhunderts konnte dies anders verstehen als so, dass der Leib Jesu nicht mehr im Grab lag. Aber ist das in dieser vorpaulinischen Bekenntnisformel erwähnte Begräbnis Jesu das Begräbnis durch Joseph von Arimathäa? Ein Vergleich der viergliedrigen Formel mit den Evangelien einerseits und den apostolischen Predigten (z.B. in Apostelgeschichte 13) andererseits erlaubt es uns, diese Frage eindeutig mit „Ja“ zu beantworten. Die vorpaulinische Formel ist eine Punkt-für-Punkt-Zusammenfassung von Jesu Tod und Auferstehung, wie sie in den Evangelien und Apostelgeschichte 13 berichtet werden. Was entspricht dann der zweiten Zeile („und dass er begraben worden ist“)? Die Beisetzung Jesu in dem Felsengrab. Und was entspricht der dritten Zeile („und dass er auferstanden ist am dritten Tag, nach den Schriften“)? Die Geschichte von der Entdeckung des leeren Grabes, wie u. a. aus der Formulierung „am dritten Tag“ hervorgeht. Warum am dritten Tag? Warum nicht am siebten? Die plausibelste Antwort ist, dass die Frauen das Grab Jesu am dritten Tag nach seiner Kreuzigung leer vorfanden, der mithin zum Tag der Auferstehung wurde. Der „dritte Tag“ ist ein zeitliches Indiz für die Entdeckung des leeren Grabes.

Historiker finden, dass sie auf eine Goldader gestoßen sind, wenn sie für ein Ereignis zwei voneinander unabhängige Quellen haben. Hätten wir als Quellen für das leere Grab lediglich die vormarkianische Passionsgeschichte und die vorpaulinische Bekenntnisformel, würde dies bei den meisten Forscheren ausreichen, um sie von der Historizität von Begräbnis und leerem Grab Jesu zu überzeugen. Doch tatsächlich haben wir mindestens sechs Quellen, von denen einige zu dem ältesten Material im Neuen Testament gehören. Kein Wunder, dass die meisten Gelehrten von dem leeren Grab überzeugt sind!

Was ich hier schreibe, ist natürlich nur eine Zusammenfassung. Es ist noch viel mehr zu dem Thema gesagt worden, und es gibt hier nichts Besseres, als hier tiefer zu graben und einige gute Bücher über die Auferstehung Jesu zu lesen. Aber ich hoffe, dass das, was ich gerade gesagt habe, ausreicht, um gewisse Missverständnisse auszuräumen.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/independent-sources-of-the-empty-tomb

- William Lane Craig