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#552 Impliziert die Schöpfung durch Gott einen Anfang?

January 01, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich bin ein argentinischer Theologe und habe an der Universidad Católica Argentina über die Interaktion zwischen wissenschaftlicher Kosmologie und Eschatologie promoviert. Ich bin ferner Programmierer in der Nationalen Atomenergiekommission, und vor kurzem habe ich die apologetische Website Razonesparalafe.org ins Leben gerufen. Ich möchte Ihnen gerne die folgende Frage stellen:

Thomas von Aquin lehrte, dass wir nur durch den Glauben wissen, dass das Universum einen Anfang hatte, aber dass es dem Verstand nicht widersprechen würde, eine göttliche Erschaffung einer ewigen Welt anzunehmen (vgl. „Über die Ewigkeit der Welt“). Vielleicht hätte er anders gedacht, wenn er bereits die starken Argumente über den Anfang der Raumzeit gekannt hätte, die sich aus dem Urknall oder der Entdeckung des zweiten thermodynamischen Gesetzes ergeben.

Was Aquin vor allem betonen wollte, war, dass es keine zwingende Korrelation zwischen dem zeitlichen Beginn des Kosmos und seinem metaphysischen Ursprung gibt, denn Letzterer ist die Handlung, durch die Gott das Universum von Seiner Ewigkeit her am Sein erhält (Summa Theologica Teil 1, 44, a 1), egal was dessen Anfang oder Struktur ist. Mithin gibt es aus der Perspektive des Schöpfungsaktes selber keine Unterscheidung zwischen dem Anfang und irgendeinem der auf ihn folgenden Momente (vgl. Summa Theologica Teil 1, 104, a 1, ad 4).

Meine Frage ist nun: Glauben Sie angesichts des kalām-kosmologischen Argumentes, dass es eine Korrelation gibt zwischen den wissenschaftlichen kosmogonischen Modellen vom Anfang des Kosmos und seinem metaphysischen Ursprung aus der Erschaffung durch Gott? Oder teilen Sie die Meinung von Thomas von Aquin, dass es Gott möglich wäre, ein Universum ohne zeitlichen Anfang zu erschaffen (das natürlich bezüglich seiner Existenz von Gottes Schöpferhandeln abhängig wäre)?

Ich stelle diese Frage, weil ich finde, dass eine zu einseitige Darstellung des kalām-Argumentes (womit ich natürlich nicht Sie meine), die den Schöpfungsakt ausschließlich in der anfänglichen Singularität ansiedelt, möglicherweise zum Opfer konkordistischer Deutungen werden könnte, die z. B. das „Es werde Licht“ in 1. Mose 1 mit dem Urknall in Verbindung bringen würden.

Ganz herzlichen Dank. Mit freundlichen Grüßen,

Claudio

Argentina

Prof. Craigs Antwort


A

Danke, dass Sie dem Herrn in Argentinien so treu dienen, Claudio! Möge Gott Ihre Arbeit benutzen und segnen!

Ihr Brief betrifft einen der zahlreichen Punkte, wo ich anderer Meinung bin als Thomas von Aquin. Obwohl er im katholischen Denken solch eine Autorität ist, möchte ich Ihnen Mut machen, selbstständig zu denken und keine Angst zu haben, ihn dort, wo dies angebracht ist, kritisch zu hinterfragen.

Thomas von Aquin hielt die kalām-kosmologischen Argumente für einen Anfang des Universums, die er aus den Werken islamischer Theologen des Mittelalters kannte, für bestenfalls nicht schlüssig. Er glaubte, dass man, um Nichtgläubigen die Existenz Gottes zu beweisen, nur strikte Beweise benutzen sollte, und nicht Wahrscheinlichkeitsargumente. (Lassen wir hier beiseite, dass seine eigenen Argumente diesem hohen Standard nicht entsprachen!) Da die kalām-Argumente nicht mit absoluter Sicherheit zu ihrer Schlussfolgerung kamen, betrachtete er sie nicht als Beispiele für eine erfolgreiche natürliche Theologie. Selbst wenn also Aquin die Indizien der modernen Kosmologie für einen Anfang des Universums gekannt hätte, hätte er immer noch gesagt, dass dies keine strikte Beweisführung sei und somit einen Anfang des Universums nicht nachweise. Wir wissen natürlich, dass heute kein Philosoph die Messlatte für eine gute Beweisführung so hoch legt. Ein gutes Argument kann auch eines sein, dessen Schlussfolgerung eher wahrscheinlich als nicht wahrscheinlich ist.

Aquin glaubte, dass die Schöpfung aus dem Nichts einfach darin bestand, dass Gott die Dinge ins Sein rief, egal, ob das, was er da erschuf, einen zeitlichen Anfang hatte oder nicht. Das heißt: Aquin vermochte es nicht, zwischen der Erschaffung einer Sache durch Gott und ihrer Erhaltung durch ihn zu unterscheiden, denn Gottes Handeln ist in beiden Fällen das gleiche.

Doch für unsere Intuition sind Erschaffung und Erhaltung sehr wohl verschiedene Dinge. Wie der mittelalterliche Theologe Johannes Duns Scotus anmerkte:

Genau genommen … wird ein Geschöpf nur im ersten Augenblick (seiner Existenz) erschaffen, und erst nach diesem Augenblick wird es erhalten, denn erst dann hat sein Sein die Eigenschaft von etwas, das sozusagen schon vorher da gewesen ist. Aus diesen unterschiedlichen begrifflichen Beziehungen, die von den Wörtern „erschaffen“ und „erhalten“ impliziert werden, folgt, dass dann, wenn das eine auf eine Sache zutrifft, das andere nicht zutrifft.[1]

Für eine Analyse des Unterschiedes zwischen Schöpfung und Erhaltung darf ich Sie auf meinen Artikel „Creation, Providence, and Miracle“.[2] Lassen Sie mich diesen Artikel kurz zusammenfassen.

Intuitiv gesehen bringt bei der Schöpfung Gott etwas ins Sein, das vorher nicht da war. Wir können dies wie folgt explizieren. Für eine Entität e und einen Zeitpunkt t gilt:

Gott erschafft e zum Zeitpunkt t, wenn und wenn er es herbeiführt, dass e zum Zeitpunkt t ins Dasein tritt, wobei e dann zum Zeitpunkt t ins Dasein tritt, wenn und nur wenn 1) e zum Zeitpunkt t existiert, 2) t der erste Zeitpunkt ist, zu welchem e existiert, und 3) die Existenz von e zum Zeitpunkt t eine tempushafte[3] Tatsache ist.

Und die Erhaltung der Dinge durch Gott können wir wie folgt explizieren:

Gott erhält e, wenn er so auf e einwirkt, dass er die Existenz von e vom Zeitpunkt t bis zu einem Zeitpunkt t*>t herbeiführt, und dies durch alle Subintervalle des Intervalls [t, t*] hindurch.

Bei der Schöpfung wirkt Gott nicht auf ein Subjekt ein, sondern konstituiert dieses Subjekt durch sein Wirken. Bei der Erhaltung wirkt Gott auf ein bereits existierendes Subjekt ein, um seine Existenz fortzuführen. Dies ist die Bedeutung von Duns Scotus‘ Bemerkung, dass nur bei der Erhaltung das Sein eines Geschöpfes „die Eigenschaft von etwas [hat], das sozusagen schon vorher da gewesen ist“. Der fundamentale Unterschied zwischen Schöpfung und Erhaltung liegt somit in der Tatsache, dass bei der Erhaltung (und nicht bei der Schöpfung) ein Subjekt vorausgesetzt wird, auf welches Gott einwirkt. Und zweitens kann die Schöpfung in einem Augenblick geschehen, aber die Erhaltung impliziert einen Übergang und kann daher nicht in einem Augenblick geschehen.

Für eine adäquate Analyse von Schöpfung und Erhaltung braucht es daher mehr als allein den göttlichen Akt; es sind auch die Beziehungen zum Objekt des Aktes zu bedenken. Der Akt selber (das Verursachen der Existenz) kann in beiden Fällen der gleiche sein, aber in dem einen Fall kann er augenblicklich sein und setzt kein bereits vorhandenes Objekt voraus, während er im zweiten Fall über einen Zeitraum hinweg erfolgt und ein bereits vorhandenes Objekt voraussetzt.

Um also Ihre Fragen zu beantworten, Claudio: Nein, ich teile nicht „die Meinung von Thomas von Aquin, dass es Gott möglich wäre, ein Universum ohne zeitlichen Anfang zu erschaffen“. Ich glaube, dass es nicht möglich wäre, dass Gott ein Universum erhält, das keinen zeitlichen Anfang hat, denn solch ein Universum ohne Anfang wird von den kalām‑Argumenten gegen die Unendlichkeit der Vergangenheit ausgeschlossen.

Glaube ich, „dass es eine Korrelation gibt zwischen den wissenschaftlichen kosmogonischen Modellen vom Anfang des Kosmos und seinem metaphysischen Ursprung aus der Erschaffung durch Gott?“ Doch, ich neige zu der Meinung, dass der in den modernen kosmogonischen Modellen enthaltene Anfang der kosmischen Zeit auch den Augenblick der Schöpfung durch Gott markiert. Es ist natürlich möglich, dass vor dem Anfang der kosmischen Zeit Gott in einer Art metaphysischer Zeit Engelwelten erschuf, aber wir haben keinen Grund für die Postulierung solch einer Zeit vor dem Anfang der kosmischen Zeit, sodass es einfacher ist, davon auszugehen, dass der Beginn der kosmischen Zeit mit dem Augenblick der Schöpfung zusammenfällt. Wie Sie selber erkennen, sind damit keinerlei Implikationen einer konkordistischen Hermeneutik verbunden, die versucht, die moderne Kosmogonie in die Bibel hineinzulesen.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/does-divine-creation-imply-a-beginning

 

[1] Johannes Duns Scotus, God and Creatures, übers. von E. Alluntis und A. Wolter (Princeton: Princeton University Press, 1975), S. 276.

[2] Bisher nur auf Englisch verfügbar – Anm. d. Übers.

[3] En.: „tensed“ – Anm. d. Übers.

- William Lane Craig