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#279 Ist Eigenschaften zu haben ein Kriterium für Existenz?

May 06, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

in Ihrem kürzlich veröffentlichten Posting schrieben Sie: „Ich bin geneigt zu sagen … Eigenschaften existieren nicht wirklich.“

Wenn jedoch Eigenschaften zu haben ein notwendiges Kriterium für das Sein ist, dann folgt daraus:

1. Wenn etwas existiert, dann hat es eine oder mehrere Eigenschaften.

2. Wenn Gott existiert, dann hat er eine oder mehrere Eigenschaften.

3. Eigenschaften existieren nicht.

4. Gott hat keine Eigenschaften.

5. Gott existiert nicht.

Natürlich akzeptiere ich die Prämisse nicht, dass Eigenschaften nicht existieren. Somit würde ich nicht beim Atheismus landen. Aber da Sie die Existenz von Eigenschaften leugnen, leugnen Sie damit nicht auch die Existenz Gottes? Sie würden damit sogar die Existenz aller Dinge leugnen, was eine Absurdität ist, denn gewiss muss man existieren, um irgendetwas anderes zu leugnen.

So kann ich nur zu dem Schluss kommen, dass Ihre Vorstellung von Existenz nicht den Besitz von Eigenschaften erfordert. Wenn dies der Fall ist, welche Kriterien konstituieren denn dann Existenz?

Außerdem hoffe ich, Sie haben eine bessere Antwort als nur die, dass Eigenschaften „nützliche Fiktionen“ sind. Ich verstehe nicht, wie ein fiktives Etwas ein Kriterium für Existenz darstellen kann. Man könnte sich genauso gut auf ein „Blark“ als ein Kriterium für Existenz berufen. Meine Absicht ist es nicht, höhnisch zu sein, denn ich habe äußersten Respekt für Sie und Ihre Arbeit. Jedoch empfinde ich Ihre Leugnung von Eigenschaften als hoch problematisch. Es scheint vernünftiger, die Realität von Eigenschaften zu akzeptieren, aber sie so umzudefinieren, wenn nötig, dass man nicht auf den Platonismus zurückgreift.

Schließlich erkenne ich, dass der Besitz von Eigenschaften als ein Kriterium für Existenz ein Problem des infiniten Regresses aufwirft (wenn eine Eigenschaft existiert, hat SIE eine Eigenschaft? Und hat deren Eigenschaft eine Eigenschaft, ad infinitum?). Aber es scheint, dass jegliche Kriterien, die wir vorschlagen, dem Problem der Selbstreferenz zum Opfer fallen werden.

Frank

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Die Antwort auf Ihre Frage, Frank, hängt davon ab, wie metaphysisch ernst Sie beim Reden über Eigenschaften sind. Auf der metaphysisch oberflächlichen Ebene gewöhnlicher Unterhaltung haben Dinge natürlich Eigenschaften. Ich habe die Eigenschaften, von einem bestimmten Gewicht zu sein, verheiratet zu sein, hellhäutig zu sein, eines bestimmten Alters zu sein usw.

Reden über Eigenschaften in diesem oberflächlichen Sinne ist nur eine andere Art zu sagen, dass ich ein bestimmtes Gewicht wiege, dass ich verheiratet bin, dass ich hellhäutig bin usw. Diese Art von Reden sollte nicht mit metaphysischer Bedeutung aufgeladen werden. Dass dies so ist, ist aus der Tatsache evident, dass man auch von Dingen, die nicht existieren (außer wiederum in einem metaphysisch oberflächlichen Sinne!) sagen kann, dass sie Eigenschaften haben.

Beispielsweise hat das Loch in meinem Hemd die Eigenschaften, einen bestimmten Durchmesser zu besitzen und sich an einer bestimmten Stelle zu befinden. Aber ich glaube nicht, dass es, zusätzlich zu meinem Hemd eine andere Entität gibt, nämlich das Loch. Mittwoch hat die Eigenschaft zwischen Dienstag und Donnerstag zu liegen, aber ich glaube nicht, dass eine gesellschaftlich konstruierte Realität wie Mittwoch wirklich existiert. Gewöhnliches Reden über Eigenschaften ist lediglich eine façon de parler, aus der wir nicht grandiose metaphysische Schlussfolgerungen ziehen sollten.

Aber nehmen wir an, eines Tages in einem Metaphysikseminar bedrängt Sie jemand mit der Frage: „Oh, so glauben Sie also, dass Eigenschaften wirklich existieren! Dann sagen Sie mir doch, welchen Unterschied machen diese kausal wirksamen Objekte, die jenseits von Raum und Zeit existieren, für uns?“ Plötzlich wollen Sie vielleicht dem Reden über Eigenschaften ausweichen oder erklären, dass ein solches Reden nicht metaphysisch ernst zu nehmen sei.

Der berühmte Philosoph Rudolf Carnap traf hier eine grundlegende Unterscheidung, die viele als hilfreich empfanden. Carnap unterschied zwischen dem, was er als „interne Fragen“ bezeichnete, das heißt, Fragen über die Existenz bestimmter Entitäten, die innerhalb eines bestimmten linguistischen Bezugssystems gestellt werden, und „ewigen Fragen“, das heißt, Fragen bezüglich der Existenz dieser Entitäten, die von einem Beobachtungspunkt aus gestellt werden, der außerhalb dieses Bezugsystems liegt.[1]

Carnap veranschaulicht seine Unterscheidung durch Berufung auf das, was er als das linguistische „Ding“-Bezugssystem bezeichnet. Sobald wir die Ding-Sprache für ein raumzeitlich geordnetes System beobachtbarer Dinge angenommen haben, können wir sinnvoll interne Fragen stellen, wie „wie viele Dinge sind hier auf meinem Schreibtisch?“ oder „ist der Mond ein Ding?“. Solche internen Fragen sind von der externen Frage bezüglich der Realität von Dingen zu unterscheiden. Jemand, der den Bezugsrahmen des Dinges verwirft, mag einen Bezugsrahmen wählen, in dem er nicht von Dingen, sondern von Ereignissen oder reinen Sinnesdaten spricht.

Carnap wendet seine Unterscheidung auch auf linguistische Bezugsrahmen an, die Terminologie für abstrakte Objekte, wie Zahlen, Propositionen und Eigenschaften mit beinhalten. Nehmen wir beispielsweise den linguistischen Bezugsrahmen der Mathematik. Innerhalb dieses Bezugsrahmens wäre es absurd zu leugnen, dass es eine gerade Zahl gibt, die gleich 2+2 ist. Aber wenn der Metaphysiker fragt, „gibt es Zahlen?“, dann stellt er eine externe Frage, nicht eine interne Frage.

Betrachten Sie also den linguistischen Bezugsrahmen beim Reden über Eigenschaften. Sobald man ein solches Reden über Eigenschaften angenommen hat, lässt sich die Frage, ob ich die Eigenschaft habe, 72 kg zu wiegen, einfach dadurch lösen, dass ich auf die Waage steige. Solch interne Rede über Eigenschaften verpflichtet einen nicht bezüglich der externen Frage, ob Eigenschaften existieren.

Mit dieser Unterscheidung im Blick betrachten Sie Ihr Argument. Das Problem ist, dass es zwischen dem Reden über Eigenschaften aus interner Perspektive und einem Reden über Eigenschaften aus externer Perspektive schwankt. Mit Bezug auf Ihre erste Prämisse,

1. Wenn etwas existiert, dann hat es eine oder mehrere Eigenschaften -,

würde ich zustimmen, wenn ich innerhalb eines linguistischen Bezugsrahmens über Eigenschaften spreche. Aber dann in Prämisse (3)

3. Eigenschaften existieren nicht

haben Sie zu einem metaphysisch schweren Reden von einem Standpunkt außerhalb des Bezugsystems gewechselt! Von diesem externen Beobachtungspunkt aus betrachtet ist die erste Prämisse nicht wahr.[2] Dinge haben nicht Eigenschaften, weil es solche Dinge wie Eigenschaften nicht gibt. Offensichtlich impliziert das nicht beispielsweise, dass es falsch ist, dass ich 72 kg wiege, verheiratet bin, hellhäutig bin usw.

Dann in Prämisse (4)

4. Gott hat keine Eigenschaften

kehren Sie wieder dahin zurück, innerhalb des linguistischen Bezugsrahmens des Redens über Eigenschaften zu sprechen. Denn von einer externen Perspektive aus ist an (4) nichts zu beanstanden. Gott ist allmächtig, allwissend, allgegenwärtig und alles Übrige, ohne in einer mysteriösen Exemplifikationsbeziehung zu abstrakten Objekten jenseits von Raum und Zeit zu stehen, die irgendwie dazu dienen, ihn so zu machen, wie er ist.

Ich vermute, dass dies nur ein Weg ist, um zu umschreiben, dass Ihr Argument des Fehlschlusses der Ambiguität schuldig zu sein scheint.

Was ist also das Kriterium für Existenz? Beachten Sie, dass man nicht eine Antwort auf diese Frage haben muss, um zu erkennen, wo Ihr Argument falsch läuft. Aber der konkrete Denker – das heißt, jemand, der glaubt, dass nur konkrete Objekte existieren – hat eine fertige Antwort auf Ihre Frage bereit. Was aus Sicht der meisten Philosophen dazu dient, abstrakte Objekte von konkreten Objekten zu unterscheiden, ist, dass abstrakte Objekte essentiell kausal impotent sind. Daraus folgt also, dass kausale Potenz das Kriterium für etwas ist, was existiert. Dies liefert uns ein einleuchtendes Kriterium für das, was existiert, welches, soweit ich erkennen kann, keinerlei Probleme der Selbstreferenz in sich birgt.

Wenn Sie nun Eigenschaften so umdefinieren wollen, dass sie keine abstrakten Objekte sind, können Sie das gerne tun. Das ist Platonismus, den ich als theologisch anstößig empfinde. Doch dann müssen Sie den philosophischen Einwänden von Denkern, wie meinem Kollegen J. P. Moreland, gegenüber all solch empiristischen Deutungen von Eigenschaften ins Auge sehen.[3]

(Übers.: B. Currlin)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/is-having-properties-a-criterion-for-existence

 

[1] Rudolf Carnap, “Meaning and Necessity:” A Study in Semantics and Modal Logic (Chicago: University of Chicago Press, 1956), p. 206. Als ein Verifikationist dachte Carnap, externale Fragen seien bedeutungslos, aber zeitgenössische Philosophen, die seine Unterscheidung als hilfreich empfinden, schlagen diesbezüglich einen anderen Weg ein als er.

[2] Ich würde sogar von einem externalen Beobachtungspunkt aus sagen, dass das Gegenteil von (1) wahr ist:

1´. Wenn etwas eine oder mehrere Eigenschaften hat, dann existiert dieses Ding.

Das ist der Grund, weshalb ich kein Neo-Meinongianer bin (abgeleitet von dem österreichischen Philosophen Alexius Meinong). Neo-Menongianer glauben, dass Nicht-Entitäten Eigenschaften haben, was mir metaphysisch absurd vorkommt. Die Anschauung, dass nur existierende Dinge Eigenschaften haben, wird als „ernsthafter Aktualismus“ bezeichnet. Natürlich denke ich, dass das Antezedens von (1´) falsch ist, sodass, Eigenschaften zu haben, eine hinreichende, aber nicht notwendige Bedingung der Existenz ist.

[3] J. P. Moreland, Universals, Central Problems of Philosophy (Chesham, England: Acumen, 2001).

- William Lane Craig