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#572 Das Zentrum des Universums

November 25, 2018
F

Existieren die Menschen, die nicht auf derselben Zeitleiste[1] sind? Beispiel: Ich verlasse mein Haus und gehe in die Arbeit. Ich bediene einen Kunden, und der geht. Wenn er nicht mehr in meiner Gegenwart ist, existiert er dann noch?

Bob
Vereinigte Staaten

 

[1] En.: „timeline“ – Anm. d. Übers.

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Ich bin mir sicher, die Leute denken jetzt, ich hab sie nicht mehr alle, nachdem ich so eine Frage ausgewählt habe! Doch ich denke, man kann aus Ihrer Frage, Bob, eine wichtige praktische Lektion lernen.

Zur Info: Manche Befürworter des Raumzeit-Realismus behaupten, dass die Spezielle Relativitätstheorie – wenn wir eine tempuslose, vierdimensionale Ansicht der Realität ablehnen – die unbegreifliche Ansicht impliziert, dass nur das existiert, was im Hier und Jetzt ist. Menschen, die nicht mehr in Ihrer Gegenwart sind, existieren demnach nicht mehr. Ich bin der Meinung, dass eine solche Schlussfolgerung nicht folgerichtig ist, da wir eine solche ungünstige Schlussfolgerung umgehen können, wenn wir eine Lorentz´sche Interpretation der Relativität übernehmen, laut der absolute Gleichzeitigkeit zwischen zwei räumlich getrennten Objekten anhält. Mit anderen Worten: Menschen, die unsere Gegenwart verlassen, existieren weiter.

Unabhängig davon: Aus theistischer Perspektive werden Menschen, die unsere Gegenwart verlassen, von Gott erhalten und sind ihm bekannt, sodass sie nicht einfach aufhören zu existieren, weil sie uns verlassen. Sie können ja nicht Gottes Gegenwart verlassen!

Aber darauf wollte ich nicht hinaus. Vielmehr unterstreicht Ihre Frage so gut, wie sehr jeder von uns sich selbst als das Zentrum des Universums sieht. Wir blicken durch unsere eigenen Augen hinaus in das Universum und betrachten es von diesem Blickpunkt. Wenn Menschen uns verlassen, existieren wir weiter, aber sie scheinen nicht mehr im Zentrum des Geschehens zu sein. Wir sind es aber schon. Doch wenn wir einen Moment lang überlegen, merken wir, dass es aus deren Perspektive wir sind, die weggegangen sind und somit nicht mehr im Zentrum des Geschehens sind. Sie sind es aber schon. Wir müssen ihnen genauso unreal und unscheinbar vorkommen wie sie uns. Jeder scheint sich also selbst im Zentrum des Universums zu sehen.

Das Ergebnis dieses Egozentrismus ist, dass wir ganz natürlich eine Art Selbstzentriertheit entwickeln können, die uns unsere Wichtigkeit im großen Ganzen überschätzen lässt. Wir betrachten uns dann als viel wichtiger, als wir wirklich sind. Dies kann zu Stolz führen, was uns dazu bringt, gegen Gott ausgerichtet zu sein (Jakobus 4,6). Denn Fakt ist, dass weder Sie noch ich das Zentrum des Universums sind, und dass die Dinge auch ohne uns ziemlich gut laufen. Das sollte uns demütig stimmen.

Die Erkenntnis, dass wir nicht wirklich im Zentrum der Dinge stehen, sollte uns aber auch nicht dazu bringen, uns wertlos und unwichtig zu fühlen, denn Gott ist derjenige, der in und durch uns um seines guten Vorhabens willen wirkt und dessen bedingungslose Liebe die Quelle allen Selbstwerts ist.

William Lane Craig

(Übers.: J. Booker)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/the-center-of-the-universe

- William Lane Craig