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#616 Einwände gegen den christlichen Partikularismus

April 28, 2019
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich habe mit großem Interesse Ihre Diskussion des christlichen Partikularismus gelesen und wie/ob/warum Christus der einzige Weg zu Gott ist, und meine Frage betrifft etwas, das bei Ihnen zu fehlen scheint (aber vielleicht sehe ich das auch falsch). Wenn wir einmal davon ausgehen, dass es keinen Grund gibt, es mit dem religiösen Pluralismus zu halten, nur um nett zueinander zu sein oder aus irgendeiner nicht gerechtfertigten „Fairness“ oder einem anderen politisch korrekten Motiv heraus, gibt es nicht doch ein Schlupfloch in Ihrer Argumentation? Wenn Gott allmächtig und die Liebe selbst ist, warum kann er dann nicht beschlossen haben, mehr als einmal und an mehr als einem Ort in die Geschichte der Menschheit einzugreifen und mehr als einen Zugang zu seiner Gnade zu eröffnen? Sicher, wir müssten jeden dieser Fälle kritisch überprüfen, aber warum soll so etwas a priori unmöglich sein?

Die biblische Aussage, dass Jesus der einzige Weg ist, ist ein Zirkelschluss, da sie sich ja durch sich selber beweist. Aber wenn wir Ihr Verständnis von Gott akzeptieren (und ich bin mitnichten ein Atheist), geht es dann nicht ein bisschen zu weit, wenn Sie Gott Grenzen auferlegen wollen in seinem Handeln an den Menschen – z.B. nur an diesem Punkt in der Geschichte zu handeln oder nur auf diese Weise und nicht anders? Das scheint mir ein Widerspruch zur Vorstellung der unendlichen Möglichkeiten zu sein (die wir doch berücksichtigen müssen) und auch etwas, was dem christlichen Partikularismus gar zu sehr ins Konzept passt.

Ich mag Ihre Website sehr und habe viele Ihrer Schriften gelesen. Danke, wenn Sie sich Zeit für meine Frage nehmen!

David

Canada

Prof. Craigs Antwort


A

Ich glaube, David, Sie haben das, was ich zu diesem Thema schreibe, nicht aufmerksam genug gelesen; meine Ausführungen sind wesentlich differenzierter als Ihre Frage es nahelegt. (Siehe auf dieser Website unter „Wissenschaftliche Schriften“ oder unter „Populärwissenschaftlichen Schriften“.) Doch da ich oft ähnliche Missverständnisse höre, beantworte ich diese Woche Ihre Frage.

Um mit Ihrem zweiten Einwand zu beginnen: Nein, es gibt in den Aussagen der Bibel keinen Zirkelschluss. Als Paulus in Athen seine Sicht der Dinge vor lauter skeptischen stoischen und epikureischen Philosophen verteidigte, sagte er: „Nun hat zwar Gott über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen, jetzt aber gebietet er allen Menschen überall, Buße zu tun, weil er einen Tag festgesetzt hat, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird durch einen Mann, den er dazu bestimmt hat und den er für alle beglaubigte, indem er ihn aus den Toten auferweckt hat“ (Apostelgeschichte 17,30-31, Schlachter 2000). Man beachte, dass Gott den Exklusivanspruch Christi beglaubigt hat: Er hat ihn von den Toten auferweckt. Und was ich so gewaltig finde, ist, dass diese Beglaubigung auch uns Heutigen zugänglich ist. Die Frage ist mithin nicht, was Gott alles tun könnte oder nicht, sondern was er faktisch getan hat. In der Person Jesu von Nazareth hat er ein für alle Mal unsere Erlösung erwirkt, und er hat uns sogar einen Beweis dafür geliefert, indem er ihn von den Toten auferweckt hat.

Und jetzt zu Ihrem ersten Einwand: „Wenn Gott allmächtig und die Liebe selbst ist, warum kann er dann nicht beschlossen haben, mehr als einmal und an mehr als einem Ort in die Geschichte der Menschheit einzugreifen und mehr als einen Zugang zu seiner Gnade zu eröffnen?“ Aber das hat er doch getan! Ich habe erklärt, dass Gottes Gnade allen Menschen zugänglich ist, selbst solchen, die nie das Evangelium hören, durch seine allgemeine Offenbarung in der Natur und in unserem Gewissen. Darüber hinaus hat er sich durch seine Erlösungstaten dem historischen Volk Israel noch einmal besonders geoffenbart. Heute berichten viele Menschen aus der Welt des Islam von Träumen und Visionen, durch die Gott ihnen die Wahrheit Christi gezeigt hat. Tatsache ist, dass immer wieder im Laufe der Geschichte Gott sich auf verschiedene Weisen Menschen geoffenbart hat, damit sie ihn auf eine Art kennenlernen, die zur Erlösung führt. Dies impliziert oder erfordert mitnichten einen religiösen Erlösungspluralismus. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass zum Beispiel der Buddhismus oder Polytheismus auch ein möglicher Weg zur Erlösung ist. Es gibt nicht nur Wege zur Wahrheit, sondern auch Wege des Irrtums.

Falls Sie sich immer noch fragen, warum Gott sein Handeln an den Menschen so und nicht anders gestaltet hat: Ich habe argumentiert, dass es gut möglich ist, dass der Weg, den Gott gewählt hat, der ist, der die meisten Menschen freiwillig zur Erlösung bringt. Das macht ihn zum besten Weg.

(Übers.: Dr. F. Lux)

Link to the original article in English: www.reasonablefaith.org/writings/questions-answer/objections-to-christian-particularism

- William Lane Craig