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#628 Peter Atterton über die Kohärenz des Theismus

July 21, 2019
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

Peter Atterton von der San Diego State University (USA) hat in der New York Times einen Kommentar geschrieben, in welchem er behauptet, dass der Gott der westlichen Kultur inkohärent sei. Ich finde die meisten seiner Argumente sehr fehlerhaft. Der Artikel heißt „A God Problem“.

Eines seiner Argumente ist von einigem Interesse. Er schreibt, einen anderen Philosophen paraphrasierend:

Es gibt gewisse Dinge, die wir wissen, die, wären sie auch Gott bekannt, diesen automatisch zu einem Sünder machen würden, was natürlich dem ganzen Begriff eines Gottes widerspricht. Bereits der verstorbene amerikanische Philosoph Michael Martin hat erklärt, dass dann, wenn Gott alles weiß, was man wissen kann, er die gleichen Dinge kennen muss, die wir kennen, also z. B. auch Lust und Neid. Aber Lust und Neid kann man nur kennen, wenn man sie erfahren hat. Aber wer Gefühle der Lust oder des Neides erfahren hat, der hat gesündigt, was bedeuten würde, dass Gott nicht moralisch vollkommen sein kann.

Ich glaube, hier kann man einwenden, dass ein Mensch durchaus wissen kann, wie es ist, ein bestimmtes Gefühl zu haben, selbst wenn er es persönlich noch nie erfahren hat – nämlich indem er das Gegenteil dieses Gefühls kennt. Ich könnte z .B. wissen, was Traurigkeit ist, weil ich schon manchmal glücklich gewesen bin, sodass ich logisch folgern kann, dass Traurigkeit die Abwesenheit von Glück ist.

Könnte man vielleicht auch sagen, dass Peter Atterton an der eigentlichen Frage vorbeigeht, indem er behauptet, dass „wissen“, was Lust ist, dasselbe sein muss wie Lust „erfahren“? Weiß ich nicht, was der Tod bedeutet, auch wenn ich selber noch nicht gestorben bin? Dies bedeutet doch, dass Gott wissen kann, was bestimmte Gefühle sind, auch wenn er sie selber nie erfahren hat. Wie denken Sie darüber?

Cornell

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ich freue mich über Ihre Frage, Cornell, denn ich habe eine kurze Antwort auf den Artikel in der New York Times geschrieben, die aber von der Zeitung nicht abgedruckt worden ist. Hier ist sie:

Als Philosoph, dessen Forschungsschwerpunkt die Kohärenz des Theismus ist, hat es mich befremdet, dass ein Kollege in der New York Times solche schon oft widerlegten Einwände gegen die Kohärenz des Theismus äußert. Der Reihe nach:

1. Das Problem der Allmacht. Es zeigt sich, dass das eigentliche Problem, das Atterton feststellt, nicht die Kohärenz der Allmacht ist (die Sicht von Thomas von Aquin betrachtet er als kohärent), sondern das Problem des Übels: Eine Welt ohne Übel ist logisch möglich; warum hat Gott sie dann nicht erschaffen? Antwort: Selbstverständlich ist eine Welt ohne Übel möglich; Gott könnte ein Universum ohne Leben erschaffen haben, und dann gäbe es dort kein Übel. Aus dieser Möglichkeit folgt jedoch mitnichten, dass es logisch möglich ist, dass Gott eine Welt verwirklicht, in der freie moralisch Akteure leben und in der es so viel moralisch Gutes gibt wie in unserer Welt, aber weniger Übel.

Man mag hier einwenden: Wie ist es denn mit dem natürlichen Übel? Hier müsste der Atheist beweisen, dass es entweder unmöglich oder höchst unwahrscheinlich ist, dass Gott moralisch hinreichende Gründe dafür hat, das natürliche Übel in der Welt zuzulassen. Atterton versucht dies gar nicht erst, was kein Wunder ist, denn solche Urteile übersteigen unsere kognitiven Möglichkeiten. Soweit wir es beurteilen können, können nur in einer Welt, in der es natürliches und moralisches Übel gibt, Gottes rechtfertigende Gründe, das Übel zuzulassen, von freien Akteuren realisiert werden. Das Problem des Bösen bürdet dem Atheisten eine solche Beweislast auf, dass sie nicht tragbar ist.

2. Das Problem der Allwissenheit. Hier behauptet Atterton, dass es gewisse Dinge gibt, die Gott plausiblerweise nicht wissen kann, z. B. wie es ist, ein Mensch zu sein. Antwort: Atterton hat hier die Unterscheidung zwischen propositionalem Wissen und nichtpropositionalem Wissen nicht beachtet. Allwissenheit wird über das propositionale Wissen definiert: Eine Person S ist allwissend dann und nur dann, wenn für jede Proposition p gilt: Wenn p wahr ist, dann weiß S, dass p der Fall ist, und glaubt nicht, das nicht-p der Fall ist. Mit anderen Worten: Allwissenheit bedeutet, dass man alle Wahrheiten (und nur diese) kennt. Ein allwissendes Wesen kann darüber hinaus auch ein gewisses nichtpropositionales Wissen haben (oder auch nicht). Gott kennt solche Propositionen wie: „Menschsein heißt, sich fehlbar zu fühlen“ oder „Menschsein heißt, sich sündig zu fühlen“ etc. Atterton gibt keine Beispiele für Wahrheiten, die so beschaffen sind, dass wir nicht wahrhaftig sagen können: „Gott weiß, dass ___,“ wo die Leerstelle von einer wahren Proposition ausgefüllt ist.

Meine Lösung des sogenannten Problems der Allwissenheit ist also ähnlich wie das, was Sie in Ihrem letzten Absatz schreiben. Wissen, was der Tod bedeutet, ist ein Beispiel für propositionales Wissen: „Ein Toter hat kein Bewusstsein mehr.“ Oder: „Ein Toter spürt keinen Schmerz“ usw. Gott weiß alle diese Wahrheiten.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: http://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/peter-atterton-on-the-coherence-of-theism

- William Lane Craig