English Site
back
05 / 06

#695 Fragen eines Suchers zur Trinität

October 02, 2020
F

Sehr geehrter Prof. Craig,
entschuldigen Sie, wenn dies eine lange Frage ist. Die letzten 15 Jahre war ich mehr oder weniger Atheist, aber seit kurzem zieht es mich zurück zum christlichen Glauben. Ich habe angefangen, wieder das Neue Testament zu lesen, in verschiedenen Übersetzungen und mit Kommentaren, um genauer zu sehen, was ich da glaube (oder glauben soll).
Ich habe Probleme mit dem Begriff der Trinität – dass also ein monotheistischer Gott als drei verschiedene Personen existiert. Ich habe keine Probleme mit der Göttlichkeit Christi, aber warum dieser Trinitarismus und nicht ein Modalismus oder sonst etwas? Das Neue Testament selber scheint die Trinität nirgends explizit zu lehren, man kann sie höchstens hineinlesen. Der deutlichste Vers, der für eine Trinität spricht (im 1. Johannesbrief), dürfte nicht echt sein. Gut, man kann sich aus verschiedenen Bibelversen Argumente für die Trinität zusammenbasteln – aber auch Argumente gegen sie, und ich komme einfach zu keiner befriedigenden Antwort. Wenn ich den Leuten Fragen stelle wie: „Wie kann Christus gleichzeitig ewig und gezeugt sein?“, kriege ich meistens Antworten wie: „Das ist ein Geheimnis, das wir nicht verstehen können; wir müssen es halt glauben!“ Wie wichtig ist die ganze Trinitätslehre überhaupt? Hat der Glaube an sie Auswirkungen auf unsere Erlösung? Warum erwartet Gott von uns, dass wir solch eine verwirrende Lehre glauben, die man in der Bibel nirgends explizit findet?
John
 

Afghanistan

Prof. Craigs Antwort


A

Ich mag es, wenn mir Menschen schreiben, die sich ehrlich mit dem christlichen Glauben befassen, John! Ich habe den Eindruck, dass Sie nicht so sehr Probleme mit der Trinitätslehre als solcher haben, sondern vielmehr mit ihrer biblischen Basis. Warum eine trinitarische Theologie und nicht ein Modalismus oder was auch immer? Nun, ich habe den Eindruck (und nicht nur ich, sondern auch die alten Kirchenväter, die mit dieser Frage rangen), dass die Trinitätslehre einen besseren Schlüssel zum Verständnis des Neuen Testaments bietet als andere Konzeptionen.

Die Behauptung, dass das Neue Testament die Trinität „nirgends explizit zu lehren scheint“, ist daher etwas irreführend. Es stimmt, dass die Lehre von der Dreieinigkeit, ebenso wie ihre Alternativen, eine theologische Konstruktion zur richtigen Einordnung und Deutung der Aussagen des Neuen Testaments ist. Aber diese Aussagen machen, wie ich finde, zwei Dinge ziemlich klar – Dinge, die jedes theologische Modell berücksichtigen muss: 1) Es gibt nur einen Gott. Und 2) Es gibt drei Personen, die göttlich sind. Es geht hier, wohlgemerkt, nicht darum, einen konkreten „Belegtext“ für die Trinität zu finden, sondern darum, wie man den Gesamtbefund des Neuen Testaments zu diesem Thema am besten erklärt.

Wir müssen uns z. B. die Schriften des Apostels Johannes anschauen und uns fragen: „Lehrt Johannes, dass Jesus göttlich ist?“ Die Antwort scheint mir unzweifelhaft „Ja“ zu lauten (vgl. Johannes 1,3.14; 20,28; 1. Johannes 5,20). Ich sehe nicht, wie man diese Stellen anders verstehen könnte. Fragen wir uns dann weiter: „Glaubte Johannes, dass Jesus dieselbe Person war wie der Vater?“ Ganz offensichtlich nicht (vgl. Johannes 1,14.18; Johannes 14–15). Hier sehen wir bereits, wie ein „binitarisches“ Gottesbild sich entfaltet. Die Hinzufügung einer weiteren Person, sodass ich eine Trinität erhalte, schafft keine zusätzlichen begrifflichen Probleme. Also fragen wir weiter: Wie hielt Johannes es mit dem Heiligen Geist? Ist der Heilige Geist göttlich? Ist er eine vom Vater und von Jesus unterschiedene Person? Wieder können wir, wie mir scheint, beide Male mit „Ja“ antworten. Der Modalismus, nach welchem Vater, Sohn und Heiliger Geist eigentlich ein- und dieselbe Person sind, will einfach nicht zu den biblischen Texten passen.

Gehen wir jetzt zu den Briefen des Paulus über und stellen wir die gleichen Fragen. Ich glaube, Sie werden zu dem Schluss kommen, dass auch Paulus ein eindeutiger Monotheist war, der aber glaubte, dass Vater, Sohn und Heiliger Geist unterschiedliche Personen sind, die alle drei göttlich sind. Ähnlich beim Verfasser des Hebräerbriefs.

Es geht hier nicht darum, aus Bibelstellen „Argumente für die Trinität zusammenzubasteln“. Wir versuchen vielmehr – wie jeder, der einen Text richtig auszulegen versucht –, herauszufinden, wie der Verfasser über ein bestimmtes Thema dachte, und ich habe den Eindruck, dass diese neutestamentlichen Autoren glaubten, dass es nur einen Gott gibt, aber in drei verschiedenen Personen, womit die Trinitätslehre geboren war.

Sie berichten, dass Sie auf Ihre Fragen Antworten bekommen haben wie: „Das ist ein Geheimnis, das wir nicht verstehen können; wir müssen es halt glauben!“ Da haben Sie wahrscheinlich die Falschen gefragt. Ihre Frage: „Wie kann Christus gleichzeitig ewig und gezeugt sein?“ ist eigentlich nicht schwer zu beantworten. Dass die Kirchenväter Christus als „gezeugt, nicht erschaffen“ bezeichnen, liegt daran, dass er dasselbe Wesen hat wie der Vater. Ein Stuhl hat nicht dasselbe Wesen wie der Tischler, der ihn gebaut hat, aber ein Kätzchen hat dasselbe Wesen wie die beiden Katzen, die es gezeugt haben. Doch das Gezeugt Sein impliziert nicht notwendig den Beginn der Existenz, sondern eine Beziehung der ontologischen Abhängigkeit. Die Kirchenväter benutzten hier gerne die Analogie des Sonnenstrahls, der von der Sonne ausgeht. Wenn die Sonne seit aller Ewigkeit scheint, dann ist der Sonnenstrahl genauso ewig wie sie. Die Abhängigkeitsbeziehung ist in diesem Beispiel asymmetrisch: Der Sonnenstrahl geht von der Sonne aus, und nicht die Sonne von dem Strahl. Dies ist natürlich nur eine Analogie, und jeder Vergleich hinkt; aber der springende Punkt ist, dass das Hervorgehen aus etwas oder jemand anderem nicht zwangsläufig eine zeitliche („früher – später“) Beziehung ist.

Wie wichtig ist die ganze Trinitätslehre überhaupt?“ Ich glaube, die beiden Punkte, die ich oben erwähnt habe (dass es nur einen Gott gibt, der aber in drei Personen existiert), sind äußerst wichtig, zeigen sie uns doch, wie Gott ist und was für eine Rolle jede der Personen in seinem Erlösungsplan spielt. Es ist z.B. nicht der Vater, der Mensch wird und am Kreuz stirbt, sondern der Sohn, und es ist der Geist (und nicht der Sohn), der die Wiedergeburt in uns vollzieht, in uns wohnt, uns erfüllt und uns seine Gaben gibt.

Hat der Glaube an [die Trinitätslehre] Auswirkungen auf unsere Erlösung?“ Manchmal schon. Die Juden im Alten Testament wurden ohne den Glauben an diese Lehre, die ja noch gar nicht geoffenbart war, erlöst, und auch heute kann man sich Situationen vorstellen, wo man nicht erwarten kann, dass jemand an eine Lehre glaubt, die er noch nie gehört oder verstanden hat. Dagegen begibt sich jemand, der die Trinitätslehre kennt und verstanden hat, aber ganz bewusst nichts von ihr wissen will, in Gefahr, denn womöglich identifiziert er Gott allein mit dem Vater und leugnet die Göttlichkeit Jesu, was unvereinbar mit einem rettenden Glauben ist. Ein schwierigerer Fall scheint mir jemand zu sein, der glaubt, dass Jesus der Mensch gewordene Vater ist, denn so jemand leugnet ja nicht Christi Göttlichkeit. Ich bin froh, dass nicht ich hier den Richter machen muss!

Warum erwartet Gott von uns, dass wir solch eine verwirrende Lehre glauben, die man in der Bibel nirgends explizit findet?“ Nun, weil sie wahr ist! Sie zeigt uns, wie Gott ist, und es ist gut für uns, wenn wir das wissen. Die wesentlichen Punkte dieser Lehre sind in der Bibel klar und deutlich ausgesagt, nämlich: 1) Es gibt nur einen Gott. – 2) Es gibt drei Personen, die göttlich sind. Die ganzen Formalien, wie die verschiedenen Substanzen, Naturen, das Zeugen usw., können wir getrost den Philosophen überlassen.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/a-seekers-questions-about-the-trinity/

- William Lane Craig