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#578 Bin ich dieselbe Person wie vor einer Minute?

January 27, 2019
F

Sehr geehrter Prof. Craig,

ich weiß, dass Sie ein Experte im Gebiet der Philosophie der Zeit sind, daher dachte ich mir, ich komme mit dieser Frage am besten zu Ihnen. Ich hatte vor kurzem eine Diskussion, in der ich begründet habe, warum ich glaube, dass die A-Theorie der Zeit wahr ist und die B-Theorie der Zeit ernsthafte Probleme mit sich bringt. Mein Hauptproblem mit der B-Theorie war die Fortdauer der Identität mit Verlauf der Zeit. Wie kann jemand nach der B-Theorie der Zeit beim Mittagessen dieselbe Person sein wie beim Abendessen, wo doch beide gleich real und existent erscheinen? Ich hielt das für einen ziemlich guten Einwand, doch dann wurden mir diese Fragen gestellt: „Wie bleibt deine Identität gemäß der A-Theorie mit Verlauf der Zeit bestehen? Inwiefern bietet die A-Theorie eine bessere Erklärung für das Fortdauern der Identität?“ Ich bin mir nicht sicher, ob ich zu viel oder wenig darüber nachdenke, aber ich komme auf keine Lösung. Ich habe keine Antwort. Ich frage mich immer wieder: „Wie bin ich nach der A-Theorie heute dieselbe Person wie morgen?“ Es wäre super, wenn Sie mir hier weiterhelfen könnten. Danke!

Herzliche Grüße

Austincole
Vereinigte Staaten

United States

Prof. Craigs Antwort


A

Denen zuliebe, die nicht das nötige Hintergrundwissen haben, um Austincoles Frage zu verstehen, erkläre ich den Hintergrund kurz: Nach der sogenannten A-Theorie der Zeit ist temporales Werden eine objektive Eigenschaft der Realität, sodass die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft ontologisch nicht gleichwertig sind, während nach der B-Theorie temporales Werden eine Illusion des menschlichen Bewusstseins ist und die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft gleich real sind.

Nun, es geht nicht darum, dass die A-Theorie keine „bessere Erklärung“ einer personalen Identität mit Verlauf der Zeit bietet. Es gibt vielleicht überhaupt nichts, was die Identität einer Person mit Verlauf der Zeit erklärt. Sondern es geht darum, dass die A-Theorie personale Identität mit Verlauf der Zeit bejaht, während die B-Theorie sie verneint.

Nach der A-Theorie dauern Dinge mit Verlauf der Zeit an. Die Person, die um 01:00 Uhr existiert, verschwindet nicht einfach, sondern existiert weiter und wird auch um 01:01 Uhr existieren, vorausgesetzt, es stößt ihr nichts zu.  So kommt es, dass ich „nach der A-Theorie heute dieselbe Person wie morgen“ bin.

Nach der B-Theorie hingegen existieren die Dinge ‚über die Zeit hinweg‘.[1] Das bedeutet: Ein temporal ausgedehntes Ding hat einen Teil oder Zustand, der um 01:00 Uhr existiert, und einen anderen Teil, der um 01:01 Uhr existiert. Keiner dieser Teile besteht mit Verlauf der Zeit fort; jeder hängt an seinen raumzeitlichen Koordinaten. Die B-Theorie ist unserer Meinung nach also insofern inkompatibel mit personaler Identität im Verlauf der Zeit, dass eine Person ein seiner selbst bewusstes Subjekt ist und kein vierdimensionales Objekt ohne solches Bewusstsein.

Dies ist wichtig, weil die B-Theorie Lob und Schuldzuweisungen in moralischen Fragen ad absurdum führt, da die Person, die die Heldentat vollbracht oder die Straftat begangen hat, nicht dieselbe Person ist, die nun vor uns steht. Es wäre ungerecht, diese Person für Dinge zu belohnen oder zu bestrafen, die eine andere Person getan hat. Und wenn man sagt, man belohnt oder bestraft einen temporalen Teil, zu dem beide Zustände gehören, löst dies das Problem auch nicht, denn wenn man das tut, belohnt oder bestraft man auch unendlich viele andere Zustände, zu denen nicht der Teil gehört, der für die Tat verantwortlich ist – was ungerecht wäre.

(Übers. J. Booker)

Link to the original article in English: https://www.reasonablefaith.org/writings/question-answer/am-i-the-same-person-who-came-in-here

 

 

[1] Engl.: „perdure across time“– Anm d. Übers.

- William Lane Craig