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#676 Jesu Auferstehung: Stimmt die Verschwörungstheorie vielleicht doch?

July 04, 2020
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich bin ein großer Bewunderer Ihrer Arbeit, und das schon seit etlichen Jahren. Ich werde stets dankbar sein für all das, was Sie tun.

Etwa zehn Jahre lang war ich davon überzeugt, dass Jesus in der Tat von den Toten auferstanden ist und dass die Auferstehung keine Fakenews war. Ich betrachtete sie als unwiderlegbaren Beweis dafür, dass Gott tatsächlich existiert, denn nur Gott konnte eine Auferstehung von den Toten zuwege bringen. Doch dann kaufte und las ich vor kurzem das Buch Gunning for God von Professor John Lennox,[1] das mir sehr gefiel, und beim Lesen des Abschnitts über die Auferstehung Jesu geschah etwas in mir. Lennox behandelt u. a. die Theorie, dass die Jünger den Leichnam aus dem Grab gestohlen hätten. Ich hatte bis dahin so gedacht wie Sie: dass diese Theorie recht unwahrscheinlich ist, weil die Jünger doch später gefoltert und gekreuzigt wurden, und ich dachte, dass es doch sehr unwahrscheinlich war, dass die Jünger, wenn sie wussten, dass die Auferstehung frei erfunden war, diese Lüge verteidigten, bis hin zu Folter und Tod. Ich hatte immer gedacht: Wenn die Auferstehung erlogen war, hätten sie diese Lüge doch zugegeben, um der Folter und Kreuzigung zu entgehen.

Aber Professor Lennox schreibt, dass Grabräuber im damaligen Jerusalem mit der Todesstrafe rechnen mussten – etwas, was ich bis dahin nicht gewusst hatte. Diese Information hat für mich alles verändert, was die Auferstehung Jesu betrifft. Auf einmal war es eine reale Möglichkeit, dass die Jünger den Leichnam tatsächlich aus dem Grab gestohlen hatten – und dass sie die Auferstehung erfunden hatten, um einer möglichen Hinrichtung wegen Grabraub zu entgehen. Die Motivation, eine bloß erfundene Auferstehung zu verteidigen, war auf einmal sehr stark. Jetzt dachte ich nicht mehr, dass der Glaube an eine bloß erfundene Auferstehung den Jüngern die Kreuzigung hätte einbringen können, sondern umgekehrt, dass sie diesen Glauben verteidigten, um der Hinrichtung (wegen Grabraub) zu entgehen. Die Erkenntnis, dass Grabraub damals ein todeswürdiges Verbrechen war, hat mein Hauptmotiv für den Glauben an die Auferstehungszeugnisse der Jünger glatt beseitigt! Der sicheren Kreuzigung zu entgehen, war bestimmt ein sehr starkes Motiv für die Weiterverbreitung einer Lüge (selbst einer Lüge, die sie als solche erkannten). Ich finde es heute sehr plausibel, dass die Jünger den Leichnam aus dem Grab stahlen und anschließend die Geschichte mit der Auferstehung erfanden, um ihr Vergehen zu vertuschen und der Hinrichtung zu entgehen. Wenn es eine Lüge war, dann könnte diese mit einer sehr starken Motivation begonnen haben: Männer, die eine Heidenangst vor einem furchtbaren Tod haben, suchen etwas, um diesen Tod zu verhindern. Danach könnte die Lüge sich aus allen möglichen Gründen weiterverbreitet haben, z. B. so, dass Freunde der Jünger sich die Geschichte mit der Auferstehung zu eigen machten, um ihnen zu helfen, sich vor der Hinrichtung zu schützen. Und wenn die Sache erst einmal Kreise gezogen hatte, könnte der Wunsch, sich als Glied einer verschworenen Gemeinschaft von Leuten zu fühlen, die angeblich den auferstandenen Jesus gesehen hatten, eine weitere Motivation für die Verbreitung der Auferstehungslüge gewesen sein.

Meine Frage ist diese: Glauben Sie nicht auch, dass die Tatsache, dass Grabraub damals ein todeswürdiges Verbrechen war und dass dann, wenn die römische Obrigkeit herausgefunden hätte, dass die Jünger den Leichnam gestohlen hatten, sie sie gekreuzigt hätte, eine mehr als ausreichende Motivation für die Jünger darstellte, eine Auferstehung Jesu von den Toten zu erfinden (falls sie denn wirklich den Leichnam gestohlen hatten)? Diese Möglichkeit erscheint mir wesentlich wahrscheinlicher als eine Auferstehung, und ich frage mich, wie Sie die ganze Sache mit der Tatsache, dass Grabraub ein todeswürdiges Vergehen war, vereinbaren können. Bitte entschuldigen Sie es, wenn ich hier vielleicht ein bisschen ignorant oder penetrant bin. Ich möchte Sie wirklich nicht beleidigen, sondern Ihre Sichtweise der Dinge verstehen. Falls ich hier etwas übersehen habe, möchte ich sehr gerne hören, warum die Auferstehung Jesu ein reales historisches Ereignis ist, das man rational rechtfertigen kann, so wie ich selber das früher sah. Danke, dass Sie sich Zeit für meine Frage nehmen.

Mit freundlichem Gruß,

Purusha
USA

 

[1] Auf Deutsch erschienen als: John Lennox, Gott im Fadenkreuz (Witten: R. Brockhaus, 2013). (Anm. d. Übers.)

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Purusha, mir wird jedes Mal das Herz schwer, wenn ich solch einen Brief erhalte. Sie sagen sehr nett, dass Sie schon seit Jahren ein großer Bewunderer meiner Arbeit sind – und dann demonstrieren Sie (wie soll ich es anders ausdrücken?), dass Sie von der historischen Verteidigung der Auferstehung Jesu so gut wie nichts verstanden haben. Wollen Sie im Ernst behaupten, dass die Jünger den Leichnam Jesu aus dem Grab stahlen und anschließend eine Story über Erscheinungen des Auferstandenen erfanden? Wissen Sie wirklich nicht, dass diese sogenannte Verschwörungstheorie, die im 17. und 18. Jahrhundert von Deisten in Umlauf gebracht wurde, seit über 200 Jahren mausetot ist und dass heute kein Historiker sie mehr verteidigen würde? Bevor ich auf Ihre spezifische Frage eingehe, möchte ich an Sie appellieren, sich einmal in Ruhe zu fragen: „Warum wird diese Theorie, die ich so überzeugend finde, von allen verworfen? Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass alle Historiker falsch liegen und nur ich recht habe? Wo ist mein blinder Fleck?“

Dass Sie die historische Argumentation für die Auferstehung nicht verstanden haben, erhellt aus der Tatsache, dass Sie offenbar glauben, dass es einen und nur einen Einwand gegen die Verschwörungstheorie gibt, nämlich dass es wenig wahrscheinlich ist, dass die Jünger bereit waren, für eine bloße Lüge, die sie selber in die Welt gesetzt hatten, zu sterben. Wenn dieser Einwand nicht sticht, dann ist für Sie die Verschwörungstheorie in Ordnung. Nun, ich glaube, dass dieser Einwand tatsächlich auf eine Schwäche in der Verschwörungstheorie hinweist, aber es gibt noch wesentlich mehr Einwände – und zwar Einwände, die, wie ich es sehe, noch stärker sind.

Es gibt drei Tatsachen, die jede ernstzunehmende Hypothese über die Auferstehung Jesu erklären muss: das leere Grab, die Erscheinungen des Auferstandenen und der Ursprung des Glaubens der Jünger an die Auferstehung Jesu. Ich gebe Ihnen im Folgenden meine Einschätzung der Verschwörungstheorie anhand dieser Fakten wieder, wie ich sie in meinem Buch On Guard[1] ausgeführt habe; Sie werden dann sehen, warum diese Theorie heute allgemein verworfen wird.

*****

Die Indizien erklären

Historiker berücksichtigen bei der Bewertung von miteinander konkurrierenden Hypothesen bzw. Erklärungen verschiedene Faktoren. Einige der wichtigsten Faktoren sind die folgenden:[2]

1. Die beste Erklärung hat einen größeren Erklärungsbereich als die anderen Erklärungen, d. h. sie erklärt einen größeren Teil der Fakten bzw. Indizien.

2. Die beste Erklärung hat eine größere Erklärungskraft als die anderen Erklärungen, d. h. sie macht die Fakten bzw. Indizien wahrscheinlicher.

3. Die beste Erklärung ist plausibler als die anderen Erklärungen, d. h. sie passt besser zu Hintergrundüberzeugungen, die wahr sind.

4. Die beste Erklärung wirkt weniger „konstruiert“ als die anderen Erklärungen, d. h. sie erfordert es nicht, viele neue Überzeugungen anzunehmen, für die es keine unabhängigen Beweise gibt.

5. Die beste Erklärung hat weniger allgemein anerkannte Überzeugungen gegen sich als die anderen Erklärungen, d. h. sie „beißt sich“ mit weniger dieser Überzeugungen.

6. Die beste Erklärung erfüllt die Bedingungen 1 – 5 so viel besser als die anderen Erklärungen, dass es wenig wahrscheinlich ist, dass eine genauere Untersuchung ergeben wird, dass eine der anderen Erklärungen besser ist.

Da eine Hypothese bzw. Erklärung sich womöglich bei einigen dieser Bedingungen gut schlägt, bei anderen dagegen weniger gut, ist es nicht selten schwierig, herauszufinden, welche Hypothese die beste ist. Aber wenn der Erklärungsbereich und die Erklärungskraft einer Hypothese sehr groß sind, sodass sie eine ganze Reihe von Fakten ganz einfach besser erklärt, dann ist diese Hypothese sehr wahrscheinlich die richtige Erklärung.

Und jetzt möchte ich die Verschwörungshypothese anhand dieser Kriterien testen und prüfen, ob sie das leere Grab Jesu, die Erscheinungen des Auferstandenen und den Ursprung des Glaubens der Jünger an die Auferstehung genauso gut oder besser erklärt als die Auferstehungshypothese.

Die Verschwörungshypothese

Nach dieser Hypothese stahlen die Jünger Jesu seinen Leichnam und behaupteten daraufhin, Erscheinungen von ihm erlebt zu haben. Die Auferstehung als Fake-News. Dies war die erste Alternativerklärung für das leere Grab, die es gab, und im 18. Jahrhundert erfuhr sie eine Renaissance durch die europäischen Deisten. In der heutigen Forschung ist diese Erklärung zu den Akten gelegt worden. Warum das so ist, sehen wir, wenn wir sie anhand der üblichen Kriterien für die Überprüfung historischer Hypothesen untersuchen.

1. Erklärungsbereich. Hier scheint die Verschwörungshypothese den Fakten gerecht zu werden, da sie sowohl das leere Grab erklärt (die Jünger entwendeten den Leichnam) als auch die Erscheinungen des Auferstandenen (die Jünger haben sie frei erfunden) und den Ursprung des Glaubens der Jünger an die Auferstehung (ebenfalls frei erfunden).

2. Erklärungskraft. Wie wahrscheinlich sind die Fakten im Lichte der Verschwörungstheorie? Hier kommen erste Zweifel an dieser Theorie auf.

Beginnen wir mit dem leeren Grab. Wenn die Jünger den Leichnam Jesu gestohlen hatten, machte es keinerlei Sinn, eine Geschichte zu erfinden, nach der mehrere Frauen das Grab leer vorfanden. Kein jüdischer Mann hätte damals solch eine Geschichte erfunden. Doch mehr noch: Die spartanische Schlichtheit der Geschichte ist nicht das, was man von einer Fälschung erwarten sollte. Wo sind die biblischen Belegtexte, die Hinweise auf erfüllte Prophezeiungen? Warum wird nicht (wie in späteren apokryphen Texten wie dem Petrusevangelium) beschrieben, wie Jesus das Grab verlässt? Auch bezüglich der Auseinandersetzung mit den Juden, die nicht an die Auferstehung Jesu glaubten, bleiben viele Fragen offen. Warum ist die Grabwache des Matthäusevangeliums nicht schon bei Markus zu finden? Doch selbst bei Matthäus kommt die Grabwache zu spät; der Leichnam Jesu hätte ja bereits vor Ankunft der Wache am Samstagmorgen gestohlen werden können, sodass die Soldaten, ohne es zu wissen, ein leeres Grab bewachten! In dem gefälschten Petrusevangelium dagegen finden wir die Grabwache bereits unmittelbar nach der Beisetzung des Leichnams, was dann ein wasserdichtes Indiz gegen einen Diebstahl wäre.

Ähnliche Probleme ergeben sich bei den Erscheinungsgeschichten. Ein Fälscher hätte sehr wahrscheinlich die Erscheinungen des auferstandenen Jesus im Stile der alttestamentlichen Gottesvisionen und in Anknüpfung an die in Daniel 12,2 geweissagte allgemeine Auferstehung der Toten am Ende der Zeiten beschrieben. Doch dann hätten die Jünger einen strahlenden Herrlichkeits-Jesus sehen müssen. Und warum nicht die Auferstehung selber beschreiben? Und warum erschien Jesus weder dem Hohenpriester Kaiphas noch dem Hohen Rat, denen er doch vorhergesagt hatte, dass sie ihn in Herrlichkeit kommen sehen würden (Matthäus 26,64)? Dann hätte man sie doch als die eigentlichen Lügner dastehen lassen können, weil sie leugneten, dass Jesus ihnen erschienen war!

Doch die Erklärungskraft der Verschwörungshypothese ist zweifellos am allerschwächsten, wenn es um den Ursprung des Glaubens der Jünger an die Auferstehung Jesu geht. Denn diese Hypothese leugnet ja diesen Glauben, den die Jünger angeblich die ganze Zeit nur vorgetäuscht haben. Aber die Experten sind sich einig, dass es sich nicht plausibel leugnen lässt, dass die Jünger Jesu ehrlich glaubten, dass Jesus von den Toten auferstanden war. Sie wetteten sozusagen ihr Leben auf diese Überzeugung. Die radikale Verwandlung des Lebens der Jünger lässt sich durch eine Verschwörungshypothese nicht glaubwürdig erklären. Allein schon diese Tatsache hat den meisten Gelehrten genügt, um die alte Verschwörungshypothese ein für alle Mal zu begraben.

3. Plausibilität. Doch die eigentliche Achillesferse der Verschwörungstheorie ist ihr Mangel an Plausibilität. Man könnte hier auch Einwände bezüglich der unglaublichen Kompliziertheit einer solchen Verschwörung oder des von ihr vorausgesetzten psychologischen Zustands der Jünger formulieren, doch die Mutter aller Probleme für diese Theorie ist die Tatsache, dass die Annahme, jüdische Männer des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung hätten die Auferstehung Jesu vorgetäuscht, absolut anachronistisch ist. Die Verschwörungstheorie betrachtet die Situation der Jünger gleichsam durch den Rückspiegel der Geschichte des Christentums, und nicht durch die Augen eines Juden des 1. Jahrhunderts.

Zunächst einmal erwartete im damaligen Judentum niemand einen Messias, der, anstatt den Thron Davids wiederzuerrichten und die Feinde Israels zu besiegen, von den Heiden schmählich als Verbrecher hingerichtet werden würde. Dazu kommt noch, dass die jüdische Auferstehungsvorstellung keinerlei Bezug zu der Lehre vom Messias hatte, ja mit ihr unvereinbar war, da der Messias ja nicht sterben würde. Wie N.T. Wright es so schön ausgedrückt hat: Wenn ich ein Jude aus dem 1. Jahrhundert bin und mein Lieblingsmessias gekreuzigt worden ist, gibt es nur zwei mögliche Reaktionen: Entweder ich gehe nach Hause oder ich suche mir einen neuen Messias.

Zweitens passte die damalige jüdische Sicht von der Auferstehung der Toten in mindestens zwei fundamentalen Punkten nicht zu der Auferstehung Jesu.

Erstens kam im jüdischen Denken die Auferstehung hinein in die Herrlichkeit und Unsterblichkeit immer erst nach dem Ende der Welt. Im jüdischen Denken gab es keinen Platz für eine Auferstehung bereits innerhalb der Weltgeschichte. Ich glaube, dies ist der Grund dafür, dass die Jünger Jesu sich so schwertaten mit seinen Vorhersagen seiner Auferstehung. Sie glaubten, er meine die allgemeine Auferstehung am Ende der Zeiten.

Vgl. hier z. B. Markus 9,9-11 (Schlachter 2000). Als Jesus mit seinen Jüngern vom Berg der Verklärung wieder herabstieg, befahl er ihnen, niemandem zu sagen, was sie dort gesehen hatten, „bis der Sohn des Menschen aus den Toten auferstanden sei“. Worauf die Jünger überlegten, was er damit meinte, und ihn schließlich fragten: „Warum sagen die Schriftgelehrten, dass zuvor Elia kommen müsse?“

Man stelle sich das vor: Jesus sagt seine Auferstehung voraus, und die Jünger fragen ihn, warum zuerst Elia kommen muss. Im Judentum des 1. Jahrhunderts glaubte man, dass vor dem großen und schrecklichen „Tag des Herrn“ (dem Tag des Gerichts, wo die Toten auferweckt werden) der Prophet Elia wiederkommen würde. Die Jünger konnten sich eine Auferstehung vor diesem Ende der Welt schlicht nicht vorstellen. Das war der Grund, warum Jesu Vorhersage seiner Auferstehung sie nur verwirrte.

Angesichts dieser jüdischen Auferstehungsvorstellung ist es nicht denkbar, dass die Jünger nach der Kreuzigung Jesu von sich aus auf die Idee gekommen wären, dass er wieder auferstanden war. Stattdessen hätten sie sich sehr wahrscheinlich mit dem Gedanken an die Auferstehung von den Toten am Jüngsten Tag getröstet und, jüdischem Brauch folgend, vielleicht das Grab Jesu als Heiligenschrein gepflegt, wo seine Gebeine bis zur allgemeinen Auferstehung ruhen konnten.

Zweitens war im damaligen jüdischen Denken die Auferstehung immer die Auferstehung aller „gerechter“ Toten. Die Auferstehung eines Einzelnen, die unabhängig von dieser allgemeinen Auferstehung erfolgte, kam in diesem Denken nicht vor. Es gab auch keinerlei Bezug zwischen der Auferstehung des einzelnen Gläubigen und der vorherigen Auferstehung des Messias. Deswegen finden wir in der Geschichte keine Beispiele für Messiasbewegungen, die nach dem Scheitern ihres Führers behaupteten, dass dieser von den Toten auferstanden sei. Wie N.T. Wright betont: „Sämtliche Anhänger dieser Messiasbewegungen des 1. Jahrhunderts waren fanatisch von der guten Sache überzeugt. . . . Aber nirgends in dem ganzen Jahrhundert vor Jesus und in dem nach ihm hören wir auch nur von einer einzigen Gruppe von Juden, die behauptet hätte, dass ihr hingerichteter Führer von den Toten auferweckt worden und der wahre Messias war.“[3]

Im Denken der Juden des 1. Jahrhunderts kam die Auferstehung einer einzelnen Person (und erst recht des Messias) vor der allgemeinen Auferstehung der Toten am Ende der Welt nicht vor. Es ist also völlig abwegig, dass die Jünger Jesu auf die Idee kamen, den Leichnam Jesu zu stehlen und anschließend zu behaupten, Gott habe ihn von den Toten auferweckt. Und genauso abwegig ist die Idee, dass sie dies als erfolgversprechende Strategie für die Missionierung ihrer Mitjuden betrachteten!

Aber könnte die ganze Idee der Auferstehung nicht auch von außerhalb des Judentums gekommen sein? Heute findet man im Internet häufig die Theorie, dass die ersten Christen aufgrund von Vorbildern aus der heidnischen Mythologie zu der Idee der Auferstehung Jesu gekommen seien. Dies ist eine alte Theorie. Bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sammelten vergleichende Religionswissenschaftler Parallelen zu Elementen des christlichen Glaubens in anderen Religionen; einige versuchten sogar, den Glauben der Christen (einschließlich der Auferstehung Jesu) als Produkt solcher nichtchristlichen Mythen zu erklären. Dieser Bewegung war jedoch kein langes Leben beschieden, und dies vor allem aus zwei Gründen:

Erstens erkannte die Forschung schon bald, dass die Parallelen nicht stimmten. Die Welt der Antike war ein Treibhaus der Götter- und Heroenmythen. Das vergleichende Studium der Religionen erfordert eine große Sensibilität für ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede, wenn es nicht zu Verzerrung und Verwirrung kommen soll. Den Forschern, die so eifrig nach Parallelen zu der Auferstehung Jesu suchten, mangelte es an solcher Sensibilität.

Viele der angeblichen Parallelen sind in Wirklichkeit Geschichten über die Himmelfahrt des Helden (so bei Herkules und Romulus). In anderen Fällen verschwindet der Held in eine höhere Sphäre (Apollonios von Tyana, Empedokles). Wieder andere Beispiele sind Symbole für den Vegetationszyklus; die Vegetation stirbt in der Trockenzeit, um in der Regenzeit wiederaufzuleben (Tammus, Osiris, Adonis). Oder es handelt sich um politische Ausdrucksformen eines Kaiserkultes (Julius Caesar, Augustus).

Keine dieser angeblichen Parallelen hat etwas mit der jüdischen Vorstellung von der Auferweckung der Toten zu tun. Inzwischen bezweifeln die meisten Forscher, ob es überhaupt Mythen über sterbende und auferstehende Götter gibt. In dem Osiris-Mythos z. B., einem der bekanntesten Vegetationszyklus-Mythen, wird Osiris nicht eigentlich wieder lebendig, sondern existiert im Totenreich weiter.

Die Forschung hat erkannt, dass die heidnische Mythologie schlicht der falsche Interpretationskontext zum Verständnis Jesu von Nazareth ist. Jesus und seine Jünger waren israelitische Juden des 1. Jahrhunderts, und vor diesem Hintergrund müssen wir sie verstehen. Das Versagen der angeblichen Parallelen zu Tod und Auferstehung Jesu ist nur eines von mehreren Indizien, dass die heidnische Mythologie der falsche Deutungsrahmen für den Glauben der Jünger an die Auferweckung Jesu ist.

Aber egal, wie wir die heidnischen Mythen verstehen, es gibt zweitens keinerlei Kausalbeziehung zwischen ihnen und dem Ursprung des Glaubens der Jünger an die Auferstehung Jesu. Die Juden wussten sehr wohl um die heidnischen Vegetationsgötter (Hesekiel 8,14-15) – und fanden sie einen Gräuel, was der Grund dafür ist, dass wir im Israel des 1. Jahrhunderts auch nicht die Spur eines Kultes sterbender und wieder auferstehender Götter finden. Es ist reichlich unwahrscheinlich, dass die Jünger auf die Idee kamen, dass Jesus von Nazareth von den Toten auferstanden war, weil sie von heidnischen Mythen über sterbende und auferstehende Vegetationsgötter gehört hatten. Die Forschung hat diesen Ansatz gänzlich aufgegeben. Die Internet-Gurus kommen über 100 Jahre zu spät.

Man beachte, dass diese Kritik nicht nur gegen Verschwörungstheorien spricht, die davon ausgehen, dass die Jünger die Auferstehung Jesu vortäuschten, sondern auch gegen jede Theorie, die behauptet, dass sie aufgrund heidnischer oder jüdischer Vorbilder zu einem Auferstehungsglauben und einer Auferstehungspredigt kamen, die ehrlich gemeint waren.

4. Die beste Erklärung ist weniger „konstruiert“. Wie alle Verschwörungstheorien aus dem Bereich der Geschichte ist die Verschwörungshypothese eine Konstruktion, die davon ausgeht, dass das, was die Fakten ergeben, nur scheinbar so ist und durch bestimmte Hypothesen (für die es aber keinerlei Beweise gibt) leicht wegerklärt werden kann. Konkret geht sie so vor, dass sie Motive und Vorstellungen in den Köpfen der Jünger sowie Handlungen von ihnen postuliert, für die es nicht die geringsten Beweise gibt. Und die Konstruiertheit kann sich noch steigern, wenn man, um Einwänden gegen die Theorie zu begegnen, immer neue Hypothesen einführen muss (z. B. um die Erscheinung Jesu vor 500 Jüngern auf einmal oder die Rolle der Frauen beim leeren Grab und in den Erscheinungsberichten zu erklären).

5. Die beste Erklärung hat weniger allgemein anerkannte Überzeugungen gegen sich. Die Verschwörungstheorie hat unser allgemeines Wissen über Verschwörungen sowie deren allgemeine Instabilität und ihre Neigung, zu kollabieren, gegen sich. Gegen die Verschwörungstheorie sprechen auch die Aufrichtigkeit der Jünger, das Wesen der jüdischen Messiaserwartungen im 1. Jahrhundert und noch vieles andere.

6. Die beste Erklärung erfüllt die Bedingungen 1 – 5 besser als andere Erklärungen. Diese Bedingung erfüllt die Verschwörungstheorie ganz offensichtlich nicht, da es Hypothesen gibt (z.B. die Halluzinationshypothese), die den Glauben der Jünger an die Auferstehung Jesu nicht einfach als Lüge abtun.

Heute würde kein Forscher mehr die Verschwörungshypothese verteidigen wollen. Die einzigen Orte, wo man sie noch findet, sind die Sensationspresse und das Internet.

*****

Und jetzt betrachten wir einmal Ihr Argument, Purusha, im Lichte dieser Klarstellung. Ihr Argument basiert auf der berühmten sogenannten Nazareth-Tafel, einem antiken Edikt, das die Grabschändung zu einem todeswürdigen Vergehen erklärte. (Ein guter Artikel über diese Inschrift ist: https://en.wikipedia.org/wiki/Nazareth_Inscription ).Wie Sie beim Lesen des Textes des Ediktes sehen werden, schreibt er für die Schändung eines Grabes nicht die Kreuzigung vor, sondern lediglich die Todesstrafe.

Was hat Ihr Argument mit meiner Kritik der Verschwörungstheorie zu tun? Sie könnten behaupten, dass es meine Kritik der Erklärungskraft der Verschwörungshypothese bezüglich des Ursprungs des Glaubens der Jünger an die Auferstehung Jesu relativiert, da ja die Jünger, nachdem sie den Leichnam Jesu gestohlen hatten, gute Gründe dafür hatten, zu lügen, um der Hinrichtung zu entgehen. Doch so zu argumentieren hieße, meine Kritik misszuverstehen. Mein Argument lautet, „dass es sich nicht plausibel leugnen lässt, dass die Jünger Jesu ehrlich glaubten, dass Jesus von den Toten auferstanden war.“ Niemand, der das Neue Testament unvoreingenommen liest, kann leugnen, dass diese Menschen von der Wahrheit dessen, was sie verkündeten, überzeugt waren. Die Frage ist nicht, ob sie gelogen hätten, wenn sie den Leichnam gestohlen hätten, sondern die Frage ist: Haben sie gelogen? Oder haben sie das, was sie verkündeten, ehrlich geglaubt? Gelehrte aller Couleurs gehen von der Ehrlichkeit der Apostel aus, als diese in mutige Verkündiger der Auferstehung Jesu verwandelt wurden.

Sie stellen im Grunde die falsche Frage, Purusha. Wenn wir „Die Jünger waren Lügner“ „L“ nennen und „Die Jünger waren Leichenräuber“ „LR“, dann fragen Sie nach der bedingten Wahrscheinlichkeit „W (L/ LR)“ und nicht nach der Wahrscheinlichkeit „W (L)“. Erstere könnte hoch sein, obwohl Letztere niedrig ist. Um es anhand eines ganz anderen Beispiels zu illustrieren: Die Wahrscheinlichkeit, dass ich drei Schuhe trage, wenn ich drei Füße habe, kann recht hoch sein, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ich drei Füße habe, ist geradezu absurd niedrig! Sie lassen sich in die Irre führen, weil Sie Ihre Bewertung der Wahrscheinlichkeit von L abhängig von LR machen.

Doch mehr noch: Dass Sie diese lächerliche Verschwörungstheorie als „wesentlich wahrscheinlicher als eine Auferstehung“ betrachten, liegt u.a. daran, dass Sie Jesu Auferstehung „als unwiderlegbaren Beweis dafür“ betrachten, „dass Gott tatsächlich existiert“. Anders als die klassischen Verteidiger der Auferstehung Jesu, die sich zuerst durch die Argumente der natürlichen Theologie über die Existenz Gottes klarwurden, haben Sie die ganze Beweislast für den Theismus der Auferstehung aufgebürdet. Wären Sie dem klassischen Verfahren gefolgt, hätten Sie bereits das fertige theistische Fundament gehabt, als Sie sich der Evidenz für die Auferstehung zuwandten, sodass eine Erklärung durch ein Wunder viel wahrscheinlicher gewesen wäre als auf der Basis des Nicht-Theismus und auch wahrscheinlicher als solche abstrusen naturalistischen Hypothesen wie die Verschwörungstheorie.

Um also Ihre Frage zu beantworten, ob ich nicht glaube, dass „die Tatsache, dass Grabraub damals ein todeswürdiges Verbrechen war . . . eine mehr als ausreichende Motivation für die Jünger darstellte, eine Auferstehung Jesu von den Toten zu erfinden (falls sie denn wirklich den Leichnam gestohlen hatten)“: Definitiv nein! Warum Kopf und Kragen riskieren für eine Botschaft, für die man vor Gericht gestellt und hingerichtet werden konnte? Besser sich in Galiläa verkriechen und den Mund halten! Oder den Leichenraub jemand anderem in die Schuhe schieben (z. B. den Jüngern Johannes des Täufers)! Oder in Übereinstimmung mit jüdischem Denken lediglich sagen, dass Jesus in den Himmel aufgenommen wurde, womit man weder Juden noch Heiden vor den Kopf gestoßen hätte! Aber vor allem: Warum den Leichnam überhaupt stehlen, wenn man doch genau weiß, dass einem das die Todesstrafe einbringen kann?

Kurz und gut: Sie stellen die falsche Frage. Die richtige Frage lautet, ob die Jünger es mit ihrem Glauben und mit der Verkündigung der Auferstehung ehrlich meinten. Und da ist die Antwort ohne Zweifel: Ja.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/shall-we-resurrect-the-conspiracy-theory/

 

[1] Deutsch: William Lane Craig, theo:logisch. Warum der christliche Glaube vernünftig ist (Neuried bei München: cvmd, 2017). Vgl. hier insbesondere Kapitel 8. (Anm. d. Ü.)

[2] C. Behan McCullagh, Justifying Historical Descriptions (Cambridge University Press, 1984), S. 19.

[3] N.T. Wright, Vorlesung am Asbury College and Seminary, 1999.

- William Lane Craig