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#592 Reicht das „Christentum schlechthin“ aus, um errettet zu werden?

May 05, 2019
F

Frage #1

Sehr geehrter Prof. Craig,

zunächst möchte ich Ihnen für Ihren Dienst danken. In der kurzen Zeit, in der ich Ihre Arbeit jetzt kenne, war es eine Freude, Ihre Debatten anzusehen und Ihre Artikel zu lesen, und Ihr Dienst hat mir auf meinem (noch nicht sehr langen) Weg mit Christus geholfen zu wachsen. Ich habe gehofft, Sie könnten mir vielleicht bei einer der Schwierigkeiten helfen, die ich in letzter Zeit hatte.

Da ich in einer atheistischen Familie aufgewachsen bin, tue ich mir schwer damit, zu verstehen, was von mir als Christ erwartet wird, wenn es darum geht, mit Leuten über die Bibel zu sprechen (Evangelisation war nicht wirklich eine Priorität in meiner Familie!). Gott hat mein Gebet darin erhört, dass das Herz einer meiner engen ungläubigen Freundinnen weich geworden ist, sodass sie mir in letzter Zeit immer wieder Fragen über Gott gestellt hat.

Doch jetzt finde ich mich in einer Position wieder, in der ich Angst habe, dass ich mich selbst in die Hölle verdamme durch das, was ich sage. Ich denke oft über Warnungen vor falschen Lehrern und die strengen Worte in Matthäus 7,21-23 nach; zwar kann es sein, dass ich dieses Problem nur deshalb habe, weil ich nie gründlich in der Schrift unterrichtet wurde, doch stelle ich mir auch folgende Frage: Laufe ich Gefahr, mein Heil zu verlieren, wenn ich etwas Falsches glaube und daher auch vertrete?

Um etwas genauer zu sein: Ich meine hiermit vor allem die „innerchristlichen Debatten“, von denen Sie immer wieder sprechen. Ich kann meiner Freundin problemlos dabei helfen, Gott zu entdecken; dazu gehört Gebet sowie die Weitergabe derselben Argumente, durch die auch ich zum Glauben gekommen bin. Doch da ich der einzige Christ bin, den sie kennt, wird sie mir unweigerlich die „innerchristlichen“ Fragen stellen.

Wenn ich sonst nach Antworten gesucht habe, um bei bestimmten Fragen wie beispielsweise der Calvinismus-/Arminianismus-Debatte eine Position einnehmen zu können, dann war die Antwort meistens: „Es ist keine heilsentscheidende Frage – vergiss nur nicht, dass wir alle Geschwister im Herrn sind. Welche Position du vertrittst, ist dann letztendlich zweitrangig.“

Doch diesen Standpunkt halte ich für nicht konsistent. Wenn die Position x wahr ist und man dafür biblisch-exegetische Belege anführen kann, dann muss x doch wahr sein, oder nicht? Und dennoch debattieren wir untereinander immer noch, ob der Molinismus oder Calvinismus oder Arminianismus wahr ist. Aber gut, ich schweife ab. Lassen Sie mich versuchen, das alles zusammenzufassen.

Meine Frage ist letztendlich: Wenn es um „innerchristliche“ Debatten geht (z. B. die Frage „Was sollte ich in meiner Freizeit machen?“ oder wichtigere Themen wie die Hölle oder das Heil), stimmt es dann, dass wir jede Position vertreten können, solange wir sie biblisch begründen können und an den essentiellen „einfach christlichen“ Grundpfeilern festhalten? Und wenn ja, warum? Ich denke nämlich Folgendes: Wenn man die Bibel lesen kann und dadurch beispielsweise den Calvinismus annimmt und der Calvinismus auch tatsächlich wahr ist, dann würde Gott doch niemanden annehmen, der den Molinismus vertritt; da sich die beiden gegenseitig ausschließen, so scheint es mir, dass Gott die Warnungen über falsche Lehrer und die Worte „Ich habe euch nie gekannt“ an diejenigen richtet, die diese falschen Positionen in „innerchristlichen“ Debatten wie diesen vertreten. Tut mir leid, wenn ich zu viel geschrieben habe oder ich mich gerade zum Deppen gemacht habe, weil ich etwas aus der Schrift falsch verstanden habe, aber ich würde mich unheimlich über eine Antwort freuen, sollten Sie mir eine geben wollen!

Carl
Vereinigtes Königreich

 

Frage #2

Sehr geehrter Prof. Craig,

Sie haben in Ihren Reden gesagt, dass es lehrmäßige Meinungsverschiedenheiten zwischen verschiedenen christlichen Gruppen gibt – Sie haben sie „Meinungsverschiedenheiten unter Geschwistern“ genannt. Ich weiß diese empathische Aussage zu schätzen. Welche der folgenden Positionen vertreten Sie? (A) Wenn wir an Jesus glauben und ihn als Retter annehmen, werden wir gerettet, selbst wenn wir einige lehrmäßige Dinge falsch vertreten. (B) Es gibt einige Dinge, die wir unbedingt richtig verstehen müssen.
Wenn (B) richtig ist, welche Lehren müssen wir dann richtig verstehen, und bei welchen können wir falsch liegen? Wie wissen wir, welche Dinge in welches Lager gehören? Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir jedes Detail richtig verstehen müssen, sonst hätte ja niemand eine Chance. Ich wünsche mir eine Welt, in der es unter den Christen mehr Einheit gibt – wir haben ja viel gemeinsam – und in der sich die Christen mehr darauf konzentrieren, den Mächten zu widerstehen, die jüdisch-christliche Werte angreifen wollen. Daher habe ich großes Interesse daran, Ihre Ansicht zu diesem Thema zu erfahren, welches ja oft ein Stolperstein für Leute sein kann, die es eigentlich gut meinen.

Beste Grüße

Bryan
Vereinigte Staaten

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Carl, ich freue mich sehr, dass Sie zum Glauben gekommen sind und auch mit anderen über Ihren Glauben sprechen möchten! Möge Gott Sie leiten und segnen! Danke für Ihre aufrichtige Frage. Ich denke, Bryans ähnliche Frage könnte dabei helfen, Ihre zu beantworten.

Zunächst also zu Ihrer grundlegenden Frage, Bryan. Ich bin für Alternative (B), „Es gibt einige Dinge, die wir unbedingt richtig verstehen müssen“, um errettet zu werden. Sie liegen aber richtig, wenn Sie die Ansicht ablehnen, dass wir alles richtig verstehen müssen, denn „sonst hätte ja niemand eine Chance“. Jakobus sagt: „Denn wir alle verfehlen uns vielfach; wenn jemand sich im Wort nicht verfehlt, so ist er ein vollkommener Mann“ (Jakobus 3,2). Jakobus schließt sogar sich selbst mit ein! Da wir unvollkommene, fehlbare Menschen aber sehr wohl das Heil finden, ist klar, dass wir nicht alles richtig machen müssen, um errettet zu werden.

Das bedeutet nicht, dass es okay ist, „wenn wir einige lehrmäßige Dinge falsch verstehen.“ Wir sollten alles daran setzen, Fehler zu vermeiden und die Dinge richtig zu verstehen. Was (B) impliziert, ist dass manche Fehler keine Häresien sind – d.h. Fehler, die einen vom Heil trennen.

Stellt sich also die Frage, „welche Lehren müssen wir richtig verstehen und glauben welche können wir auch falsch verstehen? Wie wissen wir, welche Dinge in welches Lager gehören?“ Nun, wir schauen in die Schrift und finden heraus, was sie darüber sagt, welche Dinge wir glauben müssen, um errettet zu werden, und welche Fehler so schwerwiegend sind, dass sie vom Heil ausschließen. (Was dazu gesagt werden muss: Wir sprechen hier über Menschen, denen das Evangelium richtig präsentiert wurde. Die Gläubigen aus dem Alten Testament mussten diese Dinge offensichtlich nicht glauben, um errettet zu werden, und es ist eine offene Frage, was die nicht-evangelisierten Menschen glauben müssen, um errettet zu werden.)

Paulus führt die maßgebenden Punkte in der Botschaft des von den Aposteln überlieferten Evangeliums auf:

Denn ich habe euch zuallererst das überliefert, was ich auch empfangen habe,

                  nämlich dass Christus für unsere Sünden gestorben ist, nach den Schriften,

                  und dass er begraben worden ist

und dass er auferstanden ist am dritten Tag, nach den Schriften,

und dass er dem Kephas erschienen ist, danach den Zwölfen (1 Korinther 15,3-5).

Beachten Sie, dass hier der Sühnetod Christi und seine Auferstehung von den Toten zentrale Wahrheiten des Evangeliums sind.

Paulus sorgte sich um das Heil der Galater, als sie versucht waren, die Zulänglichkeit des Sühnetodes Christi abzulehnen und zu den jüdischen Praktiken zurückzukehren: „O ihr unverständigen Galater, wer hat euch verzaubert, dass ihr der Wahrheit nicht gehorcht, euch, denen Jesus Christus als unter euch gekreuzigt vor die Augen gemalt worden ist? … Ihr seid losgetrennt von Christus, die ihr durchs Gesetz gerecht werden wollt; ihr seid aus der Gnade gefallen“ (Galater 3,1; 5,4; vgl. Hebräer 6,4-6; 10,29-30).

Als Paulus erfuhr, dass manche Korinther Jesu Auferstehung abstritten, reagierte er sehr scharf darauf: „Werdet doch wirklich nüchtern und sündigt nicht! Denn etliche haben keine Erkenntnis Gottes; das sage ich euch zur Beschämung“ (1. Korinther 15,34). Paulus sah das Abstreiten der Auferstehung Jesu als Zeichen dafür, dass keine rettende Erkenntnis Gottes vorhanden war.

An anderer Stelle schreibt Paulus: „… wenn du mit deinem Mund Jesus als den Herrn bekennst und in deinem Herzen glaubst, dass Gott ihn aus den Toten auferweckt hat, so wirst du gerettet“ (Römer 10,9). Hier nennt Paulus den Glauben an Christi Herrschaft, die seine Göttlichkeit impliziert („Herr“ = Gott), und den Glauben an seine Auferstehung als zulängliche Bedingungen für die Errettung. Paulus sagt auch: „… es kann aber auch niemand Jesus Herrn nennen als nur im Heiligen Geist“ (1. Korinther 12,3). Er spricht hier offensichtlich nicht bloß von der Fähigkeit, diese Wörter zu vokalisieren, sondern von deinem aufrichtigen Bekenntnis. Genauso kann „niemand, der im Geist Gottes redet, Jesus verflucht nennen“ (1. Korinther 12,3). Jemand, der Christi Herrschaft absichtlich ablehnt, ist nicht errettet. Jesus selbst hat gesagt: „Jeder, der sich zu mir bekennen wird vor den Menschen, zu dem wird sich auch der Sohn des Menschen bekennen vor den Engeln Gottes“ (Lukas 12,8).

Der Glaube an Jesu Göttlichkeit, Sühnetod und Auferstehung scheinen somit die großen Lehren zu sein, die jeder Mensch, der das Evangelium gehört hat, glauben muss, um errettet zu werden. Abgesehen von diesen zentralen Wahrheiten scheint es nicht viele andere Lehren zu geben, die „ein Muss“ sind. Das bedeutet nicht, dass das Ablehnen anderer Wahrheiten (der Wiederkunft Jesu, zum Beispiel) keine schwerwiegenden Fehler sind. Es ist nur nicht heilsentscheidend. Deshalb habe ich versucht, mit Reasonable Faith diese zentralen Lehren zu verteidigen – den Kern des „Christentums schlechthin“.

Um nun Ihre Fragen zu beantworten, Carl: Diejenigen, die zur Herrschaft Jesu ein Lippenbekenntnis abgelegt haben, wurden nicht wegen ihrer lehrmäßigen Fehler verurteilt, sondern weil Jesus sie nie gekannt hat (Matthäus 7,23). Sie waren nicht wiedergeboren – im Gegensatz zu Ihnen. Sie laufen also nicht Gefahr, Ihr Heil zu verlieren wenn Sie etwas Falsches glauben und vertreten – es sei denn, Sie fangen an, wie manche Galater und Korinther unumstößliche Wahrheiten des Evangeliums abzustreiten. Jakobus hat selbst erkannt: Wir machen alle Fehler. Deshalb mahnt er diejenigen, die sich überlegen, in den Lehrdienst zu treten, zur Vorsicht. Es ist nicht in Ordnung, Fehler zu lehren, aber es verdammt auch nicht.

Es stimmt auf ganz triviale Weise, dass „x wahr sein muss … wenn die Position x wahr ist.“ Aber daraus folgt nicht, dass „x wahr sein muss, wenn man Position x biblisch-exegetisch belegen kann.“ Warum nicht? Weil man vielleicht auch Position y biblisch-exegetisch belegen kann, die inkompatibel mit Position x ist! Das trifft auf die meisten lehrmäßigen Diskussionen zu: Man kann für beide Positionen Bibelverse anführen, und dann wird es schwer, zu entscheiden, wo die Wahrheit liegt. Die Debatte zwischen Calvinisten, Arminianern und Molinisten ist ein gutes Beispiel.

Ich würde Sie also ermutigen, Carl, Ihrer Freundin beim Beantworten ihrer Fragen verschiedene Antworten aufzuzeigen, die bibelgläubige Christen geben. So mache ich das auch in meinem Defenders-Kurs. Sie können dann auch Ihre persönliche Position einnehmen, wenn Sie möchten, aber Sie müssen nicht. So können Sie Fehler vermeiden. Ich glaube, Ihre Freundin wird Ihre Offenheit für verschiedene Perspektiven demütig und erfrischend finden.

Stimmt es dann, dass wir jede Position vertreten können, solange wir sie biblisch begründen können und an grundlegenden ‚einfach christlichen‘ Grundpfeilern festhalten?“ Wenn Sie damit meinen, man kann in zweitrangigen Lehrfragen („innerchristlichen Debatten“) jeden Standpunkt vertreten und errettet sein, dann lautet die Antwort „Ja“. „Wenn ja, warum?“ Weil wir aufgrund unseres Glauben an Christus gerettet werden und nicht aufgrund der Korrektheit unserer Theologie! So lange wir an Christus als Retter festhalten und nicht auf uns selbst vertrauen, gibt es sehr wenige lehrmäßige Überzeugungen, die ein Muss sind und die Errettete von Verlorenen trennen. Wenn ich mit meinem Molinismus falsch liege, zum Beispiel, wird Gott nicht zu mir sagen: „Weiche von mir, du Gesetzloser! Ich habe dich nie gekannt.“ Er wird sagen: „Willkommen, mein tollpatschiger, verwirrter Sohn! Geh‘ ein zur Freude deines Herrn.“

William Lane Craig

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/is-mere-christianity-sufficient-for-salvation

- William Lane Craig