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#546 Faszinierende Fragen zum Mittleren Wissen

January 08, 2018
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

als Erstes möchte ich Ihnen danken für Ihren ungeheuren Einsatz für die Sache Christi! Ich habe mehrere Verwandte und Freunde, die große Probleme haben und Agnostiker sind und denen ich entweder Ihre Internetseite empfohlen oder einige Ihrer Argumente vorgetragen habe, und ich habe von ihnen zum Teil sehr positive Reaktionen bekommen. So schrieb mir vor einiger Zeit ein agnostischer Verwandter, dass er ein großer Fan von Ihnen geworden ist und Sie zu „fast allem“ gerne hört. Es bedeutet mir und seinen nächsten Verwandten sehr viel, dass er die Wahrheit sucht und Ihre Arbeit hilfreich findet. Also ein ganz herzliches persönliches Dankeschön!

Seit einiger Zeit schon arbeite ich mich durch Ihre Beiträge über den Molinismus durch. Ich finde diesen Ansatz echt faszinierend, aber es gibt da ein paar Dinge, die meine grauen Zellen strapazieren. Zu drei Fragen finde ich einfach keine Antwort, und in Ihren Artikeln sprechen Sie sie nicht an. Ich wäre Ihnen also sehr dankbar, wenn Sie mir da helfen und einiges klären könnten. Die erste Frage stelle ich eher aus Neugier, während die zweite und dritte für mich die Quelle ernsterer Einwände gegen den Molinismus sind.

1. Setzt die Idee, dass Gott Menschen in bestimmte Umstände hineinstellt, eine Theorie vom Ursprung der Seele voraus? Wenn wir z. B. annehmen, dass die Seele einfach auf biologische Weise weitergegeben wird, könnte es mehrere kontingente Faktoren geben, die bestimmen, wann und wo eine Person geboren wird. Hier würden dann die Entscheidungen von Menschen, wo sie hinziehen, wen sie heiraten usw., eine Rolle spielen. Wenn zu diesen kontingenten Faktoren auch die Kontrafaktuale einer Person gehören, könnte es dann nicht Welten geben, in denen Menschen sich an Orten und in Zeiten befinden, deren Verwirklichung für Gott nicht gangbar ist? So könnte er es z. B. möglicherweise nicht verhindern, dass Petrus angesichts der Kontrafaktuale seiner Vorgänger in eine Welt hineingeboren wurde, in der er Christus verleugnete. Stellt der Traduzianismus[1] ein Problem für den Molinismus dar?

2. Wodurch unterscheiden sich vor ihrer Erschaffung die verschiedenen Personen im Bewusstsein Gottes? Wenn Gott wissen können will, was Petrus in der Situation A aus freien Stücken tun wird, muss er eine gewisse Vorstellung von Petrus haben, die diesen von z. B. Paulus unterscheidet. Was ist diese Eigenschaft? Oder – vielleicht ernster gefragt –: Was unterscheidet die Personen, die Gott morgen erschaffen wird, von irgendwelchen imaginären Personen, die ich mir ausdenke? Wahrscheinlich weiß Gott, wer morgen alles geboren werden wird. Nach dem Molinismus hat er das sogar bestimmt. Aber was unterscheidet die Person X, die morgen geboren werden wird, von Bob, einer Person, die ich beim Tippen dieses Satzes gerade frei erfunden habe? Warum hat diese heute noch nicht existierende Person Kontrafaktuale, während der imaginäre Bob keine hat?

3. Gehören Kontrafaktuale nicht zu der Beschreibung möglicher Welten? Wenn es eine mögliche Welt gibt, in welcher Petrus Christus nicht verleugnet, und wenn (jetzt wird es noch ernster) Kontrafaktuale nicht notwendig Wahrheiten sind, dann müsste es doch eine mögliche Welt geben, in der die Kontrafaktuale des Petrus andere sind als in der tatsächlichen Welt. Aber was hat Gott, bevor er die tatsächliche Welt erschuf, daran gehindert, die mögliche Welt zu erschaffen, in der die Kontrafaktuale des Petrus anders waren? Warum hat Gott sich sozusagen für die Kontrafaktuale der tatsächlichen Welt, die noch nicht erschaffen war, entschieden?

Können Sie mir zu diesen Fragen etwas sagen? Wie gesagt, sie machen mir schon eine ganze Weile Bauchschmerzen, und für jede Hilfe zum Entwirren dieses Knäuels wäre ich sehr dankbar!

David

 

[1] Auch Generatianismus genannt. Altchristliche Vorstellung , dass dem Menschen bei seiner Zeugung die Seele aus der Seele seiner Eltern mitgegeben wird. Wurde von der kath. Kirche mehrfach verurteilt, die stattdessen den Kreatianismus (jede menschliche Seele wird unmittelbar von Gott erschaffen) für verbindlich erklärte. (Anm. d. Übers.)

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Dies sind tolle Fragen, David!

1. „Setzt die Idee, dass Gott Menschen in bestimmte Umstände hineinstellt, eine Theorie vom Ursprung der Seele voraus?“ Mit einem Wort: Nein. Ich gehe davon aus, dass die Herkunft eines Menschen nicht wesentlich für seine Identität ist; ich hätte z. B. genauso gut als Chinese oder Afrikaner geboren werden können. Aber das mittlere Wissen (scientia media) wird theologisch noch nützlicher, wenn man davon ausgeht, dass es für die Identität des Menschen wesentlich ist, dass er das Kind dieser und nicht anderer Eltern ist, denn damit werden die Umstände, unter denen Gott mich erschaffen haben könnte, entscheidend eingegrenzt. Man braucht dann z. B. nicht mehr zu fragen, ob ich auch dann ein Christ geworden wäre, wenn ich als Sohn einer anderen Familie oder zu einer anderen Zeit oder an einem anderen Ort der Menschheitsgeschichte geboren worden wäre. Der Traduzianismus (nach dem die Seele eines Individuums von den Seelen seiner Eltern bestimmt wird) würde die Dinge einfacher und nicht schwieriger machen für den Molinisten, der die Mängel dieser Welt über das mittlere Wissen erklären will.

2. „Wodurch unterscheiden sich vor ihrer Erschaffung die verschiedenen Personen im Bewusstsein Gottes?“ Für Alvin Plantinga hat jede Person ein individuelles Wesen (Essenz), das nichts und niemand anderes hat. Jede individuelle Essenz ist somit einzigartig. Gott entscheidet, welche dieser Wesen er instanziiert und was für Menschen mithin existieren werden. Diese Wesen (Essenzen) sind etwas anderes als Ihr imaginärer Bob, denn Ihr dieser ist radikal unvollständig. Alle fiktionalen Personen sind unvollständig. Es gibt z. B. in verschiedenen möglichen Welten unterschiedliche Menschen, die alle die Eigenschaften von Shakespeares Hamlet haben. Dagegen ist jede individuelle Essenz vollständig; für jede Eigenschaft gilt, dass dieses Wesen sie bzw. ihre Vervollständigung hat.

3. „Gehören Kontrafaktuale nicht zu der Beschreibung möglicher Welten?“ Doch. Plantinga argumentiert sogar, dass einer der wichtigsten Faktoren zur Bestimmung der Ähnlichkeit möglicher Welten zueinander das Ausmaß ist, in welchem sie die gleichen wahren Kontrafaktuale haben. Sie haben absolut recht damit, dass unterschiedliche Kontrafaktuale in unterschiedlichen Welten wahr sind. Diese Tatsache ist ein Grundpfeiler für Plantingas Verteidigung des freien Willens gegen das Problem des Bösen. Wenn Plantinga es für möglich hält, dass für Gott keine mögliche Welt realisierbar war, die so viel Gutes hat wie unsere, aber weniger Böses, meint er damit NICHT „möglich“ im epistemischen Sinne (d. h. „nach all dem, was wir wissen“), sondern er meint, dass es eine mögliche Welt gibt, in welcher die wahren Kontrafaktuale Gott es nicht erlauben, die Welt mit der besseren Balance zwischen Gut und Böse zu realisieren. Kann sein, dass in der tatsächlichen Welt solch eine Welt für Gott möglich ist. Aber solange es möglich ist, dass er solch eine mögliche Welt nicht realisieren kann, versagt die logische Version des Problems des Bösen.

Sie fragen weiter: „Aber was hat Gott, bevor er die tatsächliche Welt erschuf, daran gehindert, die mögliche Welt zu erschaffen, in der die Kontrafaktuale des Petrus anders waren? Warum hat Gott sich sozusagen für die Kontrafaktuale der tatsächlichen Welt, die noch nicht erschaffen war, entschieden?“ Dies waren Robert Adams‘ Bedenken gegenüber dem mittleren Wissen, zu denen sich seitdem Thomas Flint, Alfred Freddoso, ich und andere geäußert haben. Die Antwort ist, dass die tatsächliche Welt stufenweise instanziiert wird. Gottes natürlichem Wissen entsprechen alle notwendigen Sachverhalte, und die müssen nicht auf Gottes Schöpferbefehl warten, um real zu werden (und Gott muss auch nicht sich selber realisieren!). Gottes mittlerem Wissen entsprechen alle Sachverhalte, die durch Kontrafaktuale geschöpflicher Freiheit ausgedrückt werden. Da auch diese von Gottes Schöpferratschluss unabhängig sind, gehen sie diesem Ratschluss ebenfalls logisch voraus. Die irrige Annnahme in Ihrer Frage besteht also darin, dass diese kontrafaktualen Sachverhalte nicht bereits vor Gottes Schöpferbefehl vorhanden waren. Welche Kontrafaktuale wahr und welche falsch sind, liegt mithin nicht bei Gott.

Wenn Sie mehr über das mittlere Wissen Gottes erfahren wollen, beginnen Sie mit meinem Buch The Only Wise God. Machen Sie weiter mit Thomas P. Flint, Divine Providence. The Molinist Account (Ithaca: Cornell University Press, 1998) und Luis de Molina, On Divine Foreknowledge, übers. von Alfred J. Freddoso (Ithaca: Cornell University Press, 1988).

Danke für Ihr wunderbares Zeugnis über Ihre Verwandten, David! Möge Gott sie vollends zu sich ziehen!

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/intriguing-questions-about-middle-knowledge

- William Lane Craig